Anna Seghers: Ich hätte bis zum Morgengrauen lesen können


Aus lauter Langeweile fing ich an zu lesen. Ich las und las. Vielleicht, weil ich bisher noch nie ein Buch zu Ende gelesen hatte. Ich war verzaubert. Nein, darin kann der Grund auch nicht gelegen haben. Das Paulchen hat wirklich recht gehabt. Ich versteh gar nicht davon. Meine Welt ist das nicht. Ich meine aber, der Mann, der das geschrieben hat, der hat seine Kunst verstanden. Ich vergaß meinen Cafard. Ich vergaß meine tödliche Langeweile. Und hätte ich tödliche Wunden gehabt, ich hätte auch sie im Lesen vergessen. Und wie ich Zeile um Zeile las, da spürte ich auch, daß das meine Sprache war, meine Muttersprache, und sie ging mir ein wie die Milch dem Säugling. Sie knarrte und knrischt nicht wie die Sprache, die aus den Kehlen der Nazis kam, in mörderischen Befehlen, in widerwärtigen Gehorsamsbeteuerungen, in ekligen Prahlereien, sie war ernst und still.

Mir war es, als sei ich wieder allein mit den Meinen. Ich stieß auf Worte, die meine arme Mutter gebraucht hatte, um mich zu besänftigen, wenn ich wütend und grausam geworden war, auf Worte, mit denen sie mich ermahnt hatt, wenn ich gelogen oder gerauft hatte. Ich stieß auch auf Worte, die ich schon selbst gebraucht hatt, aber wieder vergessen, weil ich nie wieder in meinem Leben dasselbe gefühlt hatte, wozu ich damals die Worte gebrauchte. Es gab neue Worte, die ich seitdem manchmal gebrauche. Das Ganze war eine ziemlich vertrackte Geschichte mit ziemlich vertrackten Menschen. Ich fand auch, daß einer darunter mir selbst glich. Es ging in dieser Geschichte darum - ach nein, ich werde Sie lieber nicht langweilen. Sie haben ja in Ihrem Leben Geschichten genug gelesen. Für mich war es sozusagen die erste. Ich hatte ja übergenug gelebt, aber nie gelesen. Das war nun wieder für mich etwas Neues. Und wie ich las! Es gab, wie gesagt, in dieser Geschichte einen Haufen verrückter Menschen, recht durchgedrehtes Volk, sie wurden fast alle in üble, undurchsichtige Dinge verwickelt, selbst die, die sich sträubten.

So hatte ich nur als Kind gelesen, nein, zugehört. Ich habe dieselbe Freude, dasselbe Grauen. Der Wald war ebenso undurchdringlich. Doch es war ein Wald für Erwachsene. Der Wolf war ebenso böse, doch es war ein Wolf, der ausgewachsene Kinder betört. Auch mich traf der alte Bann, der in den Märchen die Knaben in Bären verwandelt hat und die Mädchen in Lilien und drohte von neuen in dieser Geschichte mit grimmigen Verwandlungen. All diese Menschen ärgerten mich nicht durch ihre Vertracktheit, wie sie's im Leben getan hätten, durch ihr blödes Auf-den-Leim-Gehen, durch ihr Hineinschlittern in ein Schicksal. Ich begriff ihre Handlungen, weil ich sie endlich einmal verfolgen konnte von dem ersten Gedanken ab bis zu dem Punkt, wo alles kam, wie es kommen mußte. Nur dadurch, daß sie der Mann beschrieben hatte, erschienen sie mir schon weniger übel, sogar der, der mir selbst aufs Haar glich. Sie waren alle klar und lauter, als hätten sie alle schon abgebüßt, als wären sie schon durch ein Fegefeuerchen durchgegangen durch einen kleinen Brand, durch das Gehirn dieses toten Mannes.

Und plötzlich, so in den dreihunderter Seiten, brach alles für mich ab. Ich erfuhr den Ausgang nie. Die Deutschen waren nach Paris gekommen, der Mann hatte alles zusammengepackt, seine paar Klamotten, sein Schreibpapier. Und mich vor dem letzten fast leeren Bogen allein gelassen. Mich überfiel von neuem die grenzenlose Trauer, die tödliche Langeweile. Warum hat er sich das Leben genommen? Er hätte mich nicht allein lassen dürfen. Er hätte seine Geschichte zu Ende schreiben sollen. Ich hätte bis zum Morgengrauen lesen können. Er hätte noch weiterschreiben sollen, zahllose Geschichten, die mich bewahrt hätten vor dem Übel. Wenn er michz rechtzeitig gekannt hätte! Nicht diesen Narren, das Paulchen, der mir alles eingebrockt hatte. Ich hätte ihn angefleht, am Leben zu bleiben. Ich hätte ihm ein Versteck gefunden. Ich hätte ihm Essen und Trinken gebracht. Jetzt aber war er tot. Zwei Schreibmaschinenzeilen auf dem letzten großen Bogen. Und ich allein! So elend wie nie zuvor.


Quelle: Doris Maurer (Hg.): Lese-Glück. Eine Anthologie über den Himmel auf Erden. Essen: Klartext, 1996. 2. 19-21.


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