Allgemeine Fundstücke  / [W2]


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Werfel, Franz: Der Abituriententag

  Der Untersuchungsrichter Sebastian kam am Montag gegen seine sonstige Gewohnheit um eine halbe Stunde zu spät ins Amt. Sein Protokollführer, der junge Rechtspraktikant Doktor Elsner, erklärte sich diese Verzögerung mit dem stumpfen Wetter, das heute herrschte. Sebastian nämlich gehörte zu jener seltenen Art von Leidenden, die man die Luftdruckkranken nennen könnte. Es standen zwei Barometer auf seinem Schreibtisch, von denen er die stündliche Zukunft seines Wohlbefindens ablas. Seine Nerven witterten im tiefsten Wortsinn die Erträglichkeit oder Unerträglichkeit des Lebens voraus. (Franz Werfel: Der Abituriententag, S. 255)


Werfel, Franz: Die tanzenden Derwische [1]

  Karoline, die Tochter eines höheren Polizeibeamten, war mit dem damals fünfundzwanzigjährigen Komödianten durchgegangen. Das scheint aber die einzige unrationelle Handlung ihres Lebens gewesen zu sein, denn sie war die Nüchternheit selbst, die leibhaftige Muse des Unmusischen. Das Glück dieser Ehe bedeutete für den Beobachter ein nicht geringes Geheimnis. In ihrer Jugend war Karoline nicht gerade das gewesen, was man häßlich nennt, aber ein heimlicher Haß gegen alle Musik, Schönheit und Verführung hatte sie gezwungen, ihr Äußeres mit einer so kantigen Akkuratesse und Farblosigkeit herzurichten, daß sie zeitlebens einer strengen Bürgerschullehrerin glich. Dazu kam, daß die Schlankheit ihrer Mädchenfigur in ihrem achtundzwanzigsten Jahr zur Dürre ausgeartet war, und die raschen Bewegungen jungfräulichen Fliehens sich nur allzubald in unsymmetrische Fahrigkeit verwandelt hatten, und ein leichter Augenfehler der Jugend mit der Zeit zu unzweifelhaftem Schielen gedieh. (Franz Werfel: Die tanzenden Derwische. Erzählungen, S. 19)


Werfel, Franz: Die tanzenden Derwische [2]

  Graf Lajos, der "lächerliche Mensch" neben mir, sah mit todernstem und zerfurchtem Clownsgesicht den Vielredner an. Er sah ihn mit vollendeter, ja, ich kann es nicht anders sagen, mit hocheleganter Aufmerksamkeit an, so, als wäre er geneigt, sollte dem Professor eines seiner Worte zu Boden fallen, sich zuvorkommend danach zu bücken. (Franz Werfel: Die tanzenden Derwische. Erzählungen, S. 82)


Werfel, Franz: Die tanzenden Derwische [3]

  Nach dem Mittagessen endlich ging der Wärter ins Zimmer, um nachzusehen, ob man den Assistenzarzt holen könne, damit er den Tod konstatiere. Der Mann liebte derartige Scherereien nicht und war entschlossen, nach Vorschrift die Leiche so schnell wie möglich sich vom Halse zu schaffen. Tatsächlich trat er auch zehn Minuten später ins Zimmer des Assistenten ein, aber er meldete, der Kranke sei nicht tot, sondern säße selbsttätig im Bette und habe mit vernehmlicher Stimme Milch verlangt. Der Arzt war ernsthaft ungehalten über die Renitenz des Sterbenden. Es kam natürlich manchmal vor, daß man sich in der Zeitbemessung irrte. Aber Wohlwollen erzeugte solche Unpünktlichkeit der Natur keineswegs. Der Asisstent sah drein, wie ein hoher Staatsbeamter, der einer Partei gegenüber sich irgendein Formfehler hat zuschulden kommen lassen, und eine ungezwungen ablehnende Haltung einnimmt, um ja keine Betretenheit zu zeigen. (Franz Werfel: Die tanzenden Derwische. Erzählungen, S. 138)


Werfel, Franz: Jacobowsky und der Oberst

  Das Junge Mädchen: "Ja, lieber Salomon, das Grammophon aus dem Salon! Und die neue Platte von Chevalier..." "Der Tragische Herr: "stöhnend Auch das noch! Dieser heisere Gigolo ist mir auch ohne Bombenbegleitung ein Greuel!" Salomon: "Also vielleicht etwas klassische Musik!" Das Junge Mädchen: "Nur keine klassische Musik, Salomon! Die ist so schrecklich lang, selbst wenn sie kurz ist..." Salomon: "Also vielleicht etwas Jazz?" Der tragische Herr: "Ich würde Sie in diesem Falle ermorden, Salomon, und von jedem französischen Gericht freigesprochen werden!" (Franz Werfel: Jacobowsky und der Oberst, S. 14)


Werfel, Franz: Cella oder Die Überwinder [1]

  Ich bin ein durchaus praktisch gesinnter Mensch, habe mich zu genauer Einteilung erzogen, zu Pünktlichkeit, Stundenplan, Konsequenz. Die keimenden Kräfte, die in mir früh verwelkten, hat Cella in Gestalt ihrer musikalischen Begabung geerbt. Und doch, wenn ich auch nur ein Hundertstel dessen verriete, was in mir vorgeht, würde ich mich vor der Welt lächerlich machen, und meine Kanzlei ginge noch schlechter, als sie schon geht. Wahrscheinlich ist es bei andern Menschen ebenso, denn ich bin, weiß Gott, keine Ausnahme. Unser Verstand, unser Wohlverhalten, unsre Konvention scheint ja nur die Kruste zu sein, die sich über einer brennenden Wunde gebildet hat. (Franz Werfel: Cella oder Die Überwinder)


Werfel, Franz: Cella oder Die Überwinder [2]

  Unser Städtchen hatten wir schon verlassen. Die Straße zog durch das schöne traurige Land der Weinreben und buntbemalten Bildstöcke, meine Heimat. Dörfer öffneten ihre schäbigen Arme. Obgleich die Winterkälte noch nicht eingebrochen war, standen die Kirchtürme grau und steifgefroren. Armes Land! Selbst die nackten Akazien trauerten, und die gänsebeschnatterten Dorftümpfel waren voll Kot und Schlamm. Die Menschen lungerten vor ihren Hütten, sonntäglich gereiht, und starrten uns nach, hohl, neugierig und vorwurfsvoll. Sie schienen auf etwas zu warten, was nicht und nicht des Weges kommen wollte. Wir waren's gewiß nicht. Aus meiner Praxis kannte ich diesen Menschenschlag, verhängte Seelen, zögernd, ein Schritt vor, ein Schritt zurück. Allzu viele Völker haben ihren Trank in dieses Mischgefäß gegossen. Und der Osten schaut mit seinen leeren Augen über den Horizont. Tritt aber der Wein des Landes in sein Recht, dann geraten diese verhängten Seelen außer sich, werden gewalttätig, und es gibt Mord und Totschlag und Politik. Das Volk aber trinkt mancherlei Wein, der nicht an Reben wächst. (Franz Werfel: Cella oder Die Überwinder, S. 38)


Werfel, Franz: Cella oder Die Überwinder [3]

  Nie wieder bin ich einem Menschen begegnet, bei dem alles dermaßen "in Ordnung" war wie bei Myslivec. Während wir andern beinahe täglich irgend etwas vergaßen, hatte er seine Sachen stets vollzählig beisammen. Nichts an dem Sprachkünstler Myslivec war unbeabsichtigt und nicht vorherberechnet. Seine Stundeneinteilung war ein Wunder. Er hatte immer und für alle Zeit, obgleich er kein einziges der freien Lehrfächer ausließ, von denen sich die andern drückten, auch "Singen" und "Freihandzeichnen" nicht; dabei sang er wie eine Bohrmaschine und lieferte Zeichnungen (Vasen und Gipsköpfe) von schwer erreichbarer Talentlosigkeit. (Franz Werfel: Cella oder Die Überwinder, S. 50)


Werfel, Franz: Cella oder Die Überwinder [4]

 "Was heißt das, Herr...? Wie lange haben Sie studieren müssen, um Ihren Doktor zu machen? ... Arzt, wie? ... Also Jurist! ... Also vier bis fünf Jahre Universität und dann noch ein Jahr Gerichtspraxis, nicht wahr? ... Glauben Sie vielleicht, die Musik gibt es billiger? ... Teurer, Herr Doktor Bodenhaus, viel teurer ist die Musik... Ein Orden ist die Musik mit dem allerstrengsten Arbeitsgelübde. (Franz Werfel: Cella oder Die Überwinder, S. 53)


Werfel, Franz: Cella oder Die Überwinder [5]

  Mit den Ballfesten einer kleinen Stadt hat es sein eigenes Bewenden. In Eisenstadt gab's während des Faschings eine Menge dergleichen, der Ball der Garnison, der Winzerball, der Ball der Staatsbeamten, und wie all diese mittelmäßigen Jahrmärkte der Eitelkeit hießen, die sich in den beiden großen Sälen des Städtchens abwickelten. Ein steifes Gedränge in dumpfer Luft. Unfrohe Gesichter zumeist, denn der Provinzler glaubt sich etwas zu vergeben, wenn er Heiterkeit zeigt. Er braucht den Wein hierzulande, um seinen Alltagsmißmut zu verlieren, und hat er ihn verloren, ist es noch weit schlimmer. Die Mädchen und Frauen, auch die hübschen, sind ungeschickt gekleidet. Irgend etwas stört beinahe an jeder, sei's ein modisches Zuviel, sei's ein Zuwenig. Im allgemeinen mangelt ihnen die Anmut. (Franz Werfel: Cella oder Die Überwinder, S. 76)


Werfel, Franz: Cella oder Die Überwinder [6]

  Da aber der Tunichtgut ganze sechs Jahre lang in der untersten Volksschulklasse sitzengeblieben war und noch immer kaum Lesen und Schreiben gelernt hatte, wurde er schon bei der Aufnahmeprüfung, die jeder Holzknecht bestand, mit Schimpf und Schande davongejagt. Er berichtete seine Niederlage nicht nach Hause, sondern blieb in der lebhaften Stadt, wo es ihm besser gefiel als daheim, und verjuxte eine Menge Geld, die er zu vorgeblichen Studienzwecken seinem Alten entlockte. Peterls Laufbahn hätte in normaler Zeit wahrscheinlich schlimm geendet, in unseren Tagen aber kam ihr die vom Dritten Reiche gutbezahlte "Bewegung" rettend zu Hilfe. Sie versicherte sich solcher Taugenichtse mit weitblickender Weisheit, denn die Unbegabung fürs Alphabet schließt die geniale Begabung für rücksichtslose Gewalttätertum keineswegs aus. (Franz Werfel: Cella oder Die Überwinder, S. 163)


Werfel, Franz: Kleine Verhältnisse [1]

  Dieses Kinderzimmer war überaus geräumig, hell und in blendendem Weiß gehalten. Der gummibelegte Fußboden, die blitzenden Turngeräte, die mächtige Schulbank und -tafel, die Anordnung der eingebauten Wandkästen, das weiß-geschmeidige Bett, all dies erweckte den Anschein, als hätten sich in diesen Räumen Hygiene, Erziehungskunst und Luxus zusammengefunden, um aus einem gesegneten Kinde einen Vollmenschen ohnegleichen zu modeln. Man sieht, dieses Haus und seine Herren gehörten zu den Auserwählten, denen die Zeichen der Zeit nicht näherkamen als es für einen ernsthaften Gesprächsstoff notwendig ist. Ihr Schicksal war so gut gedämmt, daß es die Sturmfut nur vom Hörensagen kannte. Der schwere Wermutstropfen der Zeitläufte hatte hundert immer feinere Siebe passiert, ehe er als zerstäubter Duft ins Bewußtsein dieser Glücklichen trat, wo seine Bitterkeit sogleich als edle Gesinnung die Lebensmeinungen würzte. (Franz Werfel: Kleine Verhältnisse)


Werfel, Franz: Kleine Verhältnisse [2]

  Erna Tappert hingegen gewann Hugos Sympathie schon in der Minute, da sie ihren Koffer vor seinen Augen auspackte, wobei eine Anzahl von Büchern, ein ganzes Bündel ausgeschnittener Zeitungsromane, zwei Alben mit Photographien und Ansichtskarten und ein Stammbuch voll gepreßter Blumen zum Vorschein kamen. Zudem hatte das Fräulein große, langsame Augen, die keine gefahrbringende Energie verrieten, eine hohe, gar nicht magere Gestalt, die sich ein wenig träge bewegte, was wiederum darauf hindeutete, daß die Turngeräte nicht überanstrengt werden würden. (Franz Werfel: Kleine Verhältnisse)


Werner, Markus: Festland [1]

  Das wenige, das ich erzählte, genügte Josef, um - mit verdächtiger Hektik - Schublade um Schublade zu ziehen und meinen Vater darin zu versorgen. Ich warf ihm Anmaßung vor, er warf mir Hörigkeit vor. Für dich und deinesgleichen, sagte ich, sind Menschen, für für ein Weilchen stocken, gestört und klinikreif. - Paß auf, sagte Josef, die Midlife crisis gipfelt gern im Amoklauf. - Paß auf, sagte ich, je kümmerlicher das Verständnis, desto dreister die Diagnose, und wer zufällig in der Mitte des Lebens steht - was mit fünzig übrigens selten der Fall ist - und etwas zu ahnen beginnt, muß sich von allen Tölpeln dieser Welt auf englisch rubrizieren lassen. - Danke, sagte Josef. - Gern geschehen, sagte ich.- Du hast ja, sagte Josef, selbst erzählt, dein Vater habe sich dem Kaminfeger gegenüber gestört verhalten, hochgradig gestört, hast du wörtlich gesagt, und wenn ich ihn so nenne, bist du beleidigt. - Josef, sagte ich mühsam beherrscht, das grenzt an Niedertracht, ich habe nur angedeutet, mein Vater habe sich vom Kaminfeger offenbar hochgradig gestört gefühlt. - Gestört ist gestört, sagte Josef. (Markus Werner: Festland, S. 30f.)


Werner, Markus: Festland [2]

  In der Wohnung ist alles schon schwierig genug, aber sobald man sie verläßt, nimmt die Sinnlosigkeit - und das ist nicht einmal das gehörige Wort - die furchtbarsten Ausmaße an. - Trotzdem sei er am späten Morgen ausgegangen, um Notvorrat zu kaufen. Schon vor der Haustür habe er gedacht: Auf welchen Stern bin ich gefallen? Wie schaffe ich den Gang durch die tosende Unübersichtlichkeit? Er habe sich bemüht, ein vollwertiger Mitmensch zu sein und sich wie alle anderen im Laufschritt zu bewegen, doch unsichtbare Zügel hätten ihn gebremst. (Markus Werner: Festland, S. 32f.)


Werner, Markus: Festland [3]

  Du, fragte ich, hast du mit der Außenwelt immer so Mühe gehabt? - Er bleibt stehen und überlegte. Im Tiefschlaf eigentlich nicht, sagte er, im Tiefschlaf habe ich dazugehört, da bin ich ein rühriger Bestandteil und Katzenmusikant gewesen, jetzt aber ist es so still, daß ich schon das rhythmisch rauschende Blut in den Ohren als etwas lärmig empfinde, verstehst du? (Markus Werner: Festland, S. 33)


Werner, Markus: Festland [4]

  Da wurde mir elend und bange, und Atemnot, die Geißel meiner Mädchenjahre, fiel mich an. Den Schimmer eines Heimatgefühls, immerhin, hatte ich in Josefs Armen manchmal gehabt, jetzt waren Arme und Schimmer weg, und ich sah mich, obwohl ich die Verlassende war, verlassen, sah hinter mir Verluste, vor mir Abschiede, kam wieder zu Atem und weinte ein wenig. Und als ich bemerkte, daß ich eine weinende Dame im Park war, floh ich in die Wohnung, wo ich als erstes die Bettwäsche wechselte. (Markus Werner: Festland, S. 74)


Werner, Markus: Festland [5]

  Ich habe lebenslänglich nicht verstanden, warum die Frauen, warum die Frauen, ich meine, Brüste sind mir ja lebenslänglich fremd gewesen, die ewig frische Unbegreiflichkeit von Brüsten hat mich toll gemacht, süchtig, denn sie sind fremd und schön - im Unterschied zu unsrem gerippten und schroffen Knorpelstab samt seinem scheinheilig rosavioletten Hut, eine Zumutung, fremd und häßlich, ihr müßtet alle verstört sein, und wenn nicht verstört, so wenigstens entsetzt, statt dessen, statt dessen, mir kann es ja recht sein, hat es ja recht sein können, und ich verstehe auch anderes nicht, da lebt man so schneidig, vergrößert den Tageslärm, verstrickt sich ins Triebwerk, scheißt mit dem Expreßkurs für Business Englisch auf den Knien, man strotzt und rollt und hört sich Paßworte wechseln, geht mit dem Lob des Chefs ins Bett und stellt den Wecker auf halb sechs statt auf sechs, und nie das leiseste Grauen beim Hören des Tickens der Uhr, verkommen verödet verdumpft. (Markus Werner: Festland, S. 77)


Werner, Markus: Festland [6]

  Die Betriebsamkeit zum Beispiel, die in Santo Domingo herrsche, sei so beseelt und festlich, daß man nicht darum herumkomme, die heimatliche als mechanisch zu empfinden, und die Menschen hätten sich auf eine Weise bewegt, die ihm das Gefühl gegeben habe, er sei behindert. Fast jedes Gesicht, ob sklavenschwarz oder kolonialherrenweiß oder schattiert, habe eine Heiterkeit ausgestrahlt, die in Zürich als pathologisch gelten würde, und wenn ein Fahrgast in der Totenstille einer Zürcher Straßenbahn auch nur den Anflug karibischer Kommunikationsfreude zeigen würde, so müßte er damit rechnen, von einer über Funk alarmierten Streife herausgeholt und abgeführt zu werden. (Markus Werner: Festland, S. 88)


Werner, Markus: Festland [7]

  Sie war einfach kundiger und also etwas fordernder als ich, eine behutsam treibende und behutsam mich niederziehende Kraft, aber mit dem BH-Häkchen kam ich ernüchternderweise nicht zu Rande, Lena mußte helfen und tat es ohne Ungeduld. Die Berührung ihrer Brüste und die Wahrnehmung, daß Lena die Berührung mochte - beides riß mich so hin, daß ich den Dingen endlich ihren Lauf ließ. Hast du etwas bei dir? flüsterte Lena. Ich flüsterte zurück, was sie meine. Etwas Verhütendes, sagte sie. Ich verneinte bekümmert, worauf etwas geschah, das mich zutiefst verwunderte und worüber ich später oft nachgedacht habe. Lena griff nämlich nach ihrem Jutetäschchen, fand, ohne lange wühlen zu müssen, das Benötigte und überreichte es mir mit einer solchen Selbstverständlichkeit, als handle es sich um einen Salzstreuer. (Markus Werner: Festland, S. 125)


Werner, Markus: Festland [8]

  Über mich ist jene legendäre Zeit einfach hinweggegangen, und auch die politischen Geschehnisse geschahen ohne mich, mir genügten die Beatles, aber der Rechtskonsulent, der Chef, der Doktor Dubs, dessen graue Maus ich bin, wie du weißt, der war sehr aktiv in jener Zeit, immer im vordersten Glied der Demonstrationszüge, wie er sagt, ein Prozeßvirtuose und Profirebell, wie er scherzhaft sagt, er hört sich gern reden über seine einstigen Taten, und er ist stolz darauf, aber es ist kein echter Stolz, es ist der schmunzelnde Altherrenstolz auf eine Jugensünde, wie auch immer, sein Parfüm ist schauderhaft, und er steht jetzt wieder im vordesten Glied. (Markus Werner: Festland, S. 126)


Werner, Markus: Zündels Abgang [1]

  Was nun? fragte er, nachdem sein Honigbrot verzehrt war. Erstens möchte ich endlich soweit sein, mich als eminent nebensächlich zu betrachten, als schäbiges Erbslein im Weltall, das ich ja in Wahrheit bin. Kichern möchte ich über meinen Daseinsernst, über meine Selbstverhätschelung. Vermehrt möchte ich mich von meinen Ende her definieren: mich begreifen als belangslose Vorstufe eines verottenden Kadavers. Zweitens aber würde ich ganz gern einen kleinen Roman schreiben, nur verriete ich mich gerade dadurch wieder als Wichtigtuer, der - wie jeder Schreibende - auch in der bizzarsten Verkleidung sich und nur sich meint. (Markus Werner: Zündels Abgang, dtv, S. 29)


Werner, Markus: Zündels Abgang [2]

  Im Morgengrauen, kurz vor Mailand, taumelt Zündel verknittert zum WC. Ich bewege mich, der Zug bewegt sich, die Erde bewegt sich, und doch fehlt mir alle Beschwingheit. Zündel pfiff. Am Sonntag will mein Süßer mit mir seglen gehn. Zündel dachte an seine Frau und an jenen Arzt, den er sich gesichtslos, aber stämmig vorstellte. Magda war Krankenschwester gewesen und er für kurze Zeit ihr erster Richtiger. Hartmut hieß dieser Typ, und der segelte und sie mit ihm. Auf dem halbrunden Schiebschild an der WC-Tür stand: Occupato. Zum Zeichen, daß jemand wartete, drückte Zündel die Klinke. Die Tür ging auf, Zündel erschrak. Die Toilette war leer. Aber auf dem Boden, zwischen Klosett und Papierkorb direkt an der Wand, lag ein Finger. Zündel bückte sich ungläubig. Es war ein Menschenfinger, gelblich, verkrustet mit schwarzem Blut, der Nagel blau. Sofort spürte Zündel, daß er dieser Entdeckung nicht gewachsen war. Als er sich aufrichtete, erblickte er im Papierkorb eine Brieftasche. Er starrte sie an. Dann griff er nach einer Zigarette, gab ihr Feuer und dachte: Keep cool, boy. - Er nahm die Brieftasche aus dem Papierkorb. es war sein, es war Zündels Brieftasche. Dann quietschten die Bremsen. Mailand. (Markus Werner: Zündels Abgang, dtv, S. 11)


Werner, Markus: Zündels Abgang [3]

  Alles ist feindlich, alles, was mir begegnet, überfordert mich. [...] Beizeiten lernt jeder, sich untragbar zu finden. Die Menschheit rekrutiert sich aus ehemaligen Bettnässern, die das Gefühl existenzieller Deplaziertheir nie loswerden. Ohne Schließmuskel keine Schwermut. [...] Für die Bahnfahrt hatt er eine deutsche Zeitung gekauft und sich auf die Lektüre gefreut. Aber schon das Wort "Maßnahmepaket" nahm ihn fast bis Como in Anspruch. Jenseits der Landesgrenze verweilte er lange bei der Bezeichnung "Sattelgriff mit Antirutschnoppen", Auch darin sah Zündel eine imponierende Gegenposition zu seinem Lebensgestolper. (Markus Werner: Zündels Abgang, dtv, S. 14/15)


Werner, Markus: Der ägyptische Heinrich

  ... mir zwei Eigenschaften meiner Großmutter schon lange vertraut waren - ehrenwerte, aber einer nüchternen Geschichtsschreibung eher abträgliche Eigenschaften: Zum einen neigte sie dazu, immer und überall das Positive zu sehen und die Welt als Summe alles Erfreulichen zu betrachten, was, nebenbei gesagt, zur Folge hate, daß sie sich erst im hundertunddritten Lebensjahr von ihr verabschieden mochte, zum anderen hatte sie eine ziemliche blühende Phantasie, und es ist leicht ersichtlich, daß die Verbindung dieser Eigenschaften dazu verleiten muß, Gewesenes und Seiendes zu idealisieren. Begebenheiten, die so erdrückend finster waren, daß sie sich beim besten Willen nicht aufhellen ließen, schob meine Großmutter weg. (Markus Werner: Der ägyptische Heinrich, S. 30)


Werner, Markus: Am Hang [1]

  Er kenne kaum jemanden, der nicht gezeichnet sei von der Angst zu versagen. Fast alle hätten, krud und bildlich gesprochen, die Hosen voll, und so wie die wirkliche Inkontinenz der Scham und dem Schweigen anheimfalle, so blieben die Versagensängste unterm Deckel. Man habe es also, in welchem Umfeld man sich auch bewege, mit lauter heimlichen Würstchen zu tun, die einen Großteil ihrer Energie dazu benötigten, ihr Stigma zu drapieren. (Markus Werner: Am Hang, S. 61)


Werner, Markus: Am Hang [2]

  In diesem Augenblick piepste ein Handy. Loos schüttelte den Kopf und lief rot an. Ich fürchtete einen Wutausbruch. Er griff nach seiner Jacke, die über der Stuhllehne hing. Jetzt geht er, dachte ich. Er schob die Hand in eine der Außentaschen, das Piepsen verstummte. Entschuldigung, sagte er, ich habe vergessen, es auszuschalten. - Schon gut, sagte ich. - Wissen Sie, sagte er, man kann auch das ehrlich verfluchen, woran man selber teilnimmt, zum Beispiel das Leben, zum Wohl! - Ein Hoch auf die Inkonsequenz, sagte ich, sie erhält uns geschmeidig. (Markus Werner: Am Hang)


Werner, Markus: Die kalte Schulter [1]

  ... nahm eine Zeitung und schlug zwei Fliegen tot. Ihre Aufgabe im Schöpfungsplan bestand so offenkundig darin, die Menschen zu belästigen, daß Wank eine Schonung immer nur für Augenblicke in Betracht zog. Ob die Pause zwischen Impuls und Tat durch eine Kindheitserinnerung erzwungen wurde oder diese erst ermöglichte, war ungewiß, jedenfalls hatte er sich als Kind oft mit der Hölle beschäftigt und dabei eine Zweigstelle für Fliegentöter nicht ausgeschlossen. (Markus Werner: Die kalte Schulter, S. 9f.)


Werner, Markus: Die kalte Schulter [2]

  Oft war er - beeindruckt von einem Film - nach Hause gekommen mit dem Wunsch, sein Leben zu ändern, es bunter und verwegener zu gestalten. In solchen Stimmungen empfand er es fast als Pflicht, so zu leben, daß sein Leben verfilmt werden könnte und der fertige Film ganze Kinosäle voll Menschen in Atem hielte. Mit Vorsätzen also ging Wank dann zu Bett, nicht ohne vorher ein paar Bilder umgehängt und ein paar Möbel verstellt zu haben, aber am Morgen, nach dem Schlaf, kam das Aufstehen, die Verrichtungen blieben dieselben, und obwohl Wank versuchte, ihre Reihenfolge zu vertauschen und allerlei Varianten einzubauen, wirkte sein Tun auf ihn nicht wie ein Anfang, sondern wie eine Selbstverhöhnung. (Markus Werner: Die kalte Schulter, S. 66)


Werner, Markus: Die kalte Schulter [3]

  Von einer Talfahrt des Dollars, sagte ein Experte im Fernsehen, dürfe man nicht sprechen, vielmehr handle es sich um einen Schwächeanfall, beziehungsweise um einen Schüttelfrost. Das Klima an den internationalen Devisen- und Aktienmärkten sei im großen und ganzen freundlich, eine Leitzinssenkung führender europäischer Zentralbanken dränge sich nicht auf, auch wenn die niederländische Notenbank den Diskontsatz um einen viertel Prozentsatz reduziert habe. Bestimmt war hier von wichtigen und letzten Endes auch ihn - Wank - betreffenden Dingen die Rede, aber Wank verstand nichts, und er sagte sich, daß die Ereignisse an den Finanzmärkten auch dann, wenn er sie verstehen würde, ohne ihn geschähen und daß die Erkenntnis von Sachverhalten bei gleichzeitiger Unmöglichkeit, sich einzuschalten, wahrscheinlich bedrückender sei als jeder Wissensmangel. (Markus Werner: Die kalte Schulter, S. 69)


Werner, Markus: Die kalte Schulter [4]

  ... aber die Großmutter hatte unrecht. In einer aufgeräumten Stube ist auch die Seele aufgeräumt, hatte sie immer behauptet, und immer hatte Wank diese Behauptung angefochten und tat es auch jetzt, weil er glaubte, daß sich fast jede Art Ordnung dem Eifer unaufgeräumter Seelen verdankte. Wie aber sollte, was bloß ein Erzeugnis unaufgeräumter Seelen war, seelische Aufgeräumtheiten stiften? Hatte sich Wank in Großmutters Stube nicht immer verloren gefühlt und als Kind sogar den Heiland am Kreuz bedauert, der täglich dem Staublappen ausgesetzt war? (Markus Werner: Die kalte Schulter, S. 77)


Westphalen, Joseph von: 33 Baumwollunterhosen [1]

  Die meisten Wähler verdrücken sich gehemmt in die Kabinen und zupfen verlegen am Vorhang. Man sieht Füße. Manchmal fällt ein Wahlzettel zu Boden und wird hastig aufgehoben. Bei manchen geht es schnell, bei manchen dauert es länger. Es wird genestelt, geatmet, geschwitzt. Der ganze Vorgang hat deutlich etwas Obzönes. Kaum einer kommt befreit aus der Kabine. Keine Erlösung. Eine mißlungene Onanie. Die Mischung aus geheim und öffentlich ist nicht befriedigend. Man sollte die Wahllokale in abschließbare öffentliche Toiletten verlegen. Nach den Scheißhausparolen der Wahlschlacht wären sie dort besser aufgehoben. (Joseph von Westphalen: 33 weiße Baumwollunterhosen, S. 14)


Westphalen, Joseph von: 33 Baumwollunterhosen [2]

  Späße macht man immer auf Kosten von anderen. Ekelhaft. Und doch ist es das Wesen des Witzes, daß man irgendetwas oder irgendwen auslacht, und sei es auch nur sich selbst. Das Lachen ist immer dreckig, es gibt kein unschuldiges Gelächter. Man lacht nicht über den Erfolg, sondern über das Mißlingen. Dummheiten sind lustig, nicht Intelligenz. Und nichts ist weniger komisch als intelligente Reden über das Wesentliche, nichts ist langweiliger. (Joseph von Westphalen: 33 weiße Baumwollunterhosen, S. 92)


Westphalen, Joseph von: 33 Baumwollunterhosen [3]

  Seit Jahren geht das schon so. Der Wunsch, fit zu sein, geht durch alle sozialen Schichten. Vorbei die Zeiten, wo der Körper die schlaffe Hülle des Geistes war. Der Intellektuelle alten Zuschnitts nämlich, schief und krumm und mürbe, fett und dürr, dem die Puste ausgeht, wenn er den zweiten Stock des liftlosen Hauses erklimmt, ist schon seit einer Weile nicht mehr das Ideal. Der Geist braucht nicht mehr allzu scharf zu sein. Das Wort ist auch schon da, das mit gebotener Verachtung den mitternächtlich fahlen Geistesmenschen wie einen Aussätzigen beschreibt: Der ist verkopft. (Joseph von Westphalen: 33 weiße Baumwollunterhosen, S. 76)


Westphalen, Joseph von: 33 Baumwollunterhosen [4]

  Ich fing genauso an, wie ich bei Ines aufgehört hatte. Ich schrieb eine Geschichte, in der Marie vorkam, und als die Geschichte gedruckt war, gab ich sie ihr. Ihr ahnt nicht, was Marie damit machte: auf meine übliche, peinlich bohrende Frage, wie sie die Geschichte gefunden habe, teilte sie mir mit, sie habe die Geschichte nicht gelesen, sondern die Seiten herausgetrennt, damit den Anfangsbuchstaben meines Vornamens aus Bett gebreitet und sich dazu gelegt. "Nachts raschelte es", sagte sie. Als ich das hörte, schäumte meine Liebe über: Wie jeder halbwegs dünkelhafte Literat hasse ich die Literatur genug, um Maries Rezeption als großartige und als die einzig angemessene zu empfinden. (Joseph von Westphalen: 33 weiße Baumwollunterhosen, S. 64)


Westphalen, Joseph von: 33 Baumwollunterhosen [5]

  Die Lage ist unzweifelhaft ernst und besorgniserregend. Der Zustand dessen, was man früher leichthin Natur nannte, ist katastrophal. Seitdem diese Diagnose besteht, wird von Umwelt gesprochen. Die Natur ist in unserer Vorstellung, wenn auch bedroht, so doch immer noch grün, wachsend, sprießend, knospend, keimend, das haben wir von den Mai besingenden Volksliedern noch fest im Kopf. Bei Umwelt hingegen denken wir nur noch an Siechtum und Zerstörung, an Müll und Gift und kahle Bäume und an Schutzmaßnahmen und Alarm. (Joseph von Westphalen: 33 weiße Baumwollunterhosen, S. 100)


Weyh, Florian Felix: Toggle

  In seiner kalifornischen Zeit hatte man Kingfish als Wiedergeburt von Frank Zappa verehrt, jenen früh verstorbenen Westküsten-Rockstar, den Kingfish in seiner Jugend immer für einen exilierten Polen gehalten und darum ebenfalls bewundert hatte. In Wirklichkeit war Zappa ein ganz gewöhnlicher Italo-Amerikaner gewesen, und Kingfish blieb ein Mann ohne das geringste musikalische Talent - was seine Programmierkollegen in Valley-Hills rasch herausfanden. Die Ähnlichkeiten beschränkten sich auf die langen dunklen Haare, die eher längliche als breite Gesichtsform und den schwarzen Schnauzer unter der Nase. Wobei Kingfish im Gegensatz zum Rockstar nie einen Kinnbart getragen hatte, weil das nicht in die Krippenspiele von Pater Wachlukov gepaßt hätte, in denen Kingfish sogar dann noch den Joseph spielen durfte, als er längst unzählige Marias unglücklich gemacht hatte. Des Paters Hoffnung, der spirituelle Keim werde irgendwann der Sonne Roms entgegenwachsen, zerschlug sich freilich mit den Jahren. Janek Jablonski pflegte denselben romantischen Feiertagskatholizismus wie die meisten seiner Landsleute, eine Vorliebe für opulente Kostümspektakel und weihrauchgeschwängerte Zeremonien, ohne dabei nennenswerte moralische Fesseln zu verspüren. (Florian Felix Weyh: Toggle, S. 257)


Wharton, Edith: Zeit der Unschuld [1]

  "Sehen Sie, Monsieur, es wiegt alles andere auf, nicht wahr, wenn man sich seine geistige Freiheit bewahrt und seine Urteilskraft und kritische Unabhängigkeit nicht versklaven läßt. Aus diesem Grund habe ich den Journalismus aufgegeben und eine so viel langweiligere Arbeit übernommen: als Lehrer und Privatsekretär. Natürlich gibt es da viel Plackerei, aber man behält seine moralische Freiheit, das, was wir französisch 'quant à soi' nennen. Und wenn man einem guten Gespräch lauscht, kann man daran teilnehmen, ohne andere Ansichten als die eigenen einzubringen; oder man hört einfach zu und antwortet im stillen. Ach, eine gute Unterhaltung - es gibt doch nichts Besseres, nicht wahr? Nur in der Luft des Geistes lohnt es sich zu atmen. Darum habe ich es nie bedauert, die Diplomatie und den Journalismus aufgegeben zu haben - zwei verschiedene Formen des gleichen Verzichts auf das eigene Ich." (Edith Wharton: Zeit der Unschuld, S. 263)


Wharton, Edith: Zeit der Unschuld [2]

  "Wenn Leute in meinem Alter abends unbedingt Geflügelsalat essen wollten, was sollen sie dann anderes erwarten?" rief sie, und der Arzt benutzte die Gelegenheit, ihre Diät zu ändern und aus dem Schlaganfall eine Verdauungsstörung zu machen. Doch trotz ihres energischen Tons gewann die alte Catherine ihre frühere Einstellung zum Leben nicht völlig zurück. Das zunehmende Alter entrückte sie den Ereignissen, und obwohl sie noch Neugier für das Leben ihrer Mitmenschen zeigte, hatte sie für ihre Nöte noch weniger Mitgefühl als sonst, und sie schien keine Schwierigkeit zu haben, den Fall Beaufort völlig aus ihrem Bewußtsein zu verdrängen. Aber zum erstenmal vertiefte sie sich jetzt in die Symptome ihrer Krankheit und bekundete allmählich ein sentimentales Interesse an gewissen Angehörigen, denen sie bisher nur mit verächtlicher Gleichgültigkeit begegnet war. Besonders Mr. Welland genoß das Privileg, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. Von allen Schwiegersöhnen hatte sie gerade ihn am hartnäckigsten übersehen, und alle Bemühungen seiner Frau, ihn als einen Mann von starkem Charakter und ausgesprochen intellektuellen Fähigkeiten (hätte er nur "gewollt") hinzustellen, hatten bei ihr nur spöttisches Gekicher ausgelöst. Seine große Bedeutung als Kränkelnder aber machte ihn jetzt zum Gegenstand einer gebieterische Vorladung an ihn, damit sie beide ihre Diät vergleichen könnten, sobald es ihm sein Fieber gestatte - denn die alte Catherine war jetzt die erste, die meinte, daß man bei Fieber gar nicht vorsichtig genug sein könne. (Edith Wharton: Zeit der Unschuld, S. 369)


Wharton, Edith: Zeit der Unschuld [3]

  Für eine Frau war es alles in allem leichter und auch weniger feige, so eine Rolle ihrem Gatten gegenüber zu spielen. Unter der Hand hielt man die Wahrheitsliebe der Frau im allgemeinen für geringer: Sie war die Unterdrückte und daher in allen Sklavenschlichen besser bewandert. Auch durfte sie stets Launen und Krisen vorschützen und verlangen, daß man sie nicht so streng zur Rechenschaft zog; selbst in der engherzigsten Gesellschaft lachte man stets nur über den Gatten. (Edith Wharton: Zeit der Unschuld, S. 404)


Wharton, Edith: Ein altes Haus... [1]

  "Du weißt absolut nichts über irgendetwas, wenn es nicht dich selbst betrifft!" Wieder sah sie Schweißperlen auf seine Stirn treten, und er tastete nach seinem Taschentuch. Bestimmt fragte er sich nun besorgt, wie er so kurz nach der vorhergegangenen quälenden Diskussion noch eine weitere durchstehen sollte. Gewöhnlich brauchte er vierundzwanzig Stunden, um sich zu erholen, nachdem er jemandem die Hölle heißgemacht hatte - und da kam nun seine eigene Frau, die besser wusste als jeder andere, wie empfindlich er war, wie teuer er für nervliche Anstrengungen bezahlen musste, und zwang ihm rücksichtslos eine zweite Szene auf, noch ehe er sich von der ersten erholt hatte! (Edith Wharton: Ein altes Haus am Hudson River)


Wharton, Edith: Ein altes Haus... [2]

  Sie tastete sich im vertrauten Dunkel vorwärts. Diese bedrohliche Finsternis zu ihrer Rechten war der hohe Konsolenschrank in der Halle, dieses Gespensterkonklave, auf das ein blasses Sternenlicht herniederfunkelte, die Gruppe verhüllter Sessel, die vertraulich plaudernd unter den Prismen des Kronleuchters im Salon stand. Launische Sonnenstrahlen, die schräg durch die Fensterläden fielen, schienen einzelne Gegenstände mit ihrer Aufmerksamkeit zu beehren, wie Scheinwerfer, die in einer nächtlichen Landschaft nach Orientierungspunkten tasten. Sie stellte sich vor, dass die leblosen Dinge ihnen bei der Suche zu Hilfe kamen, das Licht zu sich winkten und in ihrem sehnsüchtigen Streben nach Wiederbelebung "Hier, hier!"flüsterten. Es gab kein seelisches Empfinden, das man den Wänden und Möbeln eines alten, leeren Hauses nicht andichten konnte... (Edith Wharton: Ein altes Haus am Hudson River)


Wharton, Edith: Ein altes Haus... [3]

  Das Leben hatte Laura Lou nicht verändern können und der Tod auch nicht. Anfangs bildete er sich ein, der Tod, dieser große Erneuerer, werde auch sein unscharfes Traumbild von ihr erneuern, sie in einer Vollkommenheit darstellen, die er irgendwie immer vermisst hatte. Aber der Tod tat nichts dergleichen. Er hinterließ nur dieses Bild einer Larve zwischen den weißen Rosen, mit dem seine Phantasie nichts anfangen konnte. (...) Er hatte sie immer als vom Leben betrogen und unerfüllt gesehen; hatte sich oft vorgestellt, wie sie mit einem anderen Mann lebte, sogar mit Bunty Hayes; vielleicht hätte sie dann eher Gelegenheit gehabt, zu zeigen, was in ihr steckte. Aber das Schicksal hatte sie ihn wählen lassen, und trotz der Unvollkommenheit ihres gemeinsamen Lebens wusste er, dass es bis zuletzt das war, was sie sich wünschte. Um ihm das zu zeigen, brauchte es nicht den Tod. Weil er wusste, dass sie ihn gewählt hatte und, vor die Wahl gestellt, lieber mit ihm unglücklich gewesen wäre als mit einem anderen wohlhabend und zufrieden, war ihm das Band zwischen ihnen heilig. Der Tod hatte an seinem Bild von ihr nichts geändert und ihm nichts hinzugefügt. Der Tod hatte nur das Buch zugeschlagen, in dem er schon lange nicht mehr gelesen hatte... (Edith Wharton: Ein altes Haus am Hudson River)


Wharton, Edith: Ein altes Haus... [4]

  Seine gedrungene, stämmige Gestalt, sein grübelnder Sokrates- Kopf, seine Zigarre und seine Brille zählten zu Halos frühesten Erinnerungen, und sie hatte ihn immer so gesehen wie jetzt: ältlich, arm und erfolglos und dennoch bestimmter und anregender als jeder andere Mensch, den sie kannte."Ein Feuer, das alles wärmt, nur nicht sich selbst", so hatte sie ihn einmal bezeichnet, aber er hatte zurückgeblafft:" Ich wärme nicht, ich versenge." Keine schlechte Beschreibung seiner Beziehung zu den meisten Menschen; aber sie, die ihn so gut kannte, wusste auch um das offenherzige Glühen, dass er ausstrahlen konnte, und fragte sich oft, warum es nie seinen eigenen Weg erleuchtet hatte. (Edith Wharton: Ein altes Haus am Hudson River)


Wharton, Edith: Ein altes Haus... [5]

  Während Mrs Spear zuhörte, wechselte der Ausdruck ihrer schönen Augen von Besorgtheit zu teilnehmender Begeisterung. Wie ihre Tochter sehr wohl wusste, konnte man mit Mrs Spear niemals über Begabung sprechen, ohne in ihr das unwiderstehliche Verlangen zu wecken, diese zu fördern und zu lenken. (...) Der Enthusiasmus ihrer Mutter amüsierte sie immer. Wenn sie von einem talentierten jungen Mann in Einladungsreichweite hörte (Talent war für Mrs Spear gleichbedeutend mit Genie), vergaß sie sofort Familie und finanzielle Sorgen, wie drückend diese auch sein mochten, und überlegte angestrengt, was die Köchin für den Lunch zusammenkratzen konnte - denn aufrichtige Wertschätzung guten Essens war eine der Eigenheiten ihres merkwürdig vielschichtigen Wesens, und Berühmtheiten huldigte sie instinktiv mit einer saftigen Mahlzeit. (Edith Wharton: Ein altes Haus am Hudson River)


Wharton, Edith: Ein altes Haus... [6]

  Der Vollkommenheit galt Großmamas Leidenschaft - und die von Großpapa galt den Damen. Solange seine Frau jung war, hätte sie mit Hilfe ihrer Schönheit seine Gelüste im Zaum halten können, wenn sie sich nur dazu entschlossen hätte, davon Gebrauch zu machen. Doch der Gedanke, die Gabe der Schönheit zu gebrauchen, zu verstärken, geltend zu machen und einzusetzen, war für sie nicht so sehr unmoralisch wie einfach unvorstellbar. Sie meinte, mit ihrer griechischen Nase, den üppigen bernsteinfarbenen Locken und dem dunkel schimmernden Teint geschlagen zu sein wie andere Frauen mit dem Kreuz eines Muttermals oder einem Buckel. Sie verstand nicht,"was die Leute darin sahen" oder was sie sich von den Genüssen versprachen, zu denen dieses goldene Tor führte. Sie begegnete diesen Genüssen mit Verachtung und Unglauben. Sie wollte einzig die Welt verbessern, und Schönheit und Leidenschaft hinderten sie nur daran. Sie wollte alles reformieren - was, war dabei eher nebensächlich: Kochen, Ehe, Religion (Religion ganz gewiss), Zahnmedizin, Salons, Korsetts - sogar Großpapa. Großpapa pflegte zu klagen, beim Kochen sei sie auf dem Weg zur Vollendung nicht gerade weit gekommen - nur weit genug, um ihm Verdauungsstörungen zu bescheren. Aber da sie auf seine ehelichen Zärtlichkeiten nicht übermäßig willig einging, war er dankbar, dass ihr Streben nach Vervollkommnung ihr zu wenig Zeit ließ, seinen privaten Machenschaften nachzuspüren. Und so galt die Ehe im Großen und Ganzen als glücklich, und die vier daraus hervorgegangenen Kinder wurden dazu angehalten, beide Eltern zu ehren, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. (Edith Wharton: Ein altes Haus am Hudson River)


Wharton, Edith: Ein altes Haus... [7]

  ... an den Tagen des urplötzlichen Präriefrühlings, wenn der Flieder im Vorgarten seiner Großmutter aufbrach und die Ahornbäume am Fluss sich mit rosigen Fransen schmückten, wenn die Erde pochte vor Erneuerung und die schweren weißen Wolken wie Herden trächtiger Mutterschafe über den Himmel zogen. In einer Baumgruppe am Wegesrand versuchte sich ein Vogel wieder und wieder an einem leisen Lied, und in den Straßengräben übersäte ein für Vance namenloses Unkraut den Schlamm mit glänzenden Blättern und goldenen Kelchen. Er spürte ein leidenschaftliches Verlangen, die erwachende Erde und alles, was sich darin regte und schwoll, zu umarmen. (Edith Wharton: Ein altes Haus am Hudson River)


Wharton, Edith: Der flüchtige Schimmer des Mondes [1]

  Zu seiner eigenen Orientierung hatte er sich einen behelfsmäßigen Kodex zurechtgezimmert - ein paar "Vielleicht" und "Keinesfalls" -, der sein Leben wesentlich einfacher machte. Es gab Dinge, die ein Mann klar definierter Vorteile wegen hinnahm; und es gab andere Dinge, auf die er sich um keinen Preis einlassen würde. Bei einer Frau, das wurde ihm immer klarer, sah das ganz anders aus. Die Versuchungen waren größer, der Preis beträchtlich höher und die Grenze zwischen "Vielleicht" und "Keinssfalls" weniger starr. (Edith Wharton: Der flüchtige Schimmer des Mondes)


Wharton, Edith: Der flüchtige Schimmer des Mondes [2]

  Der Fall der Fulmers war ein abschreckendes Beispiel dafür, was mit jungen Leuten geschah, die den Kopf verloren; der arme Nat, dessen Bilder kein Mensch kaufte und der plötzlich so schrecklich viele Kinder hatte - und Grace, die für immer die Frau bleiben würde, von der die Leute sagten: "Ich kann mich an sie erinnern, als sie noch ein hübsches Ding war." (Edith Wharton: Der flüchtige Schimmer des Mondes)


Wharton, Edith: Der flüchtige Schimmer des Mondes [3]

  "Die Hälfte der Frauen hält sich Liebhaber nur aus Spaß am Lügen und Betrügen, die andere Hälfte ist todunglücklich. Und das wäre ich auch." An diesem Punkt hatte sie ihm ihren Plan erläutert. Warum sollten sie nicht heiraten, einander offen und in Ehren angehören, und sei es für noch so kurze Zeit, und zwar mit der eindeutigen Übereinkunft, jeder von beiden sollte, wenn sich eine bessere Möglichkeit bot, auf der Stelle seine Freiheit wiederhaben? (Edith Wharton: Der flüchtige Schimmer des Mondes)


Wharton, Edith: Der flüchtige Schimmer des Mondes [4]

  Wie unzureichend Grace Fulmers Erziehung ihrer immer größer werdenden Kinderschar auch gewesen sein mochte, nie hatten sie in ihrer Gegenwart etwas Banales oder Langweiliges zu hören bekommen: Gute Musik, gute Bücher und gute Gespräche waren ihr tägliches Brot gewesen, und wenn sie auch zuweilen aufstampften und brüllten und herumtobten wie nicht mit derartigen Privilegien gesegnete Kinder, so gab es doch Zeiten, in denen das Licht der Poesie in ihnen aufschimmerte und sie mit der Stimme der Weisheit sprachen. Das war Susys große Entdeckung: Zum ersten Mal lebte sie unter Menschen, deren Sinne und deren Verstand von Anfang an nur auf Schönheit gelenkt worden waren. Es war Grace und Nat Fulmer gelungen, aus ihrem beengten Haushalt alle Gefühl des Neids und der Unzufriedenheit heraushalten; über Lärm und Trubel hatten sich die großartigen Bilder der Schönheit gespannt, so wie die Figuren der Ahnen auch noch im ärmsten römischen Haushalt ihren festen Platz auf der Kommode einnehmen. (Edith Wharton: Der flüchtige Schimmer des Mondes)


Wharton, Thomas: Salamander

  "Ihr seid sehr gnädig, Gräfin. Darf ich Euch sagen, was ich an Euch bewundere?" "Das wird jetzt ein raffinierter Versuch, mir zu schmeicheln, nicht wahr?" Der Abbe lachte. "Es ist so erfrischend", sagte er, "sich mit jemandem wie Euch zu unterhalten. Wißt Ihr, daß Ihr wahrscheinlich die einzige Frau seid, der ich auf meinen Reisen begegnet bin, die zu mehr als eingeübter Koketterie fähig ist?" "Das bezweifle ich. Vielleicht habt Ihr den anderen Frauen nur nicht genug Zeit gegeben, damit Sie Euch zeigen konnten, wie sie wirklich sind." (Thomas Wharton: Salamander, S. 83)


Widmer, Urs: Die gelben Männer

  "Im Mittelalter nämlich", sagte ich vor mich hin, "hat man den Frauen ganz anders gehuldigt. Da sagte die angebetene Frau, ich will, lieber Freund, daß Sie mir einen Span vom Kreuze Christi holen. Und schon war man auf dem Wege nach Jerusalem. Das war schön." Ich legte meine Hände unter meinen Nacken, sah zur Decke hinauf und lächelte. "Oder aber, der legitime Graf war auf einem jahrelangen Plünderzug. Man fand langsam, durch Liedersingen und Gedichterezitieren, Zugang zum Herzen seiner Gemahlin. Nach Monaten durfte man unter die Röcke kriechen und sich, Küsse murmelnd, daran machen, ihren Gürtel durchzufeilen. Immer wieder beteuerte man, während der Arbeit, seine Liebe." Ich atmete langsam ein und aus. "Die Geliebte, die man durch die Röcke hindurch sprechen hörte, wie einen fernen Wind, schwor einem ewige Treue. Ihr Duft war wie ein Versprechen. Nach einer Weile war man, glühend vor Erregung, durch den Metallgurt hindurch. Nachtigallen schlugen. Zitherspieler spielten unter dem Burgfenster. Der Hofnarr machte anzügliche Bemerkungen während des Essens, aber nicht allzu anzügliche, weil er nicht in die eiserne Jungfrau wollte. Jede Nacht sang und liebte man, unter dem Schutz Gottes." Ich schloß die Augen. "Es war schwierig, den Moment des Zulötens zu bestimmen", dachte ich dann und gähnte. "Mit Tränen in den Augen sah einem die Geliebte dabei zu, diesmal unbekleidet, während im Hof unten schon die Pferde des zurückkommenden Gatten trappelten. (Urs Widmer: Die gelben Männer, S. 61f.)


Widmer, Urs: Liebesbrief für Mary

  Dabei war nichts gewesen. NICHTS! Ich hatte mich grundlos fast zerrissen vor Eifersucht. Sie waren in Wäldern spaziert und hatten über Bücher gesprochen, ob Joyce nicht vielleicht doch eine Fehlprogrammierung der irischen Geschichte gewesen und daß Flann O'Brien ihm vorzuziehen sei, und so Zeug. Alle Schaltjahre hatte Helmut seine Mary gegen einen nassen Eichenstamm gepreßt und ihr einen Kuß auf den Mund gedrückt, so lange, bis sie ihn sanft wegdrängte und der literarische Diskurs weiterging. (Urs Widmer: Liebesbrief für Mary, S. 22)


Widmer, Urs: Herr Adamson

  Die drei Frauen - es waren drei -, die ich nur von hinten sah, waren alte Damen, wohl aus dem Altersheim am unteren Ende der Straße entlaufen. Sie sprachen mit lauten hohen Stimmen von ihren Problemen mit der Blase, dem Darm und dem Hirn. Es war wie beim Pokern, wenn die eine ein 'full house' hatte (einen faustgroßen Stein, der den Ausgang der Niere verstopfte und die Dame mit unnennbaren Schmerzen niederstreckte), hatte die andere doch noch einen 'royal flush' (Darmkrebs, inoperabel) und gewann die Partie. (Urs Widmer: Herr Adamson, S. 10)


Widmer, Urs: Das Geld, die Arbeit... [1]

  Wenn ich oberflächlich und gut gelaunt bin, also oft, gefällt mir auch bestens, was Zürich mir Tag für Tag so anbietet. Mit einer Ausnahme. Dem Klima. Nämlich, obwohl die Klimakatastrophe die Lage deutlich verbessert und uns Dezember schenkt, die uns an den Frühling vor zehn Jahren erinnern, hat sie es nicht geschafft, jene ewiggraue Wolkendecke über unsern Köpfen zu vertreiben. Irgendwann Ende Oktober geht in Zürich die Sonne unter und kommt im Mai wieder, bestenfalls. Finnische Verhältnisse, und man weiß ja, was das bedeutet. Alle Finnen sind bekanntlich Selbstmörder, Quartalstrinker und sexuell enthemmt. Ich plädiere deshalb dafür - Verbesserung Nummer eins -, daß ab dem ersten Dritten das Klima der Kanarischen Inseln auch bei uns eingeführt wird. (Urs Widmer: Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück, S. 36)


Widmer, Urs: Das Geld, die Arbeit... [2]

  Ich war einst, als es das noch gab, ein begeisterter Anhänger des harmlosen Vorurteils. Es tat so gut, ungerecht zu sein, blöd und voll daneben. Es tat niemandem weh. "Die Eskimos, wenn sie Haarausfall haben, brunzen sich auf die Schädel." Damit ist es vorbei. Heute, wenn ich in der Straßenbahn arglos "Eskimo" vor mich hin murmle, baut sich sofort ein Inuit vor mir auf und haut mir eine runter. (Urs Widmer: Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück, S. 264)


Widmer, Urs: Reise an den Rand des Universums

  Wir lagen in den Dünen - an Wochentagen! - und freuten uns über einen Voyeur, den jedes Liebespaar kannte und erwartete und mit "Hallo, was läuft denn heute so?" ansprach, wenn er wieder einmal näher gerobbt war - geräuschloses Schleichen war nicht seine Stärke - und über die Dünenkante lugte. Er beantwortete die Frage nicht, zog den Kopf ein, schlich rückwärts davon, Sandlawinen auslösend, und bald sahen wir ihn, ein paar Dutzend Meter weiter, ein anderes Paar umschleichen. (Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums. Autobiographie)


Wieland, Rayk: Ich schlage vor, daß...

  Ich bin zu der Zeit in der Lehre zum Elektriker, will aber eigentlich studieren, Philosophie. Starke Verdachtsmomente. Tagsüber arbeite ich, anschließend geht's zur Abendschule, das Abitur nachzuholen. Um nachts nicht einzuschlafen, stelle ich eine Kerze vor das Buch, das ich gerade lese, und jedesmal, wenn mein Kopf nach unten sinkt, wird es sehr heiß. Kants "Kritik der reinen Vernufnt" studiere ich im Gehen. Doch für seine seitenlangen Parenthesen sind selbst die weltraumlandebahnbreiten Straßen der Hauptstadt der DDR entschieden zu eng. (Rayk Wieland: Ich schlage vor, daß wir uns küssen, S. 33)


Willemsen, Roger: Deutschlandreise

  Eine Frau, die vor dreißig Jahren einmal ein Feger war, aber es immer noch versteht, mit ihren Blicken drei älteren Herren zu schmeicheln, eine Konversation zu treiben, die Männer in eine Stimmung des Konjunktivs zu versetzen: Und wenn man ihr durch den Kellner ein Glas schickte... wenn sie lächelte... hinüberwinkte... Man mag sie für diese etwas in die Jahre gekommene Begabung, eine Stimmung der Promiskuität zu schaffen, für ihre Eleganz, ihre Sicherheit, nicht für die Schönheit ihrer Brüste. Eines Tages hat sie vermutlich durch einen klassischen Roman erfahren, was eine "schöne Seele" ist. Das verdarb ihr den Charakter. (Roger Willemsen: Deutschlandreise, S. 12)


Willemsen, Roger: Deutschlandreise [2]

  In dem Bauerndorf, in dem ich aufgewachsen bin, hatte die Gemeinde Glück mit ihrem guten Pastor, der Pastor wiederum hatte Glück mit seiner reizenden Haushälterin und diese hatte Glück mit einer befleckten Empfängnis, die sie bald mit Mutterschaft segnen sollte. Das verstörte die Gemeinde, und da das "Fräulein Heidrun" nicht sagen wollte, wer der Vater war, traf man sich beim einzigen Akademiker des Ortes und beschloß, beide, Pastor und Haushälterin, aus dem Dorf zu jagen. (Roger Willemsen: Deutschlandreise, S. 69)


Willemsen, Roger: Deutschlandreise [3]

  Frankfurt am Main. Eine Spezies Mensch entsteht oder schwärmt von hier aus. Als sie sich jung fühlten, waren sie die Avantgarde des Herzens als die Verliebten bei Burger King und überreichten sich zum Einjährigen Geschenkgutscheine. Zehn Jahre später gehen sie zum Ostereiersuchen politischer Parteien. Und noch zehn Jahre später haben sie öfter auf die Uhr gesehen als ins Gesicht ihrer Frau. Inwzischen tragen sie Bürtchenbart und Flughafenkrawatte unter der bösartigen, gewaltbereiten Erfolgsfresse, dazu ein Einstecktuch voller Comic-Motive. In Kriegsmetaphorik reden sie vom Geschäft, in Zoten vom Privaten. Unsentimental, aber voller Dünkel über das Zwei-Prozent-Wachsutm ihrer Branche, wurden sie vom Kino verdorben, sehen sich als Haie aus "Wall Street" und beherrschen nicht mal Pforzheim. Im Büro Instant-Kaffee mit H-Milch, zum Geschäftsessen irgendein Matsch mit Mandel- Limonen-Dressing, drehen sie am großen Rad der Welt, "Profitmaximierung" genannt, und sind neckisch genug, zum Signalton ihres handys den "Schwiegermuttermarsch" zu wählen. (Roger Willemsen: Deutschlandreise, S. 110)


Willemsen, Roger: Deutschlandreise [4]

  Meist entwickelt sich die poetische Reizbarkeit eines Menschen parallel zu seiner sexuellen. Der erste Dichter, den ich persönlich kennen lernte, trug mir an einem Waldrand ein Gedicht vor, in dem sich ein junger Mann mit einer jungen Frau ins Unterholz begab. Meine Aufmerksamkeit war unendlich gespannt. Je näher sie der Schonung kamen, desto mehr richtete sich meine Vorstellung auf nasse tiefe Küsse, einen hochgeschobenen Rocksaum und mindestens heavy Petting ein. Doch das dort war Lyrik. Hier verloren sich die Schatten der Liebenden im Unterholz und das Werk endete abrupt mit der Zeile: "Dunkel summt der Biber". (Roger Willemsen: Deutschlandreise, S. 190)


Williams, John: Stoner [1]

  Ihre Augen, die er für dunkelbraun oder schwarz gehalten hatte, waren von tiefem Blau. Manchmal fingen sie das schummrige Licht einer Zimmerlampe ein und schimmerten feucht; er konnte den Kopf in die eine oder andere Richtung drehen, und die Augen in seinem Blick änderten die Farbe mit der Bewegung, weshalb sie selbst dann, wenn sie bewegungslos blieben, aussahen, als stünden sie niemals still. Ihre von Weitem so kühl und blass wirkende Haut besaß einen rötlich warmen Unterton wie Licht, das unter milchiger Transparenz dahinströmt. Und wie die transparente Haut verbargen Ruhe, Besonnenheit und Zurückhaltung, die er für ihre eigentlichen Charakterzüge gehalten hatte, eine Wärme, Verspieltheit und einen Humor, deren Intensität erst durch den Anschein möglich wurde, der sie verbarg. (John Williams: Stoner)


Williams, John: Stoner [2]

  In ihrem vierzigsten Jahr war Edith Stoner noch ebenso schlank, wie sie es als junges Mädchen gewesen war, doch verriet ihre Haltung die Härte und Sprödigkeit einer unbeugsamen Haltung, die jede Bewegung aussehen ließ, als fände sie nur zögerlich und widerwillig statt. Die Gesichtsknochen traten deutlicher hervor, und die dünne, fahle Haut spannte sich wie über einen Rahmen, sodass selbst scharfe Falten straff gezogen wurden. Edith war sehr blass und trug so viel Puder und Make-up auf, dass es aussah, als schüfe sie ihre Gesichtszüge jeden Tag auf neutraler Maske neu. Nichts als Knochen schienen unter der trockenen, festen Haut ihrer Hände zu liegen, die sich unermüdlich bewegten, zwirbelten, pflückten oder sich zusammenballten.


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