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Selbsterlebtes und Notizen aus dem Alltag


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Xiaomi Redmi Note 9S

Gestern Abend schwitzte ich über alle Maßen. Nicht nur wegen des Wetters, der Schwüle, die von Tag zu Tag zugenommen hatte, sondern weil ich das Smartphone den Klauen meines Vaters entrissen hatte, der das Päckchen an meiner Statt vom Postboten entgegengenommen hatte, als ich noch unterwegs in der Stadt gewesen war. Das Teil ausgepackt und aufgeladen. Dann eingeschalten und mich durch erforderliche Erstkonfigurationen gehangelt und den starken Eindruck gehabt, immer nur zustimmen zu müssen, um meine Daten möglichst umfassend und bedenkenlos in fremde Hände zu geben. Der Trick, What's App mit einer Festnetznummer zu installieren, funktioniert leider nur auf Tablet-PCs; ich biß mir die Zähne aus, als ich versuchte, die App auf dem Xiaomi Redmi Note 9S zum Laufen zu bringen. 20 Uhr aufgegeben, nochmals das Pferd gesattelt und zu Aldi galoppiert zwecks Aldi-Talk-Starter-Set, welches mich mit einer regulären Telefonnummer (+4915735590450) versorgen sollte. Die Inbetriebnahme ist irre komplex geworden und verlangt eine Identifikation per Videochat. Es dauerte lange und zehrte an den Nerven, bis ich die SIM-Karte schließlich mit der proprietären Aldi-App für die Registrierung aktiviert hatte und nach deren Freischaltung auch das Handy überzeugt werden konnte, daß eine SIM-Karte involviert ist, welches sich lange recht störrig weigerte und immer wieder die Pin abfragte. Irgendwann - nach gut dreistündigem Prozedere (Gemehre, wie wir Sachsen sagen) - klappte es. Der Aldi-Talk- Account konnte eingerichtet werden, What's App zickte mit der neuen Nummer nicht mehr herum, der alte Account wurde gelöscht, die Kontakte informiert, und der Tag war so was von gelaufen, als der Deutschlandfunk die deutsche und europäische Hymne spielte und der Nachrichtensprecher Samstag, den 22. August, verkündete und ich, weil's offenbar noch nicht kompliziert genug gewesen ist, noch eine Episode Dark (S03E04) guckte. (22. August 2020)


Einfach nur Röntgen

Mit Ausnahme der Arbeitswege komme ich so selten raus, daß gar ein Röntgentermin für Aufregung und Unruhe sorgt. Um 11 Uhr war ein Röntgen des linken Fußes anberaumt. Pünktlichkeitsfantatiker, der ich bin, verließ rechtzeitig das Haus und erwischte sogar eine Straßenbahn eher, so daß ich bereits 10.40 Uhr am Schalter der Radiologie in der Praxisklinik am Johannisplatz stand. Das Ausmaß der Bürokratie wird dadurch deutlich, daß man selbst für eine so simple Untersuchung wie das knöcherne Röntgen eines einzigen kleinen Körperteils durch einen Ablauf hindurchbefördert wird, der ebenjene Aufregung erzeugt, mit der ich a priori nicht gerechnet hatte. Am Schalter selbst eine schriftliche Auskunft, ob man Corona hatte oder nicht. ich wurde im Februar abgestrichen, der Teste war negativ; ich hatte stattgessen Influenza A. DASS man überhaupt abgestrichen wurde, genügt, um separaiert zu werden: Wartebereich 1 mit Klemmbrett nebst zwei Zetteln zum Ausfüllen. Es wird offenbar stetig mehr. Auch unsere Patienten erhalten bei der Aufnahme ein Konvolut an Zetteln, die man getrost auch als Buch binden könnte. Irgendwann nach 20 Minuten wunderte sich eine vorübereilende MTRA, warum ich im Wartebereich 1 säße. Rasante 5 Minuten später wurde ich in einen Raum geführt, wo man nochmals wissen wollte, wann ich Corona gehabt hätte. Ich: nur Abstrich, Test negativ, 5 Monaten her, Schnee von gestern. - Das Röntgen selbst verlief zügig. Ich wurde gebeten, nochmals im Warteraum 1 Platz zu nehmen. Der Befund wird später geschrieben und dem Hausarzt geschickt, so daß das Warten nach dem Röntgen lediglich dazu dient, sicherzustellen, daß die Aufnahme gelungen ist, andernfalls man nochmals seine Hand ins Feuer den Fuß hätte herhalten müssen. Man benötigte mehr als zehn Minuten für die Verifikation und entließ mich. Um 11.30 Uhr stand ich dann auch schon an der Haltestelle. Wir erstarren, so meine ich, in der zunehmenden Verkomplizierung so vieler Belange. Mit Schrecken denke ich an den Schriftverkehr zurück, den mir zuletzt die Psychotherapie und die Rehabilitation auflud. (22. Juli 2020)


Biker-Demo und SSRI

Kein Mensch wußte gestern von der Biker-Demo. Als ich mich auf den Weg zum Spätdienst machte, fuhr der Bus nicht weiter, keiner verstand, was der Fahrer ins Mikrofon nuschelte und ich stand plötzlich mitten auf der Eisenbahnstraße, fuhr dann mit einem Bus weiter, um Anschluß an eine Straßenbahn zu finden und begriff erst am Johannisplatz, als nichts mehr ging, daß die Aussicht auf Weiterfahrt auf Null geschwunden war. Zum Augustusplatz gelaufen und so viele Motorräder auf einen Haufen und innerhalb einer halben Stunde anfahren gesehen wie noch nie in meinem Leben - eine selbst für einen unmotorisierten Menschen wie mich elektrisierende und sinnliche = olfaktorische, audiovisuelle Erfahrung! Um 13.45 Uhr ging es vom Hauptbahnhof weiter, wo ich dank LVB-Wlan wenigstens meinen Kollegen per What's App sagen konnte, wo ich festhang und wann ungefähr mit mir zu rechnen wäre. Immerhin kam ich 14.06 Uhr und nur eben sechs Minuten nach Dienstbeginn auf Station, freilich abgehetzt, verschwitzt & ungeduscht und infolge des streßigen, sich auf fast zwei Stunden streckenden Arbeitsweges mental durcheinandergewirbelt. Nach der mehr als zwei Wochen währenden harten Arbeitsphase war meine Resilienz quasi nicht mehr vorhanden und ich ein sowohl nervliches als auch körperliches Wrack. Auch heute spürbar, wie wenig ich entspannen kann, wie sehr die Regneration fehlt, wie fulminant die Müdigkeit durchschlägt nebst der Unfähigkeit, auszuschlafen bzw. auch nur mittels eines Nachmittagsschlafes wieder auf die Spur zu kommen. Ohnehin kämpfe ich mit und gegen massive psychosomatische Symptome, die ein normales Leben verhindern und mich stets auf sehr niedrigem Level dahinleben, dahinvegetieren lassen, weswegen ich durch den in den vergangenen Monaten angewachsenen Leidensdruck einen Termin bei einem Psychiater gemacht hatte, der nun heute Vormittag war. Ich ging nach zehn Minuten mit einem Rezept aus der Sprechstunde und soll fortan Sertralin, einen SSRI, einnehmen, nach vier Wochen bei der Hausärztin aufschlagen, die ein EKG machen soll, weil das Medikament u.U. EKG- Veränderungen erzeugt, was ich mangels Geistesgegenwärtigkeit gegenüber dem Arzt leider, leider nicht zur Sprache brachte, ob nämlich Sertralin dann in Anbetracht meiner schon vorbestehenden HRST (VHF) überhaupt so eine tolle Idee wäre. Verpaßt=Verpatzt. Noch muß ich das Rezept erst einlösen und werde in den Miszellen berichten, wie es sich damit lebt oder ob mein "Notizbuch vom Nichtmehrleben" möglicherweise demnächst umbenannt werden könnte, sobald der Wirkstoff reinhaut und meiner Dysthymie an den Kragen geht. (13. Juli 2020)


Dösen

In Dösen machte ich 1993 mein Praktikum in der Psychiatrie auf der Station A6I. Heute ist das Gelände verlassen und zum Geheimtipp geworden. Ich erinnere mich, wie wir Krankenpflegeschüler mit Patienten in die Kaufhalle gehen mußten und ich mit einer manischen Patientin Mühe hatte, weil sie innerhalb unglaublich kurzer Zeit ihren Einkaufswagen vollgepackt hatte und sich partout von nichts trennen wollte und rationalen Gründen unzugänglich blieb. Nach ellenlangen Diskussionen tänzelte sie auf dem Rückweg unentwegt herum und fiel mir in einen glücklicherweise nicht allzu tiefen Teich. Zuerst entnahm ich ihr den kleinen Einkaufsbeutel mit den essentiellen Zigaretten, woraufhin sie empört aufkreischte: 'Und mich? Rettest du mich auch?" - Die A6I war im Erdgeschoß und für Akutzuweisungen gedacht, so daß es regelmäßig vorkam, daß es klingelte, die Polizei mit einem Häufchen Umglück in der Mangel vor der Tür stand, und wir uns um den meist versifften Alkoholiker oder anderweitig derangierten Kranken kümmern mußten, was zunächst bedeutete: Waschgang, wofür sich Schüler prima einspannen ließen, während die Fachschwestern gemütlich beim Kaffee saßen; denn wahnsinnig viel zu tun hatte man damals nicht. So gut wie keine Pflegepatienten, alle liefen herum, holten sich ihr Essen und die Medikament ab, machten ihr Bett selbst usw. Bis eben auf die Notfälle oder so martialische Dinge wie die Elektrokrampftherapie (EKT), bei dessen Erinnerung ich noch heute Gänsehaut bekomme. Dieses zirka drei Monate dauernde Praktikum vergesse ich nie, hatte ich es mir anfangs mit der Stationsschwestern verscherzt, als ich einer Diabetikerin ein Brötchen zum Frühstück austeilte, woraufhin ich angefaucht wurde, daß Diabetiker nur Brot essen dürften! Ich war bereits seit Jahren auf einer Diabetikerstation tätig und diskutierte herum und durfte dann während des gesamten Praktikums Spießruten laufen und Pumpelarbeiten verrichten. Eine Anekdote noch. Eine depressive Patientin war so weit wieder in Schuß, daß sie an einem Samstagabend zu einer Art Disco ging und recht aufgeräumt zurückkehrt, als ihr ein Mitpatient, seines Zeichens Liedermacher und Lebenskünstler, entgegenkam und ihr zuraunte: "Na, wie war's, du fette, alte Kuh!" Aller Erfolg dahin, ihr Mimik fror ein, es war dramatisch und erbärmlich und ging nachhaltig in meine Erinnerungen ein. (18. Juni 2020)


Reanimation

Gestern gleich zu Dienstbeginn die erste Reanimation seit langer Zeit und die erste auf der neuen Station unter widrigeren Umständen. Wir schlugen uns dennoch tapfer, verloren aber. Eine Reanimation ist eine Ausnahmesituation, die mit einem enormen Adrenalinausstoß einhergeht. Insofern wenigstens vier Kollegen beteiligt sind, sollte es gehen. Ein Arzt steht am Kopfende und macht zuerst die Maskenbeatmung, intubiert dann und bebeutelt den Patienten. Ein anderer drückt. Der Dritte kümmert sich um die venösen Zugänge. Adrenalin wird gegeben, Flüssigkeit (Infusionen). Ein Vierter schafft, was benötigt wird, heran, z.B. Defibrillator, Patientenakten, Absaugung, Medikamente usw. Bevor es losgeht, sollte einer das Reanimationsteam rufen, welches von der Intensivstation herbeieilt (Arzt + Pflegekraft), ein anderer schleppt den Notfallkoffer. Wichtig ist, daß jemand sofort mit der Herzdruckmassage beginnt! Diese wenige Aussagen zeigen schon, wie verworren die Lage zunächst erscheint: man muß telefonieren, Materialen heranschaffen, auspacken und in Gang setzen (Sauerstoffgabe, Absaugung), sollte aber auch schon drücken. Die berühmte Defibrillation, wie man sie aus den Krankenhausserien kennt, wird nur durchgeführt, wenn eine Herzaktion (Kammerflimmer/flattern) erkennbar ist. Bei Asystolie = fehlender Herztätigkeit wird weiter Druckmassage ausgeübt. Unsere gestrige Wiederbelebungsmaßnahmen wurden erschwert durch eine akute Blutung aus dem Mund und blieb letztlich frustran (erfolglos). Am Ende steht Erschöpfung, Schweiß und, dieses Mal, Enttäuschung, ein anderes Mal, wenn der intubierte Patient mit Lebenszeichen auf eine ITS verbracht werden kann, Freude und Befriedigung. Em Ende dann auch Beseitigung des Chaos, es liegt sehr viel herum, Ausscheidungen müssen entfernt werden. Man benötigt ein cooling down. (14. Juni 2020)


Außenlieger und Informationswirrwar

Kürzlich schrieb ich über Außenlieger auf unserer Station, meist chirurgische Fälle, die in den Disziplinen "Plastische Chirurgie" (PCH), "Unfallchirugie" (UCH), "Septische Chirurgie" (SCH), "Allgemeine Chirurgie" (ACH) und "Gefäßchirurgie" (GCH) imponieren, jeweils mit eigens zuständigen Assistenz-, Ober-, Chef- und diensthabenden Ärzten, deren Rufbereitschaft wir auf Telefonlisten notieren, um einigermaßen den Überblick zu behalten. Wenn beispielsweise ein Patient mit SHF über Beschwerden klagt, müssen wir partout den UCH-Arzt kontaktieren. Auf unserer Belegungsliste ist genau notiert, wer welchem Fachbereich zugeordnet ist. Nervig ist, wenn man unterwegs auf Station ist, dann sofort den Zettel aufzufalten, Zuordnung abzulesen, Arztrufnummer zu suchen, anzurufen und Problem zu schildern, wofür man jedoch möglichst im Dienstzimmer an der Patientenkurve stehen müßte, um weitere Informationen zum Patienten liefern zu können. Das ist technisch einfach unmöglich bzw. sehr anstrengend, die Fäden zusammenzuhalten und sich bei dieser komplexen Art des Informationsmanagments nicht zu verheben und mental zu verkühlen. Verletzungen mit Schneidegeräten (Messer, elektrische Geräte) sind übel. Gestern kam spätabends ein Mann, der sich beim Rasenmähen zwei Finger abgetrennt hatte, die im Beutel mitgeliefert wurden. Das sind für uns Pflegekräfte, die lebenslang auf Internistischen Stationen gearbeitet haben, neuartige und eindrucksvolle Erfahrungen. Auch neurologische Außenlieger sind möglich. Onkologische sowieso, sind viele Tumoren doch im Magen-Darm-Trakt angesiedelt, wodurch die Patienten zwischen uns, der Gastroenterologie, und der Onkologie pendeln, weil wir die Diagnostik machen, die anderen die Therapie. (3. Juni 2020)


Eutritzsch (2)

Eigentlich liegen auf unserer Station Patienten mit endokrinologischem (v.a. Diabetes Typ 1 und 2) und gastroenterologischem Krankheitsbild, welches breit gefächert ist. Organe wie Magen, Darm, Milz, Leber, Galle und Bauchspeicheldrüse sind betroffen. Akute Blutungen (= GIB) sind am häufigsten, Entzündungen (z.B. Pankreatitis, Cholezystitis), Steinleiden (Choledocholithiasis, die oft zu Verengungen und Verschlüsse führen), Tumoren=Krebs. Täglich werden zig Endoskopien durchgeführt: Magenspiegelungen (Gastroskopie), Darmspiegelungen (Koloskopie), Enddarmspiegelung (Rektoskopie), Bauchspeicheldrüse/Galle (ERCP). Die häufigsten Begleitdiagnostiken sind zudem CT und MRT. Die Vor- und Nachbereitungen bei diesen Eingriffen sind vielfältig und zeitraubend. Blutentnahmen sind häufiger als in anderen internistischen Bereichen; denn andauernd werden aktuelle Werte (Blutbilder, Elektrolyte und Blutgerinnung) benötigt. Die Patienten bekommen sehr sehr oft mehrmals am Tag zu den unterschiedlichsten Zeiten und meistens intravenös Antibiotika, Schmerzmittel, Infusionen, Substitute (z.B. Eisenpräparate). Blutentnahmen sind laut Gesetzgeber normalerweise ärztliche Aufgabe, werden jedoch delegiert. Man malträtiert Patienten, die sich oft schon in Behandlung befanden und deren Gefäßverhältnisse sich dementsprechend grottig ausnehmen. Die Nadel im Heuhaufen ist auf Station also die punktierbare Vene an Armen und Beinen. Ziemlich alle Patienten haben periphervenöse (Flexülen) oder zentralvenöse Zugänge, die regelmäßig Probleme bereiten und gewechselt werden müssen. Dauersport in dieser Disziplin ist die stetige Suche nach einem Arzt, der sie dem Patienten neu legt. Erschwerend kommen die so genannten Außenlieger hinzu. Patienten aus anderen medizinischen Bereichen, die aus Kapazitätsgründen nicht auf den dafür zuständigen Stationen liegen können und bei uns sozusagen "außengelagert" werden, so daß wir nun auch chirurgische Krankheitsbilder bedienen sollen, die uns völlig fremd und ungewohnt sind, von deren Handling wir wenig bis keine Ahnung besitzen und die neuartige Herangehensweisen abfordern, in die wir uns - neben dem "gewohnten" Streß - mühsam einfinden müssen. Außenlieger werden nicht gemocht und als große Last und Belastung empfunden. (6. Mai 2020)


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