Tagebuchnotizen (5) [<<]

Selbsterlebtes und Notizen aus dem Alltag


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Zwischen den Generationen

Ein Effekt, mit dem ich beim Älterwerden überhaupt nicht gerechnet hatte: daß die Nachkommenden aufgrund fehlender Erfahrungen bzw. fehlender Kenntnisse gewisse Dinge nicht verstehen. Sie kennen Ereignisse und Personen nicht (mehr), die uns geläufig sind, weil wir sie als junge Menschen entweder erlebten oder von Älteren überliefert bekommen haben. Beispielsweise ist mir Caterina Valente bekannt, weil meine Eltern sie in ihrer Jugend als Star verehrten. Als Michael Schulte beim Eurovision Song Contest antrat, wurde immer wieder betont, daß er in dem Lied über seinen verstorbenen Vater singt, woraufhin bei Twitter gespottet: wurde: "'Michael Schulte singt einen Song über seinen toten Vater.' Mick Hucknall ist tot?" Das ist wirklich witzig. Der 30 Jahre ältere britische Simply-Red-Sänger wegen seiner roten Mähne im Vergleich zum deutschen Sänger. - Verstand auf Station aber keiner von den meist jungen Kollegen. Und so mußte ich in der Vergangenheit immer wieder Namen und Geschehnisse erläutern, weil sie gemeinhein aus dem Repertoire verschwunden sind, das man ohne Schwierigkeiten beim Small Talk einsetzen kann. Wenn ich von Ilja Richter erzählte und wie uns als Aufwachsende disco prägte, sehe ich ebenso ratlose Gesichter, wie wenn ich andere Sachen aus den 70er und 80er Jahren präsentiere. Der Preis, den ein älter als 50-Jähriger also zu zahlen hat, nicht nur, sich mit zunehmenden körperlichen Wehwehchen herumschlagen zu müssen, sondern auch, sich mit vielen Erfahrungen seiner Jugend nur noch an Gleichaltrige wenden zu können, was in späteren Jahren problematisch wird, weil sie uns nach und nach entgleiten. (21. Mai 2018)


Nicht nur geträumt

Als Jugendlicher versüßte uns die NDW das Leben wie Musik sowieso. 1979, mit 13, die erste Schallplatte, später, vom eigenen Geld als Kochlehrling zusammengespart, den Mono-Kassettenrekorder Geracord GC6010 für über 605.- M, noch später, zirka 1987, die Stereoanlage S 3000 (Verstärker, Boxen, Tuner + Kassettendeck) für die ich jahrelang 2600.- M zusammengespart hatte. Nach der Wende den Kassettenrekorder EAW Audio 145, welcher mir mehr als 20 Jahre lang treue Dienste leistete. Mein Bruder mußte vor der Wende noch den DDR-Preis von 2100.- M für das wirklich tolle und leistungsstarke Gerät löhnen und war entsprechend sauer, als ich es in den Wendewirren gebraucht, aber neu, für 100.- M abstaubte. - Als Jugendlicher also Schallplatten und Kassetten, die sich nicht beeinträchtigten. Wenn man bedenkt, daß eine Amiga-Schallplatte 16,10 Mark kostete und ich anfangs nur ein Lehrlingsgeld von 108.- M erhielt, als Kochgeselle 550.- M, wird klar, daß beides nebeneinander Platz hatte. Obzwar die Sammlung wuchs - zuletzt hatte ich, bevor ich 1986 alles veräußerte, annähernd 200 Schallplatten -, hörte ich sie immer wieder komplett durch. Noch heute "sitzt" dieses Liedgut, so intensiv war die Begegnung mit Musik damals und bestimmte den Alltag. Nena kam 1982 mit "Nur geträumt" und wirbelte mächtig durchs Teenagergehirn bzw. durch weiter südlich gelegene Areale. Später nahm ich Nena wahr, als sie in den beginnenden 00er-Jahren die alten Songs nochmals aufpoliert brachte, durchaus passabel, aber meine Jugendzeit war längst passe. Gestern stieß ich auf eine Version von "Nur geträumt", die beweist, wie wandelbar Musik sein kann. Gefiel mir ausnehmend gut. (3. Mai 2018)


Abenteuer Straßenbahn

Am Wochenende fahren die Straßenbahnen morgens als Sammelanschluß zu festen Zeiten vom Hauptbahnhof weg. TRAM 7 zum Beispiel alle 30 Minuten. Um die 7-Uhr-Bahn zu bekommen, muß ich in Grünau die S-Bahn S1 um 6.28 Uhr erreichen, weil die TRAM 1 erst um 6.48 Uhr fährt und ich dann erst die nächste TRAM 7 um 7.30 Uhr nehmen könnte. Alle Bahnen warten also, nachdem sie eingefahren sind, am Hauptbahnhof oft 5 bis 10 Minuten bis zur getakteten Abfahrzeit. Vor kurzem fuhr der Fahrer meiner Straßenbahn, wohl geistesabwesend, um 6.51 Uhr einfach gleich los, bremste, als er um die Kurve in die Goethestraße eingebogen war, abrupt und mußte sich von der Verkehrsaufsicht, die am HBF meist präsent ist, wegen seiner Gedankenlosigkeit anschnauzen lassen. Erster Fauxpas. Unterwegs dann hatte der Fahrer fälschlicherweise das Mikrofon für den Fahrgastraum volle Pulle angeschaltet gelassen, so daß wir, als er etwas mit der Verkehrzentrale besprechen wollte, urplötzlich angebrüllt wurden und allesamt zusammenzuckten und ich mich im Geiste bereits Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Kreislaufzusammenbrüchen und Herzinfarkten ergreifen sah. Zweiter Fauxpas. Und nur eine Minute später eine Vollbremsung, weil der Fahrer vergessen hatte, eine Weiche umzustellen und wir beinahe in die falsche Richtung (Wurzener Straße zum Torgauer Platz) abgebogen wären, das heißt, sonst richtige Richtung; aber seit dem Brand ist Umleitung (über Edlichstraße) angesagt. Dritter Faupaux. Und wir Fahrgäste, nun gänzlich hellwach, harrten der Dinge, ob das Drama möglicherweise einen weiteren Akt böte. (19. April 2018)


Lost in Cyberspace?

Claudia Klinger hat mit Lost in Cyberspace ihren Umgang mit dem Internet vermessen und hinterfragt und fordert uns explizit auf, sich zu positionieren und in die Diskussion einzubringen. Mir fehlt dazu augenblicklich die Puste. Bei allem, was ich tue, stellt sich irgendwann immer die Frage, die ich seit meiner frühesten Jugend in dem Lied von Gerhard Schöne "Oder fehlt da noch was" artikuliert finde. Gibt es ein Unbehagen oder ist man zufrieden mit dem, was man ist & was man macht? Und ist dieses Unbehagen, welches bei mir unbestritten vorhanden ist, so groß, daß es Leidensdruck verursacht? Mir hat es immer Spaß gemacht, mich einzubringen, etwas beizusteuern. Seitdem ich im September 1995 online ging und im Juli 1996 meine Webseite ins Leben rief, verbrachte ich viel Zeit im Cyberspace, der heutzutage, wie Claudia sagt, nicht mehr so kuschelig ist wie damals. Die Diskussionsfreudigkeit im Usenet, in Mailinglisten, in Online-Foren ließ wohl zugunsten der Präsentation seiner "Sachen" nach. Man postet seine Bilder auf Instagram, seine Befindlichkeiten auf Facebook oder Twitter, freut sich über Beachtung, Likes und Zuspruch. Ein so intensives und munteres Sicheinmischen wie ehedem kommt jedoch kaum noch zustande. Es muß gefragt werden, ob nicht überhaupt das Meiste von dem, was man online treibt, verpufft oder wie Treibsand verweht bzw. zerrinnt, wenn man die Hände hineingräbt. Die sozialen Medien haben zudem durch die Natur der Timelines, die das stets Neue obenan stellen und das Nicht-mehr-ganz-so-Neue ziemlich rasch nach unten und bald schon in ein faktisches Nirwana befördern, etwas Ephemeres in den Cyberspace gebracht, das der Besinnung nicht zuträglich ist, dem Festkrallen an einem Topic. Die Kuh wird durchs Dorf getrieben, ohne daß sie grasen könnte. Auf Gerhard Schönes Frage kann man selbstverständlich immer mit Unbehagen reagieren; denn wer führt schon das perfekte Leben. Das Internet hat mich bereichert und dient mir tagtäglich. Nicht auszumalen, wie mühsam und zeitraubend man sich die Informationen und Unterhaltung sonst beschaffen müßte. Insofern ist ein Verzicht Nonsens, auch wenn einen mitunter asketische Anwandlungen befallen. Vielmehr ließe sich die Frage, was noch fehlt, in den Alltag herunterbrechen: Was fehlt mir denn heute noch? Ein Anruf bei Freunden, doch noch eine Stunde in die Natur oder ins Kino? Etwas bunter, etwas mehr offline. Aber auch mehr Einlassungen bei Cyber-Freunden, in deren Blogs kommentieren, nachhaken, nachfragen. Die Frage der Sucht ist dann irrelevant, wenn man den Grad der Zufriedenheit mit sich vereinbaren kann. Daß Netizens wie Claudia Klinger und auch ich ihre Existenz im Cyberspace be- und hinterfragen, ist gut und Teil der Justierung in einer Welt, die einen ohnehin - ob nun im virtual oder real life - immer schwindliger macht. (19. April 2018)


Wandbild auf Station

Auf unserer Station (Akutgeriatrie/Onkologie) installierten wir vor einigen Monaten eine Scheinbushaltestelle, für die uns die LVB kostenlos das Equipment zur Verfügung gestellt hat. Die Idee und, nachfolgend, die einer Wandmalerei entstand im Pflegeteam. Erfahrungsgemäß sind Demente oft unruhig und wollen weg. Warum also nicht mit dem Bus? Zuerst wurde die immer wieder bewitzelte Scheinhaltestelle realisiert, indem eine Kollegin hartnäckig mit den Leipziger Verkehrsbetrieben korrespondierte, die sich ins Zeug legten und den Mast auf Nachfrage hin sogar kürzten. Zwei weitere Schwestern imaginierten immer konkreter eine Bemalung der monotonen Fläche hinter den Sitzbänken im Lichthof und gewannen, nachdem jemand anderes abgesprungen war, schließlich die sorbische Musikerin und Malerin Marion Quitz für die Illusionsmalerei, deren Finanzierung durch einen Spendenfond von unserer Oberärztin, Frau Dr. Schinköthe, erkämpft wurde. Der Einfall mit dem "himmelblauen Trabant" kam unserer stellvertretenden Stationsleiterin, wofür der alte DDR-Song von Sonja Schmidt Pate stand. Allerdings wurde dieser Impuls uminterpretiert und das Auto letztlich als Trabant aus dem Film "Go Trabi Go" gesehen, so daß der Darsteller des Deutschlehrers Udo Struutz, Wolfgang Stumph, mit an Bord kam. Im April 2018 entwarf die Künstlerin Marion Quitz das Panoramabild, über welches das Leipzig Fernsehen bereits während des Entstehens berichtete. Die Idee wurde durch die Offiziösen naturgemäß aufgegriffen, so daß es zu einer Vernissage kommen wird. In unserer Robert-Koch-Klinik am Standort Grünau (Lageplan) existieren seit Eröffnung des Neubaus übrigens zwei weitere Bilder - vom Künstler Matthias Klemm geschaffene Betonmalereien sowie eine Galerie mit künstlerischen Arbeiten von an Krebs erkrankten Patienten, die im Onkologietrakt unserer Station aushängt. (aktualisiert am 21. April 2018)


Akutgeriatrie (1)

Im Dresdner katholischen Krankenhaus St. Joseph-Stift ist eine Akutgeriatrie eingeweiht worden. Wenn ich das richtig verstehe, soll es zwei Stationen geben für 54 Patienten. Die mit einem Neubau geschaffenen Gegebenheiten sind für uns utopisch. Unsere Station wurde auf einer ehemaligen internistischen Station geschaffen, was bedeutet, daß wir über die räumlichen Notwendigkeiten, die eine Geriatrie aufweisen muß, nicht verfügen, wozu u.a. eine entsprechende Bad- und Zimmergröße gehörte. Unsere Zimmer sind von all den Ganghilfen und Spezialsitzmöglichkeiten für Hochbetagte verstopft, was uns zur einem immerwährenden Hürdenlauf nötigt, einem andauernden Hin-und-Her-Geschiebe der Einrichtung und Hilfmittel. Platz schaffen für Transfers ist ein wesentlicher Bestandteil bei dieser beengten Arbeitssituation. Interessant, Chefärztin des neuen Zentrums gleichzeitig auch ChÄ für Onkologie, Geriatrie und Palliativmedizin ist - ebendie Fachbereiche auch unserer Station. Ebenfalls etwas, worüber wir nicht verfügen: "In der Altersmedizin spielt auch die Therapie von Infektionskrankheiten eine große Rolle. Für isolationsbedürftige Patienten wurden insgesamt sechs Einzelzimmer mit vorgelagertem Schleusenbereich geschaffen." Wir müssen jedesmal, wenn ein Zimmer isoliert werden muß, eine sehr wackelige Quaratäne schaffen, indem nötige Materialen jedes Mal zusammengesucht und herangeschafft werden und bei Ende der Isolierung wieder weggeräumt werden müssen - ein stetiger Mehraufwand. (12. April 2018)


Restriktionen

Restriktion und Gängelung gehören zu den Maßnahmen von Machtinhabern. Arbeitgeber besitzen Macht über ihre Angestellten. Wir beziehen bestimmte Materialien wie Bürozeug und Papiere für die Patientenakten, z.B. auch Totenscheine und Zehenzettel, übers Internet. Dafür existiert ein Budget pro Quartal. Einige der Produkte, die bislang bestellbar waren, sind unseren Zugriffsrechten entzogen worden und müssen stattdessen in der Logistik- und Wirtschaftsabteilung der Klinik beantragt werden, wodurch es zu einem Klein-Klein gekommen ist, weil man sich wie ein Muttersau fühlt, die ihre Ferkel verteidigen muß. Zurzeit verliert man leicht den Überblick darüber, was nun wo zu haben ist. Man ist gezwungen, viel per Mail und Telefon nachzufragen. Die Leine kurz halten ist ein Mechanismus der Restriktion. Überdies gilt seit neuestem die Maßgabe, daß man seine Bestellung im Internetshop erst genehmigt bekommt, wenn man sie telefonisch begründet hat. Als würden wir aus Jux und Dollerei Kopierpapier, Markierstifte, Kugelschreiberminen und Notizzettel bestellen. Außerdem reicht das Budget nicht, wenn wir bestimmte preisintensive Artikel brauchen, die uns dann auch noch von anderen Stationen abgenommen werden. Man kann ja kaum Nein sagen, wenn jemand kommt und eine Blanko-Patientenakte möchte. Und der Bedarf beispielsweise an Kopierpapier steigt ständig; es wird immer mehr gedruckt und ausgedruckt, teils doppelt und dreifach. Ein Beispiel noch. In unsere Mappen gehören Register, die wir überwiegend erhalten, wenn wir Patienten durch die Aufnahme bekommen. In manchen Fällen kommen Patienten aber direkt, z.B. durch Verlegungen aus einer zentralen Notaufnahme, so daß wir in solchen Fällen Register vorrätig haben müssen. Nun wurde uns die Bestellmöglichkeit für sie entzogen. Die Order lautet, sich gefälligst Reserveregister in einer Aufnahmeabteilung zu besorgen. Also kommt zum Herumtelefonieren und Per-Mail-Betteln auch noch das Herumrennen im Haus dazu, um etwas zu bekommen, was man ganz einfach selbst organisieren könnte, wenn man uns ließe. Diese restriktiven Tendenzen bewirken, daß die Motivation, diese freiwillige Aufgabe im Stationsalltag zu übernehmen, geschmälert wird und möglicherweise nicht mehr lange besteht. (22.3.2018)


Fokolarbewegung

Im "Tag des Herrn", der katholischen Wochenzeitung mehrerer ostdeutscher Bistümer, heute ein Interview mit der Sprecherin der Fokolarbewegung, in der ich in den prägenden Jahren meiner Jugend von 1982 bis 1990 lebte. Eine der so genannten Erneuerungsbewegungen oder Geistlichen Gemeinschaften, die im letzten Jahrhundert in der katholischen Kirche entstanden sind. Bezeichnend für diese Gruppierungen sind stets eine kulthafte Verehrung der Gründerfigur, eine Durchwirkung der Spiritualität bis in die kleinsten Belange des Alltags, eine Erwartungshaltung an die Interessenten, die diese zunächst als reizvolle Herausforderung, später durchaus als Zwangsjacke oder zumindest als Korsett empfinden, eine ausgeklügelte Organisation, ein für Außenstehende oft wenig verständlicher Soziolekt. Die innerhalb der katholischen Kirche agierenden Bewegungen sind quasi fundamentalistisch. Der Papst kann 100%ig auf sie bauen. Die meisten, unter ihnen auch das weit bekanntere Opus Dei, sind Laienbewegungen. Von außen erfährt man so gut wie nie etwas über sie, weswegen ich auch das Interview verlinke; denn es ist eines der seltenen Momente, in denen die Bewegungen überhaupt mit der Öffentlichkeit namentlich in Berührung kommen. Ich kann das behaupten. Ich habe seit 28 Jahren keinen Kontakt mehr zur Organisation, nur gelegentlich zu Freunden, die aus dieser Zeit meines Lebens geblieben sind, und achte trotzdem auf Verlautbarungen. Kritik gab und gibt es innerhalb und außerhalb der Kirche zuhauf. Die Gleichsetzung mit Sekten erscheint plausibel, weil alle o.g. Phänomene genuin Sekten zuzurechnen sind. Auch die Abnabelung gestaltet sich schwierig. Die perfide Psychologie generiert bei den "Abtrünnigen" sowohl das Gefühl eines schmerzlichen Verlustes als auch die Erkenntnis der nunmehr wohl lebenslangen unüberbrückbaren Distanz. Außerhalb bzw. abseits des "Herdfeuers", wie sich der Begriff "Fokolar" herleitet, ist es erst einmal kühler. Es braucht einige Zeit, bis man sich akklimatisiert hat und wieder auf der Spur im normalen Leben ist. (5.3.2018)


Umgang mit Dementen (2)

Demente Patienten sind anders solche, die als kognitiv vollumfänglich gelten. Manche sind in sich gekehrt, äußern sich kaum, wirken apathisch. Viele besitzen besonders nachts einen unstillbaren Bewegungsdrang, der als Hin- oder Weglauftendenz bezeichnet wird, verirren sich dabei immer wieder und werden in den chaotischsten Situationen vorgefunden - für andere oft Anlaß zur Heiterkeit, für die Betroffenen weniger schön, weil Demente sich rasch verunsichert fühlen, geradezu geängstigt. Eine Patientin fanden wir einmal im Abfallraum vor, entspannt gebettet auf einem Stapel schwarzer 120- Liter-Mülltüten, die überhaupt nicht verstand, warum wir sie aus ihrer kuscheligen Lage entrissen. Also, Angst und Verunsicherung schlägt schnell in Agressivität um, so daß demente Menschen sich oft als widerborstig und uneinsichtig gerieren und auch einmal trotzig wie ein störrischer Esel mitten auf dem Gang stehen bleiben, womöglich nackt, und sich partourt nicht ins Zimmer zurückführen und einkleiden lassen wollen. Eine Herausforderung in der Krankenpflege, weil diese Situationen an der Tages- bzw. Nachtordnung sind, eben weil Demente durch die neue Umgebung so verstört werden und meistens nach zwei, drei Tagen wesentlich ruhiger sind, was nicht heißen darf: sediert (ruhiggestellt), sondern einfach aus Gewöhnung an die neuen Räumlichkeiten und Abläufe. Auch bettlägerige = immobile Patienten sind eine Herausforderung. Wechsel der Inkontinenzeinlagen bzw. Lage/Positionswechsel, die in der Pflege nachts mindestens zweimal durchgeführt werden, geraten so rasch zu einer unschönen Choreografie aus Zerren, Festhalten und auf den Kranken Einreden, der sich an den Bettseite oder oder gleich an der Kollegin festkrallt, wobei er, was er an Scheren, Klemmen, Stiften oder Notizzetteln zu fassen bekommt, ungerne wieder freigibt. Letztens lagerten wir so eine Patientin, welche uns mit Ausdrücken belegte, die sich eigentlich nur einer Straßennutte hätten zuordnen lassen. Kategorie unterste Schublade. Immer wieder auch russische Wörter dazwischen, so daß ich fragte, wo sie geboren sei, weil ich den Verdacht hegte, sie sei eine Russenlanddeutsche, was sich jedoch nicht erhärten ließ, weil der Patientin ihr Geburtsort selbst rätselhaft war. Zwei Nächte später dann die Entdeckung, daß sich ihre Agressivität und ihr Unmut sehr einfach und sehr schnell abstellen ließen, indem wir gemeinsam und inbrünstig Frühlingslieder sangen. "Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle.", bei -10°C, was sicherlich der ambitioniertesten Amsel zu weit gegangen wäre. - Singen ist im Umgang mit dementen alten Menschen ein probates und schönes Mittel. Optimal wäre eine bessere Beherrschung des Liedtextes; schließlich will man sich nicht vor einer 90-Jährigen Frau blamieren. (27.2.2018)


Frugalismus

Ich wußte gar nicht, daß es für meine Art des minimalistischen Lebens den neuen Begriff Frugalismus gibt. So sparsam leben wie möglich, um sp zeitig wie nur möglich ausgesorgt zu haben, um nicht bis 67 auf allen Pötten pulxen zu müssen. Mit meinen knapp 52 Jahren bin ich quasi auf der Zielgeraden. Geiz ist eben doch geil. Die Idee der Konsumverweigerung ist nicht neu. Als Vorbild der Frugalisten gilt der US-Kanadier Mr. Money Mustache, der mit 30 nicht mehr auf ein Einkommen angewiesen war. In Deutschland macht Oliver Noelting (auf Facebook) diese Idee publik, der in seinem Blog schreibt: "... wollte ich die US-amerikanische FIRE-Community, die Philosophie von Mr. Money Mustache und Early Retirement Extreme nach Deutschland bringen. In den USA ist Financial Independence and Retiring Early mittlerweile eine regelrechte Bewegung geworden. Die Fans von Mr. Money Mustache nennen sich selbst Mustachians, fast wie ein religiöser Orden." - "Wer finanzielle Freiheit beziehungsweise 'early retirement' anstrebt, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit ein überdurchschnittlich ausgeprägtes Bedürfnis nach Unabhängigkeit in Verbindung mit dem Drang (Geld) zu sparen." Yep. "Wenn du stets die Hälfte deines Einkommens sparst, musst gerade einmal 18 Jahre arbeiten, bis du jobfrei bist." - Das rechnet sich freilich nur, wenn man einen einigermaßen gut bezahlten Job hat und eben sparsam lebt. Bei mir klappte das ganz ordentlich, obwohl ich als gelernter DDR-Bürger erst nach der Wende, also in den späten Zwanzigern dazu kam, Geld zurückzulegen. 1984 aus der 10. Klasse gekommen, bis 1986 Koch gelernt. Als Lehrling erhielten wir im ersten Jahr netto 108.- Mark monatlich, im zweiten etwas mehr. Damit war wenig Staat zu machen. Als Geselle verdiente ich bis 1986 etwas mehr als 500.- Mark, wovon beispielsweise 120.- Kostgeld an meinen Vater ging. Zwischen 1986 und 1989 auf dem Studienkolleg (humanistisches Altsprachen-Abitur) gab es überhaupt kein Einkommen. Zur Wende war ich demnach 23 Jahre alt und hatte 3500.- Mark auf dem Sparbuch. Begann als Hilfspfleger zu arbeiten und konnte meine Ausbildung zum examinierten Krankenpfleger zwischen 1991 und 1994 absolvieren. Ordentlich Knete kam also erst in diesen zurückliegenden 24 Jahren seit 1994 herein. Aber immer schon Minimalist/Frugalist, sparte ich selbst in den ersten einkommensschwachen bis -freien ersten 10 Jahren meines Ausbildungs/Erwerbslebens (1984-1994). Und jetzt wird es langsam Zeit zu ernten, die Früchte einzubringen und zu genießen. Freilich, mit 40 Jahren in Rente zu gehen wäre nur mit einer ungebrochenen westdeutschen Biografie zu verwirklichen gewesen. Mit dem von mir Erlebten und Erworbenen sollte mir ein sukzessives Downsizing jedoch locker gelingen. Seit 1,5 Jahren arbeite ich bereits mit nurmehr 32 Wochenstunden und will sie weiter reduzieren, um dann in einigen Jahren möglicherweise doch im Prinzip arbeitsfrei zu leben. (22.2.2018)


Pekuniäres Polster

Gestern Nachmittag habe ich Post der letzten 30 Monate aufgearbeitet = geordnet und abgeheftet bzw. aussortiert. Erstaunlich, wie scheinbar unwichtig = folgenlos das Meiste doch ist. Schreiben des Vermieters, der Versicherungen, der Kranken- und Zusatzkasse, der Bank, der Bausparkasse, des Arbeitgebers, des Energieversorgers, der LVB (Leipziger Verkehrbetriebe) und natürlich die Unmengen an Gehaltscheinen. Rechnungen habe ich natürlich immer herausgefischt und oft erst bezahlt, wenn die erste Mahnung eintrudelte, so öfter bei der GEZ. Mein einziges Zeitschriftenabonement zahle ich seit 1991 alljährlich pünktlich. Dringliche oder relevante Sachen habe ich bei all der liegen gebliebene Post nur in einem Fall übersehen: ich fand eine neue Gesundheitskarte meiner Krankenversicherung (KKH). Da ich die alte aber ungehindert bis dato nutzen konnte, obwohl in dem Schreiben angegeben war, daß sie mit der neuen ungültig würde, scheint die Chose auch nicht so wichtig zu sein. Meine Depression, meine Antriebslosigkeit ließen mich vor dem Wust an Papier, den Stapeln ungeöffneter und geöffneter, aber nicht gelesener Post kapitulieren. Das war in den vergangenen 20 Jahren immer so. Wie es der Zufall so will, erreichte mich ein Anruf meiner Bausparkasse, die mir einen Gesprächstermin abrang. Vor Jahren wurde mir ein zweiter Bausparvertrag aufgeschwatzt; über einen laufen die Vermögenswirksamen Leistungen (VML), der andere ruht irgendwie. Ich bin gespannt, was mir der Berater am Donnerstag verkaufen will und ob ich stark genug sein werde, den zweiten aufzulösen und nur denjenigen mit den VML behalten. Ich ahne ja, was - wie schon beim letzten Mal - passieren könnte. Der Berater will mir einen neuen Vertrag für die VML aufzwingen und den jetzigen in eine Ruheposition befördern, womit er wohl Provision kassiert. Leider verfüge ich über keinerlei Wissen, das ich anbringen und einsetzen könnte, um mich argumentativ zu wehren, wenn ich überzeugt werden soll, die VML aus dem vorhandenen Vertrag in einen neuen zu überführen. Das einzige, was mir einfällt: möglichst stur bleiben und, wenn ich mir der Status quo nicht garantiert wird, alle Bausparverträge auflösen zu lassen. Tabula rasa. Ganz ehrlich? Ich befinde mich eigentlich in einer komfortablen Situation. Unabhängig von irgendeiner Rente, die ich einmal bekäme, würde mein Vermögen mir schon jetzt gestatten, 30 Jahre lang - mehr kalkuliere ich nicht! - über monatlich 1000.- Euro zu verfügen. Das allein ist bereits mehr, als ich immer schon ausgebe. Meine durchschnittlichen Ausgaben betragen 750.- Euro per Monat. Die Altersrente gibt die RV mit derzeit 1570.- Euro an. Hinzu käme noch eine Betriebsrente von 460.- Euro. Momentane Erwerbsunfähigkeitsrente betrüge 1170.- Euro. Somit befinde ich mich in der Situation, potenziell ohne Rente 30 Jahre lang leben zu können bzw., wenn man augenblickliches Vermögen und in Aussicht gestellte Rentenzahlungen zusammen rechnet, mit monatlich 3030.- Euro leben zu "müssen". Das ist hanebüchen viel, weswegen ich, wenn Ende 2018 meine Stundenbefristung (80% = 32 Wochenstunden) ausläuft, diese restriktiver zu erneuern und nur noch 60% = mit 24 Wochenstunden = 3 Arbeitstagen wöchentlich weiterzumachen. (16.1.2018)


Noroepidemie auf Station

Zugegeben, ich bin heilfroh, heute und in den nächsten Tagen nicht auf Station sein zu müssen. Grund dafür sind nicht die üblichen Querelen der tägliche Arbeit in der Pflege, sondern eine Epidemie mit Durchfallkeimen, die sich rasch entwickelt. Es beginnt logischerweise mit 1 Patient, wodurch sofort der Mitpatient mitbetroffen ist, der als Kontaktperson behandelt und ebenfalls isoliert wird, auch wenn er symptomfrei (weder Durchfall noch Erbrechen noch Übelkeit) ist. Exponenziell eskaliert die Situation, sobald ein zweiter, dritter, vierter Patient damit anfängt. Immer geschieht das plötzlich und für den Betroffenen verheerend. Schnell sind keine separate Zimmer für Kontaktpersonenn mehr vorhanden, so daß diese im infektiösen Zimmer verbleiben und sich der immensen Gefahr der Co-Infektion ausgesetzt sehen, die sich aufgrund der Virulenz der Keime in vielen, vielen Fällen sehr reell auswirkt, was man dann auch riecht und meist kein Laborergebnis benötigt, um zu erkennen, um welchen Keim genau es sich handelt. Innerhalb von ein, zwei Tagen waren auf diese Weise am Wochenende ruckzuck 9 = die Hälfte aller Zimmer betroffen. Akute Gastroenteritiden (z.Z. speziell durch den bei Kälte sehr aktiven Norovirus) bedeuten eine enorme Mehrarbeit auf Station. Materialien wie Bettwäsche, Inkontinenzartikel, Isoliermaterialien müssen herangeschafft und entsorgt werden. Der zeitliche Aufwand ist beachtlich, wenn man andauernd Patienten mit den Symtomen versorgen - was heißt: reinigen & waschen muß, Pingpong zwischen Toilettenstuhl & Bett oder Schieber rauf und wieder runter, Tee kochen, Zwiebackorgien... Es geht zuungunsten der sonstigen Arbeit. Zudem nerven die Schutzmaßnahmen wie ständiges An/Ausziehen von Handschuhen, Mundschutzen und Kittel, das quasi Dauerbaden im Desinfektionsmittel. Deswegen bin ich heilfroh, in dieser epidemischen Phase, in der sicherlich noch mehr Infektionen dazukommen, zuhause sitzen zu können und, wenn man ab und an gewillt ist, den Kollegen auf Arbeit ein wohliges Bedauern gönnen zu können. (15.1.2018)


Stolpersteine (4)

Die Woche vor und nach dem Jahreswechsel ist für Erkrankte suboptimal. Die Praxis meiner Hausärztin (HÄ) hat erst ab kommendem Montag wieder geöffnet. Bis heute bin ich krank geschrieben durch eine Ärztin, die ich gefunden hatte, nachdem die zwei ausgewiesenen Vertretungsärzte ebenfalls im Urlaub waren und ich vergebens an deren Tür gestanden hatte. Da ich in dieser Woche infolge glücklicher Umstände nur am Wochenende arbeiten muß, entschied ich mich heute, mich als arbeitsfähig auf Station zurückzumelden mit der Maßgabe für mich, wenn es nicht geht, am Montag bei meiner HÄ aufzuschlagen. Es ist kompliziert. Meine HRST (Herzrhythmusstörungen) sind nicht behoben, treten heute aber etwas weniger oft und etwas abgemildert auf. Mangels externen Rates habe ich ein Experiment gewagt und zwei Wirkstoffe meiner Antihypertensiva (Ramipril und Amlodipin) pausiert. Ramipril nehme ich noch nicht so lange ein wie die anderen, so daß ich mir dachte: Wenn Nebenwirkungen der Tabletteneinahme an den Arrhytmien beteiligt gewesen sein sollen, dann solche von Medikamenten, die sich noch nicht so bewährt haben wie diejenigen, die ich schon mehr als zehn Jahre lang nehme (Valsartan, Bisoprolol). Sollte sich mein Verdacht bestätigen, wäre das toll. Allerdings fehlen mir jetzt zwei Wirkstoffe=Tabletten gegen den Bluthochdruck. Eben weil mir kein Arzt zur Seite steht, ist dies unbefriedigend und belastend. Selbstversuche sind seitens der Mediziner zudem nicht gern gesehen. Mir bleibt jedoch nichts anderes übrig, als bis Montag, wenn meine HÄ wieder auf der Praxismatte steht, in Eigenregie herumzumurksen. (3.1.2018)


Vom Nichtmehrpurzeln der Pfunde

Bei Claudia Klinger in ihrem Blogeintrag "7 Kilo plus!" kommentiert: "Bei mir ist es noch krasser. Nachdem mein Gewicht von Dezember 2015 bis Juli 2016 um 32 Kilo geschmolzen war (von 114 auf 82 kg), hielt ich dieses Gewicht bis Dezember 2016. Dann brach meine Kontrolle zusammen; im vergangenen Jahr aß ich wieder unkontrolliert und nahm bis dato 22 Kilo zu und hatte vorgestern 104 kg auf der Waage. Das Abnehmen gelang mir fast nebenbei, indem ich die Erkrankung im Dezember 2015 dazu nutzte, mit dem Saufen aufzuhören, wodurch die Pfunde in den nächsten Wochen wie von selbst purzelten, weil die Kalorien des Alkohols wegfielen. Diesen Effekt nutzte ich, auch meine Ernährung einzuschränken. Irgenwann war ich im Flow des Abnehmens, aß nur einmal täglich zur selben Zeit abends um 18.40 Uhr während des Hintergrunds im Deutschlandfunk. Das Doofe ist, wenn, wie auch du schreibst, die "Motivation in den Keller" rutscht. Ich gestattete mir immer mehr Ausnahmen vom strengen Regime, mit dem ich doch eigentlich über 1 ganzes Jahr hinweg so wunderbar zurecht gekommen war. Und wenn man den kleinen Finger reicht, wird die ganze Hand genommen. Sobald ich die Kontrolle verloren hatte, gab ich ganz auf und aß fast täglich Eis. Jede Rückkehr zum alten Regiment verschob ich von Woche zu Woche. Und es ist kurios: Es ist nahezu unmöglich, mit einfachen Bestrebungen und losem Willen wieder zu der Einfachheit der Nahrungskontrolle zurückzufinden. Ich konnte mich ein ganzes Jahr lang nicht durchringen, auch nur einen Versuch zu wagen. Vor 5 Tagen sorgte eine neue Erkrankung dafür, daß ich die Lust auf Essen verlor, weil es mir dreckig geht. Jetzt ist zumindest ein erster Schritt geschafft: einige Tage mit recht leerem Magen, in denen ich die Kontrolle über die Kalorien wiedergewann. Wichtig jetzt, sich Nahziele zu setzen. In meinem Fall wäre das, nicht weiter zuzunehmen und möglichst unter 100 kg zu kommen. Allerdings schiele ich zurzeit weniger auf die Waage und lasse die Entwicklung einfach geschehen, ohne sie zu forcieren, weil meine aktuelle Erkrankung eine ganz andere Baustelle darstellt, durch die die Gewichtsproblematik an Dramatik verliert." (3. Januar 2018)


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