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Selbsterlebtes und Notizen aus dem Alltag


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Das Krankenhaus in Grünau

In unserem Haus gibt es seit Montag eine Kinderstation (PDF). Das Krankenhaus St. Georg unterhält neben dem Hauptstandort in Eutritzsch mehrere andere Kliniken an anderen Standorten, so auch in Grünau, wo wir seit 13 Jahren im Neubau arbeiten. Den Leipzigern bekannt ist die Klinik durch die mehr als 100-jährige Tradition in der Lungenheilkunde (Pulmologie). Viele wissen gar nicht, daß sich das Profil der von den Ortsansässigen auch "Hustenbude" titulierten Klinik seit mehr als zehn Jahren sehr gewandelt hat. Nachdem wir - das Stadtkrankenhaus in der Lindenauer Friesenstraße 8 - im Juni 2004 nach Grünau in den An=Neubau zogen, erweiterte sich das Spektrum. Neben der tradionellen Fachrichtung Pulmologie (Station 1A + 1B) mit einer Wachstation (Intermediate Care=IMC) gab es seit Jahren die Bereiche Kardiologie und Gastroenterologie (Station 2A). Die Intensivstation (ITS) ist rein internistisch und war auch früher schon im Stadtkrankenhaus beheimatet. Ich selbst arbeite auf einer gemischten Station (2B), welche die zwei Fachbereiche Onkologie und Akutgeriatrie umfaßt. Bis vor wenigen Jahren bestand hier noch eine rein internistische Station mit dem Schwerpunkt Diabetes und (zwischenzeitlich über mehrere Jahre hinweg) Rheuma. Beide Bereiche wanderten ins "Haupthaus" nach Eutritzsch. Wir hatten uns also, nachdem wir jahrzehntelang vor allem in der Diabetologie Wissen und Skills erworben hatten, innerhalb recht kurzer Zeit umzuorientieren. Unsere 38-Betten-Station (2B) liegt im zweiten Stock direkt neben der Schwesterstation 2A (Herz + Magen/Darm) - beide historisch aus dem Stadtkrankenhaus in Lindenau und später hier in Grünau so genannten MKW (Medizinische Klinik West) hervorgegangen. Die Pädiatrie (Kinderstation) eröffnete nun im zweiten Stock des Altbautrakts, wo früher eine pulmologische Station ansässig gewesen war. Im ersten Stock des Altbau arbeitet das vergrößerte und modernisierte Schlaflabor. Beide Kliniken mußten zusammenwachsen. Denn das Stadtkrankenhaus, nach dem Zweiten Weltkrieg in einer Lindenauer Schule entstanden, und die Robert-Koch-Klinik in Grünau (bis zur Errichtung des Neubaugebietes in den späten 70ern sozusagen ein Krankenhaus am Rande der Stadt) waren jahrzehntelang eigenständige Betriebe in verschiedenen Stadtteilen. 1997 schloß man sich zur "Städtischen Klinik Leipzig-West" zusammen; im Jahr 2000 endete die Autonomie, es erfolgte die Übernahme durch das St. Georg. 2004 wurde das Stadtkrankenhaus von Lindenau nach Grünau umgesiedelt und nannte sich zwölf Jahre lang "Medizinische Klinik West". Seit 2016 gibt es alle oben aufgezählten Stationen und Fachbereiche einheitlich unter dem Namen DAS Robert-Koch-Klinikum am Klinikum St. Georg gGmbH. Eine Kinderstation ist jedenfalls Neuland für uns. Fachbereiche kommen und gehen, Umstrukturierungen gehören zum Hobby großer Konzerne, wovon sich ein großes Krankenhaus mit 3370 Mitarbeitern nicht ausnimmt. Deswegen ist es ganz vernünftig, vom Werdegang zu erzählen, ihn festzuhalten und zu begleiten. Durch die Pädiatrie und einen diensthabenden Arzt in der Notfallambulanz verfügen die Menschen im Westen Leipzigs und Markranstädts nun also auch über einen ortsnahen Anlaufpunkt für erkrankte Kinder. (25.11.2017)


Sendungsstau

Seitdem ich angefangen habe, Mediatheken abzugrasen, um politische, kulturelle und gesellschaftliche Sendungen und Journale ansehen zu können, sammelte sich zunächst ein Wust an. Bestimmte Sendungen konnte ich "schaffen", d.h. ich bin bis an die jeweilige aktuelle "heran". Diverse andere stauen sich noch. Insgesamt liegen hier knapp 100 Sendungen herum aus den Reihen "aspekte", Kultur21, "artour"; "kunscht", "titel, thesen, temperamente"; ndr-kulturjournal, "auslandsjournal" und "Weltspiegel". Ich müßte schon wochenlang durchgucken, um das zu bewältigen. Glücklicherweise werden Beiträge herumgereicht. Sie tauchen in vielen anderen Sendereihen wieder auf. Beispielsweise kam heute zum dritten Mal ein Bericht über die Geschichte der Zooarchitektur. Und eben, in der heutigen Kulturzeit-Sendung, wurde über eine Retrospektive zum Werk von Jil Sander berichtet, die ich bereits sah. Je mehr ich nun also diese Journale "schaffe", desto schneller komme ich voran, weil sich bereits Gesehenes überspringen läßt. Manches ist auch "verjährt"; so mußte ich einen weiteren Bericht über die G20-Proteste nun nicht mehr goutieren. Oder über das Filmfest in Avignon, die Filmfestspiele in Cannes u.a.m. Die Zielgerade ist noch nicht in Sicht, aber der o.g. Wust lichtet sich allmählich. (14.11.2017)


Du bist Facebook

Der Essay (von John Lanchester; Text) über Facebook war beklemmender, als ich dachte. Unbedingter Hörbefehl. Selbstverständlich war mir klar, daß unsere/meine Daten gesammelt und weitergegeben werden, daß einmal im Netz hinterlassene Spuren nie verschwinden. Aber wie konsequent Facebook & Co das durchziehen, ist beängstigend. Wenigstens zahle ich immer bar und auch meine Kontobewegungen lassen nur einen Rückschluß zu: daß mit mir kein Staat zu machen ist, daß ich als Konsument eine Totalniete bin. Interessant am Ende die Zahlen, daß Firmen wie Facebook und Google die Menschen ausgehen. 2 Milliarden monatlich aktive Nutzer - rein rechnerisch könnten nur mehr Kunden aus dem Pool gewonnen werden, der keinen Internetzugang besitzt. Die 100 Russen im Internet nutzen ein eigenes "Facebook", die Chinesen werden rüde aus dem frei zugänglichen Netz ausgeperrt. "Martínez vergleicht Zuckerberg mit Alexander dem Großen, der geweint haben soll, weil es keine Reiche mehr zu erobern gab." Also bastelt man an Methoden, beispielsweise ländliche Räume zu erschließen: "Facebook entwickelt ein Projekt, das eine solarbetriebene Drohne namens 'Aquila' involviert, die die Flügelspanne eines Verkehrsflugzeugs hat, weniger als ein Auto wiegt und im Flug weniger Energie verbraucht als eine Mikrowelle. Die Internetdrohne soll schwer zugängliche, bislang nicht vernetzte Regionen der Erde umkreisen, wobei sie pro Flug bis zu drei Monate in der Luft bleiben kann." - Ganz ehrlich? Ich möchte kotzen. (7.11.2017)


Augenprobleme (3)

Nachdem diese Miszellen vier Monate offline waren, wofür ich gesundheitliche Gründe angab, geht es vorerst weiter. Die gesundheitlichen Einschränkungen beziehen sich auf meine Augen. Zunächst mußte das rechte Auge gelasert werden, weil sich durch einen Zufallsbefund ein Netzhautschaden abgezeichnet hatte. Seitdem, obwohl die Augenärztin bei mehreren Terminen versicherte, alle sei nun in Ordnung, plagen mich Beschwerden, die es verunmöglichten, zu lesen. Man schob das Zwicken, Zwacken und Brennen des rechten Auges auf ein so genanntes "Trockene Auge". Die Situation verbesserte sich nicht. In den vergangenen Tagen wurden die Symptome sogar wieder schlimmer. Bei dieser Sachlage wäre es unklug gewesen, sich eine neue Fernbrille anfertigen zu lassen, auch wenn dies längst schon geboten gewesen war. Dadurch aber, daß die Brille gestern zerbrochen ist, sehe ich mich gezwungen, den Optiker aufzusuchen. Außerdem verschlechterte sich die Sehkraft des rechten Auges in dieser Zeit. Die Lage wird von mir, der ich bekanntlich sowieso nicht zum Strahlemann tauge und keinem obzessiven Optimismus fröne, als zerfahren und unerklecklich empfunden. Ich drücke dies bewußt mit einer Passivkonstruktion aus; denn ich stehe dem, was geschieht, so hilf- und ratlos gegenüber. Probleme soll man in kleinen Schritten lösen. Demnach bleibt mir gar nichts anderes übrig, als das Unerläßliche zu tun: mir einen neue Fernbrille machen zu lassen, unabhängig von einem sich möglicherweise verschlimmernden rechten Auge. Ob ich je wieder lesen kann, ist ungeklärt. (10. Oktober 2017)


Nach der Bundestagswahl

Wie mich die Erklärungsversuche, die Analysen nach der Wahl ankotzen! Bin ich denn auf verlorenem Posten, wenn ich noch ganz andere Entwicklungen für wahrscheinlich halte? Der Aufstieg der AfD, die sich nun im Bundestag etabliert, wird weitergehen. Jetzt ist sie in aller Munde, Tages-, ja Stundengespräch. Die Inhalte ihrer Vorstellungen, Pläne und Sichtweisen werden durch die Medien ständig wiederholt und auch dem letzten Hirn, das sich jetzt noch tapfer zu wehren versucht, eingetrichtert. Die Ideen der blauen Nazis werden potenziert weitergegeben, Tröpfchen für Tröpfchen, Fünkchen für Fünkchen. Wenn die nächste Krise kommt - und es werden in den kommenden Jahren Flüchtende en masse kommen, es werden weitere schlimme soziale Verwerfungen entstehen -, wird die politische und gesellschaftlich-damokratische Ordnung gehörig bröckeln. Die Zivilisations- und Demokratieschicht ist dünner, als Gutsituierte glauben, zu denen ich Politiker, Funktionäre von Vereinigungen, Manager und alle sicher Verdienenden rechne. Ich denke, daß die meisten Menschen, darunter leider auch die Gutmeinenden, die politisch Ambitionierten, die Tragweite dessen, was vor uns steht, nicht erkennen. Ich bin nicht als Prophet geboren, fühle mich aber gerade als In-die Wüste-Rufer, auf verlorenem Posten. Ich verfolge krankheitsbedingt in den letzten Monaten vermehrt politische Sendungen, Journale usw. und sehe, wie man versucht, mit herkömmlichen Methoden Dinge zu erklären und zu lösen. ("Ich kann nicht erkennen, was wir jetzt anders machen müßten", Angela Merkel am 25.9.2017) - Die SPD wird in 4 Jahren auf das Niveau der jetzigen anderen Fraktionen abgesunken sein; sie will nicht wahrhaben, daß sie überlebt ist. Im Januar, als der Schulz-Effekt einsetzte, kennzeichnete ich ihn bereits als Zwischenhoch, als Aufbäumen, als SPD-Supernova. Wäre man Masochist, könnte man sich augenblicklich wohlig seufzend zurücklehnen und genießen. Als Sachse lebe ich, wie die Statistiken zeigen, mitten unter Menschen, denen die Fremdfeindlichkeit, die Angst vor dem Verlust ihres mühsam Erworbenen ins Gesicht geschrieben steht, die überzeugt sind, daß Ausländer mordend, plündern, brandschatzend und vergewaltigend durch die Gegend ziehen werden. Das zivilisatorisch Wohlwollende wird unter der AfD und/oder weiteren Organisationen schnell sicht-, merk- und spürbar verschwinden. So lange es noch eben geht, wird die Wirtschschaft weiterwurschteln, die Gewinne maximieren, werden Vereinbarungen, Um- und Ausstiege in Klimafragen nach hinten verschoben und in ihren inhaltliche Konsequenzen verwässert. Von einem möglichen wie auch immer gearteten Krieg (Nordkorea, Kurden...) gar nicht erst zu reden... Noch am Schluß: Es wäre ZU schön, wenn ich mich irrte! (28. September 2017)


Augenprobleme (2)

Die Augenprobleme haben mich von der Lektüre weggebracht. Vor dem Kontrolltermin nach der Laserung war ich in der vergangenen Woche schon einmal bei Augenarzt, der mir aber nur künstliche Augenflüssigkeit mitgab. Vorgestern fand die Ärztin beim regulären Termin nichts Weltbewegendes und gab mir wiederum Tränenflüssigkeit mit. Die Beschwerden bestehen fort; eine Lektüre ist so mühsam, daß ich sie fast gänzlich scheue und in den letzten drei Wochen eher Serien & Co geguckt habe. In knapp zwei Wochen nochmals zu einem Kontrolltermin. Wenn dann nichts konkret Pathologisches am Auge bemerkt wird, soll der Hausarzt weitermachen. Etwas Merkwürdiges gibt es aber. Während der Untersuchung diktierte die Ärztin der Praxisschwester am PC "Foramen", also ein Loch im Auge. Ob nun Makula oder Retina, weiß ich nicht. Und eigentlich ist ein Foramen ja etwas Pathologisches, was dringend behandelt werden muß. Oder ist das Loch erst durch die Laserung entstanden? Fragen, die erst jetzt zuhause beim Nachdenken entstehen und die ich beim nächsten Termin unbedingt stellen muß. Denn wenn man googlet, werden bei Thema "Foramen" stets verzerrtes Sehen und Einbuße der Lesefähigkeit erwähnt. Es ist unschön, so mühsam mit einer vermeintlichen gesundheitlichen Störung umgehen zu müssen, so abhängig zu sein von Faktoren wie Kommunikation mit Therapeuten und vor allem mit der Zeit, was heißt: warten zu müssen, Wochen vergehen zu lassen und sich weiterhin um Unklaren zu fühlen. Und noch unschöner wäre die Aussicht, kaum noch lesen zu können. Erkrankungen am Augen sind nun das Schlimmste, was mit mir passieren könnte, wenn es mit dem Verlust der Lesefähigkeit verbunden wäre. (20. Juli 2017)


Augenprobleme (1)

Wieder auf der regulären Spur = montags bis mittwochs frei, donnerstag bis sonntags Nachtdienst. Zumindest bis zum Urlaub in der letzten Juliwoche. Zurzeit keine Lektüre, was nicht nur, aber auch an Augenproblemen liegen mag. Das rechte Auge tränt, schmerzt ein bißchen; zudem verstärkt sich der Eindruck einer zunehmenden Sehschwäche. Nachdem das Auge vor 10 Tage gelasert worden ist, will ich nicht gleich wieder zum Arzt rennen, zumal in zwei Wochen sowieso der Routinekontrolltermin ansteht. Da ich es versäumt habe, im letzten Jahr zum Optiker zu gehen, um mir eine neue Brille anfertigen zu lassen, ist jetzt ein denkbar ungünstiger, wenn nicht wenig ratsamer Augenblick dafür, weil der Visus (Sehstärke) durch die Lichtkoagulation möglicherweise schwankt und ich eine neue Brille nach wenigen Wochen oder Monaten unter diesen Umständen nicht mehr passen könnte. Meine alte (Fern)Brille trug ich seit mehr als einem halben Jahr überhaupt nicht mehr, was die Situation zusätzlich verschärft haben muß und ich derzeit derart verunsichert bin, daß ich nicht weiß, an welcher Stelle ich ansetzen und agieren müßte. Eingedenk meiner durch die Depression untermauerten Antriebs- und Entscheidungslosigkeit bin ich gefangen in einem Zirkel & Kreislauf von Skrupel und Ratlosigkeit. (5. Juli 2017)


Vielviel MP3MP4

An Arbeitstagen kann ich es knicken, mich planmäßig zu informieren, Nachrichten, Radio- und Fernsehbeiträge anzusehen. Ich schlafe bis nachmittags, sagen wir 16 Uhr, verfüge über vier Stunden Freiraum, der für solche Vorhaben zu wenig Platz läßt. An den freien Tagen hole ich dann einiges nach. Bis jetzt eher stümperhaft, in den letzten Wochen und Tagen routinierter und stringenter. Immerhin summiert sich selbst ein beschränkter Plan, was die aufgewendete Zeit betrifft, rasch. An erster Stelle stehen die Presseschauen, die Internationale Presseschauen und die Kulturpresseschau des Deutschlandfunks. Wenn ich diese nacheinander für vier Tage nachhörte (4 x 3 x 6 Minuten), wären schon mal 70 Minuten weg. Der Faktor 4 steht für vier Arbeitstage, an denen ich nichts hören kann. Die Tagesthemen kosten 4 x 30 Minuten. Desgleichen und mit höchster Priorität schlägt die 3SAT-Kulturzeit zu Buche: 4 x 40 Minuten. Weiterhin an hörbaren Optionen sammle ich dank des Archivs Audiodateien von zahlreichen anderen Sendungen: Hintergrund (4 x 20 Minuten), Forschung aktuell (4 x 30 Minuten), Tag für Tag (4 x 30 Minuten), gerne auch Interviews, Features, "Essays und Diskurs" u.v.m. Neuerdings teste ich dank meines fantastischen Mediathekstaubsaugers noch weitere und andere Sendungen wie Kunscht! (ARD; 4 x 30 Minuten) oder den für lokale und regionale Belange interessanten Sachsenspiegel (MDR; 4 x 30 Minuten), abgesehen von Dokumentationen wie z.B. 37 Grad (ZDF) oder neuerdings arte-Dingens (z.B. "Die große Literatour" mit Filmen bisher zu Mark Twain, John Steinbeck, Goethe oder Joseph Roth). Usw. usf. etc. pp... - Worauf ich hinauswill? Ich könnte und MÜSSTE das Smartphone und mit ihm die Gewohnheit, ständig nach Neuem zu gucken (WhatsApp, Facebook, Twitter), sofort wegtun! Ohne ihm könnte, wenn ich allen Optionen nachginge, mir alle *.mp3- und *.mp4- Dateien reinzöge, die ich mir alle paar Tage in einem Hauruckverfahren auf die Festplatte lade, an meinen freien Tagen stundenlang und ohne Pause durchsehen. Noch nutze ich diese Vielfalt zu wenig und zugunsten weit flacherer Sachen wir Serienfolgen, die mich jedoch in der letzten Zeit immer weniger zufriedenstellten, so daß mich die den Geist ansprechenderen medialen Schätze mehr und mehr reizen. Laß also Taten folgen, möchte ich mir zur Erinnerung und Motivation zurufen! (23. Juni 2017)


Sprachkonvikt

Der Deutschlandfunk über das Berliner Sprachenkonvikt, eines der Bildungsenklaven der evangelischen Kirche in der DDR, von denen mir das Naumburger Proseminar schon damals geläufig war, weil ich einmal einen Seminaristen kennenlernte. Selbst genoß ich im Norbertinum das Privileg, ein Abitur mit Altsprachen zu absolvieren, weswegen ich die Bezeichnung "Märchenschloß" im DLF-Beitrag sehr gut nachvollziehen kann; denn wir in Magdeburg, unter katholischer Ägide, verlebten drei Jahre in analoger Abegeschlossenheit und fern des DDR-Alltages. Noch jetzt, fast 30 Jahren nach Verlassen des Studienkollegs, profitiere ich von dem, was ich dort erfuhr, lernte und erlebte. Es prägte mein Leben. Für diejenigen katholischen Jugendlichen bzw. Männer, die das Abitur an DDR-Schule bereits erreicht hatten und Theologie studieren wollten, gab es den einjährigen Altsprachenkurs in Schöneiche, wo man sich die für das Erfurter Studium der Philosophie und Theologie nötigen Kenntnisse in Latein und Griechisch aneignen konnte. Wir besuchten während unserer dreijährigen Ausbildung (1986-89) die "Kollegen" in Schöneiche einmal. (9. Juni 2017)


Der lange Frieden

Liisa formuliert ihr und unser aller Unbehagen angesichts unserer Machtlosigkeit, unseres Schweigens, unserer Passivität in Zeiten des Friedens, des Noch-Friedens, muß mittlerweile präzisiert werden. Psychologisch ist es erklärbar, daß man die Schotten dicht macht, daß man nur ein bestimmtes Maß an Leiden erträgt. Der Körper wird dann bewußtlos. Was macht der Geist, wenn er sich tagtäglich mit Nachrichten über Bombenattentaten, Flüchtlingstoten und den ganzen Greueln in den Kriegen und Zwisten auf der Welt konfrontiert sieht? Wenn keine unmittelbare Bedrohung besteht, wendet man sich dem Tagesgeschehen zu. Ich kann den Krieg in Syrien nicht verhindern; nicht einmal lindern kann ich ihn. Freilich, ich kann Geld an Hilfsorganisationen überweisen. Nur gewinnt man so nie ganz die genugtuende Erkenntnis, wirklich und spürbar geholfen zu haben. Ein Mißtrauen bleibt, ob man nicht mehr in die Bürokratie investiert hat als in eine konkrete Hilfsmaßnahme. Ich gebe zu, es mangelt mir an Altruismus. Ich könnte als Krankenpfleger sicherlich in ein Krisengebiet reisen, um vor Ort zu helfen. Weil ich aber eben nur ein Leben habe UND weil ich prinzipiell schwarz für die Welt sehe, so daß mein Quäntchen Einsatz den Untergang sicherlich nicht abwendete, muß es ohne mich gehen, solange ich nicht HIER vor Ort gefordert würde. Allein schon wegen meines Jähzorns weiß ich, daß ich bei nahen Ungerechtigkeiten eingriffe. Bei obrigkeitlichem Unsinn werde ich sowieso immer renitent. Wollen wir hoffen, daß der lange Frieden, über den Liisa geschrieben hat, nicht noch brüchiger wird. Ich habe keine Lust, in den Krieg zu ziehen. Nicht aus Larifari verweigerte ich damals den Kriegsdienst in der DDR und bin als Spatensoldat gemustert worden. Einem totalitären System gegenüber würde meine Renitenz bestimmt keine mir förderlichen Blüten treiben. (2. Juni 2017)


Krankheit & Gesundheitswesen

In Claudia Klingers Blogbeitrag Vom Umgang mit Krankheit im heutigen Gesundheitswesen kommentierte ich wie folgt: "Ich verstehe, was gemeint ist. Dennoch nehme ich gewissermaßen eine konträre Position ein. Auch ich bin gegen unnötige Operationen, gegen die Einnahme immer mehr Medikamente. Ich sehe jede Nacht beim Stellen der Tabletten, was alte Menschen heutzutage meistens schlucken müssen. Daß jedes Zeitalter neue Krankheiten gebiert, zeigen die exponenziell sich entwickelnden Unverträglichkeiten gegen Gluten, gegen Lactose und die vielbeschworene ADHS. Im 19. Jahrhundert fiel man reihenweise in Ohnmacht. Die Hysterie war damals modisch. Im Krankenhaus gibt jeder zweite eine Penicillinallergie an. Es gibt also immer etwas, was man kritisch bedenken, was man hinterfragen muß. Aber erst zum Arzt zu gehen, wenn etwas weh tut, kann fatal sein. Mit meiner fast 28-jährigen Erfahrung in der Diabetologie muß ich sagen, daß der Diabetes eben deswegen so kreuzgefährlich ist, weil er oft nachlässig behandelt wird, eben weil zunächst nichts weh tut. Weh tut es erst dann, wenn der Fuß abgefault ist und amputiert werden muß oder man kurz vorm Erblinden ist, wenn die Nieren aussteigen, wenn einen die neuropathischen Beschwerden schier in den Wahnsinn treiben. Dabei ist die Erkrankung, wenn sie konsequent behandelt wird, in den Griff zu bekommen. Als Problem sehe ich, daß man als Laie gerade in der Medizin zu sehr dem Fachmann ausgeliefert ist. Medizin ist eine Maschinerie, aus der man sich, wenn man einmal hineingeraten ist, kaum noch befreien kann. Patienten, die Grenzen setzen, sind verpönt. Als in der Onkologie und Geriatrie Tätiger erlebe ich das. Wenn man stationär behandelt wird, gerät man in einen Kreislauf, der von systemimmanenten Erwägungen bestimmt ist (Fallpauschalen). Selbst ich als skeptischer und berufserfahrener Pflegender muß immer wieder gucken, was von dem, was man mit mir tun will, wirklich nötig ist. Im letzten Jahr wollte man mir mehr Igelleistungen unterjubeln als in allen Jahren meines Lebens als Patient zuvor. Bleibt zu hoffen, daß z.B. Foren weiterbestehen, die neu Betroffenen helfen und beraten. Bleibt zu hoffen, daß Fragende immer auf Bekannte und Freunde bauen können, die Ahnung von etwas haben und als Mittler zwischen Patient und der Therapeutenschar fungieren." (2. Mai 2017)


Umgang mit Dementen

Eine Patientin, nachdem sie Tage zuvor völlig ruhig und orientiert gewesen ist, reagiert plötzlich verwirrt und aggressiv. Sie meint, ihr geschehe Unrecht, alle seien gegen sie verschworen, die Situation müsse geklärt werden und man werde noch von ihr hören. Mit desorientierten und/oder dementen Patienten diskutiert man eigentlich nicht. Man kann sie nicht überzeugen. Dennoch reizt es uns Pflegekräfte immer wieder, sie auf das aus unserer Sicht total verhedderte Knäuel in ihren Köpfen aufmerksam zu machen. Wenn man stundenlang auf immerdieselben Nachfragen, Äußerungen und Anschuldigungen reagieren muß, versucht man neben den einschlägigen Methoden, die die aufgeregten Dementen beruhigen und die Situation deeskalieren sollen, bisweilen auch Varianten, einfach auch zur Abwechslung bei den von uns stereotyp & dutzendfach vorgebrachten Floskeln gegenüber den umtriebigen, uneinsichtigen und herumirrenden Kranken und alten Menschen. Aus "Gehen Sie bitte auf Ihr Zimmer, es ist Nacht, die anderen schlafen auch", wenn der Patient reisefertig mit gepackter Taschen zum Bus gehen bzw. sich ein Taxi nehmen will, wird dann eben kurzerhand eine Ticketkontrolle durchgeführt, bei der sich herausstellt, daß kein Fahrschein existiert bzw. kein Portemonnaie gefunden wird, um den Taxifahrer zu bezahlen. Mit Hinweisen auf den Fahrplan kann der Demente manchmal zum Bleiben überredet werden, wenigstens bis der Frühbus kommt oder man das Geld fürs Taxi auftreiben kann. Eine erregte Patientin in der letzten Nacht, der ich verdeutlichen wollte, daß sie NICHT in ihrem Pflegeheim sei und die ich fragte, woher sie denn komme, antwortete wie aus der Pistole geschossen: "Ich komme aus Ostpreußen. Ich bin Flüchtling". Da lacht man besser schnell, um nicht bei aller Abgebrühtheit als Pflegekraft weinen zu müssen. (1. Mai 2017)


Abtrieb

In der Krankenpflege, die sich auf einer Geriatrie und Onkologie ja mehr als eine Altenpflege darstellt, begegnet man neben den oft erwähnten belastenden und durch den Zeit- und Leistungsdruck unangenehmen Momenten immer auch lustige und haarsträubende. Was sich betagte und/demente Patienten in der Kommunikation alles einfallen lassen, ist oft tragikkomisch. Tragisch, weil die Komik nur uns ersichtlich ist. Trotzdem finde ich es nicht ehrenrührig, Erlebtes und lustige Dialogsplitter mitunter festzuhalten. Trotz langjähriger Tätigkeit, bei der man meinen könnte, schon alles gesehen und gehört zu haben, verblüffen uns die betagten und kranken Menschen stets mit neuen Erwiderungen und Einfällen. Letztens war ein Patient ungarischer Abstammung sehr lange bei uns und bezeichnete das Steckbecken über Wochen hinweg stereotyp als "Schaufel", so daß wir Pflegekräfte den Begriff nun nicht selten überhaupt anstelle von "Schieber" verwenden, was Außenstehende und Kollegen anderer Stationen und Einrichtungen freilich nicht verstehen können. Ein anderer Patient meldete sich, er habe erneut Abtrieb gehabt. Abtrieb? Auch noch nie vernommen. Gemeint war die mit Urin befüllte Windel als Ergebnis des "Abtriebs". (18. April 2017)


Ein ganz normaler Montagmorgen

Lesen am Tag ist schwer für mich. Ich bin ein Abend- und Nachtmensch. Je dunkler, desto besser. Vorhin wachte ich nach 8 Stunden ungestörten Schlaf recht erholt auf, brauchte aber mindestens 30 Minuten, um in die Gänge zu kommen. Morgendliche Verrichtungen im Sanitärraum, Tee kochen, Mails checken, den Statuseintrag in den Miszellen hier generieren, diverse andere Computerdinge verwalten. Zwischendurch plärrt Whatsapp, ich mußte auf Station anrufen, um mich gesundzumelden, woraufhin 10 Minuten später die Chefin nochmals zurückruft, um mich daran zu erinnern, morgen Nachmittag zur Dienstberatung einzufliegen - an meinem freien Tag, und das, kurz nachdem der Mittwoch als freier Tag flöten gegangen war, quasi eine Hiobsbotschaft nach der anderen in dieser ersten Stunde nach dem Aufstehen. Da bin ich bedient für den Tag. Das empfinde ich als bedrückend, kann mich nicht konzentrieren auf Lektüre. Außerdem ist es draußen so wahnsinnig hell. Mimimi. - Etwas später - Das ist schon frech. Erst wird in der Woche, in der ich krank war, klammheimlich der Mittwoch zum Arbeitstag geändert, was telefonisch dann aber bestritten wird (daß es eine Änderung gab), dann werde ich 10 Minuten später zurückgerufen, um mich zu erinnern, am morgigen Dienstag bitteschön zur Dienstberatung zu erscheinen, womit quasi, nachdem sich gerade der Mittwoch in Rauch aufgelöst hat, innerhalb von zehn Minuten auch noch der Dienstag als ordentlicher freier Tag disqualifiziert wird; denn ich bin dann für 3-4 Stunden unterwegs... Ich komme über diese Frustrationen des Alltags kaum hinweg und kann mangels Auto nicht einmal in die nächste Menschenmenge brettern. - Etwas später - Zu allem Überfluß entdecke ich, kaum sitze endlich an meinem Kindle PW, den ersten Kratzer, den ich mir überhaupt nicht erklären kann. Vorhin war er da noch nicht, und plötzlich leuchtet ein Schlatz auf der Vorderseite. Das heute ist eine Verschwörung, die einem sowieso schon geschwächten, weil herzkranken Choleriker, den Todesstoß versetzen kann. (27.2.2017)


Ein Malstrom

Die Zuversicht der SPD mit dem neuen Kanzlerkandidaten Schulz verstehe ich nicht. Die politische Landschaft hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend geändert. Die marginalisierte FDP spielt keine Rolle mehr. Zur Bundestagswahl 2013 erreichte die SPD 25,7%. 2009 waren es zwar nur 23%, 2005 dagegen noch 35,2%, 2002 noch 38,5%. Im Jahr 1998 hatte die SPD noch 40,9% der Wähler hinter sich. DAS sind Zahlen, die den Namen einer Volkspartei rechtfertigen. Das heißt, seit 2002 hat die SPD sukzessive verloren. Die aktuelle Wählergunst bescherte ihr knapp 22% - 15% weniger als zu ihren stabilen Zeiten bis zur Jahrtausendwende. Das politische Tagesgeschäft geht weiter. Ich habe den Eindruck, als verstünden die Politiker trotz ihrer Gewieftheit nicht, was in diesem Land, was in Europa, was in den USA wirklich vor sich geht, wir brandgefährlich die Veränderungen sind. Ich neige dazu, den Unkenrufen diesmal zu glauben; ich befürchte sogar, daß die Realität alle Ahnungen übertreffen wird. Die AfD wird, insofern Trump bis dahin nicht überhaupt ganz andere, eingreifendere Tatsachen geschaffen haben wird, unsere Situation gehörig durcheinanderwirbeln. Ich sehe jetzt schon die verständnislosen Gesichter aller Politiker außerhalb der AfD am Wahlabend. Wir schlittern offenen Auges in den Abgrund. Nie hätte ich gedacht, daß das so möglich wäre, daß das wie ein Automatismus vonstatten gehen würde. Eingedenk meiner Lektüre der Tagebücher von Victor Klemperer kann ich nun viel besser nachvollziehen, wie man da mitgetragen wird, ohne sich wehren zu können, wie man gezwungen ist, zuzusehen, wie all das, von dem man glaubte, es sei inzwischen gußeisern (Menschenrechte, Demokratie), in einen Malstrom gerät. Sibylle Berg rät dazu, sich zu bewegen. (31.1.2017)


Altersarmut

Ich gucke eine ZDF-Reportage über Altersarmut. Gerne würde ich noch Näheres wissen. Die geschilderten Fälle haben abzüglich aller Fixkosten zirka EUR 150.- monatlich übrig, die für das Leben reichen müssen, was vor allem bedeutet: zu essen. Bei einer Rente von EUR 1100.-, wie in zwei Fällen, wären das EUR 950.- Fixkosten. So sehr einen der beschriebene Alltagskampf in der Dokumentation auch nahegeht und wütend macht über die Schere zwischen arm und reich, so genau muß man dann hingucken. Bei der bezifferten Höhe der Fixkosten läge in ihnen die Schraube, an der zu drehen wäre. Ich nehme an, daß der größte Posten durch die Miete bestimmt wird. Es nützt kein Drumherumreden. Wenn ich so wenig Rente bekäme, müßte ich mir eine Wohngegend und eine Wohnung in Deutschland suchen, die dem entgegen käme. Heimat und Familie hin und her, man müßte gegebenenfalls umziehen. Ich selbst habe Fixkosten von 517.- Euro. Mit einer Rente von 1100.- Euro wie bei den Rentnern käme ich also locker hin. Und ich könnte einsparen und nehme auch an, daß sich bei den Fixkosten der Rentner einiges tun ließe, damit der Rest für Nahrung etc. etwas größer ausfiele. Als Rentner bräuchte ich keine Monatskarte der LVB (Leipziger Verkehrbetriebe) = EUR 48,90 mehr; denn der Arbeitsweg fiele weg, für den das Abo hauptsächlich gedacht ist. Ich würde meine Handyflat kündigen = EUR 15.- An der Energiepauschale von EUR 39.- kann ich wenig ändern; allenfalls endlich den Schritt zu Energiesparlampen tun. Die Versicherungen von EUR 8,70 (Hausrat + Haftpflicht) sind so minimal kalkuliert, daß hier kein Potenzial zu sehen ist. Die EUR 25.- für den Internetzugang bei 1&1 sind ebenso diskussionswürdig. Aufs Netz würde ich nur im Fall drohenden Hungers verzichten, würde wohl aber einen kostengünstigeren Tarif finden, der für die wichtigen Aktivitäten im Netz reichen müßte. Die EUR 18.- für die GEZ, tja, was genau passiert, wenn man sie nicht zahlte? Und meine Miete von EUR 361,60 ist selbst für Leipziger Verhältnisse günstig. Bilanzierend gesagt, würde ich die Fixkosten um möglicherweise EUR 70.- auf EUR 450.- drücken können. So detailiert würde ich die Fixkosten der in der Reportage beschriebenen Rentner durchgehen, bei denen die Fixkosten fast doppelt so hoch aus=auffallen wie bei mir. Also, bei aller grundsätzlichen Tendenz in Deutschland, im Alter rechnen und sparen und seine Bedürfnisse einschränken zu müssen, man müßte genau hinschauen und käme um einschneidende Veränderungen nicht herum. Beispielsweis gestattet die Berliner Rentnerin einen Blick auf ihre Kosten. Zu sehen sind EUR 51.- BVG und EUR 24.- für die Bildzeitung. Müssen EUR 31.- für eine Sterbegeldversicherung sein, die doch den Hinterbliebenen nützten, die doch jetzt das Schicksal der Rentnerin beeinflussen könnten? Und EUR 29.- für Telefon ist quatsch. Mein Vater hat für EUR 10.- eine Flat bei Vodafone. Leider kann man eine Kreditabzahlung (hier: EUR 165.- ) nur vermeiden, wenn man vorher keinen aufnimmt. Klug sein demnach schon in jüngeren Jahren. Ich wollte keineswegs zynisch sein, sondern nur verdeutlichen, daß ich schon in einem der gezeigten Fälle deutliches Einsparpotenzial (zirka EUR 110.-) sehe, ohne daß hier sofort an Umzug in eine billigere Wohngegend in Deutschland gedacht werden muß. (25.1.2017)


Dem Tode geweiht

Heute aber auch wirklich starker Tobak! In der 37-Grad-Dokumentation geht es um eine 37-jährige Brustkrebskranke, eine 58-Jährige Krebskranke, früher selbst Krankenhausseelsorgerin, und einen 76-jährigen ALS-Kranken, der seinen rechtzeitigen Suizid plant, bevor die verheerende Krankheit ihm buchstäblich die Luft zum Atmen nimmt. Seine Tochter konnte es ihm zumindest ausreden, auf das Erhängen zu verzichten. In dem Bericht zeigen Tochter und Vater den Baum, an dem das Seil baumelt. Gut, daß das angesprochen wird, womit ich als auf einer teilonkologischen Station Beschäftiger konfrontiert bin und was der Palliativmediziner als humanmedizinisches Setting bezeichnet, ein Räderwerk, welches von der Diagnosestellung an in Bewegung kommt und welches man nur mutwillig und gegen einige Hürden stoppen kann. Ehrlich? Wenn man das gesehen hat, wenn man um diese Krankheiten weiß, die die Existenz des Menschen radikal verändern und abkürzen, macht man sich um die Zukunft keine Sorgen mehr. Das, was ich mir als Vorsatz fasse, ist die Bewußtmachung, das tägliche memento mori und die Konsequenz, jedem Tag das nötige Quantum Humor zu verleihen und ihn dadurch lebenswert zu machen, daß ich das tue, was mir am meisten Spaß macht. Kurzum: zu lesen. - Aha, in der Doku sieht man auch den Palliativmediziner Matthias Thöns, dessen Buch "Patient ohne Verfügung. Das Geschäft mit dem Lebensende" ich im Oktober las und in dem er die medizinische Hochleistungsmaschinerie und die vielfach fehlgeleiteten Praktiken des Gesundheitssystems mit schwerkranken Patienten anprangert. (25.1.2017)


Umgang mit Dementen

Warum gibt es in TV-Krimis immer nur so Bilderbuchdemente, herzallerliebst vertrottelt, liebenswürdig und knuddelig? Die Episode "Der Betreuer" aus der Krimireihe Wilsberg (E53), welche ich gestern sah, unterstreicht dieses unausrottbare TV-Klischee, wie es eben eine Unmenge solcher immer wiederkehrender Verzerrungen oder gar Fehler gibt. Wenn Krankheiten im Fernsehen dargestellt werden, zucken die Fachleute meist zusammen. Wie oft habe ich mich bereits über Szenen mokiert, in denen Diabetiker vorkommen! Die Produzenten der Filme können gerne Nachhilfe bei uns in der Geriatrie erhalten. Dabei kann ich die Umsetzung in Honig im Kopf nicht beurteilen, weil ich den Film mit Dieter Hallervorden nicht sah. Demente - und gut, daß die die Pflegekassen das nun honorieren - sind auf eigene Weise pflegeaufwendig. Sie können aggressiv sein, penetrant. In ihren nie nachlassenden Nachfragen und stereotypen Bedürfnissen, vor allem aber wegen der Weg- oder Hinlauftendenz, beanspruchen sie wie Kleinkinder ständige Aufmerksamkeit und Zuwendung. Demente können nicht allein gelassen werden. Sie verräumen Dingen oder bauen sie auseinander. Sie verirren sich. Sie machen die merkwürdigsten Sachen, die wieder in Ordnung zu bringen dann entsprechend zeitaufwendig ist. Bei all dem werden die Nerven wie Keilriemen strapaziert und drohen zu versagen. Nicht jeder hat die nötige Gemütsruhe für den Umgang mit Dementen. Ein Pulverfaß, auf dem die Gesellschaft sitzt, weil der Anteil der älteren und alten Menschen mit solchen Hirnabbauprozessen exponentiell steigt. (25.1.2017)


Stolpersteine (3)

Heute Mittag hatte ich eine heftige Attacke Herzrhythmusstörungen. Bei der zweiten und bisher letzten im Juni 2016 wurde erstmals Vorhofflimmern diagnostiziert. Das erste Auftreten im Dezember 2015 habe ich zuhause erlebt, indem ich mich, noch unwissend, ins Bett legte und still vor mich hin litt, ohne einen Arzt aufgesucht zu haben. Gegen 12 holperte urplötzlich das Herz, wobei einem himmelangst und sehr schwummerig wird. Verschlimmernd wirkte sich aus, daß ich inzwischen weiß, was es ist, was es bedeutet und was damit verbunden sein kann. So wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, macht eine bzw. machen mehrere Extrasystolen noch kein Flimmern. Sofort schluckte ich 5 mg Diazepam und hoffte inständig, daß sich die Situation entspannt. Und tatsächlich, nach zirka 15 Minuten Holpern und Angstgefühlen, ebbte die Attacke mählich ab, ich ging ins Bett und schlief einige Stunden. Damit ist solch eine Angelegenheit nicht ausgestanden; die Psyche folgt ihren eigenen Regeln. Seitdem ich vorhin aufgewacht bin, höre ich skeptisch und ängstlich auf meinen Herzschlag und bange, daß alles ruhig bleibt. Dennoch fühlt man sich, auch diese Erfahrung machte ich im Juni, zittrig, benommen und irgendwie merkwürdig, steht etwas neben sich. Das Herz ist eben doch ein sensibles Organ, welchem von uns Menschen und besonders Deutschen viel Bedeutung zugemessen wird. Lektüre ist, weil ich vormittags zwischen 8 und 12 Uhr wieder am PC hockte, Serien guckte und nebenbei allerlei Internetdinge tat, und nach dem bedrohlichen Ereignis dank der LMAA-Tablette schlief, wieder zum Randphänomen mutiert. (9.1.2017)


Vorwehen eines neuen Zeitalters

Als während des Youtubevideoguckens (wegen gestörtem Schlaf-Wach-Rhythmus die jüngsten Folgen des Literarischen Quartetts, des lesenswert-Quartetts, Schweizer Literaturclubs...) gestern Nacht eine Whatsappnachricht aufploppte mit einem Bildchen "Eine Kerze für Berlin", war ich zunächst verwirrt. Berlin was? Ich widerstand dem Drang nachzuschauen und erfuhr erst heute Morgen durch den Deutschlandfunk von der Tragödie und den Toten in Berlin. Es erwies sich als vorteilhaft, nicht stundenlang Tickermeldungen zu verfolgen oder sich dem Gestammel der Reporter, Einsatzkräfte, der Politiker auszusetzen. Wenigstens das tun, was möglich ist, um während der an Effet gewinnenden Abwärtsfahrt nicht die Besinnung zu verlieren. Die Besinnlichkeit ist 2016 sowieso beizeiten flöten gegangen. Aber den Geist möglichst wach und konzentriert halten, um sich selbst nicht dem Vorwurf aufgesetzt zu sehen, sich nicht bis zuletzt für die Menschen interessiert zu haben. Daß wir gesellschaftlich und politisch an einem Scheideweg stehen, dürfte selbst dem indolentesten Zeitgenossen langsam dämmern. Wir haben noch vier Wochen bis zur Inauguration von Donald Trump, vier Wochen bis zum neuen Zeitalter, dessen Vorwehen wir seit 2001 erleben und spätestens 2016 beim letzten Optimisten ein Stirnrunzeln evoziert haben dürfte. (20.12.2016)


Zahnsachen

Seit Samstag hatten mich Zahnschmerzen geplagt, die sich sukzessive verschlimmerten und letzte Nacht den Punkt überschritten, der die Angst vor einem Zahnarztbesuch als geringeres Übel erscheinen läßt. Nachdem ich in den Morgenstunden doch noch hatte einschlafen können, ging ich am späten Vormittag in die Sprechstunde, wo es der Arzthelferin am Tresen Mühe bereitete, mich als Schmerzpatient unterzubringen. Mein leidvoller Kaninchenblick unterstützt ihr Bemühen. Der Dentist mußte sich mit einem verfaulten Zahn abmühen. Freilich keine schöne Angelegenheit, aber seitdem schmerzfrei. Allerdings auch mit einem Nachfolgetermin geschlagen, der die Pause nach einer Behandlungskaskade beenden soll, die mich bis Mai beinahe wöchentlich beim Zahnarzt hatten antanzen lassen. Damals nutze ich eine Fehlbestellung - Ich wurde versehentlich an einem Wochenfeiertag einbestellt -, um mir eine Pause zu verschaffen, welche eingedenk meiner Angst vor dieser Art der Medizin ungebührlich verlängert wurde und deren Ende mehr oder weniger unbewußt an einen solchen zwingenden Grund wie akute Schmerzen gekoppelt wurde. Das wirft kein schönes Licht auf meine Person. Angst vor der Behandlung ist es vielleicht inzwischen weniger (als Kind und Jugendlicher war sie ungleich größer!), als vielmehr das Wissen um die Folgekosten, die eine Sanierung des Gebißes haben wird, wenn man es aus Geiz versäumt hat, sich rechtzeitig um eine Zahnschutzversicherung zu kümmern, was sich nun rächt. In einer Woche wird die aktuelle dentale Baustelle weiterbetrieben. (14.12.2016)


Regensburg 2016

Vom 5. bis zum 8. Dezember 2016 war ich in Regensburg zu Gast bei Freunden. Ich war seit mehreren Jahren nicht da gewesen. Als wir am Montagmorgen (6. Dezember) gen Bayern fuhren, blendete die Sonne und ziemlich genau an der Grenze zu Bayern begann der Nebel, der sich in den vier Tagen unseres Besuches auch nicht lichtete. Faszinierend und Kontemplation fördernd war die vereiste Natur, die komplett mit Rauhreif überzogenen Bäume, Sträuche und Felder, vor allem über einen Zeitraum von mehreren Tagen hinweg. In dieser Ausprägung und Konstanz erlebte ich das noch nie und war jedesmal hin und weg. Das Gefühl, sich in einem Märchen zu befinden, wich nicht. - Dadurch daß eine Freundin beruflich in der Umgebung viel unterwegs ist, kam ich durch mehrere Ortschaften. Besonders erwähnenswert ist die Klosterkirche Rohr. Die als Asamkirche ausgewiesene Barockkirche (1723) beeindruckt mit einer Darstellung der Himmelfahrt Mariens als theatrum sacrum. Was meinem Bruder und mir angenehm auffiel, sind die fehlenden Graffiti. Alle Häuser in hellen Farben, alle blitzeblank, überall öffentliche WCs, von deren Boden man essen könnte. All die schnuckeligen kleinen Städtchen und Dörfer in Niederbayern sind liebreizend. Als Leipziger ist man urbane Unannehmlichkeiten wie Dreck, Graffiti, trostlosen Kleinstgrünanlagen, marode Bausubstanz, überwucherte Brachflächen, vollgemüllte Ecken gewohnt und wird von der durchweg sauberen Übersichtlichkeit und strukturellen Perfektion dort förmlich geplättet. - Im klingenden Museum Riedenburg sahen wir historische technische Geräte zur Musikwiedergabe, also Spieldosen, Grammophone, Schallplattenspieler, Radios und die schnelle Abfolge der sich seit den 50er Jahren rasant entwickelnden Geräte wie Tonbänder, Kassettenrekorder, CD-Player... Erstmals eine Goebbelsschnauze in natura gesehen. Allerlei skurrile Erfindungen zeugten vom Erfindungsreichtum. Ich selbst habe noch einen Pioneer-CD-Player von 1991 in Betrieb, der läuft und läuft und mit der Besonderheit aufwartet, daß die CD mit der vom Laser abzutastenden Seite nach oben eingelegt wird, so daß ich natürlich jedesmal den Besuch aufforderte, eine CD einzulegen, um die Ratlosigkeit auszukosten, wenn das nicht klappte. - Obwohl ich seit 2000 bestimmt 7-8mal in Regensburg war, nahm ich erst jetzt wahr, daß ein Haferl einem Pott Kaffee entspricht. - Den Christkindlmarkt überstand ich unbeschadet (alkoholfrei) - sicherheitshalber habe ich sogar den Kinderpunsch gemieden - und nähere mich behände der 1-Jahres-Marke. Wenn man die Ausmaße des Leipziger Weihnachtsmarktes gewohnt ist, kommt man beim Regensburger freilich recht schnell durch. Parallel gibt es übrigens den gräflichen Weihnachtsmarkt (Thurn und Taxis), der im Vergleich zum städtischen mit gesalzeneren Preisen imponiert und für den man zudem Eintritt zu zahlen hat. Der Preis von bis zu 8,50 Euro an den Wochenenden reduziert sich auf 3 bis 4 Euro (Nachtschwärmertarif), wenn man erst 20 bzw. 21 Uhr eintrifft. Vorgestern aß ich zum ersten Mal in meinem Leben drei Röllchen Sushi und war positiv überrascht, weil ich es mir geschmacklich lasch vorgestellt und so stets gemieden hatte; stattdessen entfaltete sich der Geschmack im Mund. Mehr als vier Jahre hatte ich Leipzig nicht verlassen. Speziell bei Reisen stellt der Hikikomori fest, wofür man alles Geld ausgeben kann, aber nicht muß. Oder, mit Sokrates gesprochen: "Wie zahlreich sind doch die Dinge, deren ich nicht bedarf!" (9.12.2016)


Weiße Weihnacht

Ich gucke das Weihnachtsspecial "Weiße Weihnacht" von Black Mirror und mir läuft es kalt den Rücken herunter. In solch einer Welt möchte keiner leben. Unter anderem wird das Smart Home neu gedacht, nämlich indem vom Menschen eine digitale Kopie erschaffen wird, die sich um die Belange des Haushaltes kümmert. Das Problem dabei, daß sich die Kopie für real hielt und also zu einem Sklavendasein gezwungen wird. Gruselig. In der zuvor gesendeten Sequenz - der Film erzählt mehrere, die sich die zwei Männer der Rahmenhandlung erzählen - kann man das Gegenüber blocken. Er wird dann zu einem Schemen, den man nur noch graumeliert wahrnimmt; man kann keinen Kontakt mehr aufnehmen. Darüber hinaus werden die Erinnerungen an die Person, die einen geblockt hat, zerstört. Dito Gruselig. Nachtrag: Die Folge ist der Hammer. Die Auflösung der Rahmenerzählung ist ultragruselig. Der Mann, dessen Beruf es war, digitale Kopien herzustellen, und der in seiner Freizeit eine Art Dating-Helfer war, welcher mit Hilfe der Technik das Zusammenkommen der Paare zusammen mit anderen Spannern beobachtete, wobei er einmal Zeuge eines Mordes wurde, den er nicht meldetet, bringt den anderen Mann, mit dem er vermeintlich seit fünf Jahren in einer Hütte lebt, zu einem Mordgeständnis. Dabei tritt zu Tage, daß diese 5 Jahre nur eine Simulation gewesen sind, die sich der Technik der digitalen Kopie bedient. Vom mutmaßlichen Mörder wurde also eine Kopie angefertigt; dieser wurde vorgespiegelt, fünf Jahre mit einem anderen Mann in einer Hütte zusammengelebt zu haben. Der abschließende Clou ist, daß der Spanner, der dem unglücklichen Mörder das Geständnis entrungen hat, zwar frei nach Hause gehen kann, aber mit der Auflage, von ALLEN Menschen geblockt zu sein. Ein gespenstischer Schluß, wenn der konsternierte Mann auf die Straße tritt und auf dem Weihnachtsmarkt unzählige menschliche Schemen wahrnimmt. Meine Fresse, mir läuft es immer noch kalt den Rücken herunter, so genial kann Horror gemacht werden. (1.12.2016)


Pflege im Akkord

Die ZDF-Dokumentation "Pflege im Akkord", welche im Mai im Fernsehen lief, von der ich gestern erst etwas mitbekam, verdeutlicht den Druck, unter dem die Pflege zunehmend steht. Die drei gezeigten Krankenpfleger/schwestern vibrieren förmlich vor Streß; sie laufen im Verlauf der Drehbarbeiten heiß. Gut fand ich, daß einmal nicht die Arbeit auf einer Notfallaufnahme oder Intensivstation thematisiert wurde, wie es so oft der Fall ist, wenn Berichte aus dem Gesundheitswesen anstehen. Pflege auf, wie wir sagen, Normalstation. Kritikpunkt wäre, daß man das Personal nur am Patienten sah. Dokumentation, Visite ausarbeiten, Arbeiten am Schreibtisch kam nicht vor, was die Sicht sehr verfälscht! Zudem war es löblich bei dem Zwischenfall, daß der betagten Frau, die sich den Infusionsschlauch herausgerissen und die Tabletten der Nachbarpatientin verputzt hatte, ein anderes Zimmer gegeben werden konnte. In den meisten Fällen geht das nicht. Auf einer Geriatrie und Onkologie, wo ich tätig bin, sind solche "Zwischenfälle" der Regelfall und kommen ständig vor. Da werden dann eben Blut und Exkremente weggewischt, zerpflücktes Inkontinenzmaterial, zerdeppertes Geschirr eingesammelt, da werden gestürzte Patienten vom Boden wieder ins Bett gehievt, Platzwunden verbunden, Bettgitter angebracht, da werden falsch eingenommene Medikamente dokumentiert. Ebenso merkwürdig war es, als der neue Patient (Zugang) mit (Fieber?)Krämpfen anrollte und sich der Onkologiepfleger nicht mehr zu helfen wußte. Kein Arzt weit und breit. Des Pflegers Aufgabe ist hier nicht, eine Lösung zu finden, sondern die Anordnungen des Arztes auszuführen. Man hatte den Eindruck, als müßte er selbst & allein um das Leben des Schwerkranken kämpfen. (15.11.2016)


Online-Banking

Das Alter naht. Vor einiger Zeit änderte ich beim Online-Banking meine PIN, ohne sie zu notieren. Jetzt fiel sie mir nicht mehr ein und ich mußte per Hotline eine neue anfordern, die altmodisch mit der Post oder per Brieftaube geschickt wird. Ausgerechnet heute bestellte ich antiquarisch ein Buch bzw. zwei Bücher in einem Doppelband und muß mit der Abwicklung der Vorkasse nun warten, bis die Brieftaube ans Fenster pickt. Mein Abonnement auf ein Pechvogeldasein wird es gewiß so hinbiegen, daß meine Login-Fehlversuche dafür sorgen, daß auch die neue Online-PIN nicht mehr funktionieren wird. - Sodann alles Wichtige notieren, auch wenn man sich einbildet, man könne es sich merken! Ein Trugschluß, wie ich leidvoll erfahren muß. Ab Februar funktionieren die herkömmlichen TAN nicht mehr und ich muß entweder auf das SecureApp-Verfahren umsteigen, wozu ein Smartphone vonnöten ist, welches ich im nächsten Jahr nach Auslaufen meines 2-Jahr-Vertrages eigentlich verschrotten wollte. Einzige Alternative ist das chipTAN-Verfahren, wozu ich ein separates Endgerät besorgen und betreiben muß. Noch kann ich mich zwischen beiden Möglichkeiten nicht entscheiden. Wenn in beiden Fällen mit Geräten agiert werden muß, werde ich wohl oder übel das Smartphone behalten, zumal ich für meinen 3-GB-Datentarif, seitdem mein SIMYO-Vertrag jetzt bei BLAU ist, nicht mehr 15.- EUR, sondern nurmehr 7,50 EUR monatlich zu bezahlen habe. Trotzdem der Eindruck, daß der Alltag wieder ein Stück komplizierter wird. (2.11.2016)


Kontrolle in der Straßenbahn

Ein frustrierendes Erlebnis in der Straßenbahn. Fahrkartenkontrolle abends nach 20 Uhr. Eine ausländische Mutter mit ihrer Tochter, die offenbar mit ihrem Schülerausweis nicht nach 18 Uhr fahren darf. Die Kontrolleurin will die Personendaten erheben. Ich gehe hin und sage, das Mädchen fahre auf meine Abo-Karte mit, mit der ich berechtigt bin, werktags ab 17 Uhr und am Wochenende ganztags einen Erwachsenen oder drei Kinder mitfahren zu lassen. Das geht nicht, so der Disput. Vor Fahrtantritt hätte man eine Fahrgemeinschaft zu bilden; eine späterer Konstitution sei nicht zulässig. Nun wäre es für jeden cleveren Deutschen ein einfaches gewesen, auf mein Angebot einzugehen und auf meine Einmischung hin zu behaupten, mit mir zu fahren. Leider verstanden Mutter und Tochter überhaupt nicht, was los war, was ich beanstandete und anbot. Fatal, daß ich hier bei möglicherweis sozial Bedürftigen nicht hatte helfen können. Diese Regelung mit der Fahrgemeinschaft gibt es nicht schriftlich. Ich wollte sie gestern in der LVB-Zentrale sehen. Man dürfe sich eben nicht in eine begonnene Fahrkartenkontrolle einmischen, so der Mensch am Informationsschalter. Bei der Auseinandersetzung in der TRAM stellte sich ein Fahrgast demonstrativ hinter die Kontrolleure, als er sagte, er verstehe sie völlig. Wenn jetzt jeder käme und machte, was er wolle. Deutschland, oh, Deutschland. (13.10.2016)


Slapstik im Nachtdienst

Frau M. läßt ihre Porzellantasse aus dem Bett fallen, wobei deren Henkel abplatzt und der Nachbarpatientin an den Kopf schnippst, die der Meinung ist, von einer Tablette getroffen worden zu sein, welche der Nachbarin offensichtlich heruntergefallen sein müsse. Eine Verletzung war nicht auszumachen. Wenig später klingelt Frau M., weil sie auf das Steckbecken muß. Es klappt auch alles vorzüglich. Ich hatte inzwischen die Tasse neu mit Mineralwasser gefüllt, die ich der Patientin mit der Bemerkung anbot, es müsse nun zunächst mal eben ohne Henkel mit dem Trinken gehen. Frau M. tunkte ihre Finger in die Tasse, wohl in der Meinung, damit ihr Hände gewaschen zu haben. Mich alten Ministranten erinnerte das an Lavabo. Ich könne die Tasse nun mitnehmen und sie danke mir sehr für alles. (8.10.2016)


Mehr Zeit, mehr Kontemplation

Ich muß der Zerfaserung meines Alltags entgegenwirken. Neu ist die Klage, daß ich einen Großteil meiner Zeit verplempere, beileibe nicht. Hervor getan hat sich in den vergangenen Jahren vor allem die Verwendung der und das Agieren in den sozialen Medien. Die Timeline von Twitter und Facebook zu checken, auf sie zu reagieren, indem ich Links folge oder Kommentare absetze, führt zu einer tagtäglichen Verzettelung, die ich stets bedauert habe, der ich mich jedoch nie entziehen konnte. Einmal angeworfen, mäandert man stundenlang herum, besucht Webseiten, liest Artikel, guckt Videos, Bilder an; eines führt zum Nächsten, und ruckzuck, in aller Regelmäßigkeit, sind Stunden herum und damit weg. Im letzten Jahr hinzu gekommen ist Whats App, nur ein weiteres Teil im Puzzle des Abgelenktwerdens und des Totschlagens der Zeit. Der Wunsch, sich zu besinnen, es anders zu machen, auf die Ablenkungen und die Zeitkiller zu verzichten, ist immer vorhanden, die Versuche eher halbherzig und ephemer. Trotzdem gibt es keine Alternative, als es erneut und immer wieder zu wagen. Trotzig also ein neuer Versuch, Dinge im Alltag neu zu strukturieren, indem ich in einem ersten Schritt das Smartphone zwar nicht in Rente, aber in einen Schlafmodus versetze, aus dem ich es nur zweimal am Tag erwecken will, um dem Impuls des andauernden Hinguckens zu entgehen. Außerdem probiere ich, meine Prioritäten am PC zu ordnen. Zuallererst hole ich das vollends zum Erliegen gekommeme Beobachten der Perlentaucher-Bücherschau aus der Versenkung und beginne mit dem 5. Januar 2016. Ich bin gespannt, wie lange meine Bestrebung, mehr Kontemplation in alltägliche Vollzüge zu bringen, dieses Mal fruchtet und wie sie sich auf die Lektüre auswirkt. (20. September 2016)


Voll in die Fresse

Es hätte ja auch mal alles gut sein können. Als ich vorhin zum Hausarzt ging, dachte ich nicht an meine Befindlichkeit, sondern all die negativen Befunde, die die zahlreichen Arztbesuche und Untersuchungen der letzten Monate eingebracht haben: Normalbefunde beim Urologen, Gastroenterologen, beim HNO-Arzt, mit Abstrichen beim Kardiologen (nur die bestehende Bradykardie fällt auf). Und dann empfängt mich die Hausärztin mit Stirnfalte: "Herr Kolbeck, Ihre Lipase ist wieder 120. Normal ist 60, und im Dezember war sie erhöht, damals allerdings unter der Langzeitwirkung des Alkohols und noch mit 114 kg Kampfgewicht. Nachdem die Kontrolle im Januar 2016 einen Normalwert dieses Enzyms der Bauchspeichdrüse ergeben hatte, waren wir alle zufrieden, zumindest damit. Die anhaltende Erschöpfung, die Benommenheit, der Schwindel, das allgemeine Gefühl der Kraftlosigkeit und Schwäche hätten, so sagte die Ärztin eben, als Symptom meines depressiven Lebensgefühl interpretiert werden können. ABER! Daß ich seit dem letzten Arztbesuch wieder 3 kg abgenommen habe und daß nun die erhöhte Lipase auffalle, sei, um es gelinde zu auszudrücken, beschissen. Konsequenz und Prozedere ist nun, daß alle Tabletten außer dem L-Thyroxin abgesetzt werden, um zu sehen, ob nicht vielleicht sie für Nebenwirkungen sorgten, was unwahrscheinlich ist, da als einzig neues Präparat vor einigen Wochen nur die blutverdünnende Tablette dazugekommen war. Tabletten absetzen und Blutkontrolle in vier Wochen. Falls dann keine Normalisierung der Lipase zu verzeichnen sei, plädiert die Hausärztin für eine Endosonografie als weitere gastroenterologische Abklärung. Ein Abdomen-CT ist nicht der Weisheit letzter Schluß; manchmal läßt sich ein Krankheitsherd im Bereich Galle, Pankreas, Dünndarm nicht mit dem CT darstellen; für diesen Fall bietet die Endosonografie Möglichkeiten, etwas zu finden. Ich bleibe somit weiter engmaschig an Arztpraxen und Termine gekoppelt und werde hier im Tagebuch darüber berichten. (6. September 2016)


Rechnen hilft

Auch wenn mir die Waage grünes Licht gegeben hat für eine Ausnahme, einen "Sündentag", vermag ich nicht mehr so ohne weiteres zu schlemmen. Ich habe das Diätverhalten so internalisiert, daß selbst bei einem geplanten Zuwiderhandeln die Alarmglocken schrillen und kein unbeschwerter Genuß möglich wird. Gestern gönnte ich mir eine opulente Nudelmahlzeit (Nudeln mit geschmortem Bauchspeck und massig Zwiebeln) und abends eine 900-g-Box Langnese-Schokoeis, die mit satten 2070 kcal zu Buche geschlagen hat. Zusammen mit den schwer einschätzbaren Nudeln (300 g rohe Hartweizennudeln = 1000 kcal, 300 g Bauchspeck = 1000 kcal, Zwiebeln/Öl = 200 kcal wären zusammen 2200 kcal) hätte ich meinen Berechnungen zufolge gestern zirka 4300 kcal zu mir genommen. Mein energetischer Umsatzes schwankt. Der Grund- oder Ruheumsatz beträgt 1800 kcal täglich. Den Arbeitsumsatz kann ich nur schwer einschätzen. An Arbeitstagen vielleicht 1000 kcal, an freien Tagen 400 kcal? Verrechne ich die gestern gegessenen 4300 kcal mal mit einem Umsatz von 2500 kcal, habe ich lediglich 1800 kcal mehr eingenommen, als ich (ver)brauchte. Das entspricht 250 g, also nur einem 1/4 kg Körperfett, welches ich durch diese Sünde ansetzen müßte, falls ich die Scharte nicht ohnehin durch vermehrte Achtsamkeit in den nächsten Tagen wieder ausmerzen würde. So durchgerechnet kann ich mit solchen Ausnahmen = Sündentagen gleich besser umgehen und leben, als einem das erste Bauchgefühl direkt nach dem Genuß anzeigt, das eher einem Völle- und Verdrußgefühl glich. Die Waage zeigte vorgestern erstmals die Zahl von unglaublichen 82 kg, allerdings unter besten Bedingungen (unmittelbar nach dem Aufstehen und nach einer perfekten Darmentleerung, wie sie nur hin und wieder klappt). Danach räumte ich mir einen "Sündentag" ein mit der Prämisse, ruhig leben zu können, selbst wenn ich 1 Kilogramm zunähme, was natürlich quatsch ist, weil, wie gesagt, berechnet und beschrieben, ich dafür schon ZUSÄTZLICHE 7000 kcal einwerfen müßte und sich die über den Tagesumsatz hinausreichenden 1800 kcal dagegen geradezu vernünftig und vernachlässigbar ausnehmen. Hat die Mathematik wieder ein gutes Werk getan und mir zu einem besseren Lebensgefühl verholfen. Rechnen hilft. (6. September 2016)


Gene Wilder oder Leben mit Wikipedia

Ich muß gestehen, daß ich Gene Wilder weder kannte noch je einen der Filme sah, durch die er berühmt wurde. Abgesehen von "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten", was aber schon so lange her ist, daß mir das Gesicht Wilders überhaupt nichts mehr sagte. Um den Film "Frühling für Hitler" wußte ich bis gestern nicht. War mir völlig unbekannt. Dabei mit Erstaunen zur Kenntnis genommen, daß dessen Resgisseur Mel Brooks noch lebt, von dem ich "bloß" die letzten sechs Filme gesehen habe und mich nie gekümmert habe, was da vor 1981 war. Woran das liegt? Ich meine, als ich das letzte Mal einen Mel-Brooks-Film sah, gab es Wikipedia noch nicht, mit dessen Hilfe ich heutzutage Dinge auffrische, einordne und mir bei bestimmten Anlässen wie Todesfällen und Jubiläen Fakten & Daten heranhole und bewußt werden lassen, mir die Filmografie von Schauspielern, das Oeuvre von Schriftstellern, Wegstationen von Politikern und anderen Promis anschaue und ggf. weitere Informationen suche bzw. Anregungen notiere, was ungekannte Bücher oder ungesehene Filme anbetrifft. (30.8.2016) ^


Vom Purzeln der Pfunde (4)

In dem Blogposting Abnehmen ohne Kalorienzählen, das ich gestern Abend kommentierte, fragte jemand: "Ich verstehe nicht, wieso du sagst das sei eine intuitive Ernährung (...). Das was du beschreibst ist doch eine ziemlich feste Struktur (...)." Meine Antwort: "Die Struktur entstand intuitiv. Ich habe weder entschlossen gehandelt noch großartig nachgedacht, sondern folgte einfach den Gegebenheiten. Weder hatte ich den Entschluß abzunehmen gefaßt oder mit ihm gerungen noch jemals überhaupt an eine Diät gedacht, nie Kalorientabellen gewälzt. War ja auch nicht so nötig, weil ich das ernährungsphysiologische Wissen aus meiner Ausbildung zum Koch noch intus hatte, die mittlerweile 30 Jahre zurück liegt, während ich als Krankenpfleger im Dauernachtdienst nunmehr einer völlig anders gearteten Arbeit.nachgehe. Die einzige bewußte Entscheidung, die ich überhaupt fällte, der ich dann folgte und aus der heraus meine jetzige Ernährung unterhalb des Grundumsatzes entstand, war die, die nächste Mahlzeit so lange wie es nur geht, hinauszuzögern, also so richtig Hunger zu entwickeln. Nach und nach, wenn man weniger ißt, wird man auch mit viel weniger satt und so verringert sich peu a peu die Kalorienzufuhr. Das Nachdenken setzte erst ein, als ich die ersten 10 Kilo runter hatte, als mir plötzlich klar wurde, daß der cold turkey ja auch diesen nie beabsichtigten Effekt der deutlichen Kalorienreduktion hatte und ich auf dieser Schiene weitermachen kann, wenn es denn nun schon von allein so gut angelaufen war. Also ließ ich nach und nach die Nudelmahlzeiten weg, denen ich sonst an meinen freien Tagen frönte, was jedesmal eine Zufuhr von sicherlich 2000 bis 3000 Kalorien bedeutet hatte. Die Summe macht es. Unterstützend kann man das Schilddrüsenhormon L-T4 (Thyroxin) erwähnen, das den Stoffwechsel ankurbelt sowie Sitagliptin, welches ich als Adipöser mit Metabolischem Syndrom (u.a. gestörte Glucosetoleranz = Diabetes mellitus Typ 2) nehmen muß und welches den Appetit hemmt. (23. August 2016)


Vom Purzeln der Pfunde (3)

Im Fettlogik-Blog von Nadja Hermann kommentierte ich einen Gastbeitrag: "Das gibts doch gar nicht. Viele Parallelen zu meiner Übergewichtsentwicklung und des Umganges damit sind verblüffend. Ich war mit 20 Jahren bei 175cm und 68 kg normalgewichtig, arbeitete als Koch und aß, ohne nachzudenken. In den Jahren 1986-1989 arbeitete ich nicht und nahm im Colleg (ohne körperliche Betätigung und bei immer mehr Essen) 24 kg zu. In den 90er Jahren ging das bei ständigem Rauchen aufhören und wieder anfangen und essend kompensieren so weiter, bis die 100-kg-Marke geknackt wurde und irgendwann die 110-kg-Marke und ich mich bei zunehmendem Alkoholkonsum während der letzten Jahre bei 115 kg einpendelte. Im November 2015 las ich FLÜ, ohne mir konkrete Ziele für mich zu setzen. Mitte Dezember gelang mir spontan der Alkoholentzug. Der Nebeneffekt war, daß mir plötzlich die Kalorien der 5 bis 10 Bier fehlten, ich also automatisch abnahm. Ich behielt meine in den Augen aller meiner Mitmenschen merkwürdige Ernährungsweise bei, indem ich nämlich nur einmal am Tag, d.h. aller 24 Stunden esse. Ich hatte mir das vor Jahren so gedacht, daß ich den Zeitpunkt der nächsten Mahlzeit so lange herauszögere, bis ich so richtig Hunger hätte. Das führte von einem 2-Mahlzeiten-Regime, nachdem ich in den Dauernachtdienst gewechselt war, zu nur 1 Mahlzeit", einfach weil es so praktisch war und ich keine Zeit mehr hatte zu essen als nachmittags. Ich zählte nie Kalorien, sondern aß mich einfach nur satt, zögerte dann aber die Zeit bis zur nächsten Mahlzeit hinaus. Da auch ich ein Routinemensch bin, pendelte sich das alles irgendwann ein und nach und nach ließ ich kalorienreichere Sachen (Nudeln, Eis...) weg und bekam ein Gespür für ein tägliches Kaloriendefizit, mit dem man ohne nachzudenken, einfach indem man immer die selbe Anzahl von Nahrung ißt, abnimmt. Genauso wie du kam ich, sobald ich doch einmal versuchte, Struktur in die Sache zu bringen, jedesmal ins Schlingern und kehrte zur intuitiven Ernährung zurück. Seit Beginn dieses Jahres handhabe ich das so, daß ich nachmittags esse: 3 Scheiben Brot (an freien Tagen 3 Brötchen), Belag, dazu Gemüse wie Gurken, Tomaten, Paprika, Radieschen, Kohlrabi. Danach 500 g Fruchtquark oder Joghurt. Beim Belag - bei 200 g Aspikwurst o. Harzer Käse = 200 Kcal oder 200 g Weichkäse = 600/700 kcal ist hier eine enorme Bandbreite möglich ebenso wie beim Joghurt, wo die Spanne zwischen 300 und 750 kcal für dieselbe Menge liegt. Je nach Kombination fällt das Kaloriendefizit mal kleiner oder größer aus. Das Wahrnehmen der Kalorien begann allerdings erst, als die Sache so richtig ins Rollen kam und ich es, weil es von allein lief, eigentlich gar nicht nötig hatte, auf die Nährwerttabellen der Lebensmittel zu gucken. Ich tat es rein interessehalber, mit geschärfter Neugier. Seit Dezember 2015 nahm ich 30 kg ab und wiege aktuell 84 kg." (22. August 2016)


Frust und Fressen

Gestern eines der Nudelgerichte gegessen, die früher zu jedem freien und jedem Urlaubstag gehörten wie die 6 bis 10 Bier, die ihm vorausgingen. Täglich. Über Jahre hinweg. Sporadisch kochte ich mir mal wieder solch ein üppiges Nudelgericht, bemerkte aber zusehends, daß ohne alkoholischen Background der Genuß schwand und ich bei schwindenden Pfunden und einem Magen, der sich sicherlich schon aus Vergnatztheit zusammengezogen hatte, von den früheren Mengen nur noch träumen konnten und ich jedes Mal, wenn ich der Versuchung erneut erlegen war, die Hälfte wegschmeißen mußte. So auch gestern. Es schmeckte einfach nicht mehr richtig. Frustrierend ist, daß die sinnlos zugeführten Kalorien, wenn sie nicht einmal ein Genußerleben bedeuten, nun mühsam in den kommenden Tagen wieder abgehungert werden müssen. NICHTS hatte ich davon, nur den Frust der unterbrochenen Diät und die Kalorien, sich sich jetzt gewíß an die Bauchdecke krallen und sardonisch feixen. Ein guter Tag eigentlich, um wieder mit dem Saufen anzufangen. Nachdem ich wegen der Nudelorgie, die alles Blut in den Gastroindestinaltrak abberief, urplötzlich der bleierner Müdigkeit nachgab und gegen 18 Uhr schlafen ging, saß ich die halbe Nacht am Rechner, verarbeitete FAB, vermochte nach um 5 Uhr eine zweite Schlafphase einzuflechten, wachte 9.15 Uhr auf, warf das Internet an und sahe den Abschiedsbrief eine geschätzen A-Bloggers, der nun polizeilich und durch die spzialen Netzwerke gesucht wird. Ob er mit "Die Geschehnisse der letzten Tage, Wochen und Monate haben mich endgültig gebrochen" die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse meint, weiß man nicht. Dann wäre das um so fataler. Ich kann, was depressive Grundstimmung anbetrifft, aus dem Nähkästchen plaudern. Kein guter Tag, aber vielleicht doch gut genug für ein Sixpack. (25. Juli 2016)


München - Amok (2)

Als Kommentar zum neuen Blogposting Claudia Klingers anläßlich des Amoklaufes in München: "Seelenfrieden kann man, wenn man heutzutage regelmäßig die Medien nutzt, getrost vergessen. Für die Psychohygiene wäre es demnach geboten, sich den Luxus zu leisten, offline zu sein, Abstand zu wahren zu Fernseher, Computer, Smartphone. Wäre das überhaupt noch verantwortlich? Oder brächte man sich in den Ruch des verantwortungslosen Eskapismus, des fehlenden Engagements, zumindest der nicht erbrachten Empathie, die durch solche furchtbaren Ereignisse gefordert wird? Ein sonderlich politischer Mensch war ich nie und werde notgedrungen zu ihm gemacht, weil man nicht mehr unbeteiligt sein kann, weil, um es drastisch, aber passend auszudrücken, die Kacke am Dampfen ist, weil es einem täglich die Sprache verschlägt. Kaum erfährt man die Hintergründe zu dem gestrigen Amoklauf, der nächste Anschlag in Kabul. Die Wallung, in die man einmal geraten ist, kann nicht mehr heruntergefahren werden, die Betriebsspannung der Empörung, des Erschreckens unterliegt keinem Wechselstrom mehr, sondern Gleichstrom. Wie soll das weitergehen, wohin wird das führen? Liebe Claudia, sei froh, daß du mal ausgespart warst. Ich habe während der unklaren Situation einen kurzen Tagebucheintrag geschrieben, aber darauf verzichtet, meinen Senf auf Twitter beizutragen, zumal man sowieso nicht hinterherkam, der Timeline und den Nachrichtentickern zu folgen. Interessant ist, wie selbst sonst geschätzte Leute auf Twitter Sachen heraushauen, bei denen man zusammenzuckt, und man sich doch selbst die Schuld zuweisen muß hinsichtlich der eigenen Sensationsgier. Warum schaltete ich nicht aus? Weil ich mich trotz meines Unbehagens nicht entziehen konnte, weil ich erzürnt gewesen bin über sofortige Schuldzuweisungen (Merkel soll zurücktreten! / Flüchtlingsdebatte / Ausländerproblematik usw.) und gerne möglichst schnell gewußt hätte, ob Amok oder Anschlag. Wie schnell man hysterisiert wird, zeigt das Beispiel der Schülergruppe, die aus Angst eine Theateraufführung unterbrach, aber letztlich einem Gerücht aufgelegen war, das sich verselbstständigt hatte. Während selbst die öffentlich-rechtlichen Anstalten wie ZDF und ARD stundenlang sendeten, angesichts der wenigen gesicherten Fakten über Spekulationen jedoch nicht hinauskamen, handhabte mein geliebter Deutschlandfunk die Situation in gewohnter Weise: kurze Unterbrechung des Programms für eine wenige Minuten dauernde Übermittlung der Informationen, Verweis auf die nächsten Nachrichten, die dann die Fakten brachte, die in wenigen Sätzen formuliert werden konnten. Dann weiter zu den anderen wichtigen News, die durch den Amoklauf ihren Nachrichtenwert ja nicht eingebüßt haben. (23. Juli 2016)


München - Amok (1)

Gerade in einer akuten, noch unklaren Lage gehen einem die Medien, ob nun sozial oder öffentlich- rechtlich, mächtig auf den Sack. Am besten ist, man schaltet erst einmal ab, atmet in eine Tüte und, ganz wichtig, hält die Fresse. Mutmaßungen, Spekulationen, der Drang, mehr wissen zu wollen. Wozu? Was hat man davon? Man echauffiert sich, haut womöglich auf Twitter oder Facebook eine doofe Bemerkung raus. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist recht hoch; ich lese bedenkliche Tweets von Leuten, die ich normalerweise schätze. Am besten tut mir wie immer der Deutschlandfunk. Wenn man stündlich einschaltet, um sich informieren zu lassen, reicht das meines Erachtens. Die Hilflosigkeit und Erschütterung zeitigen seltsame Früchte, von rotzig bis unbeholfen. "Es hilft übrigens NIEMANDEM, wenn ihr euer Profilbild ändert oder betet. Geht lieber Blut spenden." - "Nimm das, Terrorismus: Der Hanser Verlag sitzt noch zusammen, um nicht raus zu müssen, wir trinken Bier und erzählen von früher." (Jo Lendle) - Und sofort die Schuldzuweisungen an Merkel und ihre Flüchtlingspolitik. Als ob das unsere Welt besser machen würde, wenn wir uns hinter Zäunen verbarrikadieren würden. Es ist momentan auch kaum möglich, sich mit Ruhm zu bekleckern. Wer sich auch immer äußert, es klingt deplaziert. Immer mehr komme ich zu der Überzeugung, daß Schweigen am angebrachtesten wäre, und mein Faible für die Kartäuser erhält neue Zukraft. Interessanterweise hat das Sendeteam der Bluestime im Deutschlandfunk anläßlich der Münchener Ereignisse die Reihenfolge der Musikstücke verändert / umgestellt, "angepaßt", wie der Moderator sagte. (22. Juli 2016)


Stolpersteine (2)

[4. Juni 2014 - 7:00] Nachher zum Hausarzt, der mich seit meiner Entlassung aus dem Krankenhaus noch nicht gesehen hat, weil ich am Donnerstag den Vertretungsarzt aufsuchen mußte. Um 13.30 Uhr in meiner Klinik in Grünau das Belastungs-EKG. Die letzten beiden Tage brachten eine Entspannung meiner Lage. Der Schwindel verschwand nicht, ist aber rückläufig, die Taumeligkeit nimmt im Tagesverlauf zu; vielleicht hat es doch mit der durch den Gewichtsverlust einhergehenden angegriffenen Konstitution zu tun, der Muskelschwäche usw. Jedenfalls hatte ich, so wie ich mich bis zum Donnerstag, täglich schlimmer werdend, fühlte, wirkliche Beklemmung und Angst. Am Wochenende, wie gesagt, entspannter, so daß ich in diesen Tag mit den beiden Terminen gelassener gehe. Auch die Fontane-Lektüre nahm an Fahrt auf, ich kam besser in die Geschichte und mußte weniger Mühe investieren. // [4. Juni 2014 - 9:14] Nach dem Hausarzt. Bis Sonntag weiterhin krank geschrieben. Ansonsten alles so weiter. Mal schauen, mal abwarten. Von Donnerstag zu Freitag erfolgt die seit längerem geplante 24-Stunden-Blutdruckmessung, bei der auch der uns hier so interessierende Puls erfaßt wird. Eine Rückschau der Hausärztin hinsichtlich zurückliegender EKGs zeigte, daß der Puls immer schon eher niedrig war, im Mittel zirka 55, was auf den Betablocker geschoben wurde. Die Zukunft wird's nun zeigen müssen, ob nach dessen signifikanter Reduktion der Puls so bleibt oder wenigstens ein wenig ansteigt. Nachher stundenlanges Gondeln durch Leipzig wegen der Ergometrie (Belastungs-EKG), wonach ich gleich den Krankenschein an die zuständigen Stellen verteilen will. Stundenlang, weil es mein Arbeitsweg ist, was hin und zurück je 60 Minuten Fahr- und Umstiegszeit bedeutet, zuzüglich der Untersuchung und dem Weg zur Krankenkasse. // [4. Juni 2014 - 16:33] Bei der heutigen Untersuchung wurden während der körperlichen Belastung keine unregelmäßigen Herzschläge ausgelöst. Nach all den diagnostischen Elementen (EKGs, LZ-EKG Echokardiografie und Belastungs-EKG) gelte ich als unauffällig. Das tachykarde paroxysmale Vorhofflimmern kann trotzdem jederzeit wiederkehren. Für diesen Notfall erhalte ich mit Flecainid (300 mg) ein Präparat, das einzunehmen wäre. Sollte das Herz sich dann dennoch nicht entschließen, in den Sinusrhythmus umzuschlagen, müßte ich in die nächstgelegene Notfallambulanz eilen bzw. den Notdienst alarmieren. Damit gilt dieses Kapitel als abgeschlossen. Mein Herz schlägt nach wie vor langsam, der niedrige Puls zeitigt Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Schwindel, womit ich wohl weiterhin zu leben haben werde.


Baumlos vor dem Haus

Vor unserem Haus standen, solange ich drin wohne - und mein Vater zog 1980 mit mir hierher - 3 Pappeln, die im Sommer in voller Pracht standen und selbst im Winter das Auge erfreuten. Vor geraumer Zeit wurde der mittlere Baum gefällt, was zwar eine beachtliche Lücke schuf, durch die drei neu angepflanzten Bäume jedoch kompensiert worden war. Vorgestern wurde die rechte der noch verbliebenen zwei Pappeln gefällt, wobei sich leider herausgestellt hat, daß sie gesund gewesen ist. Sie wurde umsonst umgesägt. Wenn ich jetzt aus dem Fenster gucke, sieht es sehr nackig aus. Die optische Qualität meines Fensterblicks, die ein Stück Lebensqualität für mich bedeutete, hat unwiederherstellbar gelitten. Auch im Winter hatte mein Auge Gefallen gefunden an diesen wunderbaren Bäumen. Einige Vögel fliegen, wie mir scheint, recht orientierungslos durch die Gegend; sie suchen sicherlich die nicht mehr vorhandene Pappel. Mit dem Beobachten von Vögeln ist es somit auch vorbei. Ach, Leipzig. (1. Juli 2016)


Stolpersteine (1)

Vor 1 Stunde nach Hause gekommen. Ich wurde heute aus dem Krankenhaus entlassen, in das ich am Freitag Abend mit Herzrasen + -stolpern eingeliefert wurde. Es stellte sich ein Tachykardes paroxysmales Vorhofflimmern (VHF) dar, eine häufige Form der Herzrhythmusstörung. Ich bin, nachdem die Symtome während des Essens am Freitag aufgetreten sind, in meine Klinik gefahren, wo ich zum Nachtdienst 2/5 hätte antreten sollen, und in die angeschlossene INA (Notfallambulanz), weil ich so sicher sein konnte, sofort behandelt zu werden. Mit dem EKG bei diesem stolpernden Puls=Herzschlag bekam ich sofort ein Bett, d.h. wurde stationär aufgenommen. Von Samstag bis gestern unterzog ich mich diversen diagnostischen Untersuchungen: täglichen EKGs, LZ-EKG (24-Stunden-EKG), Oberbauchultraschall, Thoraxröntgen, Echokardiografie sowie einem Abdomen-CT, das als Fortführung der Untersuchungen aufgrund meiner seit Dezember bestehenden Bauchbeschwerden stattfinden konnte. Ausgiebige Laborparameter durch Blutentnahmen wurden außerdem bestimmt. In den letzten Tagen seit der Attacke schwankte der Herzschlag zwischen normal und zu langsam, blieb aber rhythmisch. Mit der Diagnose eines VHF ist man Kandidat für eine Blutverdünnung. Während des Klinikaufenthaltes bekam ich dafür Spritzen, ab heute muß ich mit Apixaban Tabletten schlucken, was auch bedeutet, daß man Blutungen nur schwer stillen kann und jeder Schnitt gefährlich werden kann. Jeder, dessen Herz arrhythmisch schlägt, kennt das damit verbundene mulmige Gefühl, getragen von Angst und Besorgnis. Eine Ursache dafür läßt sich kaum festmachen. Es trifft einen eben. Begünstigend wirkt unter Umständen die Schilddrüse, was auch bei mir der Fall sein kann. Seit Januar nehme ich wegen der durch eine Hashimoto-Thyreoditis entstandene Unterfunktion der Schilddrüse deren nur noch unzureichend gebildetes Hormon Thyroxin (T4), dessen medikamentöse Einstellung sich durch Schwankungen in der Hormonproduktion oft schwierig gestaltet. Ein zu hoher Spiegel (TSH) bedeutet Überfunktion und geht mit Tachykardien einher. Zudem wird der Kreislauf angekurbelt. Manche Verrückte nehmen L-T4, um abzunehmen, ein riskantes Unterfangen, sich ohne Notwendigkeit in den Hormonhaushalt der Schilddrüse einzumischen! Jedenfalls war mein TSH erniedrigt und die Dosis der täglichen Tablette L-T4 muß angepaßt=reduziert werden. So. Langer Rede kurzer Sinn. Morgen früh zum Hausarzt, um die Weiterbehandlung abzuklären und ob und wie lange ich noch krankgeschrieben werde. Am nächsten Montag soll ich noch zur Ergometrie (Belastungs-EKG), welches eigentlich für heute geplant gewesen ist, wegen meines anhaltenden Schwindels aber vertagt wurde. Daß ich mich seit längerem taumelig, kreislaufschwach und schwindlig fühle, führen die Ärzte auf meinen Gewichtverlust zurück. Der Betablocker, den ich bisher immer nahm, war dadurch überdosiert und zusammen mit dem L-T4 vermutlich für die Rhythmusstörungen (HRST) verantwortlich bzw. verstärkten sie. Eine Neueinstellung der Tabletten, die ich einzunehmen habe (auch der oralen Antidiabetika) soll in der nächsten Zeit für eine Stabilisierung meines Befindens sorgen. Die Ergometrie dient übrigens dazu, herauszufinden, ob körperliche Anstrengung HRST auslöst. Wahrscheinlich werde ich mit Flecainid ein Notfallpräparat bekommen, das im Fall neuer Attacken, wie sie am Freitag oder im letzten Dezember zweimal vorkamen, einzunehmen wäre. Jetzt muß ich also mit dem Etikett "Herzkranker" leben und mich nach etwas mehr als 5 Tagen in der Klinik wieder in das Alltagsleben einfinden. Zur Lektüre kam ich leider leider kaum. Zu sehr mit mir beschäftigt, zu abgelenkt und beeinträchtigt durch einen Mitpatienten und anstehende Termine, die ein stationärer Aufenthalt eben so mit sich bringt. Außerdem lag ich dort, wo ich als Krankenpfleger arbeite und habe logischerweise die Nerven meiner Kollegen strapaziert und rückte ihnen nicht von der Pelle. Wenigstens lernte ich den derzeitigen Ablauf des Klinikalltages wieder kennen, nachdem er bzw. das "Feeling" für ihn nach mehr als 4 Jahre Arbeit als Pfleger im Dauernachtdienst schon ziemlich verloren gegangen war. (29. Juni 2016)


Hypochondrismen (3)

Wer weiß, wie lange ich noch leben darf. Meine gesundheitliche Situation läßt eine positive Sichtweise nicht spontan vermuten, ohne sich dem Vorwurf der Blauäuigkeit ausgesetzt zu sehen. Seit Monaten fühle ich mich nicht gut, schlechter, als, bedingt durch die depressive Grundgestimmtheit, in den Jahren zuvor ohnehin schon. Magen- und Darmspiegelung im Dezember/Januar waren unauffällig. Die Blutwerte waren bislang immer in Ordnung. Kein Anlaß zur Sorge also? Und warum geht es mir dann immer beschissener? Sind die physische Schwachheit, der immer größer werdende Schlafbedarf, das Krankheitsempfinden nur eingebildet? Seit Wochen kratzt mein Hals, ohne das ich Husten oder Schleimbildung hätte, die Lymphknoten am Hals sind geschwollen, hinzu kommt ein diffuser thorakaler Druck, so als wäre latent etwas an Bronchien oder Lunge. Von vielen Seiten bekomme ich des öfteren zu hören, wie blaß und/oder schlecht ich aussähe. Nach 9 Stunden Schlaf wache ich auf und bin von einer bleiernen, pathologischen Müdigkeit und Schwäche befallen. Unmengen an Schwarztee und Kaffee kriegen mich dann in den folgenden Stunden so weit hin, daß ich für die nötigsten Sachen funktioniere. Nur fragt sich: wie lange noch? Was konkret soll ich tun? Jahrzehnte der Depression hatten es nie vermocht, an meinem Lebenswillen grundsätzlich zu rütteln. Die jetzige Lage schafft das mehr und mehr. (15. Juni 2016)


Vom Purzeln der Pfunde (2)

Die Waage zeigt momentan 89,5 kg an. Letztens war ich seit Jahren erstmalig wieder in einem Laden, um Klamotten anzuprobieren, dieses Mal rein um herauszufinden, mit welcher Kleidergröße ich aktuell operieren muß. Was soll ich sagen, der Sprung von 4XL zu XL ist schon klasse. Die neue Bundweite von 40 gegenüber gewohnten 62 ist komfortabel, was die Auswahl betrifft. Einfach in ein Geschäft gehen zu können und eine Hose zu FINDEN, die einem paßt, ist ein Luxus, auf den ich beinahe Jahrzehnte lang verzichten mußte. In den vergangenen Jahren kaufte ich sehr selten Kleidung. Slips bestellte ich bei bonprix, T-Shirts und Sweat-Shirts, wenn sie bei ALDI angeboten wurden, Schuhe ebenso, wenn es billige Treter bei ALDI gab. Mit Jacken und Hosen hatte ich ausgesorgt bzw. mich nie darum gekümmert, solange auch nur noch 1 in Reserve war. Jetzt bin ich aufgrund des Gewichtsverlustes allerdings zu Neuanschaffungen gezwungen; denn die Kleidung hängt an mir herunter und schlackert im Wind. (9. Juni 2016)


Vom Purzeln der Pfunde (1)

Von meinem Vater zwei Schnitzel abgeholt, die ich heute Abend essen will und die mein Bruder gerade frisch gebrutzelt hatte. Dabei aus Versehen auf die Waage gestiegen. Normalerweise nutze ich ausschließlich die Stationswaage (immer zur selben Zeit um 2 Uhr nachts). Vorgestern beim Arzt (mit Klamotten) 90,7 kg. Und eben (mit freiem Oberkörper) 89,0 kg. So viel bzw. so wenig wog ich zuletzt irgendwann in den Jahren 1987/1988. Mit zwanzig Jahren, 1986, noch als Koch, bevor ich ins dreijährige Studienkolleg nach Magdeburg ging, wog ich 68 kg. Während der drei Jahre Abitur, als ich körperlich nicht mehr arbeitete und unkontrolliert in mich hineinzufressen begann, nahm ich 23 kg zu und wog im Sommer 1989 91 kg. Das war der nie wieder auszubügelnde Fehler. Zwar verlor ich im Jahr 1989/90, als ich in Mittweida lebte und als Krankenpflegehelfer arbeitete, wiederum 18 Kilo und brachte im August 1990 nurmehr 74 Kg auf die Waage. Dies war jedoch dem körperlichen und psychischen Streß geschuldet, den ich in diesem - im Nachhinein - verheerendsten Jahr meines Lebens auszustehen hatte. An den Ernährungsgewohnheiten, die ich mir mittlerweile zugelegt hatte, änderte (s)ich nichts, so daß ich seitdem zukzessive zunahm. Als ich im September 2000 mit Rauchen aufhörte (und auch vorher durch mehrfaches Aufhören - Wiederanfangen die Jojo-Spirale kennenlernte und ankurbelte), stieg das Gewicht immer wieder um einige Kilo und erreichte irgendwann, wenn ich das richtig erinnere, 118 kg, reduzierte sich nach meiner LWS-Operation 2009 etwas und blieb dann jahrelang bei 114 kg konstant. Stabil allerdings bei erhöhtem Alkoholkonsum. Und wenn ich jetzt 89 kg auf der Waage erblicke und somit einen Gewichtsverlust von rund 25 Kilogramm verzeichnen kann, freut mich das auf den ersten Blick freilich; auf den zweiten runzele ich die Stirn, weil ich mich frage, ob das mit rechten Dingen zugeht, ob das normal ist. Denn außer der Alkoholabstinenz seit dem 16. Dezember 2015 und einer seitdem etwas kontrollierteren Ernährung fallen mir keine Veränderungen ein. Das heißt, ich treibe weder Sport noch bewege ich mich mehr als früher. Wie und was dem auch immer zugrunde liegt - die heute gebrochene 90-kg-Marke ist ein autobiografischer Meilenstein, auch wenn man hierbei weniger die Längen- als vielmehr eine Gewichtsmetapher bemühen sollte. (20. Mai 2016)


Ein beschissener Dienst

Der letzte Dienst war so anstrengend, kräfte- und nervenzehrend, daß man danach regelrecht gezeichnet ist und dies nicht so einfach wettmachen & weckstecken kann. Unter Umständen wirkt sich das auf die nachfolgenden Tage aus; es entsteht eine Spirale nach unten, bei der das Kräftedefizit verfestigt und ausgebaut wird. Zwei Todesfälle fast zur selben Zeit mit komplizierten Begleitumständen, die sich bis zum Dienstende hinzogen, eine sowieso verschärfte Situation mit vielen, vielen Pflegefällen und zu guter Letzt im letzten Nachtdrittel noch ein Bettsturz, wobei beim Patient der dringende Verdacht auf eine GIB entstand, der zu einer Kaskade an Maßnahmen, also Arbeiten für uns führt, die andere Arbeiten, die zu dieser Zeit eigentlich hätte stattfinden müssen, verunmöglichen, so daß ein Stau entsteht, der dafür sorgt, daß man stundenlang durch die Station hetzt, man weder auf die Toilette noch zum Trinken kommt, der Kopf mehr und mehr blockiert wird und man dann am Ende, am Dienstende, bei und nach der Übergabe, wie ein Häufchen Elend in den Seilen hängt. Solche Dienste sind gefürchtet & schlauchen ungemein; und das mit ihnen einhergehende Erregungspotential überdauert, was man an diesem Beitrag mit hoffentlich karthartischer Wirkung merken könnte. (12. Mai 2016)


Ein schwarzer Tag

Depressiv bin ich eigentlich unentwegt. Nur gibt es diese Tage, an denen es noch eine Stufe tiefer geht, an denen man nicht nur mit dem gegenwärtigen Tag hadert, sondern das Ganze in einem äußerst häßlichen Licht sieht. Oder eher ohne Licht, höchstens Schatten. Tage, manchmal nur Stunden sind das, in denen man den Klammergriff einer Hoffnungslosigkeit spürt, die man nicht für möglich gehalten hat. An "normal" depressiven Tagen gibt es immer Auf und Abs, es gibt immer etwas, woraufhin man leiden kann, worauf man sich freut. Bis vor kurzem war es der Feierabend mit den mindestens fünf Flaschen Bier und einer üppigen Mahlzeit. Ich inszenierte dies mit Hingabe; dazu kamen Serien, bei denen ich, mit jeder Flasche Bier ein wenig mehr, dahindämmerte und in Trunkenheit versank. Das Anfluten des Alkohols war klasse; die ersten zwei Flaschen Bier jedes Mal eine Offenbarung. Das Leben war, wenigstens kurzfristig für diese Stunde, lebenswert. Worauf freue ich mich jetzt? Die Droge Alkohol fiel weg, die letzte Zigarette liegt 16 Jahre zurück. Das Essen ist auf eine tägliche Mahlzeit beschränkt. Die Kalorienzählerei verhindert hier orgiastische Entladungen, auf die man hinarbeiten könnte. Bleibt lediglich die Literatur. Sich auf die Momente der täglichen Lektüre freuen. Für einen Bibliomanen wäre das doch der Himmel, oder? Es gibt diese Vorfreude, ja, an den normalen Tagen. Heute sehe ich mein Leben in weit kärgeren Umrissen. Die zunehmenden gesundheitlichen Querelen, die Last der Arbeit als Krankenpfleger im Dauernachtdienst, die damit korrelierende anwachsende Zeitknappheit, die Schwäche - all das raubt mir den Mut. Als ich vorhin den folgenden Satz aus Heimito von Doderers "Ein Mord den jeder begeht" abtippte, überkam mich diese abgrundtiefe Schwärze im Kopf. "... ungebrochenen Mutes und hellen Geistes bei aller Veränderung ihrer Daseinsumstände." Davon bin ich meilenweit entfernt. Die Einsamkeit überwältigt mich mitunter mit einer Wucht, die man glücklicherweise kaum wahrnimmt, weil man durch die Depression bereits schaumgebremst ist und das Leid nur wie durch Watte wahrnimmt. Andernfalls wurde man sofort aus dem Fenster springen.(26.4.2016)


Kalorien zählen

Notgedrungen muß ich nun auf Kalorien achten, um nicht dem Jojoeffekt zu erliegen. Daß ich im Urlaub etwas zunehmen könnte, muß einkalkuliert werden. So sensibilisiert, drehe ich jedes Lebensmittel um und studiere die Nährwertangaben. Leider hat Käse (Schnitt-, Weich-, Frischkäse) im Vergleich zu herkömmlicher Wurst, z.B. Kochschinken und erst recht der energiearmen Aspikwurst, mehr als doppelt so viele Kalorien. 100 g Hähnchenaspikwurst nur 90 kcal, Schnittkäse wie Gouda oder Edamer dagegen rund 270 kcal. Fertigsalate, die ich so gerne esse (Geflügel-, Eier-, Nudel-, Fleischsalate) sind mit 250 bis 300 kcal/100g auch intensiv und eigentlich nicht für meine Zwecke geeignet. Denn mit einem 250-g-Becher nimmt man 650 kcal zu sich. Dazugerechnet 3 Weizenbrötchen (500 kcal), die ich mir an Nichtarbeitstagen bislang stets gönnte, 30 g Halbfettbutter (120 kcal). Sind zusammen 1270 kcal. Ohne Joghurt und Fruchtquark komme ich nicht aus. Fettarmer Joghurt im 250-g-Becher hat zirka 250 kcal. Fruchtquark schon mehr; und ich vertilge hier oft einen 500-g-Becher. Summa summarum macht das im ungünstigen Fall: 2000 kcal. Das heißt, ich nehme zu. Folglich sind Abstriche zu machen, indem ich, wenn ich die volle Dröhnung Joghurt/Quark möchte, Vollkornbrot nehme und weniger energieintensiven Belag (fettreduzierten Käse, Sauermilchkäse, Aspikwurst, diverse Wurstaufschnitte), oder ich bleibe beim kalorienreicheren Belägen wie meinem geliebten "normal"fetten Käse und muß dann beim Joghurt geizen, indem ich nur ein fettarmes 250-g- Becherchen wähle. Wie auch immer gerechnet: Ich muß unter 1800 kcal täglich bleiben, um das Gewicht wenigstens zu halten. Solche Sperenzchen wie 1-2 Frikadellen, Mettenden, Knacker, die ich zum Essen so liebte, müssen radikal entfallen, denn nur 1 Frikadelle schlägt mit 300 kcal zu Buche, Knack- oder Bockwurstartiges kaum minder viel. Am sichersten wäre es, bei zwei der drei Hauptkomponenten der Mahlzeit aufzupassen: 3 Scheiben Vollkornbrot (390 kcal) statt Brötchen (500 kcal), Aufschnitt 100/150g (150 kcal), Butter (120 kcal), 2 Tomaten oder 1/2 Gurke, dafür aber ein großer Fruchtquark (670 kcal) machen, grob geschätzt und aufgerundet aktzeptable 1400 kcal, welche sogar Spielraum für etwas mehr beim Brotbelag eröffnen. (13.4.2016)


Überall nur Tod

Die Meldungen des Tages erwischen einen dann eben zu einer Zeit, in der man sie allein aufnehmen und verarbeiten muß, in der niemand da, weil wach ist, der reagieren könnte. Gestern Nacht war es die Nachricht vom Tod Roger Willemsens, die mich fertig machte. Und heute Nacht ist es eine Nachricht, die mich noch viel fertiger machen wird. Eine Kollegin, einige wenige Jahre jünger als ich, die ich seit mehr als 20 Jahren kenne und mit der ich jetzt einige Jahre lang auf 1 Station als Pflegekraft arbeitete, ist 10 Monate nach der Diagnosestellung an diesem verfluchten Krebs gestorben. (10. Februar 2016)


Bauch-Aua

Gesundheitlichen Probleme trieben mich am Mittwoch, dem 16. Dezember 2015, zum Hausarzt. Seit Tagen verstärkten sich Beschwerden in der rechten Bauchseite. Kein Schmerz direkt, sondern ein markantes Spannungs- und Druckempfinden, das mal unterm rechten Rippenbogen auftrat, dann etwas weiter unterhalb im Bauch. Ob nun Leber- oder schon Darmbereich, blieb diffus. Die Blutwerte ergaben normale Leberwerte, aber eine doppelt erhöhte Lipase, Tribut des chronischen Alkoholabusus und der falschen (üppigen) Ernährung. Ich wurde bis Sonntag (20. Dezember) krank geschrieben, erhielt Novamintropfen gegen das Spannungsempfinden, PPI (Magensäureblocker) für die Magen/Darmberuhigung sowie Pipamperon gegen Entzugserscheinungen (Unruhe, Schlaflosigkeit, Angst). Da mein Bruder erst in der vergangenen Woche die Diagnose Hepatitis E erhalten hatte, befürchtete ich anfangs, mich eventuell angesteckt zu haben, wogegen schließlich die normalen Leberwerte sprachen. Die Oberbauchsonografie zeigte allerdings, daß eine Alkoholabstinenz dringlichst anzuraten ist, denn der zirrhotische Umbau sei bereits im Gange. Die Spannungsbeschwerden im Bauch sind nach wie vor vorhanden. Die Lipase hat sich völlig normalisiert, sicherlich eine Folge der konsequenten Nahrungsrestriktion während der letzten sieben Tage. Eben bin ich mit einer Überweisung zur Koloskopie (Darmspiegelung) heimgekehrt, die eine Ursache im Darm ausschließen soll. Das ist das, was in der Klinik unter "weitere Diagnostik" läuft. Den Termin werde ich wahrscheinlich erst im neuen Jahr bekommen. Immerhin bin ich durch diese Krankheitswoche recht ausgeschlafen und ausgeruht, wenn auch die Sorge um eine noch nicht erkannte Erkrankung die Stimmung drückt, insofern das bei mir, der seit 20 Jahren in einer depressiven Talsenke lebt, überhaupt noch möglich ist. (22. Dezember 2015)


Informationelle Diät

Man wird von dem, womit man sich umgibt, unweigerlich geprägt. Ich dachte immer, ich müsse doch die Realität zur Kenntnis nehmen, die Nachrichten verfolgen, Fakten verstehen, mich dem nicht verschließen, was alltäglich geschieht. Vor kurzem lernte ich die Videos von Vera Birkenbihl kennen, von der ich vorher tatsächlich nichts wußte. Und wenn das so ist, daß man viel mehr von dem beeinflußt wird, dem man sich mental und kognitiv aussetzt, stellt sich wirklich Frage die Frage der Beschränkung, der informationellen Diät, der Askese in Sachen Nachrichten, die ja zumeist schlechte Nachrichten sind. Bzw. gälte es, die positiven Einflüsse, die uns prägen können, zu verstärken, die Balance wiederherzustellen. Wenn man sich mit so simplen Psychotricks, die Birkenbihl liefert und die tatsächlich funktionieren, autosuggestiv umkrempeln kann, dann, ja, warum tut mans dann nicht öfter im Alltag? Sich aus dieser Schneise des Negativen, das durch die Allgegenwärtigkeit, wenn man dauernd im Netz unterwegs ist, erstickend auf uns wirken muß, herausschlagen. Für mich sind solche Ruhepunkte, solch ein Gegenpol vor allem die Musik, auch die Literatur. Und ich praktiziere in der Tat diesen albernen Psychotrick, mich so oft wie möglich für 60 Sekunden vor den Spiegel zu stellen, die Mundwinkel hochzuziehen, mechanisch zu lächeln. Oder ich ziehe mich solch ein Video rein. (Schon im Oktober 2014 auf ein Blogposting von Claudia Klinger geschrieben und im Dezember 2015 wiederentdeckt und hier archiviert.)


Die Masse an Maßnahmen

Es wird ja diagnostiziert und therapiert, was das Zeug hält. Als Dauernachtdienstler, der nächtlich für bis zu 36 Patienten Tabletten stellt, kann ich mich mit wunden Fingern wundern, wieviel zu schlucken ein Mensch in der Lage ist. Durch die gastrologischen und onkologischen Krankheiten sind viele, viele Schmerzmittel dabei. Mit manchen Medikamenten werden nicht Krankheiten kuriert, sondern ihnen vorgebeugt bzw. sollen Spätschäden vermieden werden. Wozu allerdings muß ein betagter Mensch einen Cholesterinsenker schlucken? Warum müssen sich knapp 90-Jährige durch Magen- und Darmspiegelung quälen? Warum werden Sterbende mit Infusions- und Sauerstoffgaben gefoltert? Wenn ich unseren diensthabenden Ärtzten Gian Domenico Borasios „Über das Sterben: Was wir wissen. Was wir tun können. Wie wir uns darauf einstellen“ zur gefälligen Lektüre empfehle, ernte ich nur ein Grinsen. Im Krankenhausalltag ist Routine ambivalent. Sie hilft meistens, sie verhindert aber auch ein Dazulernen, ein Be- und Umdenken. Die vielen Untersuchungen im stationären Bereich sind auch erst so eskaliert, seitdem die so genannten Fallpauschalen diese Maßnamen seitens der Krankenkassen einfordern. Zu bestimmten Krankheitsbildern gehört eine Kaskade an gewollten diagnostischen Mitteln, bei denen es keine Rolle spielt, ob sie dem oft sehr alten Patienten eigentlich zugute kommen oder einem Berechnungssystem, welches sich verselbstständigt hat. - Ablehnungen von Maßnahmen sind durchaus beobachtbar. Solche Patienten gelten schnell als Querulanten. Es gehört schon eine gehörige Portion Mumm dazu, sich gegen einen Facharzt zu stellen. Und im Normalfall hat er in seinem eng begrenzten Bereich ja auch wirklich Ahnung. Wichtig nur, ihm auf die Finger zu hauen, sobald er etwas über den Tellerrand seines Fachgebietes hinaus tun will. Meist tut er das nicht. In der Inneren beispielsweise werden medikamentöse Einstellungen von neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen auch fast nie verändert. Lustig ist es, wenn Mitpatienten für andere Beruhigungsmittel einfordern, damit sie nicht gestört werden. Nachts ist tatsächlich oft viel los, wenn Verwirrte, Desorientierte, Demente loslegen, denn die Nacht ist IHR Tag. (Der Text ist im November 2014 als Kommentar eines Blogpostings von Claudia Klinger veröffentlicht worden und wird hier archiviert)


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