Wir Deutschen (1)

Zeugnisse zu Fremd- und Eigenbildern [^^] [^]


Themenstreusel: Deutsches
Themenstreusel: Drittes Reich
Kaffeekochen im Grunewald
Der Internationale Frühschoppen
BRD-DDR 1974 (2)
BRD-DDR 1974 (1)
Rotkohl und Schwarzkohl
Nie ist es satt
Die Schuldfrage
Harter Kriegswinter
Ein einiges Volk
Die Ort gewordene Sehnsucht
Berichterstattung
Immer die Ersten
Der Traum von der Ordnung
Demokratie beidseits
Die ideale Schauspielersprache
Etwas entgegen setzen
Caterina Valente
Die Bayern
Frankfurt am Main (2)
Frankfurt am Main (1)
Magdeburg-Bashing
Kioskkultur
Deutsche in der Fremde
Die eherne Masse
Entwurzelt
Vorwurf, typisch deutsch zu sein
Abscheuliche Eigenschaften
Namensgebung in Galizien
Moralisieren
Der einzelne Deutsche
Im Wasser
Friesisch
Ohne Stolz
Grüezi Gummihälse
Auf Deutschlands Toiletten
Eine deutsche Idee
Ernsthafte Tätigkeit
Mangelnde Muße
Ostdeutsche seelisch stabiler
Was Deutsche glücklich macht
Mein Deutschtum ist anders
Eiertänze
Kohl, Koch und Konsorten
Diener des Volkes
Der rechte Dreck
Edmund, der Bayer
Eiterbeulen der Gesellschaft
Die rechte Scham
Ein emsiger deutschen Depp
Teigwaren


Kaffeekochen im Grunewald

...er sei in der früheren Zeit oft mit der Mama im Grunewald unterwegs gewesen. Dort habe es schöne Gartenlokale gegeben, in denen man als Wanderer seinen eigenen Kaffee habe kochen können. Vor solchen Lokalen hätte man auf einem Schild lesen können "Die alte Sitte ist nicht gebrochen, hier können Familien Kaffee kochen." Man habe also sein eigenes Kaffeemehl mitgebracht und sich dann seinen eigenen Kaffee gebraut. Heißes Wasser und eine Kanne habe man geliehen bekommen. (Hanns-Josef Ortheil: Die Berlinreise. Roman eines Nachgeborenen) ^


Der Internationale Frühschoppen

Ich habe zwei- oder dreimal im Fernsehen die Sendung 'Der Internationale Frühschoppen' (mit Werner Höfer) gesehen. Diese Sendung ist auch eine richtig politische Unterhaltung, und zwar mit mehreren Journalisten aus verschiedenen Ländern. Werner Höfer leitet die Sendung und spricht immer einen anderen Journalisten an, und dann sagt der Journalist etwas, nippt an seinem Glas Wein und raucht eine Zigarette oder ein Zigarillo. Am Ende der Sendung sitzen alle in dichtem Qualm, und man kann Werner Höfer und die Journalisten kaum noch erkennen. (Hanns-Josef Ortheil: Die Berlinreise. Roman eines Nachgeborenen) ^


BRD-DDR 1974 (2)

Die DDR-Schlachtenbummler schwenkten ihre Fahnen und sangen: "O, wo bleibt das Eins zu Null?" (...) Sprechchöre forderten den Einsatz von Netzer, an der Seitenlinie machte sich Höttges fertig, auch Netzer streifte den Trainingsanzug ab. Zwanzig Minuten vor Schluß stand es noch 0:0, und es konnte nicht die Rede davon sein, daß die eine Mannschaft der anderen in irgendeiner Hinsicht überlegen war, nicht im Kampfgeist, nicht in der Technik, und Weise und Hoffmann und Wätzlich erwiesen sich ebenso als Individualisten wie Breitner und Cullmann und Flohe. Da liefen Höttges und Netzer aufs Feld für Schwarzenbeck und Overath, Hamann kam für Irmscher herein, und in der 78. Minute war die Sensation perfekt: Croy schlug ab, Hamann hieb den Ball weit vor, Sparwasser erlief sich ihn, umspielte zwei Verteidiger und knallte ihn über den sich werfenden Maier unter die Latte. Die DDR führte, und es änderte nichts am Ergebnis, daß nun Beckenbauer seine Mannschaftskameraden hektisch nach vorn trieb, jetzt kam Müller endlich einmal zum Schuß, traf aber nur die Latte, und beim Abpfiff sagte Varney zu Pinke: "Trösten Sie sich mit uns." Unten umdrängten Fotografen den lachenden Sparwasser, die DDR- Kolonie sang: "So ein Tag, so wunderschön wie heute", ein Showmaster erfand den Slogan: "Die bundesdeutschen Fußballer kochen auch nur mit Sparwasser", und die Journalisten notierten: Sieger der WM- Gruppe 1 war die DDR vor der Bundesrepublik, wer hätte das gedacht! (Erich Loest: Rotes Elfenbein) ^


BRD-DDR 1974 (1)

Die zweite Halbzeit brachte das gleiche temposcharfe, offene, abwechslungsreiche und faire Spiel wie die erste, und Varney dachte: Wie gut, daß ich Engländer bin und ohne Prestigegedanken zuschauen kann. Wenn Schöns Mannen gewinnen, besagt das nicht, daß der Kapitalismus besser ist als der Sozialismus, und wenn Buschners Elf gewinnt, folgert daraus nicht das Gegenteil. Aber es gibt ja wohl wirklich nichts, was zwischen Rhein und Oder frei wäre von Politik, nicht die Qualität von Suppenwürfeln oder der Preis von Strumpfhosen oder die Schußstärke eines Fußballerbeins; es ist leicht, von London aus den Moralisten zu spielen. (Erich Loest: Rotes Elfenbein)  ^


Rotkohl und Schwarzkohl

Zwei deutsche Mannschaften unter den letzten acht und keine britische – stand die Fußballwelt auf dem Kopf? (...) Die Straßen in Richtung auf das Volksparkstadion waren verstopft, das Polizeiaufgebot konnte sich mit dem messen, das Varney von Auftritten seiner Königin kannte. Prominenz aus Bonn hatte sich scharenweis angesagt, Bundeskanzler Schmidt hätte ohne weiteres in der Halbzeitpause eine Kabinettsitzung abhalten können; zwei Männer mit dem Namen Kohl saßen auf den Tribünen, Botschafter Kohl aus der DDR und CDU-Vorsitzender Kohl, und ein Journalist hatte diese Spitznamen erfunden: Rotkohl und Schwarzkohl. (Erich Loest: Rotes Elfenbein) ^


Nie ist es satt

"Alles, was hier in Blüte steht, ist Rubrik und Formelwesen, ist Zahl und Schablone, und dazu jene häßliche Armut, die nicht Einfachheit, sondern nur Verschlagenheit und Kümmerlichkeit gebiert. (...) Weil sie jene Rauf- und Raublust haben, die immer bei der Armut ist. Nie ist es satt, dieses Volk; ohne Schliff, ohne Form, ohne alles, was wohltut oder gefällt, hat es nur ein Verlangen: immer mehr! Und wenn es sich endlich übernommen hat, so stellt es das Übriggebliebene beiseite, und wehe dem, der daran rührt. Seeräubervolk, das seine Züge zu Lande macht! Aber immer mit Tedeum, um Gott oder Glaubens oder höchster Güter willen. Denn an Fahneninschriften hat es diesem Lande nie gefehlt." (Theodor Fontane: Vor dem Sturm)


Die Schuldfrage

Ein Bosnier und ein Serbe waren bei ihm angestellt, er hatte keine Ahnung, was der Unterschied genau war. Und dann hat er erfahren, dass die es auch nicht wirklich wussten. Den Krieg haben sie beide verdammt. Ein Mal nur ging es um die Schuldfrage, weil es ein Mal halt immer bei allen Dingen um die Schuldfrage geht, aber das haben sie friedlich gelöst und danach beschlossen, nur noch deutsche Nachrichten zu gucken, weil da seien alle gleich schuld, nur die Deutschen nicht ... die dürften sich für die nächsten tausend Jahre keine Schuld mehr leisten, und damit konnten beide leben. (Sasa Stanisic: Vor dem Fest)


Harter Kriegswinter

Der Winter blieb hart bis zum Ende. Der Krieg begann über die Fronten zu springen und ins Volk zu stoßen. (...) Bauern, die starkes Vieh und gute Äcker besaßen, wuchsen zu Instanzen, denen man sich näherte wie früher hochgestellten und reichen Verwandten. Wenn wir in eine Bauernküche traten, in der in breiten Eimern frische Milch stand oder ein Schinken im Rauchfang schaukelte, überkam uns dieselbe Scheu wie August und seine proletarischen Kameraden, als sie vor Jahren einen bürgerlichen Salon sahen oder ein Klavier. (Ernst Glaeser: Jahrgang 1902)


Ein einiges Volk

Wir fühlten uns unter dem Schutz der Fronten geborgen wie eine gläubige Gemeinde unter dem Dach ihrer Kirche und in der Verheißung ihres Herrn. Gott war auf unserer Seite, unsere Väter waren seine Werkzeuge, wir sein Volk. Die Gesichter der Erwachsenen bekamen langsam jenen selbstsicheren Ausdruck, wie ihn die Adventisten haben. Sie fühlten sich alle auserwählt. "Wir Deutsche", sagten sie und machten Augen dazu, als sollten sie auf ein Heiligenbild gemalt werden. Dauernd betonten sie ihre Brüderlichkeit, als sei es ein großes Verdienst, einig zu sein. Ihre Stimmen waren gesalbt, sie vermieden jeden lauten Ton, jedes böse Wort. Die "armen Leute", wie sie das Proletariat nannten, wurden liebevoll behandelt, niemand fand es mehr unter seiner Würde, mit Arbeitern und kleinen Bürgern mehr als das Notwendige zu sprechen. Der Name Sozialist verlor seinen anrüchigen Klang. Wir waren ein einiges Volk, der Krieg hatte alle sozialen Kluften überbrückt. (Ernst Glaeser: Jahrgang 1902)


Berichterstattung

Es gibt Leute in diesem Land, die werden fast verrückt, wenn die Deutschen und die Russen etwas zusammen machen. Im Juni oder Juli war Präsident Putin in Berlin. Wenn ich das richtig sehe, war das in Deutschland ein ganz normaler Staatsbesuch, aber die New York Times hat einen langen Artikel darüber gebracht, obwohl sie sonst aus Europa höchstens den Ausbruch eines Weltkrieges berichten, falls sie dafür zufällig noch Platz in ihrem Blatt haben. (Günter Ohnemus: Reise in die Angst, S. 263)


Immer die Ersten

Ich glaube aber, daß wir mit den Deutschen so deutlich als möglich reden müssen, so deutlich, wie es die Wahrhaftigkeit zuläßt, die wohl immer unter der Vereinfachung leidet. Nach Briefen und Gesprächen, die ich gelegentlich hatte, bin ich wieder ordentlich verzweifelt; nun kommen sie schon mit dem moralischen Passepartout ihrer Leiden, inbgeriffen Hermann Hesse, der seine deutschen Freunde als die zweifllos reifsten Menschen im Abendlande anspricht, immer das Deutsche verbunden mit einem Superlativ, sie sind die ersten im Siegen, die ersten im Leiden. (Max Frisch an Walter Muschg, 1946)


Die Ort gewordene Sehnsucht

Ich sah die Elbe, wie sie frei und stolz - ich hatte augenblicklich diese pathetischen Wörter im Kopf - zwischen Wiesen und Hügeln floß, in ruhiger, fast zärtlicher Naturgewalt, vorbei an unbefestigten Böschungen, weiten Wiesen, mitten in einer Großstadt, deren Dächer und Kuppeln wie Hüte wirken, mit denen die stolzesten Menschen ihr Haupt bedecken vor Gott. Hänge, Wege, vor Schönheit fast verzitternd. Sanft wie Tiere gehen die Berge neben dem Fluß. Deutschland ist ein romantisches Land. Ich war wirklich ergriffen, als ich diesen Gedanken hatte: Deutschland ist in Wahrheit ein romantisches Land. Die Klassik war ein Irrtum. Der auftrumpfende Gestus der Vollendung, von Weimar über Bauhaus, Speer, in den Faschismus. Weimar, Buchenwald - ein Irrtum. Das Wilde, Ungezähmte, das sich in die Schönheit fügt, Dresden, die Elbe, ist die Wahrheit, die Ort gewordene Sehnsucht. (Robert Menasse: Ich kann jeder sagen, S. 136)


Der Traum von der Ordnung

Die-Polizei !räumt Jezz !auf, wird !haart durch= gegriffen, !Rechtso: !! SchluS.S.=jezz mitte Radau= Brüderzursonnenzurfreiheit - Hamse janzrecht Herr - Nischte war dahinter: Großeklappe von ween Welt-re?wo- Lutzjoon : Hättn wir uff !die jehört, keen Jramm Butta hätten wir uffe Stulle Biß=heute nich, noch n halbes Pfund Herr Baeske bittschön - Solltn wir etwa den Steckrühm-Winter 17 ?!vag-essen ham: de Kinder sinn uns vareckt wie de Flieeng, dann de-Jrippe & hat hinjemacht watt noch übrich war vom-Kriech=&=vom-Hunger - N Rinnstein hamwa abjesucht nach ?was zu beißn - de dotn Ferde uffjeschnitten ummal wieder n Schticke Fleiäsch sswischn de Kiemen se ham. Manchma wahn de armen Ferde noch nichmal richtich dot & de Leute bis üwern Ellbogen rinn inne warm Kal-Daunen wenns knochenkalt war Imwinter - Ja Woll. (Reinhard Jirgl: Die Stille)


Demokratie beidseits

Auch mir, dem siebzehnjährigen Jungen, den Krieg und diktierter Glaube dummgehalten hatten, mußte das Wort Demokratie mit seinen Verhaltensregeln in Lektionen eingepaukt werden. So erging es allen, denen eine demokratische Grundordnung, wie es lehrbuchhaft hieß, per Dekret verordnet wurde. Das taten gestreng die westlichen Sieger, die sich als von niemand zu bezweifelnde Demokraten gespiegelt sahen. Hingegen bestanden die östlichen Sieger darauf, daß sich in jenem Teil des Landes, der ihnen zugefallen war, der entstehende Staat unter dem vielversprechenden Titel Deutsche Demokratische Republik zu einer prinzipienstarren Diktatur entwickelte. So lebten die Deutschen als Musterschüler ihrer siegreichen Schirmherren vierzig Jahre lang gegeneinander. Jeweils hielten sie sich für die besseren Demokraten. Seitdem es aber den östlichen Staat nicht mehr gibt und sich der westliche an dessen Überresten verschluckt hat, ist das demokratische Gebäude von Schäden befallen, zeigt das Fundament Risse, bröckelt die Fassade, entfallen ihr schmückende Ornamente, ermüden Stützpfeiler, kracht es im Dachgebälk. Sogar das Geld, eigentlich herrschender Souverän, hat sich davongemacht. Vorzeitig vergreist, ächzt das Land unter drückender Schuldenlast. Und nur zaghaft dämmert die Einsicht, daß Demokratie kein gesicherter Besitz ist. Sobald sie schläft oder sich schlafend stellt, gar darauf hofft, es werde demnächst ein Prinz kommen und sie wachküssen, ist ihr Ende schon bereit. (Günter Grass: Grimms Wörter, S. 167)


Die ideale Schauspielersprache

Michele und Jack hatten nur ein einziges gemeinsames Fach, nämlich Deutsch im vierten Jahr. Viele der Schüler, die Deutsch gewählt hatten, wollten Ärzte werden. Deutsch als Fremdsprache war angeblich gut, wenn man Medizin studieren wollte. Jack hegte nicht diese Hoffnung - Naturwissenschaften waren nicht seine Stärke. Ihm gefiel die Anordnung der Worte in deutschen Sätzen: Die Verben lauerten immer am Ende. Was für starke Abgänge! In deutschen Sätzen passierte alles immer erst am Ende. Es war die idelae Sprache für Schauspieler. (John Irving: Bis ich dich finde, S. 423)


Etwas entgegen setzen

Wie andere Elfjährige in ihrer Phantasie in den Wilden Westen, in Ritterzeiten oder mit Perry Rhodan in den Weltraum ausbrachen, um eine Ergänzung des Lebens zu ergattern, öffnete ich mich plötzlich in Richtung Hochbarock, wo Vorfahren versucht hatten, der Ewigkeit, der möglichen Nichtigkeit des Daseins, dem unabwendbaren Verschwinden mit einer kolossalen Chinoiserie zu trotzden, der vielleicht ewigen Finsternis einer Dresdner Gondelfahrt mit Fanfaren im Begleitschriff entgegenzusetzen. So etwas Zweckfreies hatte den Sinn, die gewöhnliche Logistik des menschlichen Lebens aufzulockern, den scheinbaren Notwendigkeiten mit Luxus entgegenzutreten, gegen die mögliche gebückte Haltung ein Kopfheben zu setzen. Sachsen wurde für mich zu einem heiklen Utopia, mit dem Anspruch, daß aus der Erdenzeit etwas mehr herauszuholen sein müsse, als Verpflichtungen nachzukommen, früh auf die Rente zu hoffen, dem Nützlichen unbedingt den Vorrang vor dem Abwegigen einzuräumen. (Hans Pleschinski: Ostsucht. Eine Jugend im deutsch- deutschen Grenzland, S. 74)


Caterina Valente

Was Niedersachsen betrifft, so war etwa Caterina Valente (mit ihrem schattenhaften Anhängsel und Bruder Silvio Francesco) ein eher undeutscher, anstrengender Unterhaltungstypus: Caterina Valente, dies zu hektisch, war dauernd mit schlangenartigen Bewegungen ihrer Arme und Hände, des ganzen Leibes befaßt, sang viel zu oft ausländisch und forderte vom überforderten Zuschauer eine Mondänität ein, die der unerfahren-ländliche Ludwig-Erhardt-Bürger nicht ohne weiteres aufzubringen in der Lage oder gewillt war. (Hans Pleschinski: Ostsucht. Eine Jugend im deutsch- deutschen Grenzland, S. 31)


Die Bayern

Vermutlich würde es den Menschen das Sprechen über ihr Land erleichtern, wenn sie sich alle als Heimatvertriebene erkennen wollten, davongejagt aus künstlichen Paradiesen. Von der Heimat lohnt es sich nur zu sprechen als von einem Mangel, dem Inbegriff des Verlorenen. Nur die Bayern verstehen ihre Heimat als etwas Objektives und Überpersönliches. Wahrscheinlich sind sie das einzige Volk, das sich wünscht, seinem Klischee ähnlich zu bleiben, und je fadenscheiniger die Klischees werden, desto selbstbewußter muß man sie vortragen. Keine Neureichenvilla ohne holzgeschnitzten Balkon, keine IT-Branche ohne Tracht, kein Eintritt in die Globalisierung ohne Campanilismus. Im Grunde muß sich alles um einen Turm scharen, besser noch um einen Stammtisch, einen Wimpel. Der enge Horizont ist eine Lebensform, deshalb verwandelt der Bayer alles ins Beschauliche, und auch die Tracht ist keine Kleidung, in der man sich schnell bewegt. Der weite Horizont dagegen ist in jeder Hinsicht suspekt. Wer ein Bayer ist, bewahrt seine Verbindung zum Kreatürlichen: Er schnupft und kaut, er säuft und kotzt, er spuckt und furzt und vegetarisch ist er gar nicht denkbar. Das Verhältnis des Bayern zum Fleisch umfaßt alles, was Fleisch ist, vom Geschlachteten bis zum Dekolletee. Wo hätte man es je besser? (Roger Willemsen: Deutschlandreise, S. 156)


Frankfurt am Main (2)

Hier, zwischen den Hochbauten, ist gewissermaßen das Unterholz der Dekadenz. Alles scheint durchlässiger, gieriger und doch auch unberührbarer. Da sind Offiziere der Geschäftswelt, die Markwortisten mit ihrer Grausamkeit und ihrer Herablassung gegenüber Dienstleistern, dort die Dropouts und Junkies, die wie Kuriere aus einer exterritorialen Welt hineingekommen sind, Geld fassen und laufen, um jenseits der Demarkationslinie im Dreck niederzugehen und zitternd eine Kanüle in den Arm zu jagen. (Roger Willemsen: Deutschlandreise, S. 111)


Frankfurt am Main (1)

Frankfurt am Main. Eine Spezies Mensch entsteht oder schwärmt von hier aus. Als sie sich jung fühlten, waren sie die Avantgarde des Herzens als die Verliebten bei Burger King und überreichten sich zum Einjährigen Geschenkgutscheine. Zehn Jahre später gehen sie zum Ostereiersuchen politischer Parteien. Und noch zehn Jahre später haben sie öfter auf die Uhr gesehen als ins Gesicht ihrer Frau. Inwzischen tragen sie Bürtchenbart und Flughafenkrawatte unter der bösartigen, gewaltbereiten Erfolgsfresse, dazu ein Einstecktuch voller Comic-Motive. In Kriegsmetaphorik reden sie vom Geschäft, in Zoten vom Privaten. Unsentimental, aber voller Dünkel über das Zwei-Prozent-Wachsutm ihrer Branche, wurden sie vom Kino verdorben, sehen sich als Haie aus "Wall Street" und beherrschen nicht mal Pforzheim. Im Büro Instant-Kaffee mit H-Milch, zum Geschäftsessen irgendein Matsch mit Mandel- Limonen-Dressing, drehen sie am großen Rad der Welt, "Profitmaximierung" genannt, und sind neckisch genug, zum Signalton ihres handys den "Schwiegermuttermarsch" zu wählen. (Roger Willemsen: Deutschlandreise, S. 110)


Magdeburg-Bashing

Die Stadt mit dem altmodischen Namen "Magdeburg" klingt wie die Antwort auf ein Bedürfnis. Da müssen Zugbrücken herabgelassen werden, feste, kühle Mauern müssen da stehen, mit Zinnen darauf und Bossenwerk über dem Fundament. Aber der Zug nach Magedeburg hält nicht in einer Stadt, sondern in einer Shopping Mall. "Wie komme ich von hier aus in Zentrum?" "Durch diese Einkaufszeile müssen Sie durch, dahinter durch die Ladenpassage, dann kommt so ein Einkaufszentrum..." Die Wahrheit ist, es gibt nur Einkaufsmeilen. Die Stadt ist eine Luftspiegelung, auf die ich ewig zugehen könnte, ohne sie je zu berühren. In Wirklichkeit hat mich der Kreislauf des Warenverkehrs erfaßt. Er spült mich von einer Ladenpassage in die nächste. Wo ich die Stadt vermute, türmen sich Waren auf und hinter Waren neue Waren. Warum also baut man keine Einkauszentren über sein Bett, warum geht man nicht auf die Toilette und shoppt dabei im Sitzen, warum gibt es noch eine Vernunft jenseits der ökonomischen? Oder gibt es? Gibt es einen einzigen Lebensraum, der nicht gleichzeitig Markt wäre? Ich hetze zum Bahnhof zurück. Hätte man Magdeburg gesprengt und durch ein Shopping-Ghetto ersetzt, wer suchte noch nach der Stadt? (Roger Willemsen: Deutschlandreise, S. 57)


Kioskkultur

Und da sitzen sie: zu ernüchtert selbst für Idyllen, zu sprachlos. Alles, was sie konservieren, ist die Kioskkultur. An dieser niedrigsten gastronomischen Form lagern sich die Leute an wie in einer chemischen Verbindung mit freien Wertigkeiten. Bei "King Kebab" dem Ersten stehen die Melancholischen und Bitteren, Männer mit Dosenbier und wenigen, aber tiefschwarz gefärbten Haaren, Frauen in Jogging-Anzügen oder Kittelschürzen, George-Grosz'sche Kleinbürger-Karikaturen, sie treffen sich, reden aber kein Wort miteinander. (Roger Willemsen: Deutschlandreise, S. 52)


Deutsche in der Fremde

Die Geschwindigkeit, mit der ein Deutscher die Gebräuche und selbst die Vorurteile eines anderen Landes annimmt, hat etwas Wundersames. Um die Fehler eines Volkes zu studieren, genügt es, einen Deutschen zu nehmen, der seit einigen Jahren in diese andersartige Substanz getaucht ist und von der er gewiß insbesondere die Extreme aufgesaugt hat. In England wird er steif und kühl geworden sein; in Holland langsam und methodisch; in Amerika geschäftstüchtig und herablassend; in Frankreich gekkenhaft und spöttisch. Einmal in London heimisch geworden, wird er schwören, daß der Mensch nur rohen Sellerie und halbrohes Rindfleisch essen solle; in Paris ansässig, wird er nichts ohne fünf Soßen herunterbekommen. Fügen Sie zu dieser Eigenheit noch den Wandertrieb hinzu, der sich aus der gleichen Quelle speist wie diese moralische Beweglichkeit, so könnten Sie sich leicht vorstellen, wie sich zwei Nachbarländer wie Deutschland und Frankreich gegenseitig beeinflussen. [Paris-Guide 1867] - (Wolfram Fleischhauer: Die Frau mit den Regenhänden, S. 44)


Die eherne Masse

Ich drehe mich zum Fenster und blicke in den Regen. Heinrich Kroll gehört zu den Menschen, die nie einen Zweifel an ihren Anschauungen haben - das macht sie nicht nur langweilig, sondern auch gefährlich. Sie sind die eherne Masse unseres geliebten Vaterlandes, mit der man immer wieder in einen Krieg ziehen kann. Nichts kann sie belehren, sie sind mit den Händen an der Hosennaht geboren, und sie sind stolz darauf, auch so zu sterben. Ich weiß nicht, ob es den Typ in anderen Ländern auch gibt - sicher aber nicht in solchen Mengen. (Erich Maria Remarque: Der schwarze Obelisk, S. 129)


Entwurzelt

Mein Schwiegervater hat eine typische Eigenschaft der Entwurzelten, also derer, die nicht wirklich dort zu Hause sind, wo sie wohnen, und auch nicht richtig da hingehören, wo sie herkommen. Wenn er in Deutschland ist, gibt es für ihn nichts Schöneres als Italien, das Land seiner Vorfahren und des Weins und so weiter. Alles ist dann in Italien besser. Das Wetter sowieso, aber auch die Menschen, die dort so fröhlich und gastfreundlich sind und immer einen Scherz auf den Lippen haben und überhaupt so kinderlieb und noch dazu ausgezeichnete Köche sind. Dazu die Landschaft und der Duft und die schönen Frauen allüberall und eben das diamantene Meer. Diese folkloristischen Hymnen gipfeln jedes Mal im Absingen neapolitanischer Volksweisen. Fast hat man aus seinen Schilderungen den Eindruck, als sei Italien eine Art riesiges Schlumpfhausen. Deutschland hingegen ist natürlich mies, kalt und grau. Die Menschen sind nur an Geld interessierte Vorteilsnehmer, die niemandem etwas gönnen, Kinder am liebsten immer einsperren und nie, nie lachen. Und dann das Essen, immer diese Knödel und Kartoffeln, dieser Schweinefraß. Oh, und wenn er nur könnte und nicht diesen riesigen Druck von wegen Karriere und so hätte, dann würde er zurückkehren in das Land von Dante und Machiavelli. Er würde über Weinberge schauen, dichten und immerzu 'polenta' essen. (Jan Weiler: Maria, ihm schmeckt's nicht! S. 62f.)


Vorwurf, typisch deutsch zu sein

Ich habe eine Angst, die alle Deutschen im Ausland haben. Wann immer man nämlich als Deutscher im Ausland etwas sagt, weil man beispielsweise Skorpione oder das Ebolavirus oder einen Südeuropäer mit Handfeuerwaffe im Zimmer hat, muß man sich darauf gefaßt machen, daß die Kleinkariertheit dieser Kritik mal wieder nur eines ist, nämlich typisch deutsch. Davor habe ich wirklich eíne fürchterliche Angst, nichts macht einen Deutschen so fertig wie der Vorwurf, typisch deutsch zu sein. (Jan Weiler: Maria, ihm schmeckt's nicht! S. 68f.)


Abscheuliche Eigenschaften

"Dieses verfluchte Land mit allen seinen abscheulichen Eigenschaften. Es ist ja doch wahrhaftig das anspruchsvollste und das niederträchtigste aller Länder. Was müssen sie sich immer stets erlösen wollen und die große Oper von Richard Wagner spielen! Und die Erlösung wird dann zum Kitsch - zum brutalen Kitsch muß sie jedes Mal in diesem Lande werden. Sie machen den großen mystischen Rausch und Gongschläge und den Karfreitagszauber, aber dahinter steht der Parademarsch und der Antisemitismus und die alten Generäle, die man als Halbgötter zurechtmacht. Ach, die wissen ja überhaupt nicht zu leben, die haben ja überhaupt nicht teil an der Zivilisation; deshalb sind sie so unsicher, daß sie immer mit dem Säbel rasseln und schnarren und befehlen und einschüchtern mit ihren scheußlichen Stimmen und ewig den Revanchekrieg vorbereiten. Es ist so lächerlich unbegabt für das Leben, dieses Volk mit seiner dünkelhaften Extraproblematik, daß es niemals, niemals eingetreten ist in den Kreis der Zivilisation. Das ist der Grund, das ist der einzige Grund, warum es unsre Zivilisation bedroht, zu der es den Zutritt nicht hat. Und nun ist es wieder einmal aufgestanden und will alles kaputtschlagen, und alle Welt muß zittern und sich Sorgen machen und höflich sein mit diesen bösen Narren." (Klaus Mann: Flucht in den Norden, S. 237)


Namensgebung in Galizien

Dieser kaiserliche Uhrensammler befahl eines Tages seinen Beamten in Galizien, daß sie den Junden deutsche Namen verpassen sollten. Die Beamten, die schon von Berufs wegen nicht viel Phantasie entwickeln durften, behalfen sich bei der Namensgebung mit sehr einfachen Methoden. Zuerst kamen Farben an die Reihe; die Juden erhielten Namen wie Schwarz, Weiß, Grün, Roth; Gelb, Braun und so weiter. Als schon zu´viele Farben herumliefen, hängte man noch ein Wörtchen an die Farben an: Grünstein, Goldstein, Blaustein, Rothstein oder auch Einstein, Ohrenstein, Ehrenstein oder ähnlich. Dann verteilte man Sterne: Morgenstern, Sonnenstern, Glühstern, Unstern oder einfach nur Stern. Man behängte die Juden auch mit Ortsnamen, unabhängig davon, ob sie aus den betreffenden Ortschaften kamen oder nicht. Es entstanden die Familien Czernowitzer, Kattowitzer, Lemberger, Kracauer, Lubliner, Warschauer und noch viele andere, quer durch die Landkarte Galiziens. Manche Beamte machten sich einen Spaß daraus, den Juden "lustige" Namen zu geben, die für die Betroffenen weniger lustig waren. Oder möchten Sie Stuhlgang heißen? Und nun kam Roths Witz: "In Brody war ein besonders bösartiger Beamter tätig, der jedoch im Ruf stand, bestechlich zu sein. Jizchok, der älteste Sohn der Familie, ging mit Herzklopfen aber vollgefülltem Beutel ins Gemeindehaus. Als er nach Hause kam, fragte ihn sein Vater: 'Nun, wie heißen wir?' 'Schweißloch', antwortete der Sohn, sichtlich beschämt. Der Vater schlug die Hände über dem Kopf zusammen. 'Schweißloch? Ein scheußlicher Name! Habe ich dir nicht gesagt, du sollst den Goj schmieren? Wozu hast du das viele Geld mitgenommen?' Der Sohn winkte ab: 'Hast du eine Ahnung, Tate, wieviel Geld allein das 'w' gekostet hat?'" (Géza von Cziffra: Der heilige Trinker. Erinnerungen an Joseph Roth, S. 43)


Moralisieren

Leider wollen bei uns viel zu viele Menschen den Lehrmeister spielen. Sollte in unserem sonst so wertvollen Volk eine Sucht zu bemerken sein, unnötig zu moralisieren? Wäre das der Fall, so müßte man ja seinen Kopf beinahe dieser Eigentümlichkeit wegen zur Erde herabhängen lassen, denn es kann mit ungünstigem, unberechtigtem Moralisieren Übles angestiftet werden und ist sicher auch schon vielfach angefacht und angezettelt worden. Aber jedes Volk besitzt eben einmal seine Charakterart. (Robert Walser: Die Räuber, S. 47)


Der einzelne Deutsche

Auf diese Weise habe ich es überstanden. Als aber die Russen plötzlich so schnell vorrückten, holten uns die Deutschen morgens um drei heraus und trieben uns fort. Viele, viele Tage, bis ich aufhörte, sie zu zählen. Ich marschierte weiter und weiter; Menschen brachen zusammen, wohin man auch blickte; und wieder sagte ich mir, wenn einer überlebt , dann werde ich das sein. Doch zu dem Zeitpunkt wußte ich irgendwie, daß, selbst wenn ich es bis dorthin schaffte, wohin sie uns trieben, sie jeden, der von uns noch übrig war, erschießen würden. Und so kam es, daß ich fortlief, nachdem ich Wochen um Wochen ohne Unterlaß auf etwas zumarschiert war, was nur Gott allein wußte. Ich versteckte mich in den Wäldern und wagte mich nur nachts raus; da gaben mir die deutschen Bauern zu essen. Jawohl, das stimmt", sagte er und starrt auf seine große Hand nieder, die im Kerzenlicht fast so breit aussieht wie eine Schaufel und so schwer wie ein Brecheisen, diese Hand, welche Claires schmale, schöne Finger mit den zarten Knochen und Knöcheln umschließt. "Der einzelne Deutsche ist gar nicht so schlecht, wissen Sie. Aber man sperre drei Deutsche zusammen in einem Raum, und man kann der Welt Lebewohl sagen." (Philip Roth: Professor der Begierde, S. 310)


Im Wasser

Wie lästig, daß dort ausgerechnet jetzt noch jemand baden wollte, denn deutsche Touristen neigen dazu, im Wasser zutraulich zu werden. An Land, in einengende Korsetts geschnürt, gekleidet, mit trocknem und gelocktem Haar, müssen sie sich in den Grenzen der Konvention halten; je mehr Kleider sie jedoch ablegen, desto mehr scheinen sie zu glauben, die letzten Barrieren müßten fallen, und sie benehmen sich im gemeinsamen Element Wasser, als ob sie einander seit Jahren übermäßig schätzten. (Elizabeth von Arnim: Elizabeth auf Rügen. Ein Reiseroman, S. 71)


Friesisch

Damals hatten sie Friesisch miteinander gesprochen, eine klangvolle, dabei eigenartig kantenlose Sprache, anders als das Deutsche. Seine Mutter-, nein Großelternsprache. Eine Sprache, die es eigentlich gar nicht mehr geben durfte, die vergessene Zwillingsschwester des Englischen. Das Friesische hatte nicht wie das Angelsächsische vornehm geheiratet. Es war ledig geblieben und dämmerte nun in diesem entlegenen Winkel seinem Ende entgegen. Allerdings war schon vor Jahrhunderten sein baldiges Aussterben vorausgesagt worden. Aber es war zäh, das alte Tantchen. (Olaf Schmidt: Friesenblut)


Ohne Stolz

Als sie zum ersten Mal aus Amerika zurückkam, sagte sie, die Deutschen hätten keinen Stolz. Achim wollte ihr erklären, warum sie den durch ihre Geschichte erst einmal verspielt hätten, aber Laura unterbrach ihn, sie wisse das alles und meine es überhaupt nicht politisch, sondern persönlich; und persönlich hätten die Deutschen keinen Stolz. Sie wehrten sich nicht, wenn sie beleidigt würden, sondern beklagten sich. Statt ihre Niederlagen zu akzeptieren, beschuldigen sie ihre Eltern oder Lehrer, darum könnten sie auch ihre Erfolge nicht feiern und die von anderen schon gar nicht. Die Amerikaner, sagte Laura damals, seien stolz, weil sie ihre Niederlagen genauso verantworten wollen wie ihre Siege. (Monika Maron: Endmoränen, S. 175)


Grüezi Gummihälse

"Der Schweizer Journalist Bruno Ziauddin empfiehlt den Deutschen, sich nicht über das Schweizerdeutsch lustig zu machen. (...) Die Eidgenossen seien im Übrigen loyal, höflich und von japanischer Freundlichkeit", was die Wahlschweizerin Sibylle Berg übrigens bestätigen kann. Im DLR sprach er über das Bild des Deutschen beim Schweizer und umgekehrt. Ziauddin hat 2008 das Buch "Grüezi Gummihälse!: Warum uns die Deutschen manchmal auf die Nerven gehen" veröffentlicht. Im Begleittext steht: "Sie kommen in Scharen, sprechen laut und wissen alles besser. Immer mehr Deutsche leben und arbeiten in der Schweiz und machen sich dabei unbeliebt. Den Spitznamen Gummihälse haben sie sich eingebrockt, weil sie unentwegt nicken, wenn der Chef etwas sagt. Mit viel Humor wirft Bruno Ziauddin einen Blick auf die teutonischen Gastarbeiter und erzählt vom Kampf der Kulturen in den Alpen."


Auf Deutschlands Toiletten

Ich geh' aufs Klo; vielleicht gibt's neue Graffiti. BLASEN? 23 ZENTIMETER! Folgt Telefonnummer. Jemand hat zwei fette Schenkel gezeichnet, mit schwarzem Dreieck dazwischen. Ich frage mich immer, wer macht sich diese Mühe? Wer wixt zu diesem Filzstiftporno ins schamhaarverklebte Pissoir? Der Sexus in Deutschlands Toiletten ist von dostojewskischer Traurigkeit. (Helmut Krausser: Die Zerstörung der europäischen Städte)


Eine deutsche Idee

... die Idee der Mitte. Das ist aber eine deutsche Idee. Das ist die deutsche Idee, denn ist nicht deutsches Wesen die Mitte, das Mittlere im großen Stile? Ja, wer Deutschtum sagt, der sagt Mitte; wer aber Mitte sagt, der sagt Bürgerlichkeit, und er sagt damit, wir wollen das aufstellen und behaupten, etwas genau so Unsterbliches, wie wenn er Deutschtum sagte. (Thomas Mann: Über mich selbst. Autobiographische Schriften) ^


Ernsthafte Tätigkeit

Die Kunst zu leben, zu leben um des Lebens willen, kann man in Italien lernen. Gearbeitet wird dort auch, aber nicht mit der monumentalen Wichtigkeit, die zum Beispiele bei uns ein Büromensch, der eine Rechnung über zwanzig Stück verzinkte Blecheimer oder über zweiunddreißig Meter Gasröhren mit Gewinde und Muffen herauszuschreiben hat, seiner Tätigkeit entgegenbringt. (Hermann Harry Schmitz: Die Taufe und andere Katastrophen) ^


Mangelnde Muße

Die Kunst des Flanierens, nach Baudelaire die subtilste Sensation des Dandys, die der Italiener, wie überhaupt jeder Romane, meisterhaft versteht, werden wir nie lernen. Wir haben nie Zeit. Der Beruf, die Pflicht und was derartige unsympathische Worte noch mehr sind, lassen keine halkyonische Beschaulichkeit aufkommen. Und wenn es dann nicht diese Faktoren sind, die unsere Zeit in Anspruch nehmen, so haben wir Kegeln und Skatabend oder eine offizielle Gesellschaft oder sonst irgend etwas, das wir für äußerst wichtig halten. Immer lese ich aus den Gesichtern der Leute bei uns die Unruhe, sie müßten unbedingt gleich irgendwo sein, wo es ohne sie absolut nicht geht, wo sogar, wenn sie nicht rechtzeitig eintreffen, ein Malheur passiert. (Hermann Harry Schmitz: Die Taufe und andere Katastrophen, S. 118) ^


Ostdeutsche seelisch stabiler

Die hohe Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern kann die Ostdeutschen eigentlich nur in Frust und Depression stürzen. Das dachten bisher viele Psychologen. Die Zeitschrift "Woman" berichtet über eine Studie des Münchner Max-Planck-Instituts, die das Gegenteil beweist. Demnach besitzen die Ostdeutschen eine viel gesündere Psyche als die Wessis. Die genauen Ergebnisse der Studie, an der 4200 Ost- und Westdeutsche teilgenommen haben: Das Depressionsrisiko liegt im Westen um 52 Prozent höher als in den neuen Ländern. Soziale Phobie zum Beispiel, eine Krankheit, bei der die Betroffenen extreme Kontaktschwierigkeiten haben, kommt im Westen doppelt so oft vor wie im Osten. An Bulimie (Magersucht) leiden Frauen und Männer in den alten Bundesländern viermal häufiger als in den neuen. Bleibt die Frage: Warum? Jürgen Hoyer, Psychologieprofessor an der Uni Dresden, der an der Studie mitgearbeitet hat: "Wir vermuten, dass es im Osten viel weniger Leistungsdruck und Neid gibt, stattdessen Tugenden wie Nachbarschaftshilfe und Solidarität. Es geht nicht darum, immer der Beste und Schnellste zu sein." Die geringe Zahl der Bulimiekranken erklärt Professor Hoyer mit einem natürlicheren Frauenbild, "dass sich an der werktätigen Frau und nicht am dürren Model orientiert". Überraschendes Detail der Studie: Obwohl im Osten mehr Alkohol getrunken wird, gibt es in den neuen Ländern weniger Alkoholkranke. Der vermutete Grund: Im Sinne des Kollektivgedankens wird zusammen gearbeitet und auch zusammen gebechert - aber das macht eben nicht so schnell süchtig wie einsames Trinken vor dem Fernseher.  ^


Was Deutsche glücklich macht

Die große Liebe, eine neue Stelle, der Sieg im Fußball: Glück hat viele Gesichter. Was Glück für die Deutschen bedeutet, haben jetzt die Forscher des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Düsseldorfer Stiftung "Identity Foundation" untersucht. Ihr Ergebnis: Der Wunsch nach Gesundheit und einer intakten Familie steht bei den meisten an erster Stelle. Und: Religiös orientierte Menschen sind häufiger glücklich als Atheisten oder religiös ungebundene Menschen. Frauen und Männer empfinden ihr individuelles Glück dabei deutlich anders: Während sich 68 Prozent der Männer unter Glück vorstellen, in einem intakten Elternhaus in "Liebe und Geborgenheit" aufzuwachsen, ist dieser Wunsch bei Frauen mit 77 Prozent ausgeprägter. Unter materiellem Glück stellen sich 70 Prozent der Männer den "Sechser im Lotto" vor; bei Frauen sind es gerade 58 Prozent. Unterschiedliche Antworten gab es bei den Geschlechtern auch auf die Frage, in welcher Situation man Glück empfindet. "Beim Zusammensein mit Kindern", sagten 61 Prozent der Frauen, aber nur 49 Prozent der Männer. ^


Mein Deutschtum ist anders

Als 1933, dem Jahr, unter dessen Spätfolgen wir heute noch leiden, die Preußische Akademie der Künste von ihren Mitgliedern eine Loyalitätserklärung für Hitlers Regierung verlangte, fiel die Antwort Ricarda Huchs mutiger und entschiedener als die anderer Autoren aus. "Daß ein Deutscher deutsch empfindet". schrieb sie unter anderem an den Akademiepräsidenten, "möchte ich fast für selbstverständlich halten; aber was deutsch ist, und wie Deutschtum sich betätigen soll, darüber gibt es verschiedene Meinungen. Was die jetzige Regierung als nationale Gesinnung vorschreibt, ist nicht mein Deutschtum. Die Zentralisierung, den Zwang, die brutalen Methoden, die Diffamierung Andersdenkender, das prahlerische Selbstlob halte ich für undeutsch und unheilvoll." (Günter de Bruyn: Jubelschreie, Trauergesänge) ^


Eiertänze

Weil vieles in Deutschland üble Erinnerungen weckt, ist man sprachlich dauernd am Ausweichen. Deswegen habe ich das Wort "Eiertänze" für meine Auslassungen vorgesehen. Wenn man als Deutscher über Deutschland oder über die Deutschen redet oder schreibt, ist es immer ein Herumeiern, auch wenn man neckisch das Wort "Volkskollegen" erfindet. Oder gerade dann: Im Vermeiden von Wörtern mit unangenehmem Beigeschmack beginnt schon das Eiern. Es geht einem bei deutschen Themen bald jedes Wort auf den Geist: der Deutsche, die Deutschen, das Deutsche - alles nervt. Das Wort "Deutschland" muffelt bereits, wenn man es innerhalb von einer Stunde mehr als dreimal hört. Bei dem Wort "Vaterland" kriegt man das Kotzen, bei "Heimat" einen Lachanfall. All das kann man zu einem Vorteil erklären. (Joseph von Westphalen: So sind wir nicht) ^


Kohl, Koch und Konsorten

Wirklicher großer Schaden ist durch die Sache nicht der quietschfidelen Demokratie, sondern dem Ansehen der Lüge zugefügt worden. Sie logen alle, und sie logen schlecht. Sie brachten durch ihre miserablen Lügen und ihr Gestammel beim Überführtwerden das schöne Lügen in Mißkredit, das doch ein Privileg der Literaten und ein Bestandteil der Kultur ist. Sie haben einem das Lügen versaut. Sie zwangen einen in diesen Wochen und Monaten durch ihre ständigen Falschaussagen zur Aufrichtigkeit - das verzeihe ich den Schweinen nie. Wenn man sich jetzt bedeckt hält, wird einem vorgehalten, man verhalte sich wie Kohl, Koch und Konsorten. Die absurde Erhöhung Kohls zum Weltpolitiker ist in sich zerfallen. Dein Glück, Deutschland! Er war eine Weile der Inbegriff des häßlichen dummen, gerissenen - und beim Rest der Welt vermutlich wegen seiner Häßlichkeit nicht unbeliebten Deutschen. Häßliche Menschen machen einen milde. Man wird sanft und dankbar, weil man nicht so aussieht. Das erklärt Kohls seltsam guten Ruf außerhalb Deutschlands. (Joseph von Westphalen: So sind wir nicht) ^


Diener des Volkes

Politiker werden gut bezahlt. Wenn sie sich nebenbei etwas erschleichen, finde ich das fies und typisch, aber weniger frech, als wenn sie die Bürger, deren Votum sie doch ihren Job zu verdanken haben, zur Mitarbeit nötigen wollen. Wo gibt es denn so etwas, daß das Personal der Herrschaft sagt, was sie tun soll. Das Volk ist der Souverän, verdammt, wenn ich mich richtig erinnere. Der Souverän wählt seine Bediensteten aus. Nichts anderes sind die Politiker als befristet angestellte Vertreter und Diener, die für ihr üppiges Gehalt ihren verdammten Job gut tun und nicht ihre Arbeit auf ihre Herrschaft abwälzen sollen. Ich zahle meine verfluchten Steuern, damit ich mich nicht um Sachen kümmern muß, von denen ich nichts verstehe und die mich nicht interessieren. (Joseph von Westphalen: So sind wir nicht) ^


Der rechte Dreck

Der herbeigeschwappte rechte Dreck erzeugt offenbar automatisch ein Zurückschwappen von Staatsbürgerlichkeit. Ich schreibe Sätze, die ich nicht schreiben will und die mir ganz fremd sind, wie: Nicht die Ausländerfeindlichkeit, aber ihr Ausmaß ist eine Folge der Wiedervereinigung. Man müßte meinen, daß sich eine Krankheit bekämpfen ließe, wenn die Gründe bekannt sind. Daß dies nicht so ist, läßt mich allerdings am Verstand meines miesen Mandanten zweifeln. Wie ist es möglich, daß ein ganzes Volk sich von ein paar rechten Scheißern tyrannisieren und den guten Ruf versauen läßt? Was für ein Getön! Als Satiriker würde ich vermuten: Diese Volk will sein Geschmeiß nicht loswerden, nicht etwa, weil es insgeheim rechtsredikal ist, wie allzu emsige Kritiker vermuten, sondern weil es eine Krankheit braucht, über die es jammern kann. Es braucht einen Grund, sich zu schämen und schlecht zu fühlen. (Joseph von Westphalen: So sind wir nicht)  ^


Edmund, der Bayer

Edmund war eher der ewige feißige Sohn. Vielleicht war er das. Er gab wohl noch den Altbauern das Gefühl, einem wie ihm beruhigt den Hof übergeben zu können. Edmund liebte es, "Herz und Verstand" seiner Partei hervorzuheben und sie als "menschlich und modern" zu loben. Besonders gern, modern und genüßlich quetschte er das Wort "Hightech" hervor und lobte sein Bayern als "Nummer eins", als "Topadresse" und hielt Vorträge, die Schlaumeiertitel hatten wie "Optionen einere globalen Strategie - das Medienland Bayern im internationalen Wettbewerb". Mit einem Lächeln, das ihm nie gelang und das fast etwas Verzweifeltes hatte, warb er von den Plakatwänden herab. Damit es nicht knöchern wirkte, gab man ihm seine Frau zur Seite. Nütze nichts. Edmund wollte immer wie ein uriger Bayer sein, aber er war tragischerweise genau das, was man sich unter einem Deutschen vorstellt: hölzern und verbissen und verkniffen und verbohrt. Ein hell kläffender Dackel- Albino. (Joseph von Westphalen: So sind wir nicht)  ^


Eiterbeulen der Gesellschaft

Sie finden ihr Outfit offenbar schön und tarnen sich nicht. Auch hier habe ich eine satirische Theorie: Die scheren sich kahl, machen sich unansehnlich und geben sich widerwärtig, weil sie im Grunde beseitigt werden wollen. Welcher normale Mensch versucht, wie ein Furunkel auszusehen? Ein Furunkel tritt nach außen und sprießt gräßlich durch die Haut, damit es auffällt und herausgeschnitten oder ausgedrückt werde. Neonazis sind nichts anderes als Eiterbeulen der Gesellschaft. Ein schueßlicher Pickel im Gesicht genügt bekanntlich, um das Aussehen zu stören. Schon geniert sich der Betroffene. Furunkelbildung bekämpft man von innen und außen. Der Stoffwechsel muß in Ordnung kommen, das dauert. Bis dahin hilft nur das Skalpell und der entschlossene Schnitt. (Joseph von Westphalen: So sind wir nicht) ^


Die rechte Scham

Man muß den deutschen Pennern zugute halten, daß nach einer rechtsradikalen Untat das ganze Volk empört ist. Ein Aufschrei geht durch die Presse. Zwei Drittel der Deutschen schämen sich wieder mal. Wenn man seine Staatsbürgerschaft ablegen könnte, wie man aus der Kirche austritt, würden das am Tag nach einer spektakulären rechtsradikalen deutschen Untat auch einige Deutsche tun - zwar wohl kaum 0,1 Promille der Deutschen, aber doch einige. Meines Wissens bietet kein Staat seinen Bürgern die Möglichkeit eines Austritts aus der Staatsbürgerschaft, vermutlich aus Angst, pleite zu gehen. (Joseph von Westphalen: So sind wir nicht) ^


Ein emsiger deutschen Depp

Ich brauche das Zeug, um ab und zu die Lebensqualität auf ein respektables Niveau zu heben. (...) Tatsächlich, ich brauche regelrechte Weinspülungen wie andere Leute Wadenwickel oder Einläufe, um meinen deutschen Fleiß zu drosseln. Wein entdeutscht mich. Nur Wein macht mich zu einem passablen Ehemann und Vater. Nüchtern bin ich nichts als ein emsiger deutscher Depp. (Joseph von Westphalen: So sind wir nicht) ^


Teigwaren

Seit der Erfindung der Spaghettis werden diese mit irgendeinem in der Küche herumliegenden Besteck aus dem kochenden Wasser gefischt und geprüft. Oft rutschen die Nudeln von der Gabel ab und gleiten zurück ins brodelnde Wasser zu ihren Artgenossen - als wollten sie sich dem Test antiautoritär entziehen. Eigentlich kein Problem, sondern ein schönes Zeichen dafür, daß auch Teigwaren einen Willen haben. Man fischt mit der Gabel ein zweites oder drittes Mal nach, dann hat man eine gefügige Nudel erwischt. Der Ärger von Köchen und Köchinnen über die Schlüpfrigkeit frecher Nudeln hat sich Jahrzehnte oder Jahrhunderte in Grenzen gehalten. (Joseph von Westphalen: So sind wir nicht) ^


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