Medizin & Pflege (1)

Rund um Heilkunst, Ärzte & Pflegende [^^] [^]


Themenstreusel: Medizin
Fett absaugen lassen
Magenkrank
Niemand leistet Hilfe
Schwesterschülerin
Non-Hodgkin-Lymphom
Alzheimer & Partnerschaft
Ein rissiger Kern
Die Notaufnahmeschwester
Gebißreinigung
Menschen als Patienten
Vulnerabilität
Psychoanalyse
Die Bürokratisierung der Hilfestellungen
Der Kranke ist der Freak
Durchsichtigkeit
Die Gleichgültigkeit der Schwestern
Die Notfallaufnahme
Das Dekubitalgeschwür
Kreuzworträtsel
Auf der Bahre
Kabbalistische Konzile
Die Nachtschwester
Postoperativ
Der Chefarzt
Patientenverfügung
Katzenklavier
Schmett, schmett, schmett
Besuch bei Mutter
Technikbombe
Burnout gibt es nicht
Sterben mit Staubsaugerkenntnissen
Wie lange hat er noch?
Kur
Vom Vorteil schauspielerischer Fähigkeiten
Bürokratie & Pflege
Zwei Bilder der Palliativmedizin
Der Nimbus der Palliativmedizin
Patiententypus "Rumpelstilzchen"
Patiententypus "Dulder"
Angehörige
Tischgespräche
Übungskuh
Die Leber
Nebenwirkungen
Kommunikationsroutinen
Pflegeabhängig
Den halben Pschyrembel
Fieber
Unterschiedslose Menschenliebe
Der forsche Krankenschwesternton
Vorsorge oder nicht?
Sterbensquote 100%
Der Trottel
Ein außerordentlicher Arzt
Verkanntsein
Der Lehrer ist krank
In die Krankheit hineinschlüpfen
Tretmühlenarbeiter
Krankenhausgeruch
Leben oder langes Sterben?
Ärzte und Patienten
Altenpflege in Deutschland
Attribute ärztlichen Daseins
Übermüdet
Kalt und überheblich
Demenz und Angehörige
Ein erhabener Tempelbezirk
Aus der Misere herausrudern
Ihr mit euren Studien
Der Doktor als Änderungsschneider
Jargon
Horizontale und Vertikale
Vom Chefarzt quälen lassen
K.G.S.
Ein schöner Fall
Psychiatrie
Panische Angst
Apotheker
Ein wunderschöner Tumor
Selten ein reines Gewissen
Alle Mittel einsetzen
Mätzchen und Schwätzchen
Diabetes - damals
Insulinschocks
Ein Chefarzt klagt an
Ärzte im Dienst
Abstumpfung
Der gute Arzt
Kinder kriegen


Fett absaugen lassen

Fett absaugen ist in Deutschland die beliebteste Schönheitsoperation. Mikrosonden werden in die schwabbelnde Gegend eingeführt und der Patient ist am nächsten Tag schon wieder arbeitsfähig. Die Schnelligkeit ist gerade bei Managern sehr wichtig, denn wer zu lange vom Schreibtisch weg ist, ist dann auch mal schnell weg vom Fenster. Die Profi-Fettabscheider haben allerdings in den USA unerwartete, kostengünstigere Konkurrenz bekommen. Völlig neue Sitten durch Parasiten! Amerikanische Frauen bestellen im Internet Bandwürmer und schlucken sie tapfer runter. Sie sehen wieder: Nichts ist phantastischer als die Wirklichkeit! (Bernd-Lutz Lange: Das gabs früher nicht. Ein Auslaufmodell zieht Bilanz) ^


Magenkrank

"In welchem Zweig der Medizin wollen Sie sich denn spezialisieren?" fragte Monsieur Jacquelain. Monsieur Jacquelain litt an einer grausamen Magenkrankheit; er hatte einen gelben, heufahlen Schnurrbart und ein Gesicht, das aus grauem Sand zu bestehen schien; die Haut war von Falten durchzogen wie die Oberfläche der Dünen im Meereswind. Mit gieriger, trauriger Miene sah er Martial an, als besäße allein die Tatsache, mit einem künftigen Arzt zu sprechen, irgendeine Heilkraft, aus der er jedoch keinen Nutzen ziehen könnte. Mehrmals wiederholte er, dabei mechanisch die Hand an jene Stelle des Körpers legend, wo das Übel an ihm fraß, direkt unterhalb seines hohlen Brustkorbs. (Irène Némirovsky: Feuer im Herbst)  ^


Niemand leistet Hilfe

Dorthin eilte er mit seiner leblosen Bürde, stürmte in die Küche, und indem er den Anwesenden zurief, doch um Gottes willen Platz zu machen, setzte er Nell auf einen Stuhl vor dem Kamin. Die Wirtshausgäste, die bei des Schulmeisters Eintreten verwirrt aufstanden, taten, was man unter solchen Umständen gewöhnlich zu tun pflegt: jeder rief nach seiner Lieblingsarznei, die niemand brachte; jeder schrie: "Luft! Luft!", dabei wurde aber die vorhandene Luft sorgsam ausgeschlossen, indem alle einen dichten Kreis um den Gegenstand des Mitleids bildeten. Jeder wunderte sich, daß der andere nicht Hilfe leistete, keinem aber fiel es ein, daß er selbst es tun könnte. (Charles Dickens: Der Raritätenladen)  ^


Schwesterschülerin

Als Schwesternschülerin war man in jener Zeit Interne. Ein übervoller Stundenplan hielt einen im ersten Jahr von fast jeder anderen Beschäftigung ab. Aber das war mir egal. Ich sehnte mich nach den Kranken. Selbst in den ersten drei Monaten, die aus nichts anderem bestanden als Anatomie, Pathologie, Verbandskunde, Hygiene, christlicher Lebenslehre, Medizinethik, Geschichte der Krankenpflege, den sozialen Hintergründen des kranken Menschen, Ernährungslehre, Lebenskunst und der Unterrichtung im Musikhören, sogar in dieser schwindlig machenden Lehrzeit sehnte ich mich nach nichts anderem als dem persönlichen Kontakt mit den Kranken. (Margriet de Moor: Mélodie d'amour) ^


Non-Hodgkin-Lymphom

"Non-Hodgkin", teilte Elsbet mir mit, den Blick auf die drei Kurven des Meßgeräts am Kopfende des Betts gerichtet. Ihre Sachlichkeit schmerzte mich sehr. Wie konnte sie (...) so kühl, wenn auch in verneinender Form, den des Herrn aussprechen, der seine Krankheit entdeckt, deren Symptome wissenschaftlich beschrieben und als aussichtslos beurteilt hatte? (...) Sie gab mir einen kurzen Bericht über die Gespräche der beiden Frauen mit den Hämatologen. (...) Rienie und Gerdine Ropta lehnten es ab, sich in irgendeiner Form mit dem Meuchelmörder zu arrangieren, der sein Werk mit einer heimtückisch angeschwollenen Drüse im Nacken begonnen und mit zwei Drüsen in der Leiste fortgesetzt hatte. (Margriet de Moor: Mélodie d'amour) ^


Alzheimer & Partnerschaft

Er ein stattlicher Arzt, schon längst in Rente, aber bei Ärzten zeigt sich das nicht so sehr wie bei anderen Berufen, sie bleiben, auch verrentet, oft neutral fürsorglich, verlässlich und langmütig bis ins hohe Alter, und Haare hatte er noch, aber sein zu lautes Lachen störte sie, und seine Ohren waren sehr fleischig, und so ließ sie sich nicht gewinnen, und weißt du was? Zwei Jahre später wusste er nichts mehr, kannte nicht mal mehr sich selbst, sie hätte ihm die Socken anziehen müssen jeden Morgen, und das kannst du nur, wenn du ein Leben lang miteinander die Körper geteilt hast, das Überblenden mit gnädigeren Bildern kann dir nicht gelingen, wenn du nur ein oder zwei Jahre geübt hast, sagte die Freundin. (Annette Pehnt: Briefe an Charley) ^


Ein rissiger Kern

Es gibt Menschen, deren Kern praktisch von Anfang an rissig ist, die trotz ihrer Bemühungen, ihrem Mut und ihrem guten Willen nicht wirklich leben können, und eine der Weisen, auf die sich das Leben, das leben will, einen Weg in ihnen bahnt, kann die Krankheit sein, und zwar nicht irgendeine Krankheit, sondern der Krebs. Und weil ich dies glaube, bin ich schockiert von Leuten, die behaupten, man sei frei, sein Glück zu wählen, und es sei eine moralische Entscheidung. Die Fröhlichkeitsprediger, für die Traurigkeit eine Geschmacksverirrung ist, Depression ein Zeichen von Faulheit und Melancholie eine Sünde. Auch ich bin der Meinung, dass Melancholie eine Sünde ist, eine Todsünde sogar, aber es gibt Leute, die als Sünder, als Verdammte geboren werden, und all ihre Bemühungen, all ihr Mut und ihr guter Wille werden sie aus dieser Grundsituation nicht herauslösen. Zwischen Menschen mit einem rissigen Kern und anderen ist es wie zwischen Armen und Reichen, wie beim Klassenkampf: Man weiß, dass es Arme gibt, die der Armut entkommen, aber die meisten entkommen ihr nicht, und einem Melancholiker zu sagen, Glück sei eine Frage der Wahl, ist wie einem Verhungernden zu sagen, er solle doch einfach einen Bissen Brioche essen. (Emmanuel Carrere: Alles ist wahr) ^


Die Notaufnahmeschwester

Die Nachtschwester saß steif hinter einem Tresen aus Kiefernholz und bewachte den Zugang zur Notaufnahme wie ein dreiköpfiger Hund. Sie war blond, um die vierzig und ein Opfer von trockener Haut und lebenslang unterdrückten Gefühlen. (...) Das spitze Schwesternhäubchen saß wie ein Sensenblatt auf ihrem Kopf. Sie beugte sich über ein Formular, in der Hand den Stift, mit dem sie die Information notieren wollte, und stieß einen abgrundtiefen Seufzer des Unmuts aus. (...) "Geschlecht? Alter? Größe? Gewicht? Versicherung? Allergien?" Die Fragen prasselten unaufhörlich und ermüdend wie Körpertreffer bei einem Boxkampf auf ihn ein. (...) "Hier unterschreiben." Sie schob Phil das Formular hin und richtete die farblosen Augen zum ersten Mal auf mich, und zu meinem Schrecken stellte ich fest, dass ihr Blick ganz leer war, absolut frei von Neugier oder Sorge, Sympathie oder Interesse. Ebenso gut hätte sie zu Hause im Bett liegen, in einem Casino tanzen oder mit dem Aga Khan verheiratet sein können – aber sie war nun mal hier. In Willits. Um zehn nach vier am Morgen. Sie hatte Sterben und Reanimation erlebt, Schlaganfälle, Blutungen und das Zerstieben jeder Hoffnung, sie hatte verdrehte und deformierte, zerhackte, zerrissene, in Blut, Eiter, Schleim und Urin gebadete menschliche Körper gesehen, blau angelaufene Babys und bleiche Leichname. Wir waren nichts. Schmutz, Käfer, Ungeziefer. Die Kontaktlinsen in ihren Augen waren wie Scheuklappen. Phil unterschrieb. (T.C. Boyle: Grün ist die Hoffnung) ^


Gebißreinigung

Auch in der Krankenpflege gibt es urban legends. Eine davon fand ich in Katja Lange-Müllers Roman "Drehtür": "... kam mir die fabelhafte Idee, dass ich ja mal die Gebisse unserer Greisinnen reinigen könnte, aber gründlich und nicht bloß immer mit diesen Kukident- Brausetabletten. Gedacht, getan. Ich schnappte mir eine Blechschüssel, ging von Bett zu Bett und klaubte die Gebisse aus den Gläsern, die auf den Nachtschränkchen standen. Als ich sämtliche dritten Zähne eingesammelt hatte, ging ich zurück ins Dienstzimmer, ließ warmes Wasser in die Schüssel laufen, gab Cremeseife dazu, nahm eine nagelneue Wurzelbürste und begann, meine Beute Stück für Stück abzuschrubben. (...) Tage-, nein, wochenlang versuchten wir, jeder der zum Teil schon moribunden Frauen (...) das für sie gemachte und darum nur ihr passende Gebiss zuzuordnen. Viele Male baten wir eine nach der anderen, bitte den Mund zu öffnen, uns probieren zu lassen, ob diese oder jene der knapp hundert Ober- und Unterzahnprothesen möglicherweise die seien, die ihr gehört hatten, ehe der Putzteufel in mich fuhr. Doch jegliche Liebesmüh war vergebens."  ^


Menschen als Patienten

Warum, fragt sich Asta, denke ich eigentlich kaum einmal an meine oder unsere Patienten? Weil der Kontakt zu ihnen, obwohl er physischer, ja, intimer Natur war, fast nie persönlich wurde, und nicht allein wegen der schwierigen Verständigung; sie waren, als Patienten versteht sich, auch nicht gerade verschieden – im Sinne von unterschiedlich, nicht in dem anderen. (...) Das macht man uns gern zum Vorwurf. Wir würden, heißt es, den Menschen im Patienten gar nicht mehr wahrnehmen. Doch, könnte ich erwidern, eben den sehen wir, den Menschen, oder das Prinzip Mensch. Mensch war, ist und bleibt Mensch; sonst wäre die Medizin ja noch komplizierter, als sie es ohnehin schon ist. – Den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen immer wieder die Kinder; die wirken, sogar wenn sie am ganzen Körper eitrige Wunden haben, viel appetitlicher als die Erwachsenen. Du beugst dich über sie, und ihre Kulleraugen schauen dich an, als wären es die deiner Kinder, ob du eigene Kinder hast oder nicht. Das weckt jedes Mal, aber womöglich auch nur bei uns Schwestern, einen gewissen Brutpflegeinstinkt, und gleich bist du weicher, freundlicher, bemühter. Die Kinder, meinst du, sind ohne Schuld; die haben noch alles vor sich, auch die Schuld natürlich. Die Alten vergisst du schnell – und nicht nur, weil sie dir meistens eh gleich wegsterben. Und daran, was für eine uralte Schildkröte du selbst bist, denkst du erst wieder, wenn du nach Feierabend endlich in deinem Bett liegst, wo du dann aber nicht einschlafen kannst, weil du das Gefühl hast, Gevatter Tod schleiche um dich herum und warte auf seine Chance. (Katja Lange-Müller: Drehtür) ^


Vulnerabilität

Ursachen, Ursachen, Ursachen. Nimm zehn Therapeuten, und du hast hundert Ursachen. Gesetzt ist jedenfalls immer wieder die sogenannte Vulnerabilität: eine, wörtlich, Verletzbarkeit, die zwar erst einmal nur die Anfälligkeit für psychische Krankheiten meint, aber durchaus auch als Dünnhäutigkeit zu lesen ist, als eine Art überempfindliche Rezeptivität, welche die Alltagswelt schnell zur Überforderung werden lässt. Zu viele Wahrnehmungen, zu viele Blicke, und die Denke des anderen wird stets miteinberechnet, so dass die Außenperspektive den Innenblick dominiert. Zum Beispiel überfordert das Betreten eines öffentlichen Raumes, eines Theaters oder einer Bar, das Eintauchen in das soziale Spannungsfeld, das dort herrscht, den solchermaßen Vulnerablen sofort. Die Möglichkeiten der Gefahr, die sich in diesem Feld auftun, sind vielfältig. Da wird der Smalltalk zur Falltür, die Blicke der Anwesenden erscheinen wie Attacken, Gesprächsfetzen irritieren die Konzentration, das bloße Rumstehen stößt einen in die größte Verlorenheit. Der Vulnerable muss sich immer wieder überwinden, will er nicht völlig in der eigenen Soziophobie verschwinden. Wenig widerstandsfähig und wirr von all dem Außen, meidet er das Soziale und verlernt es, wenn er es denn je gelernt hat. Oder desensibilisiert sich zwangsweise mit Alkohol und anderen Drogen. Und fängt so an, den Neuronenhaushalt durcheinanderzubringen und langsam kippen zu lassen. Vielleicht. Vielleicht ein Grund, eine Ursache. (Thomas Melle: Die Welt im Rücken) ^


Psychoanalyse

Mein Widerwille gegenüber Psychoanalytikern und anderen Laber- und Schweigedoktoren bestand allerdings schon seit je. Man musste sich nur ansehen, wer sich solchen Seelenmassagen unterzog: fast jeder. Jedenfalls in Kreuzberg, wo ich lange gelebt hatte. Dort pimpten sie sich die eigene Biografie zum antiken Mythos hoch, hefteten sich gegenseitig Elektrakomplexe ans Revers, machten sich mit Ödipus gemein. Alltägliche Gespräche verformten sich zu hochkomplizierten Spiegelungen, und eine Sauftour wurde schnell zur Meditation verklärt. Anstatt die Konflikte auszutragen, gingen sie zum Therapeuten, bei dem die eigene Version der Dinge noch einmal aufgebläht und bekräftigt werden konnte. So wurden sie zu kleinen, ichigen Biestern. An sich liebenswerte Macken betteten sie in hochbedeutsame Menschheitsepen ein und blähten sie so zu Plot Points innerhalb einer tief im Unterbewusstsein schürfenden Psychodramaturgie auf. Die Banalität der stets begradigten Lebensläufe wurde einfach nicht ausgehalten. Stattdessen mussten mithilfe von Vaters Unterhalt dessen vergangene Untaten betextet und zersprochen werden, bis die Leere sich wieder einigermaßen vertrackt und interessant anfühlte. Sie rissen irgendwelche Abgründe auf, damit es hallte, wenn sie riefen. Dabei war da nichts. Sie hatten keine Probleme, nahmen sie aber sehr ernst. (Thomas Melle: Die Welt im Rücken) ^


Die Bürokratisierung der Hilfestellungen

Dass die Art und Weise, wie man zum bürokratisierten Objekt wird, mit Würde nur noch wenig zu tun hat, ist eine andere Sache. Die Privatisierung und Kapitalisierung des Gesundheits- und Sozialwesens macht den Randständigen zur auspressbaren Ware. Denn plötzlich schubsen dich Leute herum, die du sonst nicht mit dem Arsch angesehen hättest, kleinkarierte, amtsmüde Funktionsträger, die dich ihre winzige, verrottete Macht spüren lassen nach Lust und Laune und unterm Strich auch noch auf den Umsatz achten müssen. Denn es darf kein Nullsummenspiel sein, Gewinn ist Pflicht. Und willst du dich nicht fügen, schnappen sie langsam, aber unerbittlich zu wie Klemmbügel in alten Leitz-Ordnern. Die Bürokratisierung der Hilfestellungen mengt dem ganzen Komplex so viel Willkürliches und Unmenschliches bei, dass jeder, der diesen Zwängen entkam, sich wundern muss, wie er das bewerkstelligt hat. Doch wie soll man es anders lösen? (Thomas Melle: Die Welt im Rücken)  ^


Der Kranke ist der Freak

Das ist das Fatum der Irren: ihre Unvergleichbarkeit, der Verlust jeglichen Bezugs zum Leben der restlichen Gesellschaft. Der Kranke ist der Freak und als solcher zu meiden, denn er ist ein Symbol des Nichtsinns, und solche Symbole sind gefährlich, nicht zuletzt für das fragile Sinnkonstrukt namens Alltag. Der Kranke ist, genau wie der Terrorist, aus der Ordnung der Gesellschaft gefallen, gefallen in einen feindlichen Abgrund des Unverständnisses. (Thomas Melle: Die Welt im Rücken) ^


Durchsichtigkeit

Die Einzigen, denen ich Beachtung schenke, sind die, die nicht sprechen können. Das Licht geht an, und ich drücke den Knopf. Stille. Aber sie wollen offensichtlich etwas sagen. Etwas stimmt nicht, beispielsweise ist der Kolostomiebeutel voll. Das ist eines der wenigen anderen Dinge, die ich mit Sicherheit weiß. Menschen sind von ihren Kolostomiebeuteln fasziniert. Nicht nur die dementen oder senilen Patienten, die auch noch damit spielen, nein, jeder, der einen hat, ist unvermeidlich gefangen genommen von der Sichtbarkeit des Vorgangs. Was, wenn unsere Körper durchsichtig wären, ausgestattet mit einem Fenster wie Waschmaschinen. Wie sonderbar, sich selbst zuzuschauen. Jogger würden noch schneller laufen, Blut, das durch den Körper pumpt. Liebende würden sich heftiger lieben. Verdammt, guck dir den ollen Samen an, wie der abgeht! Wir würden uns besser ernähren – Kiwis und Erdbeeren, Borschtsch mit Sauerrahm. (Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe. Stories) ^


Die Gleichgültigkeit der Schwestern

Nach so vielen Jahren Arbeit in Krankenhäusern habe ich eines gelernt: Je schwerer die Krankheit der Patienten ist, umso weniger Lärm machen sie. Deshalb überhöre ich die Patientensprechanlage. Ich bin Stationsangestellte, meine Hauptaufgaben bestehen darin, Medikamente und IV-Schläuche zu bestellen und Patienten zur OP oder zum Röntgen zu bringen. Irgendwann reagiere ich natürlich auf die Rufe, gewöhnlich sage ich: "Die Schwester kommt gleich." Weil sie früher oder später eben kommt. Meine Einstellung zu Krankenschwestern hat sich sehr verändert. Anfangs hielt ich sie für unzugänglich und herzlos. Aber es ist die Krankheit, das ist das Problem. Mittlerweile verstehe ich, dass die Gleichgültigkeit der Schwestern eine Waffe gegen das Leiden ist. Bekämpfe es, merze es aus. Ignoriere es, wenn es sein muss. Wenn du dich um jede Laune des Patienten kümmerst, ermutigst du ihn nur, sein Kranksein zu mögen, und das ist die Wahrheit. Wenn eine Stimme in der Sprechanlage "Schwester! Schnell!" gesagt hat, habe ich anfangs gefragt: "Was ist los?" Das hat zu viel Zeit gekostet, außerdem ist in neun von zehn Fällen nur die Farbe am Fernseher ausgefallen. (Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe. Stories) ^


Die Notfallaufnahme

Noch erschöpfender, und der wirkliche Grund für Anspannung und Zynismus, ist die Tatsache, dass so viele der Patienten, die in die Notaufnahme kommen, nicht nur keine Notfälle sind, sondern dass ihnen überhaupt nichts fehlt. Man fängt an, sich nach einer guten, handfesten Messerstecherei oder nach einer Schusswunde zu sehnen. Die Leute kommen den ganzen Tag und die ganze Nacht lang her, weil sie sich appetitlos fühlen, unregelmäßigen Stuhlgang haben oder einen steifen Nacken, roten oder grünen Urin (was ausnahmslos heißt, dass sie Rote Beete oder Spinat zu Mittag gegessen haben). Hören Sie die vielen Sirenen im Hintergrund, mitten in der Nacht? Mehr als eine ist zu einem Alten unterwegs, dem der Süßwein ausgegangen ist. Aufnahmebogen um Aufnahmebogen. Panikattacke. Spannungskopfschmerz. Hyperventilation. Trunkenheit. Depression. (Das sind die Diagnosen – die Klagen der Patienten lauten Krebs, Herzinfarkt, Blutgerinnung, Ersticken.) (Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe. Stories) ^


Das Dekubitalgeschwür

Das Dekubitalgeschwür aber ist ein Horror ohnegleichen. Das Wort "Dekubitus" kommt vom lateinischen decumbere, sich niederlegen. Bettlägerige Patienten müssen alle paar Stunden umgelagert, quasi wie Pfannkuchen gewendet werden, um zu gewährleisten, daß sie sich durch ihr Eigengewicht nicht selbst den Blutkreislauf abschnüren. Wenn Kapillaren "abgeklemmt" werden, kommt es zu einer Nekrose des subkutanen Gewebes. So entstehen offene, tiefe Geschwüre. Dekubiti bilden sich, wenn ein Patient über einen längeren Zeitraum im Bett liegt, ohne daß für Druckentlastung gesorgt wird - wie es in Krankenhäusern mit zu wenig Pflegepersonal leider allzu häufig der Fall ist. Ohne bewegt zu werden, beginnt der Patient buchstäblich zu faulen, bei lebendigem Leib zu verwesen. Im Präparationsraum von Westwind bekam ich einmal eine Leiche zu sehen, deren Anblick ich für den Rest meines Lebens nicht vergessen werde. Es handelte sich um eine neunzig Jahre alte Afroamerikanerin, die in einem schlecht ausgestatteten Altenheim gelegen hatte, wo die nicht bettlägerigen Patienten in düsteren Verschlägen mit leerem Blick ihrem Ende entgegendämmerten. Als ich sie umdrehten, um ihren Rücken zu waschen, stockte mir der Stem - entsetzt starrte ich auf die etwas fußballgroße, schwärende Wunde, dir ihre untere Rückenhälfte verunstaltete. Es war, als würde ich einen Blick in den dunkelrote Schlund der Hölle werfen - in die elende Zukunft, die uns allen drohen könnte. (Caitlin Doughty: Fragen Sie Ihren Bestatter. Lektionen aus dem Krematorium) ^


Kreuzworträtsel

Irgendwo habe ich gelesen, dass Freunde und Angehörige eines Schwerkranken oft anfangen, Kreuzworträtsel zu lösen oder Puzzles zu legen, wenn sie nicht gerade im Krankenhaus sind. Zum einen bringen sie keine Konzentration für etwas Ernsthafteres auf; aber es gibt noch einen anderen Grund. Sie müssen sich, ob bewusst oder unbewusst, mit etwas beschäftigen, bei dem es Regeln, Gesetze, Antworten und eine Gesamtlösung gibt, etwas, was sich in Ordnung bringen lässt. Natürlich hat eine Krankheit auch ihre Gesetze und Regeln und manchmal ihre Antworten, aber so erlebt man das am Krankenbett nicht. Und dann ist da noch die Unbarmherzigkeit der Hoffnung. Selbst wenn es keine Hoffnung auf Heilung mehr gibt, bleibt noch Hoffnung auf anderes – manches davon greifbar, anderes nicht. Hoffnung bedeutet Unsicherheit, und die bleibt bestehen, auch wenn man gesagt bekommt, dass es nur eine Antwort, eine Gewissheit gibt – die eine, unannehmbare. (Julian Barnes: Unbefugtes Betreten)  ^


Auf der Bahre

Also mit den Ärzten ist das so, erklärte der Fahrer mit der stimmlosen, von Bronchitis und Tabak verunreinigten Vieruhrmorgensstimme, man geht aufrecht hin und kommt auf der Bahre wieder raus. Sehen Sie, eine Patentochter haben sie mir in Estefânia mit einer Meningitis umgebracht und sie dann noch für die Autopsie wie ein Hähnchen in der Restaurantküche zerschnippelt, sie haben ihre Leber auf der Fleischerwaage gewogen, ihren Kopf aufgesägt, um das Gehirn da rauszuholen: es macht ihnen Spaß, den Leuten weh zu tun, mein Bester, solange sie einen nicht kaputtgemacht haben, geben sie keine Ruhe. (Antonio Lobo Antunes: Fado Alexandrino)


Kabbalistische Konzile

Überall Kranke, die mit Kompressen übersät auf dem Boden saßen und uns mit der unendlich fernen, hochmütigen Apathie des Leidens ansahen, Bahren, Decken und Betten in unbeschreiblicher Unordnung aufgehäuft, Bettpfannen, Urinflaschen, Watte, Zigeunerstämme in der Hocke beim Essen, Angestellte, die Papiere herumtrugen, Betrunkene, die auf langen Holzbänken schnarchten, Jammern, Klagen, Seufzen, Würgen vor Erbrechen, zwei steinerne Bögen mit den Schildern MÄNNER und FRAUEN, dahinter der Gestank der Toiletten, wo der angehäufte Kot wie gewisse Felsen bei Ebbe aussah, und auf der Station, höchst aktiv um leere Krankenliegen herum die Ärzte, denen Stethoskope wie Mundschenksketten am Hals hingen, mit gelehrter Falte auf der Stirn, Röntgenaufnahmen von Knochen vor blitzendem Milchglas. Sie legten die Alte, deren Mund immer schiefer wurde, neben das Waschbecken, bei dem die Hippokratiker sich zu kabbalistischen Konzilen versammelt hatten, und in lange lautere Papstgewänder gehüllt, sahen sie uns an, als wären wir, die wir vor ihnen standen, vollkommen durchsichtig, als gäbe es uns überhaupt nicht, steckten die riesigen ernsten Köpfe zusammen, um die runde Schwellung eines Knies oder die vorsintflutliche Ecke einer Kinnlade zu studieren, mit gemessener Stimme Frakturen und Tumore zu diskutieren. (Antonio Lobo Antunes: Fado Alexandrino)

Die Nachtschwester

Eine Weile nach der Nachtschwester kam eine durchtrainierte schwarze Königin herein. Sie war gekrönt von einer Masse hochgetürmter Zöpfchen, die sie mit einem breiten grünen Band in Form hielt. Sie stellte sich links ans Bett und sagte: Blood. Manchmal, wenn sie die Nachtschwester rief, weil sie Schmerzen hatte, die nicht im Zaum zu halten waren, legte diese ihr die Hand auf die Schulter, streichelte sie ein bißchen und sprach leise mit ihr die Optionen durch. Eine runde Kommunikation, getragen von Empathie, medizinischer Hilflosigkeit und magischen Versprechen, die sich nie erfüllten. (Verena Lueken: Alles zählt)


Postoperativ

Es war ein Kampf, auch wenn sie das nicht wollte. Kreatürlich. Die Morphine, die den Schmerz im Zaum halten sollten, bekam sie durch einen Schlauch im Rücken, durch den die Mittel direkt an den richtigen Ort geleitet wurden. Sie konnte die Menge regulieren, indem sie einen Knopf drückte, der in Reichweite neben ihr lag. Vor dem Aufstehen einen Schuß Fentanyl mehr, so etwa sollte das funktionieren. Diese patientenkontrollierte epidurale Analgesie war der ganze Stolz der Schmerzspezialisten, aber da sie sich meistens auf der Stelle erbrechen mußte, wenn sie den erlösenden Knopf drückte und das Gift ihr in den Rücken fuhr, war die Sache zweischneidig. Sie gewöhnte sich daran, nur mit einer Schüssel im Arm unterwegs zu sein, in die sie sich erbrach. Und unterwegs sein mußte sie, kaum daß sie aus der Narkose aufgewacht war. Eine Meile pro Tag sollte sie aus gehen. In Socken, die das Krankenhaus stellte, graugrün mit Noppen auf allen Seiten, um das Ausrutschen zu verhindern. Auf allen Seiten! Nicht wie im Sportladen nur auf der Sohle. Hier wurde an alles gedacht, auch daran, wie sich die Socken um die Füße wickeln, wenn man über Teppichboden läuft. Es gab auch neongelbe Socken. Wer sie trug, brauchte Begleitung. Sie hingegen durfte ihre Meile am Tag allein gehen, was sie allerdings am ersten, zweiten und dritten Tag nicht fertigbrachte. Die Schmerzmittel erreichten die Schmerzen nicht. Ihr war unerträglich übel. Alle möglichen Schläuche hingen aus ihr heraus, zwei dicke aus der rechten Seite, der dünne aus dem Rücken, die IV vom Handrücken, Katheter, und alle führten zu prallen oder nicht so prallen Beuteln mit Flüssigkeiten, die aus ihr herausliefen oder in sie hinein. Manche wurden gepumpt, einige abgesaugt, andere tropften, und bevor sie losgehen konnte, waren Geräte auf mobilen Betrieb umzuschalten, Stecker umzustecken, Kabel zu ordnen, Kästen zu sichern, was nur mit einem Extraschuß Morphium erträglich war, der ihr den Magen umdrehte, sie mußte sich erst mal wieder setzen, erbrechen, die Schwester rufen, damit sie die Schüssel leerte, und dann ging es endlich los mit der Meile, die zu bewältigen war. Nicht an einem Stück am Anfang. Eine Meile waren 14 Umrundungen der Station. (Verena Lueken: Alles zählt)


Der Chefarzt

Dieser Chefarzt war ein recht freundlicher alter Mann, unter Ärzten habe ich selten solche getroffen. Sein ganzes Leben hatte er in Krankenhäusern verbracht. Er operierte, machte Analysen, studierte Röntgenaufnahmen. Obwohl er Facharzt auf mehreren Gebieten war, hatte er zum erstenmal eine Chefarztstelle bekommen. Nicht, als ob seine Fähigkeiten nicht ausreichend wären - er hatte sich eben nicht sehr viel darum gekümmert. Der Krankenhausdienst hatte ihn derart in Anspruch genommen, daß ihm weder Zeit noch Lust zum Karrieremachen geblieben war. Er hielt das Skalpell wie ein alter Professor seinen Federhalter und schnipselte damit am Kranken herum; die Wunden jedoch verheilten rasch. Er hatte keine Familie. "Das hätte mir gerade noch gefehlt", sagte er, als jemand ihn danach fragte. Seine einzige Schwäche war, daß er sich hin und wieder abends in seinem Zimmer einschloß und sich betrank. (Laszlo Nemeth: Abscheu)


Patientenverfügung

Nicht gegen seinen Willen. Nicht einmal du. Will heißen: So eine Patientenverfügung ist doch eine feine Sache. Dann weiß der Herr Sohn auch, was der Altvordere fürs Ende wollte. Und vor allem: was nicht, was auf gar keinen Fall passieren darf! Weißt du, was in meiner Verfügung steht? Nur für den Fall, daß auch in meinem Hirn der Kabelbrand ausbricht, daß auch ich nach dem dritten Schlaganfall mein Sprachzentrum verliere: Bitte hinterlassen Sie meinen Körper so, wie Sie ihn vorgefunden haben! (Karsten Krampitz: Wasserstand und Tauchtiefe)


Katzenklavier

Faszinierend sicher nicht nur für Katzenliebhaber, was damals alles in der Psychiatrie angewendet worden ist: "Eine erhebliche Wirkung auf den Kranken dürfte auch jene Erfindung haben, von der ich unlängst durch den Bericht eines spanischen Arztes Kenntnis erhielt: das Katzenklavier. Die Tiere werden nach der Tonleiter ausgesucht, in eine Reihe mit rückwärts gekehrten Schwänzen geordnet; auf dieselben fällt eine mit scharfen Nägeln versehene Tastatur, die getroffene Katze gibt ihren Ton. Eine Fuge auf diesem Instrument, zumal wenn der Kranke so gestellt wird, dass er die Physiognomie und das Gebärdenspiel dieser Tiere nicht verliert, müsste selbst Loths Weib von ihrer Starrsucht zur Besonnenheit gebracht haben." (Thea Dorn: Die Unglückseligen)


Schmett, schmett, schmett

Ich kämpfe. Gegen meine Tränen und im Großen gegen einen Schmetterling. Der wächst über dem Balken in meinem Gehirn. Schmetterlings-Gliom heißt das Monster. Wie kann etwas so Beschissenes einen so schönen Namen haben. Ich stelle mir Schmetterlinge vor, die mit wuchernden Tumorflügeln über einer Blumenwiese fliegen. Schmett, schmett, schmett. Die Tumorart hat Stufe IV und endet immer tödlich. Mittlere Überlebenszeit 7,5 Monate. Da weiß man, woran man ist. Mir bleiben im Schnitt noch 5. Ich wüsste gern, wie lange noch. Ich hab noch so viel vor. (Karen Köhler: Wir haben Raketen geangelt. Erzählungen)


Besuch bei Mutter

Heute hat sie einen guten Tag. Das kann ich sofort sehen. Ich schließe die Tür hinter mir und setze mich in den Rollstuhl neben ihrem Bett. (...) Im Vorraum fülle ich Wasser in die Vase, und als ich damit wieder das Zimmer betrete, hat sie die Augen geöffnet. Unruhig huschen sie an der Decke entlang. "Na, Mama, hast du gut geschlafen?", frage ich. "Jetzt wird’s aber mal Zeit, du Pissnelke", sagt sie, ohne Zähne. "Wird Zeit, dass die Blumen ins Wasser kommen", sage ich, stelle die Vase auf den Tisch und die Blumen in die Vase. "Aber dalli, du blöde Ziege, du …", sagt sie, blinzelt mich zornig an, verliert sich für einen Bruchteil und knattert weiter: "Verlassen Sie meine Wohnung, sonst muss ich den Wachtmeister holen!" Sie hat doch keinen guten Tag, denke ich. (Karen Köhler: Wir haben Raketen geangelt. Erzählungen)


Technikbombe

Und da kann man gegen die Technik sagen, was man will, aber ohne sie wäre der Lungauer eine halbe Stunde später tot gewesen. Und man erschreckt vielleicht manchmal, daß gerade die Lebensretter, die Ärzte und die Spitäler und die Rettung ausgerüstet und bewaffnet sind bis zu den Zähnen, praktisch Privatarmee. Praktisch kleiner Krankenschwesternfaschismus, hochkarätig gesprochen. Aber das ist eben so, wenn es auf Leben und Tod geht. Da verliert man das Sozialkritische. Da greift man dann doch wieder zur Technikbombe, auch wenn man sonst sagt: lieber das Menschliche. (Wolf Haas: Komm, süßer Tod)


Burnout gibt es nicht

"Ich mache eine Sendung über Burnout und wollte Sie fragen, ob ich Sie dazu interviewen kann." Der Hörfunk-Redakteur eines renommierten Senders klang ziemlich geschäftsmäßig. Irgendwie war ich an diesem Tag gut drauf und antwortete fröhlich: "Aber Burnout gibt es doch gar nicht!" Der Redakteur ließ nicht locker. Er habe sich jetzt sehr gut informiert und es sei doch unbezweifelbar, dass die Erreichbarkeit der Menschen rund um die Uhr über E-Mails, Handys etc. heute ein besonderes Problem darstelle. Ich antwortete: "Im Dreißigjährigen Krieg waren die Menschen in Deutschland rund um die Uhr durch die Schweden erreichbar, das war unangenehmer. (Manfred Lütz: BLUFF! Die Fälschung der Welt)


Sterben mit Staubsaugerkenntnissen

Meine Tante litt lange unter Rückenschmerzen. Ihr Hausarzt, den sie deshalb mehrfach aufsuchte, sah keinen Anlass, sie zu einem Facharzt zu überweisen. Stattdessen erklärte er ihr, der Vollzeithausfrau, wie man den Staubsauger richtig bedient, damit der Rücken nicht belastet wird. Ihr Brustkrebs nutzte dankbar die so gewonnene Zeit, um weiterhin in ihre Wirbelsäule zu metastasieren. Meine Tante starb ein Jahr später mit prima Staubsaugerkenntnissen. (Constanze Kleis: Sterben Sie bloß nicht im Sommer)


Wie lange hat er noch?

Dr. Wigram war stets mehr darauf bedacht, nichts Falsches als das Richtige zu tun. Er riskierte nie, eine feste Meinung zu äußern, wenn es sich umgehen ließ. Seit fünfunddreißig Jahren praktizierte er nun schon in Blackstable. Er genoss den Ruf eines zuverlässigen Mannes, und viele seiner Patienten waren der gleichen Meinung, dass ein Arzt lieber verlässlich als zu gescheit sein sollte. (...) Philip lag die Frage auf der Zunge: Wie lange kann er noch leben? Er fürchtete, diese Frage würde den Arzt schockieren. In so einem Fall war eine Umschreibung eine Sache der Schicklichkeit, aber dann fiel ihm ein, dass der Arzt wahrscheinlich gewohnt war, dass die Verwandten eines kranken Menschen ungeduldig waren. Er musste ihre mitfühlende Ausdrucksweise durchschauen. Philip schlug mit einem Lächeln über seine eigene Heuchelei die Augen nieder. "Aber er ist doch wohl nicht unmittelbar gefährdet, nicht wahr?" Diese Art Fragen hasste der Arzt. Wenn man sagte, ein Patient habe nur noch einen Monat zu leben, bereitete sich die Familie auf den Verlust vor, und wenn dann der Patient weiterlebte, suchten sie ihn wieder auf und beschwerten sich, sie wären unnötigerweise geängstigt worden. Sagte man, der Patient würde noch ein Jahr leben, und er starb die folgende Woche, würde die Familie sagen, dass man von seinem Beruf nichts verstünde. (W. Somerset Maugham: Der Menschen Hörigkeit)


Kur

Dora, die sich auch einen Monat nach der letzten Chemo noch schlapp fühlt, soll eine Kur antreten. (...) Sidonie und Irene stellen mitfühlende Fragen. Was passiert bei einer Kur? "Anwendungen!" erklärt Dora matt. Massagen Bäder Packungen, langweilig, ein dichtes Regime. Und alles ohne Rücksicht auf die Gezeiten! Sie mußte den Ärzten erst klarmachen, daß der Rhythmus der Nordsee die therapeutischen Maßnahmen bestimmen müsse. Das Schauspiel von Ebbe und Flut sei schließlich das Heilsamste: die See, die gurgelnd durch die Priele schieße und schäumend meterhoch steige. Ihr saugendes Verschwinden. Unversehens hat Dora sich in Rage geredet. Über die Ärzte: "Na ja, Mittelmaß. Wer wird schon Kurarzt?" Über die Mitpatienten: "Langweiliger geht's nicht. Man denkt, nur die dööfsten Leute kriegen Krebs!"


Vom Vorteil schauspielerischer Fähigkeiten

Der MDK prüft, ob der Zustand meiner Mutter die Voraussetzung der Pflegebedürftigkeit erfüllt, wie groß die Einschränkungen der "Alltagskompetenz" sind, wie hoch also der Betreuungsaufwand ist und in welche Pflegestufe sie also gehört. (...) Das größte Problem aber ist: Die meisten älteren Menschen schämen sich, sich einem Besucher, einem Fremden gar, hilflos zu präsentieren. Viele haben Angst, ins Krankenhaus oder ins Pflegeheim abgeschoben zu werden, sollte die Performance nicht mehr stimmen. (...) Dagegen wird umgekehrt der bevorzugt, der die Imitation eines Ernstfalls geradezu veronikaferresmäßig rüberbringen kann: eher die Minderheit in der älteren Generation. Für die Pflegekasse ist es natürlich praktisch, mit einem Klientel zu tun zu haben, das sich so geniert, zuzugeben, nicht mehr selbst essen oder sich waschen zu können(...). -- Der Prüfer vom Medizinischen Dienst kommt noch einmal zu Wort. Er erklärt, weshalb nun geht, was vorher nicht gehen sollte: "Das (wohl das Sterben) hat mich schon betroffen gemacht, weil ich es auch in der Situation so gar nicht absehen konnte, obwohl natürlich so ein schweres Krankheitsbild vorlag ... aber es war für mich nicht so ersichtlich." Ja, eine Schwerkranke mit der Sauerstoffflasche neben dem Sessel, die vor lauter Japsen kaum noch sprechen kann, ist natürlich ein richtig schwieriges Bilderrätsel. Was wird erwartet: Das ganz große Theater einer La-Traviata-Aufführung? Die Violetta im Todeskampf? Die letzten Atemzüge der Mimi in "La Bohème?" Sollte man beim Senioren- Cafe vielleicht einmal über Alternativen zum Auftritt der Kinderturngruppe nachdenken? Man könnte nach der Devise 'von den Besten lernen' profilierte Heulsusen wie Fußballer Andi Möller oder Christian Wulff einladen, um Rentnern das publikumswirksame Wimmern und Greinen beizubringen. Die VHS könnte von Töpfern für Senioren auf 'Todeskampf für Fortgeschrittene' umsteigen. Warum nicht gleich einen Oscar für die beste Darstellung einer Pflegestufe III?


Bürokratie & Pflege

Entgegen anders lautenden Befürchtungen sind wir gut vorbereitet: Wir haben einen Pflegedienst, ausreichend Equipment, einen Physiotherapeuten, und wir haben so etwas wie das letzte Rettungsboot auf der deutschen 'Pflege-Titanic': gleich zwei Polinnen, die uns bei der Pflege helfen sollen. Die waren übrigens sehr viel leichter zu beschaffen als beispielsweise ein Pflegebett. Denn auch das sollten Sie wissen, bevor Sie 'richtig krank' in Ihren Terminkalender eintragen: je schlimmer die Diagnose, desto ärger die Bürokratie. Ganz so, wie Franz Kafkas Landvermesser K. 400 Seiten lang vergeblich versucht, sich Zutritt zu einem Schloss zu verschaffen, taumelt man wochenlang durch das Labyrinth eines monströsen Verwaltungsapparats, in dem alles darauf ausgerichtet ist, dass man erst die Nerven verliert und schließlich das offenbar sehr ehrgeizige Projekt einer Kostenübernahme für ein Pflegebett einfach aufgibt. (Constanze Kleis: Sterben Sie bloß nicht im Sommer)


Zwei Bilder der Palliativmedizin

Wie Dorian Gray hat auch die Palliativstation, auf der meine Mutter nun gerade ihr Leben verliert, gleich zwei Bilder vorrätig. Auf dem hübschen wird ein großes Fürsorge-Panorama entworfen, ist der Mensch hilfreich, edel und gut. Auf dem nicht so hübschen erschöpft sich sein Engagement in bloßer Symbolproduktion, zeigt er ein gegen jedwede Selbstzweifel und Kritik voll imprägniertes Größenselbst. (Eine Palliativ-Ärztin gibt in einem Zeitungs-Interview tatsächlich zu Protokoll: "Gott hat uns ausgesucht.") Je üppiger aber das Menschlichkeits-Make- up, umso undurchsichtiger, was darunter passiert. Den größten anzunehmenden Unfall verursachen wir, das Publikum dieser Illusionskünstler, dabei selbst, mit unserer Annahme, dass unmöglich sein kann, was nicht sein darf. Schein-Heiligkeit ist ja meist eine Co-Produktion, die ohne das Engagement der Fans unten im Zuschauerraum bei weitem nicht so erfolgreich wäre. (Wie riskant es ist, einer Sache bloß wegen ihrer selbst gesetzten moralischen Standards zu vertrauen und weil wir das Gute so unbedingt in der Welt wissen wollen, zeigen etwa die Missbrauchsskandale in der renommierten Odenwaldschule oder in katholischen Kinderheimen.) Es tut den Menschen selten gut, wenn man ihn unter Vorschusslorbeeren begräbt. (Constanze Kleis: Sterben Sie bloß nicht im Sommer)


Der Nimbus der Palliativmedizin

Es ist eine wertvolle und wichtige Arbeit, die die Palliativmedizin leistet. (...)Deshalb legt sich Pallium - der Mantel - nicht nur fürsorglich um den Schwerkranken und seine Angehörigen. Er hüllt wie eine undurchdringliche Rüstung aus Bewunderung und Hochachtung praktisch alle in diesem Bereich Beschäftigten ein. Man stelle sich nur vor, bei einem Essen mit weniger guten Bekannten zu sitzen. Wie üblich entspinnt sich irgendwann ein heiteres Berufe-Abfragen. Bis eine oder einer sagt: "Ich arbeite auf einer Palliativstation" oder "im Hospiz". Wer will jetzt noch so etwas Lapidares wie 'Grafiker' oder auch bloß 'Zahnarzt' in die Runde werfen, wo man praktisch mit Albert Schweitzer UND Mutter Theresa an einem Tisch sitzt. So dankbar sind wir jenen, die uns ein 'gutes Sterben' versprechen und uns von einer Selbstbeteiligung am Sterben anderer befreien, dass wir sie als eine Art personifizierte Moral-Speichermedium betrachten. Befeuert wird diese Idee vor allem auch von einem höchst überzeugenden Eindrucksmanagement. In Medienberichten werden die Palliativ- und Hospiz-Protagonisten wie Heilige inszeniert, als würden sie übers Wasser gehen, das Meer teilen und unser banales Leben mit gleich mehreren brennenden Büschen sanft erleuchten können. Sie sind die Vorbilder, die in letzter Zeit so wahnsinnig knapp geworden sind. Und je mehr der Politik und der Wirtschaft Ideale abhandenkommen, umso dankbarer sind wir für jeden, der uns wieder an das Gute glauben lässt. So findet die Grundidee auch und vor allem als Kontrastmittel für all das, was wir vermissen, besonders viel Aufmerksamkeit und Zustimmung. Sie zeigt, wie sehr es uns beruhigt, dass noch so kurz vor dem Abpfiff das Ausgleichstor für all das fällt, was sozial in dieser Gesellschaft so unglaublich schiefläuft. Am Ende, denken wir erleichtert, werden schließlich doch noch Würde, Wahrhaftigkeit und Empathie ins Spiel gebracht. (...) In dieser Sterbe-Idylle ist kein Platz für Zweifel an den rundum edlen Absichten. Zu unterstellen, dass vielleicht nicht alles so toll ist, wäre auf diesem Hintergrund praktisch, als wollte man Schneewittchen bezichtigen, einen Swinger-Club zu betreiben. (Constanze Kleis: Sterben Sie bloß nicht im Sommer)


Patiententypus "Rumpelstilzchen"

Das Rumpelstilzchen und seine Verwandten. Sie sind nicht privat versichert, verfügen aber über die zweitbesten Voraussetzungen auf Aufmerksamkeit: ausreichend Durchsetzungsvermögen und keinerlei Hemmungen, auf der Station den dritten Weltkrieg anzuzetteln, wenn etwas gnadenlos schiefläuft. Sollte das Rumpelstilzchen etwas geschwächt sein, schließlich ist es krankheitsbedingt in der Klinik und nicht so ganz auf der Höhe seiner Möglichkeiten, selbst so viel Wind zu machen, dass der Deutsche Wetterdienst eigentlich eine Sturmwarnung herausgeben sollte, hat es Angehörige und/oder Freunde, die das übernehmen. (...) Uns wurde oft zum Modell 'Rumpelstilzchen' geraten. "Machen Sie ruhig Ärger!", sagte man uns. "Die Ärger machen, bekommen, was sie wollen." (...) Ein möglichst niedriges Erregungsniveau, eine ordentliche Portion Skepsis und die Bereitschaft, wenn es sein muss, den austrainierten Choleriker zu geben, gehören ebenso wie Kulturbeutel, Morgenmantel und ausreichend Münzen für den Telefon- und Fernsehkartenautomaten unbedingt mit in das Klinik- Survival-Paket. Am besten ist sowieso, man bringt seine Wut schon ein bisschen vorgegart mit ins Krankenhaus. Nur damit sie ganz sicher auch in den zwei Minuten ihre Betriebstemperatur erreicht, die man maximal Zeit hat, das Wort an einen Arzt oder eine Schwester zu richten. Immer noch besser, als sie mit einer Geiselnahme zum Bleiben und Zuhören zu bewegen. (Constanze Kleis: Sterben Sie bloß nicht im Sommer)


Patiententypus "Dulder"

Die Dulder und ihre Anverwandten. Von ihnen träumen Klinikkonzerne, wenn sie mal wieder über eine Personalkürzung nachdenken. Frei nach dem Fontane-Zitat "Alles verstehen heißt alles verzeihen" fallen diesen Ja-Sagern tausend gute Entschuldigungen dafür ein, weshalb der Arzt wieder nicht zugehört hat und die Schwester zwar bereits eine Stunde weiß, dass man mal auf die Toilette möchte, aber offenbar plant, einem zu einem neuen Weltrekord im Einhalten zu verhelfen. Auf keinen Fall wollen Dulder den gestressten Beschäftigten noch mehr Unbill verursachen. Deshalb sagen sie auch tapfer "Macht ja nichts!", wenn der Arzt zum dritten Mal ihre Vene verfehlt oder man ihnen in zehn Tagen nicht einmal die Haare wäscht. So wie meine Mutter, die immer noch mit wirklich allen Mitgefühl hatte. Egal, wie fett der Bock war, der in ihrem Krankenzimmer erlegt wurde. Die immer fragte, ob wir den Schwestern auch wirklich etwas für die Kaffeekasse gegeben haben ("und hoffentlich nicht so wenig!"). Die stets meinte, wie hart der Beruf ist und wie sehr sie die bewundert, die ihn ausüben. Alle fanden sie wahnsinnig nett. Eine ziemlich gefährliche Einschätzung. Nicht umsonst schreiben die beiden amerikanischen Autoren und Medizinexperten Joe and Teresa Graedon auf ihrer Top-10-Liste der Dinge, die einen vor Medizinfehlern bewahren: "Freundlichkeit kann Sie umbringen." (Constanze Kleis: Sterben Sie bloß nicht im Sommer)


Angehörige

Offenbar hält man Nähe und Mitgefühl im Gesundheitssystem für einen besonders dicken Joint, der einem die Wahrnehmung gründlich vernebelt, die Urteilskraft nachhaltig trübt. Egal, wer wir draußen sind, ob wir Brötchen verkaufen, Brücken bauen, Straßenbahnen lenken oder Atomkraftwerke steuern, das Krankenhaus macht uns alle gleich: zu Störfaktoren, die immer zu viel hoffen und zu wenig verstehen, und zu Zeitdieben in einem stets schneller routierenden Klinikalltag. Eine Kombination, die man im Amerikanischen als 'pain in the ass' bezeichnet. Als wäre es nicht legitim, sich Sorgen zu machen, nachzufragen, Erklärungen zu erwarten. Prof. Dr. med. Linus Geisler, Facharzt für Innere Medizin, beschreibt in einem Beitrag für die Zeitschrift Dr. med. Mabuse zum Thema "Feind, Freund oder Partner?"[21] die unrühmliche Rolle des Angehörigen wie folgt: "Am ehesten fungiert er als 'Mitläufer', der sich passiv verhält oder seine Ängste querulatorisch umsetzt, noch schlimmer, wenn er allen mit Internet-basiertem Wissen zusetzt oder mit penetranter Klebrigkeit Station oder Praxis dauerhaft bedrängt." Dem gegenüber steht der "ideale Angehörige": "Er passt sich den persönlichen, arbeitsspezifischen Bedürfnissen des Personals an, respektiert dessen Autorität und unterwirft sich widerstandslos allen Anordnungen und Maßnahmen. Er verzichtet auf störende Eigenarten und Anliegen, zeigt Vertrauen und Dankbarkeit, antwortet rückhaltlos und umfassend, wenn er gefragt wird, sagt selbst aber nichts, wenn er nicht gefragt wird, und ist mit dem Maß an Kommunikation zufrieden, das man ihm zubilligt." (Constanze Kleis: Sterben Sie bloß nicht im Sommer)


Tischgespräche

Die Tischgespräche haben bloß ein Thema: Immer wird über Krankheiten geredet, hemmungslos und schamlos, als käme es darauf an, sich gegenseitig zu übertrumpfen. Jeder will eine noch schlimmere Geschichte durchlebt haben oder zumindest kennen, es kommt zu Krankheitsangebereien, zu einem Wettbewerb der schweren Schicksale, und die schlimmste Krankheitsgeschichte gewinnt. Krankheit ist kein Makel mehr, im Gegenteil, in der Welt der Reha ist die Krankheit, Umwertung aller Werte, eine Auszeichnung. Sie hat uns immerhin an diesen Tisch gebracht. Ich versuche, nicht ständig zu lauschen, und lese während des Essens Zeitung. Trotzdem komme ich mit der Zeit dahinter, daß jede Krankheit, welche auch immer, ihrem Patienten eine Geschichte schenkt. Eine Geschichte, die er oder sie dann gern erzählt, immer wieder, mit Ausschmückungen, Verzögerungen, Abschweifungen und dramatischen Wendungen. Sich selbst erzählen zu hören heißt, noch zu leben. Zu reden heißt, ich bin nicht tot. Ich aber halte das Gequatsche nicht mehr aus. Ich habe für immer genug davon. (David Wagner: Leben)


Übungskuh

Jede Schwester hat ihre eigene Art, mit Patienten umzugehen. Die eine fällt durch fast übertriebene Freundlichkeit auf, die andere legt eine interessante, gerade noch sympathische Ruppigkeit an den Tag, eine dritte ist stets streng, klar, konkret und wenig persönlich. Noch eine andere erzählt mir eines Nachts, daß sie nicht Krankenschwester bleiben möchte, sondern lieber wieder auf dem Bauernhof ihrer Eltern arbeiten will, eines Tages werde sie den übernehmen. Nach den Kühen im Stall müsse sie dann ja auch in der Nacht sehen, das könne sie hier also schon üben. Ich bin, sage ich, solange gerne Ihre Übungskuh. Nach elf Wochen auf Station werde selbst die rauheste Schwester zärtlich, sagt mein Bettnachbar, letztes Jahr lag er elf Wochen hier. (David Wagner: Leben)


Die Leber

Die Leber, lese ich weiter, war lange ein geheimnisvolles Organ. Es war nicht bekannt, wozu sie da ist, diese große Drüse, das schwerste Organ des menschlichen Körpers; bekannt war nur, daß der Verlust von Konzentrationsfähigkeit und die Gelbfärbung der Haut von Leberkrankheiten herrühren. Galen und Hippokrates waren der Meinung, die Leber sei das Zentrum der Körpergeister, der Ort, dem die Körpertemperatur entspringt sowie die Quelle des Bluts. Die Quelle des Bluts? Das Blut strömt jedenfalls hindurch, ununterbrochen. Außerdem produziert die Leber die Gallenflüssigkeit, und ich fange an, mich wieder für die Säfte der antiken Temperamentslehre zu interessieren, die schon wußte, daß die Leber etwas mit Stimmungen zu tun hat. In hippokratischer Tradition wird Melancholikern zu Weißwein geraten, der soll gegen die schwarze Galle helfen. Schließlich, ich lese kreuz und quer, stoße ich auf die These einiger Evolutionsmediziner, die behaupten, daß melancholische Zustände eine Funktion haben, immerhin ist sie in allen Kulturkreisen und Völkern, auch bei Naturvölkern bekannt. Herumgrübeln und Nachdenken scheint einen evolutionären Vorteil zu gewähren - weil einem manchmal, nach ein paar Jahren weit hinten in der Höhle, auf dem Sofa oder hier, im Krankenhaus, vielleicht doch etwas einfällt? (David Wagner: Leben)


Nebenwirkungen

Es beginnt eine Kombinationstherapie mit Cortison und einem Immunsuppressivum, die Entzündung klingt ab, die Zirrhose bleibt. Es geht mir gut. Es geht mir gut, bis die Probleme mit den Nebenwirkungen der Medikamente anfangen. (...) Nur an den Nebenwirkungen merke ich, wie krank ich bin - das ist der Satz, den ich den Ärzten immer wieder, seit bald drei Jahrzehnten, sage. Ich nehme meine Medikamente, seit dreiundzwanzig, vierundzwanzig, fünfundzwanzig Jahren, morgens, mittags und abends, und nehme die Medikamente gegen die Nebenwirkungen der Medikamente. Manchmal, bilde ich mir ein, kann ich die pharmakologische Symphonie meiner Medikamente in mir rauschen hören - wie die zusammenspielen, was für ein herrlicher Lärm. (David Wagner: Leben)


Kommunikationsroutinen

Sie müssen trinken, sehr viel trinken. Trinken wird im Krankenhaus zur Aufgabe. Haben Sie getrunken? Wie viele Becher? Die Anzahl der Becher wird notiert. (...) jede Temperaturveränderung. Die Mappe, in der das alles festgehalten wird, heißt Kurve. Schwestern und Pfleger spulen immer gleiche Kommunikationsroutinen ab, wieder und wieder läuft dasselbe Stück in wechselnder Besetzung, alles wurde so schon tausendmal gesagt, aufgeführt und wiederaufgenommen, das Stück, keine Änderung auf dem Spielplan, heißt "Station 22". (David Wagner: Leben)


Pflegeabhängig

Wenn andere dir helfen müssen, dich an- und auszuziehen, weil alle Gelenke steif geworden sind, glauben sie automatisch, du brauchst auch beim Denken Hilfe. Beim Für und Wider. Beim Hoffen und Bangen. Weniger werden von Tag zu Tag. Jede Kontrolle verlieren. Von Kopf bis Fuß gewaschen werden müssen von Fremden, die sich ekeln vor deinem Geruch, vor deinen Ausscheidungen. Oder sich längst nicht mehr ekeln, weil du für sie zu einem Beruf geworden bist. Ein Leben lang haben sie stolz auf Diskretion geachtet, auf Sauberkeit und Haltung. Und am Ende liegen sie entblößt vor achtzehnjährigen Zivildienstleistenden auf kotverschmierten Laken. Wenn sie die Wahl hätten, würden sie das nicht erleben wollen. Niemand würde das erleben wollen. (Ursula Fricker: Außer sich)


Den halben Pschyrembel

Die Dame vom Medizinischen Dienst hatte Vaters Angaben mit denen des ärztlichen Gutachtens verglichen und Häkchen gemacht. Auf dem Gutachten, einem engbeschriebenen Blatt, prangte das einschüchternde Wort "polymorbid". Was der Arzt damit sagen wollte, war, dass es zu weit führen würde, alle Krankheiten meines Vaters einzeln aufzulisten. Es lohnte nicht, denn bis man alle seine Krankheiten mühsam aufgelistet hätte, wäre wahrscheinlich schon wieder eine neue hinzugekommen. Vater hatte den halben Pschyrembel. (Stefan Schwarz: Das wird ein bisschen wehtun)


Fieber

Ich wußte gestern, daß ich Fieber hatte, dennoch hatte ich anfangs kein Verlangen, es mit dem Thermometer zu messen. Man weiß es einfach - auch bei den Kindern. Man faßt sie einfach auf den Rücken, unterhalb des Nackens, und wenn es da sehr warm ist, dann, ja, dann haben sie Fieber. Der Mond ist heute Morgen auf Streife. Ich hatte den ganzen Tag immer jeweils eine Viertelstunde geschlafen, hatte auf knorpeligen Gedankenstücken traumgekaut. (...) Gestern ging es mir gegen Abend ein wenig besser, und da fand ich, daß ich eigentlich doch ganz gern keine Temperatur wüßte. Wenn ich es nicht wüßte, würde ich meine Krankheit nicht entsprechend würdigen, da die einzig wahre Leistung einer Krankheit die Schaffung von Fieber ist. Der Rest ist Murks. (Nicholson Baker: Eine Schachtel Streichhölzer, S. 112f.)


Unterschiedslose Menschenliebe

Manchmal, wenn Briony sich um einen Soldaten kümmerte, der schreckliche Schmerzen litt, überkam sie ein unpersönliches Mitgefühl, das sich gleichsam vor sein Leid schob, wodurch es ihr möglich wurde, die Arbeit zügig und ohne jeden Widerwillen zu erledigen. In solchen Momenten begriff sie, was Krankenpflege bedeuten konnte, und sie wünschte sich nichts mehr, als ihren Abschluß zu machen und das Schildchen einer ausgebildeten Krankenschwester zu tragen. Dann konnte sie sich sogar vorstellen, daß sie ihren Ehrgeiz aufgab, Schriftstellerin werden zu wollen, um ihr Leben ganz diesen Augenblicken glücklicher, unterschiedsloser Menschenliebe zu widmen. (Ian McEwan: Abbitte)


Der forsche Krankenschwesternton

Sie bekam immer verantwortungsvollere Aufgaben. Mit Pinzette und Nierenschale schickte man sie auf eine angrenzende Station an das Bett eines Soldaten der Royal Air Force mit Schrapnellsplittern im Bein. Er beobachtete sie mißtrauisch, als sie ihre Utensilien abstellte. "Wenn Sie mir die schon rausnehmen wollen, dann möchte ich lieber richtig operiert werden." Ihre Hände zitterten. Doch sie war überrascht, wie leicht es ihr fiel, dieser forsche Jetzt-wird-nicht-lange- gefackelt-Ton der Krankenschwestern. Sie zog einen Schirm um sein Bett. (Ian McEwan: Abbitte)


Vorsorge oder nicht?

Ist die vorsorgliche Darmspiegelung (als typisches Beispiel für die regierende Vorsorge-Gesinnung), ist das Weiterschieben von Glücksgütern an die nächste Generation eigentlich durchweg vernünftig? Mehrt sich dadurch das Glück auf Erden? (...) Niemand bestreitet, daß mit einer solchen Einstellung eine Einbuße an auch noch möglichen Lebensjahren einhergehen kann. Allenfalls halblaut aber ist von dem möglichen Gewinn die Rede: davon, daß ein Leben abseits von Vorsorge und Magerquark auch Vorzüge hat. Dem erhobenen Zeigefinger der Reformhaus-Kunden und den Posaunen der Gesundheitsindustrie sollte man die Meinung einer bisher eingeschüchterten Minderheit entgegenstellen, von der sich nicht einmal ausschließen läßt, daß sie die Mehrheit ist. Wer leidet, geht zum Arzt - keine Debatte. Wer nicht leidet, hat jedoch 'zwei' Möglichkeiten: Entweder er läßt sich durchleuchten, anstechen und auf Diät reduzieren, in der Hoffnung, künftiges Leiden dadurch zu vermeiden, zu lindern oder hinauszuschieben. (...) Oder aber er will nicht zu lange im Voraus wissen und nicht zu genau erfahren, wann und woran er sterben wird, falls er dieses tut und jenes läßt. Ihm schaudert vor dem unfrohen Dasein, das zwangsläufig die Folge ist, wenn man jede Stunde des Lebens in den Dienst der möglichst langen Vermeidung des Todes stellt. (...) Versündigt sich denn einer an irgendjemandem, wenn er versucht, halbwegs unbeschwert in den Tag hineinzuleben? An seinem Lebenspartner nicht, falls er sich mit ihm einig ist - an seinen Kindern nicht, falls sie nicht mehr auf ihn angewiesen sind. Umgekehrt: Je länger er sich im Greisenalter etabliert, desto häßlicher ist das Bild, das er den Hinterbleibenden hinterläßt; desto wahrscheinlicher behelligt er sie mit der Pflicht, sich um ein Wrack zu kümmern. Versündigt er sich an der Gesellschaft? An der schon gar nicht. Den so genannten Generationenvertrag in der Rentenversicherung erfüllt keiner besser als der, der eine Woche nach Eintritt des Rentenalters aus der Rente fällt; und der Solidargemeinschaft der Krankenversicherung kann - fromme Reden hin oder her - ein Mitglied nur umso willkommener sein, je früher es stirbt: Sich nicht durch siebzehn Operationen in seine Neunziger hinauszuquälen, spart Hunderttausende. (...) Da also Gottes Ratschluß unerforschlich, die Gesellschaft mit jedem nicht allzu späten Tod zufrieden und die Trauer der Familie oft vermutlich von Erleichterung durchsetzt ist, sollte man jedem seine private Entscheidung gönnen. Zu solcher Güterabwägung wären vernünftigerweise noch ein paar Gründe heranzuziehen, die im harmonischen Chor der Ärzte, der Apotheker, der Hypochonder kaum vernehmbar sind. Zum Ersten: Vorsorge und Früherkennung leisten in ziemlich vielen Fällen unbestritten nicht etwa einen Beitrag zur Lebensverlängerung - sie vermehren nur die Zahl der Jahre, in denen wir wissen, wann wir woran sterben müssen; eine grauenvolle Einbuße an Lebensqualität. Könnte es nicht einen Grad des Bescheidwissens über die eigene Zukunft geben, der das Leben unerträglich macht? Wie dringend ist, sich die Prognose aller künftigen Scheußlichkeiten zum täglichen Begleiter zu nehmen - und dies in einer Zeit, in der die Verheißung künftiger 'Freuden' immer weniger offene Ohren findet? (Wolf Schneider: Glück. Eine etwas andere Gebrauchsanweisung, S. 113 ff.)


Sterbensquote 100%

Wer ohne Not zum Arzt läuft, tauscht gegen die möglichen Vorteile ein erhebliches Risiko ein, Nachteile zu erleiden. Fehlbehandlung oder bloß verlängerte Todesgewißheit sind die zwei hervorstechenden Gründe, den Medizinbetrieb nicht vorschnell mit Vertrauen zu überhäufen. Es gibt noch zwei mehr. Wenn die Ärzte uns unserem ersten möglichen Tod entrissen haben - welcher späteren Todesart liefern sie uns damit aus? Wenn wir nicht der "Volksseuche" Herztod erliegen (so der erstaunliche Begriff bei einem Gesundheitsforum der Süddeutschen Zeitung): sollen wir dann lieber an Krebe sterben - mit dem Risiko, daß die gewonnenen Lebensjahre ein langes Siechtum sind, daß jedenfalls das Sterben wahrscheinlich langwieriger, schmerzlicher, ekelhafter sein wird, als es beim ersten Anlauf gewesen wäre? Der Tod selber ist die "Seuche", die Sterbensquote beträgt immer 100 Prozent - das muß man einem übermütigen Medizinkartell offenbar ausdrücklich entgegenhalten. Zu guter Letzt erhebt sich die Frage: Wofür eigentlich zerren wir uns durch die vielleicht gewonnenen Jahre? Um noch ein großes Werk zu vollbringen? Fabelhaft! Um uns einen Lebenstraum zu erfüllen? Phantastisch! Um nach den Kindern noch die Enkel gedeihen zu sehen? Wie schön! Um schmerzfrei und zufrieden in die Sonne zu blinzeln? Warum nicht. Doch gegen die bloße Genugtuung, noch auf der Welt zu sein, wäre das Risiko abzuwägen, daß man nur mit Nachtstuhl, Sonde und Katheter auf ihr verweilen kann. Führen nicht Millionen Greise in den hochzivilisierten Ländern ein erbärmliches Leben, das sich auch langes Sterben nennen ließe? (Wolf Schneider: Glück. Eine etwas andere Gebrauchsanweisung)


Der Trottel

"Als Psychologe unter Psychiatern bist du an einer Spitalsabteilung sowieso der Trottel", sagt der Ire, "ganz unabhängig von den Chefs, die gar nicht anders können, als ihre neurotische Egomanie mit Qualität zu verwechseln." Auch als Psychiater unter Psychiatern bist du vorwiegend der Trottel, aber das sage ich jetzt nicht." (Paulus Hochgatterer: Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen, S. 44)


Ein außerordentlicher Arzt

Der Patientenkreis erweiterte sich mehr und mehr... und dann, was waren das für Patienten? Der Arzt selbst behauptete, daß ihnen überhaupt nichts fehle. Sie wollten nur behandelt sein. Sie wurden auch fast immer geheilt. Anfang 1927 trat sogar Frau Irma Siebenschein, Grete's Mutter, als Patientin in Erscheinung; sie soll damals jährlich mehrere hundert Krankheiten gehabt haben. Der Doktor Ferry Siebenschein ertrug das sozusagen in dickflüssiger Manier. Auch Frau Siebenschein genas von allen Krankheiten; und das ohne Kur und Rezeptur, nur auf Grund rein psychologischer Methoden. Die Medikamente, die gereicht wurden, waren harmos. Der Doktor Schedik aber war ein außerordentlicher Arzt, und ein Philosoph und Menschenfreund dazu. (Heimito von Doderer: Die Dämonen)


Verkanntsein

Unsere Verkanntheit, Schildknecht, kann nur noch von einer arktischen Inselscholle übertroffen werden. Und sind die Herrschaften einmal genesen, steigen sie uns auch nicht wöchentlich auf die Bude und melden: Ich bin gesund, Herr Doktor, sehen Sie nur, wie ich vor Gesundheit strotze, Ihr Werk, alles Ihr Werk! Man gerät rasch in Vergessenheit bei den Geheilten, dafür bleibt man um so schrecklicher im Gedächtnis der Unheilbaren. (Hermann Burger: Schilten)


Der Lehrer ist krank

Der Lehrer ist krank. Sie sollten die Enttäuschung auf den Gesichtern sehen! Enttäuschung einerseits, weil die ganze Aufregung vergebens war, andererseits, weil man im Dorf über diese Schildknechtsche Krankheit, wie sie genannt wird, nicht Genaues erfährt, und weil es zudem eine Taktlosigkeit gegenüber den Gesunden ist, in der vielgerühmten Landluft überhaupt krank zu werden. Haben die denn nicht schon genug Ferien, hört man etwa munkeln, oder: Das kommt halt von der Schulstubenhockerei. (...) Je komplizierter, je undefinierbarer eine Krankheit, desto unglaubwürdiger wirkt sie nach außen. Wer eine Fraktur vorzuweisen hat, einen dicken, blutdurchtränktern Verband oder noch besser einen Gips und zwei Krücken, der hat es verhältnismäßig leicht. Er wird zwar abgeschrieben, aber immerhin eindeutig zu den Invaliden gezählt. Auch ein Abtransport mit Blaulicht auf die Intensivstation wird noch halbwegs mit Respekt toleriert. Aber alle diese inneren, schleichenden, chronischen Krankheiten, bei denen man nie recht weiß, woran man ist, die nicht einmal Fieber zeitigen, dem man mit Essigsocken den Kampf ansagen könnte, sind auf dem Land verpönt. Solche Bresten sind ganz einfach hier nicht Mode. Entweder man verrichtet seine Arbeit, oder man läßt sich einsargen. (Hermann Burger: Schilten)


In die Krankheit hineinschlüpfen

Im Gegensatz zu den meisten Sanitätern, welche es bei der Symptom-Befragung bewenden und die Ursachen auf sich beruhen lassen, vertritt Doktor Krähenbühl die Theorie, der Heilkünstler müsse sozusagen der erweiterte Patient sein, er müsse sich im Schmerz seines Opfers einnisten, müsse den Schmerz durch und durch kennenlernen, als ob es sein eigener wäre. Wenn ich Architekt wäre, sagt Doktor Krähenbühl, diese berufliche Alternative mit einem kurzen Seufzen auskostend, sich wohlig in meinem Gitterbett ausstreckend, Architekt wäre und ein Einfamilienhaus zu bauen hätte, dann würde ich eine Zeitlang mit dem Bauherrn zusammenwohnen, um seine Raum-Ansprüche im unmittelbaren Kontakt zu erfahren. Ähnlich ist es bei einem Patienten: Man müßte als Internist - die Fachbezeichnung drückt ja diese Möglichkeit schon vage aus - in die Krankheit des medizinisch Bevormundeten, wenn ich es mal so formulieren darf, hineinschlüpfen, das tägliche Brot der Schmerzen mit ihm teilen. (Hermann Burger: Schilten)


Tretmühlenarbeiter

Auf dem-Pik ihres handwerklichen Fachs hochintelligente, kluge Ärzte; links u rechts des fachspezifischen schmalen Grats - stahlharte Ignoranz: Keineszeit für Kiki fucks - war das 1zige, was mir als Antwort schon auf die Nennung dews Professornamens begegnete. Und ich sah witzlose Fleisch%knochen- Klempner, Tretmühlenarbeiter im Göpelrad der Fach- Idiotie mit dem unbeirrbaren Spürsinn für den- Abweichler -!dem das eisenschwere Fach-Gelächter vorn Spinner-kopp, - das wirft jeden zurück ins Beamten= Gleis, stählern=gradaus, mit starrem Blick auf den Pensionsanspruch. (Reinhard Jirgl: Die Stille)


Krankenhausgeruch

Im ersten Zimmer lagen acht Patienten. Krankengeruch schlug den Visitierenden entgegen, ein Geruch, den Richard seit seiner Studentenzeit häufiger eingeatmet hatte als das, was man als "frische Luft" bezeichnete; Krankengeruch: diese Mischung aus Urin, Faeces, Eiter, Blut, Medikamenten und seröser Flüssigkeit in den Wundverbänden und Drainflaschen, der Geruch nach kaltschweißiger, unrasierter Haut (sie waren in einem Männerzimmer, bei den Frauen würde es mehr nach Urin, titriert mit den süßlichen und kamillelastigen Bemühungen einer stiefkinddemütigegen Kosmetikindustrie riechen), nach Franzbranntwein, Bakteriennährböden, Melissengeist und Essig (das Staubwasser, in das die Schwesternschülerinnen und Hilfpfleger ihre Lappen tunkten, um Bettgestelle, Lichtleisten, Nachttische zu reinigen); (Uwe Tellkamp: Der Turm, S. 707)


Leben oder langes Sterben?

Wer ohne Not zum Arzt läuft, tauscht gegen die möglichen Vorteile ein erhebliches Risiko ein, Nachteile zu erleiden. Fehlbehandlungen oder bloß verlängerte Todesgewißheit sind die zwei hervorstechenden Gründe, den Medizinbetrieb nicht vorschnell mit Vertrauen zu überhäufen. Es gibt noch zwei mehr. Wenn die Ärzte uns unserem ersten möglichen Tod entrissen haben - welcher späteren Todesart liefern sie uns damit aus? Wenn wir nicht der "Volksseuche" Herztod erliegen (so der erstaunliche Begriff bei einem Gesundheitsforum der Süddeutschen Zeitung): sollen wir dann lieber an Krebs sterben - mit dem Risiko, daß die gewinnenen Lebensjahre ein langes Siechtum sind, daß jedenfalls das Sterben wahrscheinlich langwieriger, schmerzlicher, ekelhafter sein wird, als es beim ersten Anlauf gewesen wäre? Der Tod selber ist die "Seuche", die Sterbequote beträgt immer 100 Prozent - das muß man einem übermütigen Medizinkartell offenbar ausdrücklich entgegenhalten. Zu guter Letzt erhebt sich die Frage: Wofür eigentlich zerren wir uns durch die vielleicht gewonnenen Jahre? Um noch ein großes Werk zu vollbringen? Fabelhaft! Um uns einen Lebenstraum zu erfüllen? Phantastisch! Um nach den Kindern noch die Enkel gedeihen zu sehen? Wie schön! Um schmerzfrei und zufrieden in die Sonne zu blinzeln? Warum nicht. Doch gegen die bloße Genugtuung, noch auf der Welt zu sein, wäre das Risiko abzuwägen, daß man nur mit Nachtstuhl, Sonde und Katheter auf ihr verweilen kann. Führen nicht Millionen Greise in den hochzivilisierten Ländern ein erbärmliches Leben, das sich auch langes Sterben nennen ließe? (Wolf Schneider: Glück. Eine etwas andere Gebrauchsanweisung, S. 116/17f.)


Ärzte und Patienten

Der Arzt ist stets der geheime Feind des Patienten, bei dem die Heilungsprozedur nicht in angemessener Zeit vor sich geht. Selbst "hohe Honorare" versöhnen ihn nicht mit den Heilungsprozessen, die die Natur aus irgendeinem mysteriösen Grunde verweigert. Er beschäftigt sich nie mit seinen eigenen, eventuellen Irrtümern, sondern pflegt und hegt seinen fast pathologischen "Größenwahn" auf Kosten seiner Patienten. Dieselben geben ihm in allem rcht, und der Patient ist eine Art von selbstmörderischem Verbrecher an sich selbst. Niemand glaubt ihm, das meiste seiner Zustände wird als Einbildung, Hysterie oder absichtliche Entstellung gedeutet. Niemand glaubt dem noch so aufrichtigen Kranken, und er befindet sich in einer qualvollen Situation dem vorgenannten Menschen gegenüber. Der Arzt hat immer recht, weil er seine, durch Prüfungen protokollierte Wissenschaft beherrscht, ohne den Einzelfall, das Einzelereignis auch nur zu ahnen! Der Patient ist das unglückliche Opfer der Kriterien, die gerade auf seinen speziellen Fall durchaus nicht passen! So muß er dem genialen Heilungsprozeß der Natur sich hilflos überlassen und wird von den Ärzten an seinem angeblichen eigenen Unglück schuld und dumm-renitent betrachtet. Wenige Ärzte verstehen es genial, sich ganz in einen ihnen völlig fremden Organismus gerecht, liebevoll - genial - hineinzuversetzen. Die meisten terrorisieren nur mit ihren Vorurteilen und haben nicht die Menschenfreundlichkeit, dem Fremden, Unbekannten, gerecht zu werden. Die meisten Patienten sind scheinbar bornierte Feinde derer, die sie nach den allgemein wissenschaftlichen Regeln erretten wollen. Sie haben alle Verwandten und sogenannten Freunde gegen sich und halten ihr unglückseliges Schicksal für ein nur leider wohl verdientes. (Peter Altenberg, in: Ida Cermak: Ich klage nicht. Begegnungen mit der Krankheit in Selbstzeugnissen schöpferischer Menschen, S. 209f.)


Altenpflege in Deutschland

Für so wenig Geld gehen Altenpfleger Tag für Tag an und über ihre Grenzen. Die Arbeit ist nicht nur physisch enorm belastend, das Heben, Tragen, Drehen ausgewachsener Menschen ist schließlich kein Kinderspiel, wichtiger noch ist die psychische Seite: Die Überwindung des eigenen Ekels, die ununterbrochene Nähe zu Schmerz und Tod sind schlimm genug. Als noch schlimmer empfinden viele das häufige Fehlen von Dankbarkeit und Freundlichkeit. Altenpflege ist keine Kinderpflege. Ein Baby lacht und strahlt, wenn es sich satt getrunken hat und die Windel gewechselt ist. Bei Alten ist das oft nicht so, gerade bei den schwierigsten Gästen im Pflegeheim, den Demenzkranken, bleiben jene Zeichen, die den Lohn der Arbeit bedeuten, oft aus. Viele Altenpfleger gehören deshalb zu den Helden dieser Gesellschaft, aber kaum jemand spricht über sie. Altenpfleger sind die Engel von Hunderttausenden von Menschen, aber wie im Himmel fühlen sie sich nicht. Denn in vielen der gut 9000 deutschen Pflegeheime geht es wenig himmlisch zu. In einigen sogar wie in der Hölle. (Anonymus: Wohin mit Vater? Ein Sohn verzweifelt am Pflegesystem, S. 75)


Attribute ärztlichen Daseins

"Wann haben Sie je die Handschrift eines Arztes entziffern können?" "Dann ist sie eben präzise. Wollen Sie das damit sagen?" "Ja. Aber auch die Möglichkeit, daß Dr Brook Harper gar keine Ärztin ist." "Nur weil sie ne saubere Handschrift hat?" "Und weil sie nicht die Kälte und Überheblichkeit wie alle Ärzte ausstrahlt." "Ah, nicht alle Ärzte sind kalt und überheblich." "An ihrem ersten Studientag kriegen sie ‘nen Stapel Bücher und ‘ne Leiche vorgesetzt. Ich fürchte, das verdirbt den Charakter." (The Mentalist, S01E21)


Übermüdet

Moses stieg aus dem Wagen und lief durch den Eingang der Notaufnahme in einem Raum, in dem niemand war. Von dort betrat er einen Flur, wo ihm eine grauhaarige Krankenschwester mit einem Tablett begegnete. "Ich hab in meinem Auto einen Notfall", sagte er. In ihrem Gesicht lag keinerlei Freundlichkeit. Sie musterte ihn mit dem erschreckend verbitterten Blick, den wir haben, wenn wir übermüdet sind oder so wütend über unser eigenes Pech, daß es uns gleichgültig ist, ob unsere Mitmenschen im Sterben liegen. (John Cheever: Die Geschichte der Wapshots, S. 234)


Kalt und überheblich

"Wann haben Sie je die Handschrift eines Arztes entziffern können?" "Dann ist sie eben präzise. Wollen Sie das damit sagen?" "Ja. Aber auch die Möglichkeit, daß Dr Brook Harper gar keine Ärztin ist." "Nur weil sie ne saubere Handschrift hat?" "Und weil sie nicht die Kälte und Überheblichkeit wie alle Ärzte ausstrahlt." "Ah, nicht alle Ärzte sind kalt und überheblich." "An ihrem ersten Studientag kriegen sie 'nen Stapel Bücher und 'ne Leiche vorgesetzt. Ich fürchte, das verdirbt den Charakter." (The Mentalist, S01E21)


Demenz und Angehörige

Dort liegt eine von Verwandten umringte Alte, die Anwesende als Abwesende und Abwesende als Anwesende halluziniert. Die wirklich hier sind, scheinen sie aufgrund galliger Pflichtgefühle zu besuchen. Sie zeigen wenig Nachsicht mit ihren kuriosen Verwechslungen und haben nicht die Geduld, der wirren Kranken ihre Phantasien zu lassen, mit denen sie Raum und Zeit überspringt und das Krankenzimmer mit Leuten ihrer Wahl anfüllt. Herrisch wollen sie das greise Weib von ihren arglosen Wahngebilden kurieren und sie davon überzeugen, daß das, was sie sagt, nicht stimmt. Sie, die rational recht haben, wirken weit närrischer als die Alte, und ihre ungnädigen Gegenreden beben vor verhaltener Wut. Vielleicht verzweifeln sie daran, eine lästig gewordene Verwandte, mit der man nichts mehr anzufangen weiß, besuchen und später, weiß Gott wie lange, versorgen zu müssen. Vielleicht haben sie weder Zeit noch Geld noch sonstige Gründe außer einem schlechten Gewissen für ihre Fürsorge aufzubringen. Unleidlich wie sie sind, könnte man meinen, sie glaubten, die Alte halte sie mutwillig zum Narren. Kleinlich schlagen sie auf ihre harmlosen Hirngespinste ein, mit denen sie sich, losgelöst vom Hier und Jetzt, ihr sieches Dasein verschönt. (Karl-Heinz Ott: Ins Offene, S. 8)


Ein erhabener Tempelbezirk

Vor drei Wochen lief Mutters Haut dreckiggelb an. Dem Gallenausfluß war mit Medikamenten nicht beizukommen. Durch die Operation wurde eine vorläufige, spekulative Diagnose zur Gewißheit, derzufolge das Gallenleiden nur eine Folge und nicht die Quelle der Krankheit ist. Längst wuchert hinter dem gelbflüssigen Schleimhautsack in der Bauchspeicheldrüse der Krebs. Am Telefon erklärte mir der Arzt, Mutters Leib werde in absehbarer Zeit keine Verdauungssäfte mehr herstellen, die aufgenommene Nahrung nicht mehr gespalten und auf diesem Wege sich selbst zerstören. Ich konnte das geklonte Graeco-Latein des Fachmanns nur zur Hälfte verstehen und wollte auch gar nicht wissen, wie der Zerfall sich im einzelnen vollzieht. Mir fiel wieder einmal auf, wie sehr die medizinischen Terminologie den todbringenden Lebensverlauf in kühle Formeln einzufangen und jeden Anflug von Affekten auszuklammern weiß. Als ich mit dem Arzt sprach, war ich bereits betrunken und versuchte, den zunehmenden Zungenschlag zu verbergen. Jahrelang kam mir das hoch über der Stadt gelegene Krankenhaus, in dem Mutter gegen Ende meiner Schulzeit wegen eines Herzinfarktes lag, nicht mehr in den Sinn. Auf dem Weg in die Klinik konturiert sich ihr damaliges Krankenzimmer vor dem inneren Auge, und die einzelnen, durch Glaskorridore verbundenen Gebäude stehen wieder vor mir. In seiner Abgeschiedenheit gleicht das Gelände einem erhabenen Tempelbezirk, der vor der geschäftigen Welt geschützt und außerhalb des alltäglichen Tumults angesiedelt ist. (...) Das ruinöse Gemäuer bildet den Rand einer abgespaltenen, geschlossenen Welt, die anderen Rhythmen folgt, in der andere Gerüche herrschen und ein anderes Zeitempfinden den Gang der Stunden prägt. Im Park reden die Kranken und ihre Besucher flüsternd miteinander, als sei jedes laute Wort der Genesung abträglich, und auf den Fluren dämpfen Teppichböden den Aufschlag der Schuhe. Dort oben wirken auch jene verunsichert, denen man ansieht, daß sie es gewohnt sind, stets recht zu haben. (Karl-Heinz Ott: Ins Offene, S. 15)


Aus der Misere herausrudern

Von Kranken muß man sich fernhalten, sagte ich. Ob man will oder nicht, die Krankheiten springen auf einen über, und hinter dem Kranken erhebt sich schon das Meer der Weißkittel und faßt nach ihm. Ein Kranker wird nie gesund, wenn man ihm Mitgefühl schenkt. Kranke muß man herablassend behandeln, dann rudern sie sich aus der Misere heraus, weil ihnen kein anderer Ausweg bleibt als Tod oder Leben. (Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff, S. 183)


Ihr mit euren Studien

Ob das Schreiben hilft? Durchaus. Dazu gibt es Studien, warf der Arzt ein. Ihr Mediziner mit euren Studien. Die Hälfte aller Zahlen, an die ihr glaubt wie ans Evangelium, ist erfunden, die Schlüsse, die ihr daraus zieht, sind falsch, die Methoden sind mehr als fragwürdig. Hauptsache, ihr Ärzte macht euren Reibach. Der Patient ist immer der Dumme. Ich soll wohl deine finanzielle Pipeline vital halten? (Gerhard Köpf: Ein alter Herr, S. 68)


Der Doktor als Änderungsschneider

Du glaubst gar nicht, wie krank Beipackzettel, Gesundheitssendungen im Fernsehen oder Informationen aus dem Internet machen können. Von den sogenannten Selbsthilfegruppen ganz zu schweigen. Patienten kommen mit einer fertigen Diagnose in die Sprechstunde, und der Arzt soll nur noch das Rezept ausstellen, als gehe es um Kunststopferei. Der Onkel Doktor als Änderungsschneider. (Gerhard Köpf: Ein alter Herr)


Jargon

Die halbe Stunde war vergangen, die Schwester entließ uns, wie Jarmila mir übersetzte, mit den Worten, es wäre keine Schande, Blut in die allgemeine Zirkulation zu investieren, es sprach also mittlerweile auch das Krankenpersonal im Jargon der Vorstandsvorsitzenden, ich hatte meine Freund auch dabei ertappt, wie sie über abwesende Menschen sprachen, als wollten sie ihnen ein Gutachten zur Kriminalprognose ausstellen. (Feridun Zaimoglu: Liebesbrand, S. 266)


Horizontale und Vertikale

Du bist ein Patient und damit die Horizontale, weil du per Definition zu den Liegenden gehörst. Eine Schwester ist die Vertikale, sie macht dein Bett, bringt dir das Essen ans Bett und wechselt deinen Tropf oder gibt dir eine Spritze. Sie steht, du liegst, die Waagerechte kann sich schlecht zur Senkrechten ins Verhältnis setzen. (Feridun Zaimoglu: Liebesbrand, S. 36)


Vom Chefarzt quälen lassen

Mona machte ihre Prüfung erst viel später, weil sie endlos an der Uni und in diversen Kliniken warten mußte, bis sie zur Prüfung zugelassen wurde, und schließlich war sie Ärztin und hatte kein Geld, um eine Arztpraxis gründen zu können, weil eine Arztpraxis sehr viel kostet. Sie blieb in einer Klinik und hörte nicht auf, an die Frauenunterdrückung zu glauben, weil es in der Klinik Chefärzte gab, die hauptberuflich die Ärztinnen quälten, die kein Geld hatten, eine eigene Praxis zu gründen, und folglich in den Kliniken hängenblieben, um sich von Chefärzten quälen zu lassen und nach achtundvierzig Stunden Dienst in der Klinik nicht mehr zu wissen, ob es noch in Ordnung ist, jetzt mit dem Auto völlig verheult nach Hause zu fahren. (Birgit Vanderbeke: Geld oder Leben, S. 114)


K.G.S

Als ich Roland - so heißt mein Physiotherapeut - als ich Roland von diesem Gespräch erzählte, sagte er mit seinem schiefen Grinsen: "Sie haben ein Kniegelenksyndrom. So nennen das die Orthopäden unter sich. K.G.S. KannIchGarnixzuSagen." (...) Einen Vorteil hat ein Kniegelenksyndrom. Wenn jemand anruft und sich erkundigt, wie es einem geht und man seinen Zustand nicht unumwunden als total paterre und wimmerig bezeichnen will, aber auch keine Lust hat, sonnigen Optimismus zu verbreiten, kann man immer über sein Knie jammern. (David Lodge: Therapie, S. 25f.)


Ein schöner Fall

Es gibt Ärzte, Joana, die sind grausam und tragisch wie Zwerge, wie Krüppel, wie Bucklige, wie Musiker, die am Ende der Prozessionen zwischen weinenden Engeln und häßlichen Christussen aus Gips die Posaunen spielen. Grausam, tragisch und gemessen fliegen sie mit den Schwungfedern ihrer weißen Kittel um die Infusionsballonsonne herum. Immer wenn jemand sterben wird, sammeln sie sich, von einem merkwürdigen Insekteninstinkt geführt, um den abgemagerten, blassen Patienten, durchblättern fröhlich Röntgenbilder, Laborergebnisse, Biopsieberichte, sind bereit, das zu diskutieren, was sie euphemistisch einen schönen Fall nennen, komplizierte Krebserkrankungen, besonders Leukämien, unheilbare Infektionen, und erschnuppern dabei strahlend den bevorstehenden Exitus. (Antonio Lobo Antunes: Einblick in die Hölle, S. 195)


Psychiatrie

Die 5. Station, ganz oben in der Anstalt, zu der man mit einem riesigen Fahrstuhl gelangt, der sich unter panischem Kreischen von Stockwerk zu Stockwerk weint, war, als er dorthin versetzt wurde, ein trauriges Fegenfeuer, das die Psychiater vergebens aufzuheitern versuchten, indem sie die Wände mit Spiegeln pflasterten, die die grauen Gestalten der Kranken, ihre erbärmliche Lage als Gefangene zurückwarfen (es war ihnen verboten, allein hinauszugehen, es war ihnen verboten, spazierenzugehen, es war ihnen verboten, Kontakte mit Männern zu haben, denn, Wir wollen keine Verantwortung übernehmen, wir wollen keine Schwierigkeiten, wir wollen keine Probleme, wir wollen keine Beschwerden seitens der Familien), so daß die einzigen erlaubten Aktivitäten darin bestanden, die Tropfen der verschriebenen Medikamente zu nehmen und dann zu nicht ganz klaren, unnützen Näharbeiten zu schreiten, und darin, im Speisesaal zuhauf auf Resopalstühlen, die wacklig waren wie Milchzähne, einmal pro Woche morgens an den Versammlungen des Clubs teilzunehmen, unter der Leitung von Spezialisten, die vom salbungsvollen guten Willen christlicher Kerkermeister besessen waren. (Antonio Lobo Antunes: Einblick in die Hölle, S. 88)


Panische Angst

Bei den Ärzten ist fast nur das Grauen echt, das Grauen und die panische Angst vor dem Leiden, der Bitternis und dem Tod. Es scheint, als quälte nur das Grauen diejenigen, die sich mit komplizierten Instrumenten zu fremder Angst beugen, mit ihren Büchern, ihren kabbalistischen Diagnosen, wie ich mich als Kind zu den Mollusken am Strand hinunterbeugte, sie mit einem Stöckchen umdrehte, um neugierig die andere Seite zu erforschen. (Antonio Lobo Antunes: Einblick in die Hölle, S. 10)


Apotheker

Die Apotheker saßen fest im Sattel, sie ritten durch das Paradies der Beschwerden, die Beschwerden nahmen zu an Tiefe und Vielfalt, es wurden immer mehr Heilmittel gebraucht, ohne pharmazeutische Gaben fielen die Menschen nach wenigen Tagen heulend und schreiend übereinander her, es wurde an jeder Ecke ein Platz zur Linderung der Schmerzen gebraucht, eine Apotheke zeugte die nächste, längst gab es mehr Apotheken als Bäckereien und Metzgereien und Zeitungskioske, das Überangebot war schon abzusehen, die Schwemme, die Krise, die Schrumpfung, die Sanierung, noch schien alles gesund, die Apotheker, die Wirte, die Fernsehhändler, sie hielten das Leben im Gleichgewicht. (Friedrich Christian Delius: Adenauerplatz, S. 160)


Ein wunderschöner Tumor

Nun war sie noch einmal auf Heimaturlaub vom Krankenhaus weg, Versuchskaninchen auf der Krebsstation, ein wunderschöner Tumor, der noch ein paar Wochen halten würde, so daß sich der Professor freute und seine Schüler noch etwas von ihm hatten. (Arnold Stadler: Eines Tages, vielleicht auch nachts, S. 101)


Selten ein reines Gewissen

Als Arzt und gerade als Arzt hat man selten ein ganz reines Gewissen. Man weiß, wie wenig man wirklich helfen kann, man kommt als einzelner nicht auf gegen die Unermeßlichkeit des täglichen Jammers. Man schöpft nur mit einem Fingerhut ein paar Tropfen weg aus diesem unergründlichen Meer, und die man heute geheilt glaubt, haben morgen schon wieder ein neues Gebrest. Immer hat man das Gefühl, zu lässig, zu nachlässig gewesen zu sein, dazu kommen die Irrtümer, die Kunstfehler, die man unvermeidlich begeht - da bleibt es immerhin ein gutes Bewußtsein, wenigstens einen Menschen gerettet zu haben, ein Vertrauen nicht enttäuscht, eine Sache richtig getan zu haben. Schließlich muß man wissen, ob man nur dumpf und dumm hingelebt hat oder für etwas gelebt. (Stefan Zweig: Ungeduld des Herzens, S. 294f.)


Alle Mittel einsetzen

"Medizin hat mit Moral nichts zu tun: jede Krankheit ist an sich ein anarchischer Akt, eine Revolte gegen die Natur, deshalb darf man gegen sie alle Mittel einsetzen, alle. Nein, kein Mitleid mit Kranken - der Kranke stellt sich selbst hors de la loi, er verletzt die Ordnung, und um die Ordnung, um ihn selber wiederherzustellen, muß man, wie bei jeder Revolte, rücksichtslos zugreifen - was einem gerade in die Hand kommt, muß man nützen, denn mit der Güte und der Wahrheit ist noch nie die Menschheit und nie ein einzelner Mensch geheilt worden. Wenn ein Schwindel kuriert, so ist er eben kein erbärmlicher Schwindel mehr, sondern ein erstklassiges Medikament, und so lange ich in einem Fall nicht faktisch helfen kann, muß ich eben trachen, bloß hinüberzuhelfen." (Stefan Zweig: Ungeduld des Herzens, S. 166)


Mätzchen und Schwätzchen

"Wo unsere Methoden versagen, muß man eben versuchen, eine neue zu erfinden, und wo die Wissenschaft nicht hilft, gibt es noch immer das Wunder - ja, wirkliche Wunder gibt es auch heute noch in der Medizin, Wunder bei schönstem elektrischen Licht, gegen alle Logik und Erfahrung, und manchmal kann man sie sogar provozieren. Glauben Sie, ich quälte dieses Mädchen und ließe mich quälen, wenn ich nicht hoffte, sie endlich entscheidend vorwärts, sie durchzubringen? Es ist ein schwerer Fall, ich geb es zu, ein widerspenstiger Fall, seit Jahren komme ich nicht so rasch vorwärts, wie ich möchte. Aber dennoch und dennoch, ich lasse sie nicht aus der Hand. (...) Damit Sie es wissen, ein für allemal - gar nichts Wesentliches habe ich erzielt, nichts Definitives, und darauf kommt es doch an! Ich habe an ihr herumprobiert und herumkuriert wie ein Bader, ziellos, zwecklos. Gar nichts habe ich bis jetzt erreicht." (...) "Aber Herr von Kekesfalva hat mir geschildert, wie sehr die elektrischen Bäder Edith erfrischt hätten, und besonders seit den Injekt..." Doch Condor blieb mit einem Ruck stehen und riß mir das halbausgesprochene Wort entzwei. "Unsinn! Blanker Unsinn! Lassen Sie sich doch nichts einreden von dem alten Narren! Glauben Sie wirklich, daß mit elektrischen Bädern und derlei Spielereien eine solche Paraplegie ausgewischt werden kann? Kennen Sie denn nicht unseren alten Ärztetrick? Wenn wir selber nicht weiter wissen, suchen wir Zeit zu gewinnen und beschäftigen den Patienten mit Mätzchen und Schwätzchen, damit er unsere Ratlosigkeit nicht bemerkt, und zu unserem Glück lügt dann meist in dem Kranken die Natur mit und wird unser Komplize." (Stefan Zweig: Ungeduld des Herzens, S. 163f.)


Diabetes - damals

Da erkrankte mein Vater, bis dahin ein starker, vollkommen gesunder, unermüdlich tätiger Mann, den ich leidenschaftlich liebte und verehrte. Die Ärzte diagnostizierten eine Diabetes, Sie kennen sie wahrscheinlich unter dem Namen Zuckerkrankheit, eine der grausamsten, der heimtückichsten Krankheiten, die einen Menschen überfallen kann. Ohne jeden Anlaß hört der Organismus auf, die Nährstoffe weiter zu verarbeiten, er führt Fett und Zucker nicht mehr dem Körper zu, und dadurch verfällt und verhungert der Kranke eigentlich bei lebendigem Leibe - ich will Sie nicht mit den Einzelheiten quälen, sie haben mir selbst drei Jahre meiner Jugend zerstört. Und nun hören Sie: damals kannte die sogenannte Wissenschaft nicht die geringste Kur gegen Diät, jedes Gramm wurde gewogen, jeder Schluck gemessen, aber die Ärzte wußten - und ich als Mediziner wußte es natürlich auch -, daß man damit das Ende nur hinausschob, daß diese zwei, drei Jahre ein entsetzliches Zugrundegehen, ein elendes Verhungern inmitten einer Welt bedeuteten, die von Speisen und Getränken strotzt. Sie können sich denken, wie ich als Student, als zukünftiger Arzt, damals von einer Autorität zur andern lief, wie ich alle Bücher und Spezialwerke studierte. Aber überall antwortete mir mündlich und schriftlich das mir seitdem unerträgliche Wort 'unheilbar, unheilbar'. Seit jenem Tage hasse ich dieses Wort, denn ich habe wach und untätig mitansehen müssen, wie der Mensch, den ich auf Erden am meisten liebte, elender zugrunde ging als irgend ein dumpfes Tier; er starb drei Monate vor meiner Promotion. Und jetzt hören Sie gut zu: vor ein paar Tagen in der Medizinischen Gesellschaft haben wir einen Vortrag von einem unserer ersten Chemikologen gehört, der uns informierte, in Amerika und in den Laboratorien einiger anderer Länder seien Versuche schon ziemlich weit gediehen, ein Drüsenextraktmittel zu finden; es sei gewiß´, behauptete er, daß die Diabetes in einem Jahrzehnt eine 'erledigte' Krankheit sein werde. Nun, Sie können sich denken, wie mich der Gedanke erregt hat, daß es schon damals ein paar hundert Gramm dieser Substanz hätte geben können, und der liebste Mensch, den ich auf Erden hatte, wäre nicht gequält worden, wäre nicht gestorben, oder wir hätten wenigstens hoffen können, ihn zu heilen, zu retten. (Stefan Zweig: Ungeduld des Herzens, S. 162)


Insulinschocks

Neben der neuroleptischen Behandlung wurden auch die fürchterlichen 'Kuren' gegen Schizophrenie noch durchgeführt, Insulinkur und Elektroschock, die man wenig später aufgab und die viel später wieder Mode wurden, wenigstens der gefahrlosere Elektroschock. Vom Insulinschock als Behandlung hatte man anscheinend endgültig genug. An den 'Insulintagen' lebte ich auf Kosten meiner Magennerven, meiner seelischen Gesundheit. Kein Insulintag verging, ohne daß ich atemlos durch das Anstaltgelände hastete, voll Angst, es könnte einmal ein Zwischenfall tödlich ausgehen, durch meine Schuld; voll von schlechtem Gewissen wegen einer gewissen Vernachlässigung jedes einzelnen meiner Patienten, welche bei dem herrschenden Betrieb gar nicht zu vermeiden war. Überdies in der qualvollen Einsicht in die Unzulänglichkeit meiner pharmakologischen Kenntnisse; wußte ich doch über das naheliegendste, die Injektion von Zuckerlösung, hinaus kaum, was allenfalls zu unternehmen sinnvoll oder zumindest ungefährlich war. Ferner die Angst, das Blutgefäß für die Einspritzung nicht in nützlicher Frist zu erwischen, da doch alles blau und kalt und kollabiert war. Verlief endlich alles gut, der Patient 'kam' wieder, wie wir sagten, folgte ein Gefühl der Entspannung, der überstandenen Gefahr, vollbrachter Leistung, das wohl in keinem Verhältnis zum Nutzen der Spritzerei, der Insulinschockkuren überhaupt stand; aus lauter Erleichterung sowie aus Freude am blühenden, effektiv scheinchenhaften Aussehen der Insulinpatienten war man geneigt, zu übersehen, daß sie so krank waren wie zuvor. (Walter Vogt: Altern, S. 92)


Ein Chefarzt klagt an

Zu Frank Königs: Ein Chefarzt klagt an. Von der Profitgier der Klinikbetreiber. Ullstein-Taschenbuch, 272 Seiten. Stichworte: Klinikbetrieb, Chefarzt, Intrige, Rationalisierung, Karriere, Mobbing, Burn out, Gesundheitswesen. Dieses Buch wurde mir durch eine Kollegin in die Hand gedrückt und macht nun die Runde unter uns Pflegenden. So genannte Enthüllungsbücher liest man ja oft mit einem Furor der Neugier. Insbesondere wenn man selbst betroffen ist. Als Pflegekraft bin ich in das System Gesundheitswesen involviert, wenn auch nicht in dem Sinn wie der Chefarzt im Buch, der, nachdem er lange als, wie er einmal formuliert, "öffentlich- rechtlich" Heilender nun in einer privaten Rehabilitationsklinik agieren muß. Die Mißstände, die König offenbart, resultieren aus der Notwendigkeit, selbst einen Betrieb, in dem abhängige Menschen, d.h. Kranke und damit Hilflose und Hilfebedürftige, versorgt werden müssen, als profitables Unternehmen zu führen, welches sich auf dem Markt bewegt und dort halten und überleben soll. Sachzwänge kollidieren mit eigentlich für das Wohl der Anvertrauten Notwendigkeiten, wobei Einsparungen, Streichungen und Veränderungen selten zum Vorteil für das Klientel UND das Personal gereichen. Die Leid Tragenden tragen sozusagen doppeltes Leid. Die verantwortlichen Manager sähen die Not höchstens, wenn sie selbst einmal zu Betroffenen würden und sich beispielsweise der Maschinerie des Klinikalltags ausgeliefert sähen. Man ahnt, daß sich die Maßnahmen als zu kurzsichtig und mittelfristig als Bumerang für das gesamte System erweisen könnten.


Ärzte im Dienst

Die Ärzte sind oft die wunderbarsten Menschen, als Ärzte müssen sie sich natürlich beherrschen. Arztsein fordert wahrscheinlich die grausamste aller Selbstbeherrschungen. Eine allmählich auch den wunderbarsten Menschen vernichtende Enthaltsamkeit. Sie müssen der Gesellschaft rückhaltloser dienen als jeder Polizist oder Staatsanwalt. Sie haben ja kein engmaschiges Gesetznetz, das sie über den Patienten werfen können. Sie müssen sich selbst, ihre ganze Feinheit müssen sie einsetzen, um den Patienten, der einer ist, weil er etwas gemerkt hat, wieder einzufangen, ihn zu weiterem Inkaufnehmen zu bewegen. Zu erpressen eigentlich. Ihnen zuliebe soll der Patient vergessen, was er erfahren hat. Natürlich sind sie im Dienst. Aber keiner tut weniger, als sei er im Dienst, als der Arzt. (Martin Walser: Jagd, S. 128)


Abstumpfung

Menschen, die zu fremdem Leid nur eine dienstliche oder geschäftliche Beziehung haben, zum Beispiele Richter, Polizisten und Ärzte, stumpfen mit der Zeit kraft der Gewohnheit so ab, daß sie sich zu ihren Klienten nur noch formal verhalten können, selbst wenn sie anders wollten. (Anton Cechov)


Der gute Arzt

Ein guter Arzt ist das beste, das wir haben können, sagte Reger, aber kaum jemand hat einen guten Arzt, wir haben es ja doch immer nur mit medizinischen Stümpern und Scharlatanen zu tun, sagte er, und glauben wir einmal, jetzt haben wir einen guten Arzt gefunden, so ist er entweder zu alt oder zu jung, entweder er versteht etwas von der neuesten Medizin und hat keine Erfahrung oder er hat Erfahrung und versteht nichts von der neuesten Medizin, so ist es, sagte Reger. Der Mensch braucht ganz dringend einen Körperarzt und einen Seeelenarzt und beide findet er nicht, lebenslänglich ist er auf der Suche nach einem guten Körperarzt und nach einem guten Seelenarzt und beide gibt es für ihn nicht, das ist die Wahrheit. (Thomas Bernhard: Alte Meister, S. 272)


Kinder kriegen

Der Arzt war jung, vollbärtig und aufmerksam. Es ist sehr beruhigend, wenn an einem verregnetem Nachmittag im Oktober in einer Klinik jemand Sonntagsdienst hat, dessen Ausbildung auf dem neuestem Stand ist und der sich sehr auf die Dinge konzentriert, die auf ihn zukommen. Als er hörte, daß es erst der sechste Monat war, sah sein Gesicht noch ein wenig jünger und aufmerksamer aus. Er wirkte plötzlich sehr ärztlich. Wahrscheinlich ging ihm eine Statistik durch den Kopf. Die Statistik mit den Überlebenschancen von Sechsmonatskindern . Er schaute auf den Fußboden. Dann sah er wieder hoch und schenkte unserem Sohn ein resigniertes Lächeln und einen Es-wird-schon-werden-Klaps. "Wann gehts denn endlich los?" fragte unser Sohn. "Ich weiß es nicht", sagte ich. "Es geht gleich los", sagte meine Frau. Ihr Gesicht war immer noch ein wenig rosig und verknautscht. Als der Arzt, der jetzt nicht mehr ganz so jung aussah, die Narkosemaske hervorholte, sagte meine Frau: "Lassen Sie nur. Ich brauch keine Gasmaske. Das hier ist eine ganz normale Geburt und kein Stellungskrieg." Meine Frau hat eine starke Abneigung gegen alles, was in der Medizin nach Chemie riecht. Ihr Großvater mütterlicherweits war Vegetarier, und sie nimmt überhaupt nie Tabeletten, außer gegen Zahnschmerzen. "Ich brauch das wirklich nicht", sagte sie. Der Arzt lächelte verlegenen und solidarisch. Die meisten Ärzte halten einen ja für einen Anarchisten, wenn man bei vollem Bewußtsein Kinder kriegen will, aber der hier lächelte. (Günter Ohnemus: Zähneputzen in Helsinki, S. 134f.)


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