Sinn & Weltanschauung (1) [>>]

Der Mensch auf der Suche nach dem Wesentlichen [^]


Themenstreusel: Weltanschauung
In der Kirche
Der Teufel
Schluß damit!
Der nörgelnde Oberaufseher
Ein gewisser Engpaß
Religion & Moral
Gottes Mühlen
Kulturprotestantismus (2)
Kulturprotestantismus (1)
Glockenläuten
Religioten
Naturkatastrophen - neutrale Ereignisse
Der Computer des Schöpfers
Predigt und Gottesdienst
Das zweite Leben
Traurigkeit
Gräkosemitisch
Fuß im Nacken
Ein offensichtliches Bedürfnis
Andere Lebensmuster
Nur Neuronenverbindungen?
Hausbesitzerhafte Sicherheit
Ethische Hintergrundfigur
Erkenntnisinstinkt
Natürlich oder Unnatürlich
Gott, eine Art Spaßmacher
Protest gegen Gott
Von der Gottheit geformt
Priestersein heute
Ein sinnverleihender Auftrag
Protest gegen Gott
Befleckungen
Der Hang zum Jenseitigen
Konservativ
Schwerer für Juden
Broyard über Erich Fromm
Ein sehr kranker Gott
Ewige Materie
Deus absconditus
Das Problem der Subjektivität
Theologie und Naturwissenschaft
Überzeugungen
Ideale
Das Zeitalter der Vernunft
Die Kraft der Freude
Das Erkennen Gottes
Der Sabbat
Der Na-und-Test
Ein angenehm verwässerter Protestantismus
Gottesleugnung
Arme suchende Deppen
Sinnangebote
Wie die Katholiken sind
Nur ein Gradunterschied
Vernunft
Neue Sinnsuche
Hesse: Lebensstrom und Zugehörigkeit
Protestanten & Katholiken
Der ausgesperrte Gott
Evangelium heute
Wesen des religiösen Gefühls
Juden und Araber
Als Jude aufwachsen
Der Mensch braucht Transzendenz
Wider den Monotheismus


In der Kirche

Ich war erleichtert, endlich in der Kirche zu sein. Es war dasselbe Gefühl, wie wenn man einen Zug erwischt hat. Als erstes sah ich die Nummern der Psalmen nach und zählte die Verse zusammen; denn ich wußte, wenn es mehr als fünfzig waren, wurde mir möglicherweise schlecht, und ich müßte mich setzen. Und davor fürchtete ich mich, denn es veranlaßte die Leute, sich umzudrehen und mich anzuschauen. Ein- oder zweimal hatte man mich sogar hinausgeführt, und ich mußte mich am Kircheingang niedersetzen, bis ich mich wieder wohler fühlte. Ich genoß zwar die Wichtigkeit, die ich auf diese Weise gewann, aber ich fürchtete die Vorspiele, den kalten Schweiß, die Schwäche in den Knien und die Angst, ob ich es durchstehen könne. Vielleicht war dies ein Beweis, daß mir Religion nicht bekam. In jenen Tagen waren Andachten anstrengender als heute, und die Psalmen wurden in ungekürzter Form gesungen. (L.P. Hartley: The Go-Between)  ^


Der Teufel

Zu glauben, daß das Böse zuweilen Besitz vom Menschen ergreifen kann, ist zweifellos menschlicher, weniger gefährlich, als wie Freud zu behaupten, daß der Mensch das Böse in Form eines "Todesinstinkts" besitzt. Riet nicht der Lehrer des Diogenes, der alte Anisthenes (genannt der "reine Hund"), das, was schlecht ist, als etwas anzusehen, das uns selbst fremd ist? Wenn man nicht an den Teufel glaubt, kann man dann noch an den Menschen glauben? Der Teufel Fiktion? Vielleicht. Aber gibt es eine Wahrheit ohne bildliche Vorstellung, gibt es freies Denken ohne Mythen, ohne Metaphern? Egal, ob er spitze Ohren hat oder nicht, unwichtig auch die Tausenden Namen, die man ihm gibt, was zählt, ist das Böse, das er tut: Man erkennt den Teufel an seinen Krallen. Auf jeden Fall wächst sein Einfluß. Er verwandelt die Menschheit rund um die Uhr in ein Lager von Menschenmaterial: Wegwerfarbeiter, programmierter Verbraucher, verdinglichte Frauen, vorverkaufte Kinder, auswechselbare Sklaven, Maschinenfutter... Bravo, meine Herren Rationalisten, und guten Appetit! Wenn Sie eines Tages ganz allein in einem riesigen Krankenhauszentrum sterben und ein Blechroboter Ihnen Ihre letzte Spritze gibt, vergessen Sie nicht, Ihre Kreditkarte mitzunehmen! (Henri-Frederic Blanc: Teufelei) ^


Schluß damit!

Man muß an den Teufel glauben, um den Vormarsch der Hölle zu stoppen! Wenn unser Geist nicht mehr glaubt, sich nichts mehr vorstellt und sich darauf versteift, Informationen und Wissen zu verschlingen, ist er hin! Indem man den Glauben tötet, bereitet man den Nährboden für Fanatismus, indem man die Spiritualität tötet, ruft man die Idolatrie ins Leben, indem man den Instinkt tötet, zeugt man die Barbarei! Schluß mit diesem üblen Materialismus, der uns das Gehirn verdreckt, Schluß mit diesem geistigen Ich-scher-mich-nicht-drum, das uns das Herz aussaugt, Schluß mit der Berechnung, was man wohl riskiert, ehe man sagt, was man denkt, Schluß damit, immer nur nachzuahmen, Schluß mit der Diktatur der Zahlen, Schluß mit dieser Rationalität, die unsere Intuition lähmt, unsere Vorstellungskraft zügelt, uns zu einem mit Wegweisern markierten Universum verurteilt, in dem das Herz ein Organ ist, der Mond ein Satellit und der Mensch ein Verbraucher! (Henri-Frederic Blanc: Teufelei) ^


Der nörgelnde Oberaufseher

Gott ist ja vor allem eine Frage seiner Definition. Wer ihn als die okkulte Quintessenz aus Hoffnung, Kraft und Liebe sieht, darin sein Seelenheil entdeckt und nach den ursprünglich philanthropisch geprägten, von der blutrünstigen Kirchengeschichte vergewaltigten Prinzipien der Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Toleranz handelt, liegt in Sachen eines zufriedenen und erfüllten Lebens ja alles andere als falsch. Ganz im Gegenteil. Doch eine transzendentale Definition ist hier auch weniger Thema als die rechthaberische Variante eines nörgelnden und strafenden Oberaufsehers, in dessen Namen seine irdischen Schergen bei der Bearbeitung göttlicher Benimmregeln im Lauf der Geschichte mit unsympathischen Marginalien wie Rache, Folter, Tod und Verderben nicht gerade gegeizt haben. Oder um es mit den Worten des Kirchenkritikers Karlheinz Deschner zu sagen: "Es muss ein eigentümliches Vergnügen sein, von Jahrhundert zu Jahrhundert im Blut der Menschheit zu schwimmen und Halleluja zu rufen." (Jörg Schneider: So komme ich in die Hölle) ^


Ein gewisser Engpaß

Seit eh und je drohen Religionen unter Zuhilfenahme einer nicht verhandelbaren Gut-und-Böse-Kategorisierung bei Missachtung absurdester Lebensanleitungen mit nicht weniger als ewiger Verdammnis. Die ist allerdings - einer von der Kirche ansonsten eher unbefleckt wahrgenommenen Logik gehorchend - erst nach dem Tod des Sünders anzutreten. Und diese Reihenfolge hat auch einen guten Grund. Den drei großen monotheistischen Weltreligionen Christentum, Islam und Judentum kommen derlei chronologische Winkelzüge freilich ungemein entgegen, entziehen sich die angeblichen Konsequenzen allzu gottlosen Herumfuhrwerkens doch durch die partout nicht zu übertölpelnde Kommunikationshürde Tod recht geschmeidig jeder weltlichen und damit gleichsam diesseitigen Überprüfbarkeit. Denn gerade für die Zeit nach dem Tod ist ja in punkto individueller Gestaltungsfreiheit mit einem gewissen Engpass zu rechnen. (Jörg Schneider: So komme ich in die Hölle: Ein Streifzug durch den Irrsinn der Religion) ^


Religion & Moral

... ist Religion eine Sache des Temperaments; man glaubt an alles Mögliche, wenn man eine religiöse Ader hat, und wenn man diese nicht hat, ist es gleichgültig, welcher Glaube einem beigebracht worden ist, man entwächst ihm. Vielleicht ist Religion die beste Schule für Moral. Sie ist wie eine jener Arzneien, die Sie in der Medizin verwenden, um eine andere in eine Lösung zu verwandeln. Sie hat selbst keine Wirkung, aber sie ermöglicht es der anderen, absorbiert zu werden. Man nimmt die Moral hin, weil sie mit der Religion verbunden ist; verliert man die Religion, bleibt die Moral zurück. (W. Somerset Maugham: Der Menschen Hörigkeit)


Gottes Mühlen

Daß dem Brenner jetzt die Zeremonie in der Zeller Kirche so vertraut vorgekommen ist, weil der hätte fast jeden Handgriff des Pfarrers voraussagen können, das hat nichts mit dem Schmeller- Begräbnis zu tun gehabt. Sondern weil er als Bub Ministrant gewesen ist. Der Brenner hat in der Volksschulzeit in Puntigam immer fleißig ministriert, oft einmal jeden Tag, und von daher hat er sich natürlich noch an alles erinnert, weil in der Kirche ändern sich die Dinge ja nicht jede Saison. (Wolf Haas: Auferstehung der Toten)


Kulturprotestantismus (2)

Das orthodoxe Luthertum mag auf dem Land selbstgewiss vor sich hindümpeln, in den Städten erlebt der deutsche Protestantismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts die größte Unruhe seiner Geschichte. Nichts, was das Christentum seit anderthalb Jahrtausenden ausgemacht hat, ist diesen Kreisen mehr unantastbar. Lassen sich Jungfrauengeburt und Höllenfahrt Christi mit einem aufgeklärten Bewusstsein vereinbaren? Kann das apostolische Glaubensbekenntnis nicht ohne sie auskommen? Gehört das Alte Testament wirklich zum Christentum oder ist es nicht alleiniger Besitz der Juden? Ist Religion nicht immer Teil einer Nationalkultur? Ist Jesus Gottes Sohn oder war er nur ein außergewöhnlich charismatischer Prediger? Und was ist die Bibel? Göttliche Offenbarung oder ein Stück Geschichte? Dienen wir Gott nicht am besten, indem wir die Welt verbessern? In solchen Kontroversen zeigt sich eine geistige Lebendigkeit, die den Vergleich mit der spätantiken Formierung der Kirche und ihrer Neuformierung am Ende des Mittelalters nicht zu scheuen braucht. Und zugleich steckt in dieser Lebendigkeit auch etwas Panisches. Sie ist symptomatisch für eine Religion, die hin und her getrieben ist zwischen konservativem Starrsinn und historischem Relativismus. (Per Leo: Flut und Boden)


Kulturprotestantismus (1)

Was bedeutete es, in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg Abkömmling eines protestantischen Pfarrhauses zu sein? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Um die Jahrhundertwende befanden sich viele gebildete Protestanten in innerer Distanz zu ihrer Kirche. Sie mochten noch den Gottesdienst besuchen, das Abendmahl empfangen und den Pastor für Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen in Anspruch nehmen. Doch so selbstverständlich das Leben weiterhin von der Kirche gerahmt wurde, so fragwürdig war ihre Deutungsmacht geworden. Wie lässt sich aus der Überlieferung Sinn für die Gegenwart ziehen, ein Zeitalter, in dem die Erde alle zehn Jahre ein neues Gesicht zeigt, in dem auch Wissenschaft und Nationalstaat höchste Geltung beanspruchen? (...) Der Orientierungsbedarf war gewaltig und das religiöse Gefühl durchaus nicht erloschen. Die Entfremdung von der Kirche ging daher oft Hand in Hand mit dem Willen zur spirituellen Erneuerung. Die krisenhafte Unruhe (...) fand ihren Ausdruck in einer wahren Flut von Besinnungs- und Bekenntnisschriften. Das 19. Jahrhundert hatte das Christentum vergegenständlicht und historisiert. Jesus? Ein großer Mann, wie Luther. Die Bibel? Ein von Menschen geschriebenes und redigiertes Buch. Die Kirche? Eine Institution im Wandel. Nichts Irdisches ist unwiderruflich. Alles kommt und geht. Alles verändert sich. Alles gibt es im Plural. Sprachen. Staaten. Und ja, auch die eigene Religion. (Per Leo: Flut und Boden)


Glockenläuten

Früher haben die Glöckner wichtigen Ereignissen Anfang und Ende gesetzt, haben vor Gefahren gewarnt, vor Feind und den Elementen. So mancher wurde im Dienst vom Blitz erschlagen. Nachts, in einer Welt, die nicht so übervoll mit Licht war, waren die Glocken ein Leuchtturm aus Klang für alle, die durch die Finsternis irrten: Hier, wo wir schlagen, schlagen lebende Herzen. Und heute? Glocken sind die akustische Erinnerung, dass die Kirche noch steht. Ein Weckruf, den niemand bestellt hat. (Sasa Stanisic: Vor dem Fest)


Religioten

Religiotie ist eine selten diagnostizierte (wenn auch häufig auftretende) Form der geistigen Behinderung, die durch intensive Glaubensindoktrination vornehmlich im Kindesalter ausgelöst wird. Sie führt zu deutlich unterdurchschnittlichen kognitiven Leistungen sowie zu unangemessenen emotionalen Reaktionen, sobald es um glaubensrelevante Sachverhalte geht.33 Bemerkenswert ist, dass sich Religiotie nicht notwendigerweise in einem generell reduzierten IQ niederschlägt: Religioten sind zwar weltanschaulich zu stark behindert, um die offensichtlichen Absurditäten ihres Glaubens zu erkennen, auf technischem oder strategischem Gebiet können sie jedoch (siehe Osama bin Laden) hochintelligent sein. Wie es "Inselbegabungen" gibt (geistig behinderte oder autistische Menschen mit überwältigenden mathematischen oder künstlerischen Fähigkeiten), so gibt es offensichtlich auch "Inselverarmungen" (normal oder gar hochintelligente Menschen, die in weltanschaulicher Hinsicht völlig debil sind). Religiotie sollte daher als "partielle Entwicklungsstörung" verstanden werden - ein Begriff, den der Entwicklungspsychologe Franz Buggle schon vor Jahren vorgeschlagen hat, um die spezifischen Denkhemmungen religiöser Fundamentalisten zu erfassen.


Naturkatastrophen - neutrale Ereignisse

Aus Naturkatastrophen leiten sich keine religionsgesetzlichen Bestimmungen ab. Wenn ein Erdbeben irgendeinen Landstrich verwüstet, wenn ein Vulkan ausbricht, wenn eine Flutwelle über einen Küstenstreifen hinwegschwappt, dann ist das aus religiöser Sicht jedes Mal ein neutrales Ereignis. Es stimmt schon: Wir müssen hinterher die Überlebenden trösten, die Verwundeten versorgen, Zelte aufbauen, wir müssen Kaddisch für die Toten sagen - aber es gibt für uns nichts daraus zu lernen. Und auch aus der Tatsache, dass ein Komet auf die Erde zustürzt, gibt es für uns nichts zu lernen. Der Volksmund hat diese theologische Weisheit längst in einen Witz gefasst. Kennen Sie den? In den Zeitungen liest man, dass eine neue Sintflut bevorsteht. In den Kirchen wird daraufhin gepredigt, die Menschheit müsse jetzt geschlossen zum Christentum übertreten, um das Verhängnis abzuwehren. In den Moscheen heißt es, dies sei der endgültige Beweis, dass der Islam die einzig wahre Religion sei. In den buddhistischen Tempeln bereitet man sich durch kollektive Meditation auf das Nirwana vor. Und was gibt es in den Synagogen? Nu, Schwimmunterricht! (Hannes Stein: Der Komet)


Der Computer des Schöpfers

Auf einem der Spaziergänge, die Agnes als Kind mit ihrem Vater gemacht hatte, hatte sie ihn einmal gefragt, ob er an Gott glaube. Der Vater hatte geantwortet: "Ich glaube an den Computer des Schöpfers." Diese Antwort war so merkwürdig, daß sie dem Kind in Erinnerung blieb. Merkwürdig war nicht nur das Wort Computer, sondern auch das Wort Schöpfer: der Vater sagte nie Gott, sondern immer Schöpfer, als wollte er die Bedeutung Gottes einzig und allein auf die Leistung eines Ingenieurs reduzieren. Der Computer des Schöpfers: wie aber kann sich der Mensch mit einem Computer verständigen? Agnes fragte den Vater also, ob er bete. Er sagte: "Da könnte man ja genauso zu Edison beten, wenn eine Glühbirne zu brennen aufgehört hat." Agnes sagte sich: Der Schöpfer hat eine Diskette mit einem detalierten Programm in den Computer gelegt und ist weggegangen. (Milan Kundera: Die Unsterblichkeit)


Predigt und Gottesdienst

Überhaupt war es schön, dass die Menschen während eines Gottesdiensts so viel gemeinsam und meist auch noch dasselbe taten, endlich redeten sie nicht ununterbrochen, sondern nur dann, wenn sie darum gebeten wurden, und endlich bewegten sie sich auch nicht laufend von einer Stelle zur andern, sondern hielten es eine Zeit lang singend und betend auf einem einzigen Platz aus. (...) Die einzige Störung des Gottesdiensts, die jedes Mal nur schwer zu ertragen war, war die Predigt. Von Anfang, vom Stürmen der Orgel und den leisen Gesängen des Chores, an, war der Gottesdienst etwas Feierliches, Festliches, wenn aber die Predigt kam, war es für eine Weile aus mit der Feierlichkeit. Die Predigt störte mich nicht deshalb, weil ich nicht alles verstand, sondern vor allem, weil überhaupt so lange geredet und alles erklärt wurde. Musste denn alles, aber auch alles, beredet und umständlich erklärt werden? Selbst der sonst aufrecht und gerade dasitzende Vater sackte während der Predigt immer ein wenig müde und gelangweilt in sich zusammen, während die Mutter das Predigen erst gar nicht aushielt und in einem Gebetbuch zu lesen begann. Nach der Predigt musste man erst wieder in den Gottesdienst hineinfinden. Eine Weile sangen und beteten alle etwas leiser und gedämpfter, und erst wenn das große Heilig, heilig, heilig, heilig ist der Herr. Heilig, heilig, heilig, heilig ist nur Er ... gesungen wurde, hatte der Vater seine mächtige Stimme wiedergefunden und sang wieder so laut, dass ich durchatmen konnte. (Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens)


Das zweite Leben

Sie schauderte zusammen in dieser Totenstille und sagte dann: "Dies melancholische Dunkel der Kirchen erschüttert mich; hier fühle ich die Erhabenheit des Nichts." "Wir müssen doch schließlich an irgend etwas glauben", antwortete er, "wenn es keinen Gott gäbe, keine Unsterblichkeit, das wäre doch zu trostlos." Sie blieb eine zeitlang regungslos in den tiefen Schatten, die von den Gewölben hingen, dann sagte sie: "Mein lieber Freund, wir wissen nicht einmal, was wir mit diesem kurzen Leben anfangen sollen, und du willst noch ein zweites, das niemals endet?" (Anatol France: Die rote Lilie)


Traurigkeit

"Und die Tausende glücklicher Existenzen?" "Ja, Menschen, die wie blinde Welpen leben." "Nicht unbedingt, es kann auch anders sein." "Wenn wir über jene grimmige und traurige Kühnheit verfügen, die den Menschen veranlasst, mit offenen Augen zu leben, können Sie dann etwa glücklich sein? Es ist doch ganz unvorstellbar, dass Menschen, die wir für die bemerkenswertesten halten, glücklich waren. Shakespeare konnte nicht glücklich sein. Michelangelo konnte nicht glücklich sein." "Und Franz von Assisi?" Wir überquerten auf einer Brücke die Seine. Über dem Fluss stand früher Nebel, in dem halb phantomhaft die Stadt auftauchte. "Er liebte die Welt, wie Menschen die kleinen Kinder lieben", sagte Wolf. "Aber ich bin mir nicht sicher, ob er glücklich war. Denken Sie daran, dass Jesus Christus stets traurig gewesen ist, außerhalb dieser Traurigkeit ist das Christentum völlig undenkbar." (Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf)


Gräkosemitisch

Wieso ?! : Bitte sehr : "Sind Eure Heiligen und Engel nich ebenso Minister mit eigenen Ressorts ? : wir beobachten eben die Regierungsbildung ! Einer allein (Gott, oder wie Ihr das Dings nennt) kann halt doch nicht überall zugleich sein : deswegen verwalten seine höheren Beamten Feuer und Zahnschmerzen, Mondschein und Artillerie. Welche Unverfrorenheit der Christianer, frech und gottesfürchtig, von ihrer krausen und knolligen Mythologie zu behaupten, sie sei etwas ganz Neues, oder Anderes, als die der alten Völker ! : anstatt des antiken Namenskrimskrams kriegen die Leute lediglich einen gräkosemitischen eingepaukt ! : Siehst DU einen anderen als phonetischen Unterschied, ob ich bei Bauchweh Sankt Erasmus anrufe oder Hera? Ich nich!!" (Arno Schmidt: Kosmas oder Vom Berge des Nordens)


Fuß im Nacken

In einem beflügelten - oder besser gesagt: entflogenen - Moment hatte Albert Gott als den definiert, Der Sich Anderen In Den Weg Stellt, als Totalen Widerstand In Der Welt, als Sammelbegriff für alles, was zu dessen großem Verdruß stärker war als der Mensch. Ein Gott, vor dem man das Haupt bis in den Staub beugte, nicht aus Ehrfurcht oder Demut, sondern weil Sein Fuß auf dem Nacken der Menschen stand wie der Fuß eines Jägers auf dem Nacken eines erlegten Bären. Der Mensch war das Fell vor Gottes offenem Kamin, samt grimmigen Kopf, der Rest degradiert zum Fußabtreter. Ein Aspekt dieses Gottes war die Zeit, ein großer Zeiger, scharf wie ein Fallbeil, das sich mit äußerster Präzision auf ebendiesen, bereits mit einem perfekten Bleistiftstrich markierten Nacken zu bewegte. m (A.F.Th.van der Heijden: Der Gerichtshof der Barmherzigkeit, S. 538)


Ein offensichtliches Bedürfnis

Gott also zuerst. Alles spricht dafür, daß es ihn nicht gibt. Er ist eine Erfindung von uns Menschen und trägt deshalb, wenn wir uns ein Bild von ihm machen, stets die Züge unserer Zeit. Bei den Neandertalern hatte er eine niedrige Stirn und eine Keule in der Hand, und einen weißen Bart. Zur Zeit Karls des Großen sah er wie Karl der Große aus, mit einem weißen Bart. In meiner Kindheit glich er meinem Großvater, mit einem weißen Bart. Erst heute ist er eine schwarze Frau, hie und da. Ich gebe aber gern zu, daß ich in Momenten der Gefahr (Taxi mit hochaggressivem Fahrer, Gewitter im Gebirge) die Neigung habe, ein diskretes Notsignal zum Himmel zu schicken. Auch schlage ich, wenn ich in einem Flugzeug sitze, vor dem Start ein klitzekleines Kreuzzeichen, obwohl ich keine Sekunde lang Mitglied der katholischen Kirche war. Ihre Geschichte ist mir sogar deutlich unangenehm. Mord und Totschlag seit zwei Jahrtausenden. Und alle Museen voller Kreuzigungen und heiliger Sebastiane. Offenbar gibt es in uns - wie aufgeklärt wir auch seien - ein unbremsbares Bedürfnis, über Gott nachzusinnen. Über Götter und Göttinnen. Daß wir in einer hilf- und schutzlosen Welt irgendwo Schutz und Hilfe erhoffen dürfen, ist ein zu verführerischer Gedanke. Wir gehen fast drauf ohne ihn. Ganz allein, nur auf die eigenen Bordmittel angewiesen, ist ein Leben schwer zu meistern. (Urs Widmer: Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück, S. 62f.)


Andere Lebensmuster

Es ist der seltene Glücksfall, daß ein anhaltendes, eindringliches Interesse an einem von Grund auf anderen Lebensmuster mir erlaubt hat, Genaueres über mich selbst zu erfahren. Nichts Heilsameres kann einem, glaube ich, passieren, als daß Gefühl und Verstand zu gleichen Teilen - wonach jeder sich sehnt - in Anspruch genommen, ja: in Mitleidenschaft gezogen sind durch diese fortgesetzte Erfahrung, die nicht einem leicht zu beschädigenden Vorbild, sondern einem Menschen gilt, dessen eigene innere Widersprüche ihn hellhörig machen für den Widerspruch in dieser Zeit. (Christa Wolf: Fortgesetzter Versuch)

Nur Neuronenverbindungen?

"Alles wird immer komplizierter. Da sind im suppigen Weltmeer vor Jahrmillionen immerhin schon so Mehrzeller herumgedümpelt, waren ausschließlich damit beschäftigt, zu fressen und sich fortzupflanzen. Eins hatte eine schadhafte Stelle, krankhaft lichtempfindlich: diese Komplikation setzte dieses Vieh oder den Weltgeist oder wen immer sofort in den Stand, die Komplikationen zu komplizieren. Und heute haben wir das Auge. Und die Brille. Und das Hirn. Ist das Hirn eine Folge immer rascher einherhüpfender Verkomplizierungen? "Ich denke, also bin ich", ist schön und gut, entscheidend aber ist: "Ich denke, also denke ich". Ist das menschliche Gehirn im Laufe der galoppierenden Verkomplizierung so kompliziert geworden, daß es weiß, daß es denkt? Dann wäre der Geist und die Seele nur ein gradueller, ein quantitativer Unterschied zur nächstniedrigen Stufe. Wenn aber - "Sindwirnichtgeplagtewesen? istnichtunserlosbetrübt", sang der Bergassessor und schaute in die türkisfarbene, den Horizont entlangrollende Sonne. "Was für eine schöne Seele", sagte Freudenberg, "und Sie, Kadon, sind nahe dran, die Seele zu leugnen." "Gehab dich wohl, es wär' zu schön gewesen", spielte Viktor (ich sage: Viktor, wir waren inzwischen per du) auf der Mundharmonika. Die Seele 'ist gleich' nur die vorerst unbegreifliche Komplexität der Neuronenverbindungen und der Geschwindigkeit der chemischen Vorgänge dort. "Mit dem klinischen Exitus also: Sense?" so Freudenberg. "Ich habe", wimmerte der Bergassessor, "'kraft meines Geistes einen Anspruch auf ein Fortbestehen meines Bewußtseins nach dem Tod.' Oder so ähnlich. Goethe!" "Gehab dich wohl, es hat nicht sollen sein." Viktor setzte seine Mundharmonika ab und fuhr in einem Rezitativ fort: "Wer kriegt schon, worauf er Anspruch hat." "Zu haben glaubt", sagte Freudenberg. (Herbert Rosendorfer: Kadon, ehemaliger Gott)


Hausbesitzerhafte Sicherheit

1. Sprecher: ... Jeden Sonntag schreitet er an der Spitze einer regelmäßig anwachsenden Familie in die zuständige Kirche, das letzteingeführte Gesangbuch unterm Arm. 2. Sprecher: Aber sein Christentum wirkt, zumindest 'oberschichtig', von der plattesten Sorte der Zeit. Man verehrt Gott mit hausbesitzerhafter Sicherheit, gleichsam wie den absolut verläßlichen Vorsitzenden seines Vermiterverbandes - wenn einmal der Ärna ausbricht, und 20.000 Menschen binnen Stundenfrist qualvoll verrecken: ER wird schon seine Gründe dafür haben; und Hamburg ist, gottlob, solider fundiert. (Arno Schmidt: Nichts ist mir zu klein. Funk=Essays Bd.1)


Ethische Hintergrundfigur

Wahrscheinlich werden die, die einmal als Kind an ihn geglaubt haben, ihn ihr Leben lang nicht mehr los - auch wenn sie nicht mehr an ihn glauben. Als eine Art ethisches Hintergrundfigur, als Verkörperung des Über- Ich, das sich wahrscheinlich wieder zu "Gott" zusammenschließt, wenn es einem schlechtgeht. Natürlich kann man von Hilfskonstruktionen sprechen, jedoch wir leben inmitten von Hilfskonstruktionen, darunter viel schlechteren... (Christa Wolf, in: Reimann/Wolf: Sei gegrüßt und lebe. Eine Freundschaft in Briefen. 1964-1973)


Erkenntnisinstinkt

Ich glaube, nicht erst in hundert Jahren, sondern früher, wird das Leben unvergleichlich tragischer sein als das, was uns jetzt quält. Und zwar deshalb, weil die Menschen, wie immer nach sozialen Katastrophen, müde der beleidigenden Anstöße von außen, verpflichtet und gezwungen sein werden, in ihre innere Welt zu sehen, und, wieder einmal, über Ziel und Sinn ihrer Existenz nachzudenken. Solche Leute werden in unvollstellbar größerer Zahl geboren werden, als es sie heute auf der Welt gibt. Ich glaube, schon jetzt wird im Menschen ein neuer Instinkt geboren - der Erkenntnisinstinkt. (Maxim Gorki an S. Grigorjew, 1926)


Natürlich oder Unnatürlich

Was meinen wir damit, daß etwas natürlich ist? Mir ist einmal eine Öko-Fanatikerin begegnet, die hartnäckig behauptete, Kernreaktionen seien so unnatürlich. Ich möchte wissen, ob sie irgendwann ihre grünen Jalousien hochgezogen und für einen Augenblick zum nächtlichen Sternenhimmel aufgeschaut hat. Ich frage mich, ob es überhaupt etwas Unnatürliches geben kann? Ist die Natur nicht ingesamt im Grunde genommen äußerst unnatürlich? Eine Ausnahme von dem einzig Natürlichen, dem einzig wirklich Wahrscheinlichen, das selbstverständlich die Leere ist. (Lars Gustafsson: Der Dekan, S. 23)


Gott, eine Art Spaßmacher

"Glauben Sie noch an Gott?" "Ja, ich glaube an Gott." "Wenn es Ihn wirklich gibt, dann ist er ein Spaßmacher. Die ganze Welt ist ein einziger Scherz. Gibt es einen Philosophen oder Theologen, der Gott als Spaßmacher bezeichnet hat?" "Es steht in der Heiligen Schrift: 'Aber der im Himmel wohnet, lachet ihrer.'" "In der Bibel steht alles, und wenn etwas nicht in der Bibel steht, dann steht es bei Shakespeare." (Isaac Bashevis Singer: Verloren in Amerika, S. 164)


Protest gegen Gott

Ich war zu der Überzeugung gekommen, daß der Mensch jedes Recht hat, gegen die Gewalttätigkeiten des Lebens zu protestieren. Der Mensch ist nicht verpflichtet, Gott für all die Plagen und Katastrophen zu danken, die ihn von der Wiege bis zur Bahre befallen. Die Tatsache, daß Gott unendlich viel mehr Wissen und Macht besitzt als wir, gibt Ihm nicht das Recht uns zu quälen, selbst wenn Seine Motive weise sind. Das Argument, daß Gott Hiob gegenüber benutzt, daß Er weise und mächtig sei und Hiob nur ein unwissender Mensch, ist keine Antwort auf die Qual Hiobs. (Isaac Bashevis Singer: Verloren in Amerika, S. 55)


Von der Gottheit geformt

Obwohl ich noch sehr jung war, als ich anfing, in der Kabbala zu lesen, wurde mir klar, daß die Einzelheiten darin nicht so wichtig sind wie die Idee, daß Gott alles und alles Gott ist; daß die Steine in der Straße, die Maus in ihrem Loch, die Fliege an der Wand und die Schuhe an meinen Füßen alle von der Gottheit geformt worden sind. Der Stein, so sagte ich mir, mag tot, stumm, kalt, gleichgültig dem Bösen und dem Guten gegenüber erscheinen, aber irgendwo tief in seinem Innern ist er lebendig, wissend, auf der Seite der Gerechtigkeit, eins mit Gott, von Dessen Substanz er geformt worden ist. Die Materie ist eine Maske vor dem Gesicht des Geistes. Hinter der Kleinheit verbirgt sich Größe, Dummheit ist nur verkrüppelte Weisheit, und das Böse ist pervertierte Gnade. (Isaac Bashevis Singer: Verloren in Amerika, S. 25)


Priestersein heute

Als Erben einer tausendjährigen spirituellen Tradition, die niemand mehr richtig verstand, waren die Priester, die früher einen hohen Rang in der Gesellschaft eingenommen hatten, heutzutage nach einem furchtbar langen, schwierigen Studium, das die Behrrschung der lateinischen Sprache, des kanonischen Rechts, der rationalen Theologie und anderer fast unverständlicher Materien voraussetzte, dazu verurteilt, unter elenden materiellen Bedingungen zu leben; sie nahmen die Metro in Gemeinschaft anderer Menschen, gingen von einer Gruppe, in der das Evangelium diskutiert wurde, zu einem Alphabetisierungskurs, lasen jeden Morgen die Messe vor einer spärlichen, alternden Gemeinde, jegliche Form von Sinnenfreuden war ihnen untersagt, bis hin zu den elementaren Freuden des Familienlebens, und dennoch waren sie aufgrund ihrer Funktion gezwungen, Tag für Tag uneingeschränkten Optimismus zu zeigen. (Michel Houellebecq: Karte und Gebiet, S. 95)


Ein sinnverleihender Auftrag

"Ja, wenn es schon durchaus einen 'Sinn' haben muß, das Leben, der sich nicht einfach von selbst versteht - so wird doch dieser Sinn keinesfalls in den - Tatsachen liegen, um die ihr so besorgt seid, draußen also, sondern gewiß doch innen (er schlug sich leicht gegen die Brust), und eben in der Erfüllung jener Gestalt, die einem gewissermaßen aufgetragen war... damit man nicht verlorengeht, zerflattert, seitwärts in's Beiläufige taumelt, wo es dann einfach heißt 'mag er fallen!', 'für nichts mehr gut!', 'in die Versenkung'... nein, in's Bodenlose...."


Protest gegen Gott

Ich selbst habe, glaube ich, mit der menschlichen Blindheit und mit dem anhaltenden Schweigen Gottes meinen Frieden gemacht, obwohl ich mich immer wieder darüber empöre. Ich hege einen tiefen Groll gegen den Allmächtigen. Mein Glaube geht Hand in Hand mit einem starken Gefühl des Aufbegehrens. Von Zeit zu Zeit erwacht in mir die alte jüdische Hoffnung auf das Erscheinen des Messias. Einmal muß doch die Zeit der Offenbarung kommen! Wie lange sollen wir noch warten? Meine Glaubenshaltung ist eine rebellische. Ich spiele sogar mit dem Gedanken, für mich privat eine Religion des Protests zu schaffen. Oft kommt es mir so vor, als sei es geradezu Gottes Wille, daß wir protestieren. Er hat genug von denen, die Ihn immerzu preisen und Ihm für Seine Grausamkeit gegen Mensch und Tier auch noch danken. (Isaac Bashevis Singer: Ich bin ein Leser; S. 117)


Befleckungen

Erlösung ist Erlösung vom Leiden. [...Und] die Ursache des Leidens sind die sogenannten "Befleckungen", d.h. die den Geist trübenden Leidenschaften. Es gibt unendlich viele solcher Befleckungen. Die wichtigsten sind Gier, Haß, Nichtwissen, Stolz und Neid, die "fünf Gifte". Man spricht auch von "drei Giften". Hiermit sind Gier, Haß und Nichtwissen gemeint. Die Befleckungen verleiten die Menschen, schlechte, unheilsame, schwarze Willensakte zu vollziehen und gute, heilsame, weiße Willensakte zu unterlassen. Diese Willensakte, sanskritisch karma, können sich in körperlichen Taten, in Worten und in Werken äußern und beeinflussen den Charakter und das Schicksal eines Lebewesens in seiner gegenwärtigen Existenz, darüber hinaus aber auch in den folgenden Existenzen. Mit der nächsten Wiedergeburt führt gutes Karma zur Existenz in einem der drei guten Existenzbereiche, zur Geburt als Gott, Halbgott oder Mensch; böses, schlechtes Karma aber resultiert in den drei schlechten Existenzformen als Tier, Hungergeist oder Höllenwesen. Alle diese Existenzformen sind leidvoll. Auch die Götter, die doch in Herrlichkeit und Freuden leben, müssen einmal sterben. (Klaus Sagaster: Kulturtransfer: Das tibetanische Totenbuch)


Der Hang zum Jenseitigen

Dem Hang zum Jenseitigen stellte Holbach die Forderung entgegen, sich ausschließlich am Dieseits zu orientieren: "Das Übernatürliche ist nicht für Menschen geschaffen. Alles, was sie nicht erfassen können, darf sie nicht beschäftigen. Etwas verehren, das man nicht erkennen kann, heißt nichts verehren; etwas glauben, das man nicht verstehen kann, heißt überhaupt nichts glauben; etwas ohne Prüfung anerkennen, nur weil man es anerkennen soll, heißt feige und leichtgläubig sein." (...) Nach Holbach entspringt die Idee göttlicher Wesen der Furcht angesichts kausal nicht begriffener Vorgänge, die auf fingierte Ursachen bezogen wurden. Diese angenommenen Ursachen stellte man sich nach Analogie vertrauter Zusammenhänge vor: "Man beurteilt, was man nicht kennt, stets nach dem, was man kennt." Gott anbeten heißt daher, die Fiktionen seines eigenen Gehirns anbeten. (Wolfgang Röd: Religionskritik. Paul Henri Thiry d'Holbach)


Konservativ

"Der Alte liebt ihn und sieht nicht, daß ihm sein geliebter Pastor den Ast absägt, auf dem er sitzt. Ja, diese von der neuesten Schule, das sind die allerschlimmsten. Immer Volk und wieder Volk, und mal auch etwas Christus dazwischen. Aber ich lasse mich so leicht nicht hinters Licht führen. Es läuft alles darauf hinaus, daß sie mit uns aufräumen wollen, und mit dem alten Christentum auch. Sie haben ein neues, und das überlieferte behandeln sie despektierlich."


Schwerer für Juden

... was mir klar geworden ist, sagte er, ist, daß es für einen Juden schwerer ist. Verzeih mir, wenn ich auf die Geschichte vom auserwählten Volk zurückkomme, aber in diesem alten Stolz steckt ein Körnchen Wahrheit. Es ist für uns schwerer, weil wir mehr erwarten; weil es uns nach mehr verlangt. Es ist so verantwortungslos, so rücksichtslos, früh zu sterben. Es ist so unintelligent. Wir werden Ärzte, um den Tod zu verhindern, Rechtsanwälte, um ihn zu ächten, Schriftsteller, um gegen ihn zu wüten. Aber wenn du nicht jüdisch bist, ist es anders. Vielleicht ist es nicht ganz so schlimm, vielleicht kostet es einen nicht ganz soviel. Du kannst anmutig, sportlich, mit einem dünnlippigen Lächeln und einer geraden Nase sterben. Einen blonden Tod, ein Schwanenlied, ein kühles Eintauchen. Du kannst ohne Akzent sterben, ohne mit der Zunge anzustoßen. (Anatole Broyard: Verrückt nach Kafka. Erinnerungen an Greenwich Village, S. 128)


Broyard über Erich Fromm

Ich belegte bei Erich Fromm einen Kurs über die Psychologie der amerikanischen Kultur. Obwohl er erst kurz hier war, kannte er Amerika besser als wir; er fühlte sich nämlich von Amerika seltsam berührt. Sein soeben veröffentlichtes Buch 'Flucht aus der Freiheit' war eine Lobpreisung des lyrischen Pessimismus, auf die sich die Deutschen, wie Schopenhauer, Nietzsche oder Spengler, spezialisiert haben. Er saß auf einem Podium hinter einem Schreibtisch wie der Richter einer Strafkammer und fällte sein unerbittliches Urteil über uns. Wir wären nicht willens, so sagte er, die mit der Freiheit verbundene Angst zu akzeptieren. Ihm zufolge fürchteten wir die Freiheit und sahen in ihr nur Irrsinn, Amok laufende Erkenntnistheorie. Im Namen der Freiheit akzeptierten wir alles, was er sagte. Wir akzeptierten es, weil wir fanden, daß es gut klang - niemand wußte damals, daß wir am Ende mit unserem Versuch, aus der Freiheit zu flüchten, Recht behalten würden. Fromm war klein und mollig. Seine Kinnbacken waren breiter als seine Stirn, und er erinnerte mich an eine brütende Henne. Und doch hörte ich seinen Vorlesungen, von Anfang bis Ende gebannt wie alle anderen zu. Ich werde nie den Abend vergessen, an dem er eine typische amerikanische Familie beschrieb, die einen belanglosen Sonntagnachmittagsausflug im Auto unternimmt, freudlos ihr Eis auf einer Autobahnraststätte ißt und träge wieder heimfährt. Fromm war einer der ersten - vielleicht überhaupt der erste -, der gegen die Sinnlosigkeit Front machte. Es war ein historischer Augenblick, wie die Entdeckung der Relativität durch Einstein oder Moment, als Heidegger gegen das Nichts anging. (Anatole Broyard: Verrückt nach Kafka. Erinnerungen an Greenwich Village, S. 25)


Ein sehr kranker Gott

Sollte Gott jedoch ein Attribut des Bösen haben, dann weh über uns! Vielleicht ist Er nicht ganz so allmächtig und braucht unsere Mithilfe. Mein Dibbuk sagt mir, daß, da wir alle Teile von Ihm sind und weil Menschen die größten Egotisten unter allen Lebewesen sind - Spinoza behauptet ja, die menschliche Eigenliebe sei Gottes Liebe für den Menschen -, die Jagd nach dem Vergnügen des Menschen einziges Ziel sei. Wenn ihm dies nicht gelingt, wird ihm auch alles andere nicht gelingen." "Weiß denn Ihr Dibbuk noch nicht, daß es dem Menschen nicht gelungen ist? Ist der Weltkrieg nicht genügend Beweis dafür?" "Es mag ein Beweis für mich sein, aber nicht für meinen Dibbuk. Er läßt mich wissen, daß Gott an einer Art göttlichen Gedächtnisschwunds leidet, der dazu geführt hat, daß Er den Zweck Seiner Schöpfung vergessen hat. Mein Dibbuk vermutet, Gott habe in zu kurzer Ewigkeit versucht, zu viel zu tun. Er hat sowohl Maßstab wie Übersicht verloren und braucht sehr nötig Hilfe." "Sie scherzen, nicht wahr?" "Natürlich scherze ich, aber auf eine gewisse Art meine ich es auch ernst. Ich sehe Ihn als einen sehr kranken Gott, der von Seinen Milchstraßen und Unmengen von Gesetzen, die Er geschaffen hat, so verwirrt ist, daß Er nicht mehr weiß, was Er am Anfang beabsichtigt hat. (Isaac Bashevis Singer: Schoscha, S. 43)


Ewige Materie

Mir genügt die Ehre, Teil des Weltalls zu sein - eines so großen Weltalls und eines so erhabenen Weltenplans. Nicht einmal der Tod kann mir diese Ehre rauben. Denn nichts kann etwas an der Tatsache ändern, daß ich gelebt habe, daß ich - und wenn auch noch so kurz - gewesen bin. Und die Materie, aus der mein Körper besteht, ist, wenn ich tot bin, unzerstörbar, ist ewig. Was immer mit meiner "Seele" geschieht, mein Staub bleibt, jedes einzelne meiner Atome wird die ihm zugemessene Rolle spielen, ich werde immer noch irgendwie die Hand im Spiel haben. Wenn ich tot bin, könnt ihr mich kochen, verbrennen, ertränken, vertsreuen - aber zerstören könnt ihr mich nicht: Meine kleinen Atome würden über eine so grimme Rache nur lachen. Mehr als umbringen kann der Tod einen nicht. (David Lodge: Wie bitte?)


Deus absconditus

Wäre ein Gott, der sich beweisen ließe - genauer gesagt: ein Gott, dem nichts anderes übrigbleibt, als sich beweisen zu lassen -, nicht zu unterwürfig, zu passiv, zu sehr angewiesen auf das menschliche Ingenium, kurz gesagt: ein hilfloser und kontingenter Gott? Ich sehe noch eine Schwierigkeit in Seiner Faktizität, wenn uns diese tatsächliche demonstriert werden sollte. Wir wissen alle, aus unserer Praxis als Lehrer, wie es den Fakten ergeht: Sie werden ignoriert, vergessen. Tatsachen sind langweilig. Sie sind unbelebt, vergessen. Ein Gott, der eine bloße Tatsache ist, wird wird in der Ecke stehen bei all den anderen Tatsachen: Wir können Ihn mitnehmen, und wir können Ihn genauso dort verstauben lassen, ganz wie es uns beliebt. So wie es ist dagegen, befinden wir uns immer in Bewegung, hin zu einem Gott, der sich entzieht, einem 'Deus absconditus". (John Updike: Das Gottesprogramm. Rogers Version, S. 272)


Das Problem der Subjektivität

"Was mich beunruhigt", sagte Reverend Ed Snea in seinem ehestiftenden Singsang, "ist folgendes: Angenommen, die Computer in einem Projekt von der Art, wie Mr. Kohler es uns beschrieben hat, erwerben dabei selbst so etwas wie Intelligenz - müßte das nicht bedeuten, daß sie auch eine Subjektivität erwerben, so daß, selbst wenn einer von ihnen die Existenz eines Absoluten in einem objektiven Sinn bezeugt, dieses Zeugnis auch nicht mehr wert wäre als die Aussage von irgendeinem Der-Herr-hat- geholfen-Hinterwäldler aus dem finsteren Tennessee?" (John Updike: Das Gottesprogramm. Rogers Version, S. 270)


Theologie und Naturwissenschaft

Wenn sich die Theologie an der Naturwissenschaft vergreift, verbrennt sie sich stets die Finger - im sechszehnten Jahrhundert an der Astronomie, im siebzehnten an der Mikrobiologie, im achtzehnten an Geologie und Paläontologie, im neunzehnten an Darwins Evolutionsbiologie. Immer wurde das Weltbild schier unfaßlich erweitert, während die Kirchenmänner sich duckten, in immer kleineren und schattigeren Nischen Zuflucht suchten, sich zuletzt in den düsteren, vieldeutigen Tiefen der Seele verkrochen, wo ihnen nun die Neurologie grausam zusetzt, sie aus den Falten des Gehirns hinausspült wie der Wasserstrahl die Holzläuse aus dem Bretterstapel. (John Updike: Das Gottesprogramm. Rogers Version, S. 44)


Überzeugungen

In praxi nämlich sind am bigottesten diejenigen, die überhaupt keine Überzeugungen besitzen. Die Manchester-Ökonomen, die gegen den Sozialismus sind, nehmen ihn ernst. Der junge Mann in der Bond Street aber, der gar nicht weiß, was Sozialismus heißt, geschweige denn, ob er mit ihm übereinstimmt, ist ganz sicher, daß die sozialistischen Genossen viel Lärm um nichts machen. Wer so viel von der calvinistischen Weltanschauung begreift, daß er zu ihr ja sagen kann, muß die katholische Weltanschauung begreifen, um zu ihr nein zu sagen. Gerade der unentschiedene Mensch von heute, der sich ganz und gar nicht sicher ist, was stimmt und was nicht, ist absolut sicher, daß Dante geirrt hat. Wer ernsthaft gegen die historische Rolle der römisch-katholische Kirche argumentiert, muß selbst beim Nachweis, daß sie große Verbrechen hervorgebracht hat, noch wissen, daß sie große Heilige hervorgebracht hat. (Gilbert Keith Chesterton: Ketzer. Ein Plädoyer gegen die Gleichgültigkeit, S. 250)


Ideale

Im praktischen Leben stellen wir also fest, daß es sich mit den Idealen genauso verhält wie mit dem Ritual: daß von Menschen mit jenseitigen Idealen in der Tat eine Fanatismusgefahr, von Menschen mit diesseitigen Idealen hingegen die ununterbrochene und nie nachlassende Fanatismusgefahr ausgeht. Wer behauptet, ein Ideal sei etwas Gefährliches, es führe in die Irre und benebele einen, hat vollkommen recht. Am meisten aber benebelt das am wenigsten idealistische Ideal. Das ideale Ideal benebelt am wenigsten; es macht uns mit einem Schlag nüchtern - wie alle Höhen und Abgründe und großen Entfernungen es tun. (Gilbert Keith Chesterton: Ketzer. Ein Plädoyer gegen die Gleichgültigkeit, S. 215)


Das Zeitalter der Vernunft

Wie sich die Zeiten ändern! Vor einem Jahrtausend war das Christentum der letzte Schrei, und jetzt sind alle ganz verrückt nach Wissenschaft. Von mir aus. Wenn den Leuten langweilig ist - und bei dem Lebensstandard heutzutage haben sie tatsächlich nichts besseres zu tun. (...) Habe noch mal nachgedacht. Ist ja schön und gut, wenn Intellektuelle die Autorität der Kirche hinterfragen - aber auf wessen Seite stehen die eigentlich? Dieser ganze Unsinn von Wissenschaft und 'Zeitalter der Vernunft' könnte auch nach hinten losgehen. (Nicholas D. Satan: Das Tagebuch des Teufels, 1650)


Die Kraft der Freude

Wie bereits erwähnt, spielt Freude eine hervorragende Rolle im Denken Meister Eckharts. Der Gedanke der schöpferischen Kräfte des Lachens und der Freude hat vielleicht seinen schönsten poetischen Ausdruck bei Meister Eckhart gefunden: "Wenn der Vater den Sohn anlacht und dieser lacht zurück, da bringt das Lachen Lust hevor und die Lust schafft Freude und die Freude gebiert Liebe und die Liebe bringt die Person hevor und diese erschafft den Heiligen Geist." (Erich Fromm: Haben oder Sein, S. 116)


Das Erkennen Gottes

Die Propheten appellieren an die Menschen, aufzuwachen und zu erkennen, daß ihre Idole nichts anderes als das Werk ihrer eigenen Hände, Illusionen sind. Jesus sagt: "Die Wahrheit wird euch frei machen!" (Jo 8,32). Meister Eckhart hat seine Vorstellung vom Erkennen oftmals ausgedrückt, so etwa wenn er bezüglich der Erkenntnis Gottes sagt: "Das Erkennen legt keinen einzigen Gedanken hinzu, vielmehr löst es ab und trennt sich ab und läuft vor und berührt Gott, wie er nackt ist und erfaßt ihn einzig in seinem Sein. (Erich Fromm: Haben oder Sein, S. 48)


Der Sabbat

Der Sabbat ist die wichtigste Idee innerhalb der Bibel und innerhalb des späteren Judentums. Es ist die einzige strikte religiöse Anweisung der Zehn Gebote, ihre Einhaltung wird sogar von den im übrigen antiritualisitischen Propheten gefordert. Es war das am striktesten befolgte Gebot im den 2000 Jahren des Lebens in der Diaspora, obwohl gerade diese die Einhaltung erschwerte. Es ist kaum zu bezweifeln, daß der Sabbat ein Lebensquell für die in alle Winde zerstreuten, machtlosen und oft verfolgten Juden war; daß sich ihr Stolz und ihre Würde erneuerten, wenn sie wie Könige den Sabbat feierten. Ist der Sabbat nichts weiter als ein Tag der Ruhe im weltlichen Sinn der Befreiung des Menschen von der Last der Arbeit, wenigstens an einem Tag? Natürlich ist er auch das, und diese Funktion macht ihn zu einer der großen Errungeschaften in der Evolution des Menschen. Doch wenn dies alles wäre, hätte der Sabbat wohl kaum die zentrale Rolle, gespielt, die ich eben beschrieben habe. Um diese Rolle zu verstehen, müssen wir zum Kern dieser Institution vordringen. Es handelt sich nicht um Ruhe an sich in dem Sinne, daß man jegliche physische oder geistige Anstrengung meidet; es geht um Ruhe im Sinne der Wiederherstellung vollständiger Harmonie zwischen den Menschen und zwischen Mensch und Natur. Nichts darf zerstört und nichts aufgebaut werden; der Sabbat ist ein Tag des Waffenstillstandes im Kampf des Menschen mit der Natur. Sogar das Abreißen eines Grashalmes wird ebenso als eine Verletzung dieser Harmonie angesehen wie das Entzünden eines Streichholzes. Auch keine gesellschaftlichen Veränderungen dürfen vorgenommen werden. Das ist der Grund, warum es verboten ist, etwas auf der Straße zu tragen, selbst wenn es so wenig wiegt wie ein Taschentuch, während es erlaubt ist, im eigenen Garten eine schwere Last zu tragen. Nichts das Tragen als solches ist verboten, sondern der Transport eines Objekts vpn einem privaten Grundstück zu einem anderen, da es sich bei einem solchen Transfer ursprünglich um die Veränderung von Eigentumsverhältnissen handelte. Am Sabbat lebt der Mensch, als hätte er nichts, als verfolge er kein Ziel außer zu sein, das heißt seine wesentlichen Kräfte auszuüben - beten, studieren, essen, trinken, singen, lieben. Der Sabbat ist ein Tag der Freude, weil der Mensch an diesem Tag ganz er selbst ist. Das ist der Grund, warum der Talmud den Sabbat die Vorwegnahme der Messianischen Zeit nennt und die Messianische Zeit den nie endenden Sabbat: der Tag, an dem Besitz und Geld ebenso tabu sind wie Kummer und Traurigkeit, ein Tag, an dem die Zeit besiegt ist und ausschließlich das Sein herrscht. Sein historischer Vorläufer, der babylonische Shapatu, war ein Tag, der Trauer und der Furcht. Der moderne Sonntag ist ein Tag des Vergnügens, des Konsums und des Weglaufens von sich selbst. Man könnte fragen, ob es nicht an der Zeit wäre, den Sabbat als universalen Tag der Harmonie und des Friedens einzuführen, als den Tag des Menschen, der die Zukunft der Menschheit vorwegnimmt. (Erich Fromm: Haben oder Sein, S. 56f.)


Der Na-und-Test

Victor blieb stumm und starrte auf seinen einzigen Satz. Anne legte ihm die Hände auf die Schultern. "Es gibt also keine bahnbrechenden Neuigkeiten darüber, wer wir sind?" "Leider nicht. Menschliche Identität ist natürlich Fiktion, reine Fiktion. Aber zu diesem Schluß bin ich mit der falschen Methode gelangt." "Nämlich welcher?" "Nicht darüber nachzudenken." "Aber genau das meinen die Engländer doch, wenn sie sagen: 'Er nimmt es ganz philosophisch'? Daß jemand nicht mehr über etwas nachdenkt." Anne steckte sich eine Zigarette an. "Trotzdem", sagte Victor leise, "erinnern mich meine Gedankengänge heute an einen meiner streitlustigen Erstsemesterstudenten, der sagte, daß unsere Kolloquien 'den Na-und-Test nicht bestanden' hätten." (Edward St. Aubyn: Schöne Verhältnisse, S. 123)


Ein angenehm verwässerter Protestantismus

Zu den Vorzügen eines angenehm verwässerten Protestanismus gehört zweifelsohne ein unausgesprochenes Laissez faire, das man den Seelen zugesteht. Kein Priester wacht über Tugenden und Kardinalsünden, und jedermann hat, Luther folgend, selbst zuzusehen, wie er mit Gott, der Mitwelt und sich selbst ins reine kommt. Diese plattdeutsche Geisteshaltung erzeugt wenig Euphorie, doch fand ich es immer überraschend richtig, wenn es nach irgendeinem Freitod, nach dem Fund eines Bauern, der sich in seiner Scheune aufgehängt hatte, hieß: "Er muß gewußt haben, warum". Man darf natürlich hinzufügen, daß nicht nur Selbstmorde durch das freie Gewissen des anderen gerechtfertigt wurden; auch der Größenwahn einer entfernten Großtante, sich im Hannover um 1900 stets lange Glace- Handschuhe zu kaufen, alle verheirateten Handwerksmeister abends zum Stelldichein ins Haus zu locken - diese dezente Sündigkeit des Nordens -, die private Tollheit des lauten Singens bei einsamen Spaziergängen durch Wald und Flur, das heitere Testen von Marihuana und LSD durch die behütete Ortsjugend in den 70ern Jahren schienen durch die Luthersche Proklamation von Seelenfreiheit abgesichert. Kein bayrischer Kardinal konnte da mit Vatikanbeschlüssen in die private Haushalte pfuschen; kein evangelischer Landesbischof oder protestantischer Landesvater in Hannover maßte sich an, den rechten Gang der persönlichen Entwicklung zu verordnen. Noch immer kommt mir München in mancher Hinsicht kleinstädtischer, provinzieller vor als mein winziger Heimatort Wittingen, wo es keine 'Polizeistunde' gab, wo ein Gasthaus-Gast eben so lange saß, wie er sitzen wollte, oder so lange, wie der Gastwirt sich auf den Beinen hielt. (Hans Pleschinski: Ostsucht. Eine Jugend im deutsch- deutschen Grenzland, S. 17)


Gottesleugnung

"Ich kann Ihnen versichern, daß die fragliche Autorität klüger war als wir beide zusammen." "So klug, daß er nicht an Gott glaubte, nehme ich an?" Ja, so klug, wollte Gregory sagen ganz genau so klug. Aber irgendetwas hielt ihn davon ab. Nur wenn er unter Mitskeptikern war, hatte er den Mut, Gott zu leugnen. (Julian Barnes: Der Zitronentisch, S. 25)


Arme suchende Deppen

Die Bekannte war eine große Suchende. Mit verbissenem Mund ins Guruland. Und über jede banale Erkenntnis so froh, daß sie sie verteidigen mußte wie ein Baby, damit sie ihr nicht verloren ging. Früher hätten mich solche Beobachtungen vielleicht noch amüsiert, ich hätte das Heer von gebatikten Deckenträgern, von Osho und Reiki, von Krishna, reformierten Christen und Scientologen als das verstanden, was sie sind - arme suchende Deppen, die sich ihre Unfähigkeit, selber auf eine befriedigende Lösung im Leben zu kommen, nicht eingestehen können, und immer Angst, solche Angst, daß jemand ihnen den Sinn, der nur geborgt ist, nehmen könnte, und so aggressiv darum. (Sibylle Berg: Der Mann schläft, S. 205)


Sinnangebote

Nimmt man eine Busladung von Menschen, so glaubt sie vermutlich an Engel und den G-Punkt, an Patriotismus, sauberen Sport und die Dienstvorschrift, an Aszendenten, Feng Shui und die Wiedergeburt, und selbst jene, die mit ihrem Leben nur zurechtkommen, wenn sie es vor zu viel Sinn bewahren, werden ereilt von etwas, das in der Sprache der Warenwelt als "Sinnangebot" bezeichnet wird. (Roger Willemsen: Deutschlandreise, S. 82)


Wie die Katholiken sind

"Du weißt, wie die Katholiken sind. Die setzen sich schon seit Jahrhunderten für die Interessen anderer Katholiken ein. Durch dick und dünn. Die sind nur darauf aus, wieder die Mehrheit im Parlament zu erringen. Dann greifen sie zu ihren Holzvorräten und machen wieder Scheiterhaufen daraus..." "Jetzt übertreibst du wieder." "Glaubst du das nicht? Als ich noch in Nieuw Huys ter Lugt auf dem Leeuwenwoning-Hof gearbeitet habe, da sagte so ein Kathole immer zu mir: 'Nachbar, du bist ein prima Kerl, wenn wir wieder Protestanten verbrennen, werde ich dafür sorgen, daß du erwürgst wirst, ehe du ins Feuer gehst.'" (Maarten 'tHart: Der Flieger, S. 235/36)


Nur ein Gradunterschied

"Wie ich den Glauben verloren habe, weiß ich nicht mehr. Als ich es bemerkte - vor vier, fünf Jahren vielleicht -, hatte ich schon einen Grad wissenschaftlicher Bildung erlangt, der für religiöse Überzeugungen wenig Raum ließ. Ich bin Positivist", äußerte er stolz; in Wahrheit gab er Gedanken von sich, die er improvisierte, da er niemals Zeit und Gelegenheit gefunden hatte, sich so gründlich zu analysieren. "Ich sage nicht, daß die Wissenschaft alles erklärt, aber sie stellt fest, das genügt mir. Das 'Wie' interessiert mich so sehr, daß ich ohne Bedauern auf die vergebliche Suche nach dem 'Warum' verzichte. Übrigens", fügte er rasch mit gedämpfter Stimme hinzu, "vielleicht besteht zwischen diesen beiden Erklärungsweisen nur ein Gradunterschied". (Roger Martin DuGard: Die Thibaults, S. 208)


Vernunft

Hat man ihre Einwände gegen alles Unbeweisbare jahrzehntelang beflissen dahergebetet, kann man es sich, sagte ich mir, bereits wieder leisten, auf Bilder und Mythen zurückzugreifen, bei denen es gar nicht darauf ankommt, ob man an sie glaubt oder nicht. Entscheidend wäre allein, ob sie einem nützen und das, was man ein wenig altertümelnd als Geist und Gemüt bezeichnet, in schöner Weise zu beeinflussen vermöchten. (Karl-Heinz Ott: Endlich Stille, S. 16)


Neue Sinnsuche

In Zeiten wie der heutigen zeigt sich sowohl den überkommenen religiösen Bekenntnissen wie auch den Gelehrten-Philosophien gegenüber eine allgemeine Ungeduld und Enttäuschung; die Nachfrage nach neuen Formulierungen, neuer Sinngebung, neuen Symbolen, neuen Begründungen ist unendlich groß. In diesem Zeichen steht das Geistesleben unserer Zeit: Schwächung der überkommenen Systeme, wildes Suchen nach neuen Deutungen des Menschenlebens, Aufblühen zahlloser gutgesuchter Sekten, Propheten, Gemeinschaftsgründer, feistes Gedeihen des tollsten Aberglaubens. Denn auch der ungeistige, oberflächliche, dem Denken abgeneigte Mensch noch hat jenes uralte Bedürfnis, einen Sinn seines Lebens zu kennen, und wenn er keinen mehr findet, verfällt die Sitte, und das Privatleben steht unter dem Zeichen wildgesteigerter Selbstsucht und gesteigerter Todesangst. (Hermann Hesse: Sämtliche Werke, Bd. 13: Betrachtungen und Berichte. 1899-1926, S. 481)


Hesse: Lebensstrom und Zugehörigkeit

Schön und nachdenklich war es auch, alle diese Menschen bei ihren religiösen Übungen zu sehen, Hindus, Mohammedaner und Buddhisten. Sie haben alle, vom reichen städtischen Häuserbesitzer bis zum geringsten Kuli und Paria herab, Religion. Ihre Religion ist minderwertig, verdorben, veräußerlicht, verroht, aber sie ist Lebensstrom und magische Atmossphäre und sie ist das einzige, um was wir diese armen und unterworfenen Völker ernstlich beneiden dürfen. Was wir Nordeuropäer in unserer intellektualistischen und individualistischen Kultur nur selten, etwa beim Anhören einer Bachmusik, empfinden dürfen, das selbstvergessene Gefühl der Zugehörigkeit zu einer ideellen Gemeinschaft und des Kräfteschöpfens aus unversieglich magischer Quelle, das hat der Mohammedaner, der am fernsten Winkel der Welt abends seine Verbeugungen und Gebete verrichtet, und hat der Buddhist in der kühlen Vorhalle seines Tempels jeden Tag. (Hermann Hesse: Sämtliche Werke, Bd. 13: Betrachtungen und Berichte. 1899-1926, S. 283)


Protestanten & Katholiken

Die Pfarrer beider Bekenntnisse haben morgens in der Kirche zelebriert; jeder für seine Toten. Der katholische Pfarrer hat den Vorteil dabei gehabt; seine Kirche ist größer, sie ist bunt bemalt, hat bunte Fenster; Weihrauch, brokatene Meßgewänder und weiß und rot gekleidete Meßdiener. Der Protestant hat nur eine Kapelle, nüchterne Wände, einfache Fenster, und jetzt steht er neben dem katholischen Gottesmann wie ein armer Verwandter. Der Katholik ist geschmückt mit Spitzenüberwürfen und umringt von seinen Chorknaben; der andere hat einen schwarzen Rock an, und das ist seine ganze Pracht. Als Reklamefachmann muß ich zugeben, daß der Katholizismus Luther in diesen Dingen weit überlegen ist. Er wendet sich an die Phantasie und nicht an den Intellekt. Seine Priester sind angezogen wie die Zauberdoktoren bei den Eingeborenenstämmen; und ein katholischer Gottesdienst mit seinen Farben, seiner Stimmung, seinem Weihrauch, seinen dekorativen Gebräuchen ist als Aufmachung unschlagbar. Der Protestant fühlt das; er ist dünn und trägt eine Brille. Der Katholik ist rotwangig, voll und hat schönes, weißes Haar. (Erich Maria Remarque: Der schwarze Obelisk, S. 93)


Evangelium heute

Eine halbe Stunde später stand ich vor der Kirchentür, aus der miteinander plaudernd die Gläubigen herauskamen, Männer und Frauen, fast alle schon in ehrwürdigem Alter, was natürlich nicht ausschloß, daß einige sehr froh und glücklich aussahen. Es mag sein, daß ich streng bin. Es gehört zu lebenslustigen Menschen, religiöse Erscheinungen gegenüber streng zu sein. In all diesen Gesichtern suchte ich die Ernsthaftigkeit des Glaubens, die Überzeugung, das Zeichen des Unbedingten. Ich fand nur Überheblichkeit, Heuchelei oder alberne Dummheit, überdeckt von einer rosigen Hautfarbe, die auf beste Verdauung schließen läßt. Insbesondere fiel mir die Gewöhnlichkeit der Gesichtszüge auf, dazu die gediegene Qualität der Kleidung, was ich mit untrüglichem Blick erkannte. Dahin ist es also, dachte ich, mit dem Evangelium im zwanzigsten Jahrhundert gekommen. (Julien Green: Der Andere, S. 125)


Theologie von heute

Warum wollten selbst die Kirchen den Menschen die schöne Vorstellung, daß ein Mensch in den Himmel gekommen war, wegnehmen und wegerklären, als wären sie der Aufklärung (die doch den Himmel verdunkelt hat, wie die Reaktionäre - die Sehnsüchtigen unter den Reaktionären - sagen) verpflichtet und den neuesten Forschungsergebnissen. Aber das war doch auch nichts als Scholastik, Theologie von heute. Oder war den Menschen mittlerweile die "embyonale Stammzellenforschung" verständlicher als die Auferstehung von den Toten oder Christi Himmelfahrt und andere Wunder? Ich glaubte, daß den Menschen, die keine Experten und keine Theologen waren, sondern nichts als Menschen, gar nichts anderes übrigblieb, als die embryonale Stammzellenforschung und andere Ausgemachtheiten von heute anzunehmen wie früher einen Glauben, etwa an Christi Himmelfahrt. Christi Himmelfahrt war aber eine schöne Vorstellung. (...) Schon seit Jahren schämten sich die Funktionäre für die Ungereimtheiten der Bibel, schon seit Luther, nein, seit Adam und Eva. Sie schämten sich für die Ungereimtheiten eines Buches. Was war das schon, gemessen an den Ungereimtheiten dieser Welt! Zum Beispiel. Die Armen! - gemessen an diesem (jenem) Jahrhundert, in dem alle geatmet hatten. Es war doch ein gigantisches Durcheinander und Nebeneinander von Wilhelm dem Zweiten bis Mahatma Gandhi, Bokassa und Idi Amin, Bill Gates und Hitler, von Aktien und Verbrennungsöfen. Wenn schon nicht sie, die Theologen, die diesen Tag wegerklären wollten: ich hielt diese Himmelfahrt auf einmal nicht für unmöglicher als das Zwanzigste Jahrhundert. (Arnold Stadler: Sehnsucht. Versuch über das erste Mal, S. 65f.)


Warum mehr wollen?

Warum Menschen leiden, warum sie eine Seele haben, warum man die brechen kann, wenn Menschen klein sind, daß es sich nicht auswächst, das mag er nicht verstehen, warum sie so schwierig sind, die Menschen. Warum ist es so schwierig, sich zu bescheiden mit ein bißchen Herumgelebe, warum mehr wollen. (Sibylle Berg: Amerika, S. 140)


Beweihräucherung

Die Zivilisation, die wir uns geschaffen haben, ist mit viel Weihrauch angereichert. Die Skala der Wertzumessungen wird von Jahrhundert zu Jahrhundert länger, so daß wir uns jetzt schon einbilden, alles, was uns nützt, sei nützlich, das Unnütze unnütz usw. Aber am dichtesten ist der Weihrauch dort, wo wir uns selbst bewerten. Hier steigert sich die Wertzumessung zur biblischen Lobhudelei, selbstverständlich ist der Mensch die Krone der Schöpfung. Auch die materialistischen Ideologien können den Umstand nicht fassen, daß gedankenlose Materie imstande war, den Menschen hervorzubringen. Nietzsche hat versucht, den Aufwand an Weihrauch herabzusetzen. Aber auch er, der als erster die physiologischen Prozesse am Menschen höher bewertete als dessen Fähigkeit zur Selbstüberschätzung, stellt den Homo sapiens ins Zentrum seiner Aufmerksamkeit. Warum eigentlich? Der einfachste Weg, den Weihrauch abzuschaffen, wäre unser Eingeständnis, daß wir in der Natur keine Ausnahme darstellen und daß der Mensch dem Tier nur die Anmaßung voraushat, die durch Selbsterkenntnis abgeschafft werden könnte. (Hartmut Lange: Tagebuch eines Melancholikers, S. 81)


Sinnsuche & Partnerschaft

Vielleicht hat Rita recht: Ich bin zu angespannt, müßte gelassener werden, "meine Mitte finden", wie sie das neuerdings nennt. Sie ist gerade auf dem Japan-Trip. Erst machte sie Aikido-Zen und ließ sich zweimal pro Woche auf die Matte schmettern, stundenlang. Bis zum Bandscheibenvorfall. Danach kamen sogenannte Brokatübungen, was ich, ungebildet wie ich bin, für eine Art Nähsport hielt. - "Zeig doch mal die Stickereien", hatte ich gesagt. "Bei den Kursgebühren verarbeitet ihr wohl reines Gold?" - Dann standen überall halbvolle Vasen herum, das war also Ikebana, und plötzlich gab es nur noch grünen Tee aus Tassen, die mich an die Kindheit erinnerten, an das Puppengeschirr meiner Schwester. Aber gut, solange sich was zum Essen in der Mikrowelle befindet und mein Sessel im richtigen Winkel zum Bildschirm steht, kann man eine Menge mit mir machen. (Ralf Rothmann: Ein Winter unter Hirschen, S. 62)


Um die Natur zu verändern...

"Umgekehrt halte ich wenig von Ideologien. Eben, weil sie alle auf die eine oder andere Weise auf Selektion setzen. Sie versuchen die Welt zu verändern anstatt die Natur. Nicht, daß ich etwas von diesen Gen-Sachen halte. Um die Natur zu verändern, müßte man sie verstehen. Und ich glaube nicht, daß wir das tun." (Heinrich Steinfest: Der Umfang der Hölle, S. 274)


Das ist alles

In dieser Gesellschaft ist der Tod allgegenwärtig. Wo immer du hinblickst. Leute, die sich schminken lassen, liften, falschen Zähne einsetzen, kaufen, edelkaufen, eine unbeschreibliche Lebensgier, eine sich in Verdopplung ausbreitende Sucht der Selbstverwirklichung, die nach einer Zweitwohnung, nach dem Zweitauto, Zweitfernseher, der Zweitfrau verlangt, denn man weiß, auch der Papst ahnt es, nichts, nichts kommt danach. Wir leben in der tanszendentalen Obdachlosigkeit. Dies bißchen Erde. Das ist alles. Hier, hier, hier. Jetzt, jetzt, jetzt. Sonst nichts. Es ist nur die Frage, wie man damit umgeht, also auf Schnäppchenjagd geht oder etwas anderes sucht. (Uwe Timm: Rot, S. 121)


Weltverständnis

"Die einzige Art und Weise, die Welt zu verstehen", sagte Magnus einmal, "besteht darin, eine Geschichte zu erzählen. Die Wissenschaft", sagte Magnus, "vermittelt lediglich die Kenntnis von der Wirkungsweise der Dinge. Geschichten vermitteln Verständnis." (Marcel Möring: In Babylon, S. 96)


Besser

"Bist du denn wirklich Christin?", fragte er. "Glaubst du an die Bibel?" Niemand hatte sie das je so direkt gefragt. Und auf die Idee sich selbst zu fragen war sie nie gekommen. "Ich glaube daran... daß es irgendwo etwas Größeres und Besseres als uns gibt." "Ja!" Er strahlt übers ganze Gesicht. "Ja. Daran glaube ich auch." "Aber du nennst es nicht Gott." Seine Blicke beteten sie an. "Es ist größer als der Name, den ich dafür habe. Besser." (Richard Powers: Der Klang der Zeit, S. 336)


Evolution

Man kann über das Bewußtsein zwei grundsätzliche Ansichten äußern: Entweder die Evolution hat sich bis zur Möglichkeit ihrer Selbsterkenntnis entwickelt, oder die Evolution hat mit dem Bewußtsein lediglich die Möglichkeit zur Selbsttäuschung hervorgebracht. Ich finde beide Ansichten richtig. (Hartmut Lange: Tagebuch eines Melancholikers, S. 58)


Ihre Spezialität

Seit langer Zeit bin ich nicht mehr so oft in die Kirche gegangen wie in den letzten paar Wochen. Die Leute in diesen alten Ländern scheinen Kirchen zu ihrer Spezialität zu machen. Besonders scheint mir das bei den Bürgern von Genua der Fall zu sein. Ich glaube, in der ganzen Stadt steht alle drei- oder vierhundert Yard eine Kirche. Die Straßen sind von Anfang bis Ende mit gutgenährten Priestern in breitkrempigen Hüten und langen Gewändern übersät, und die Kirchenglocken läuten dutzendweise fast den ganzen Tag über. Gelegentlich trifft man auf einen Franziskaner mit rasierten Kopf, langer grober Kutte, Gürtelstrick und Rosenkranz mit sandalenbekleideten oder ganz nackten Füßen. Diese Ehrenwerten kasteien sich, glaube ich, und tun Buße ihr Leben lang; aber sie sehen wie vollendete Hungersnot-Erzeuger aus. Sie sind alle fett und heiter. (Mark Twain: Die Arglosen im Ausland, S. 144)


Eine Kosmologie

Unsere Wahrnehmung Gottes und des Universums haben sich in den vergangenen vier Jahrhunderten stark verändert. Philosophen haben Gott für tot erklärt, Astronomen glauben, dass das Universum durch eine gewaltige Explosion entstanden ist, durch die wiederum Materie aus einem Mittelpunkt verstreut wurde. Ich stelle mir vor, dass Gott bei dieser Explosion zu Tode gekommen und in Fragmente von Materie und Erscheinung zersplittert ist. In meiner Kosmologie, Miguel, ist der Mensch eine Manifestation der Gehirnzellen Gottes; jedes menschliche Wesen ist eine unabhängie Hirnzelle, die eine wesentliche Idee enthält, und zusammengenommen bilden all diese wesentlichen Ideen den ursprünglichen Geist Gottes. Diese Bibliothek enthält zahlreiche dieser Ideen; und wenn irgendwann alle Ideen in diesem schädelartigen Behältnis gesammelt sind, wird Gottes Verstand rekonstruiert und Gott selbst wieder erschaffen sein." (Tom Petsinis: Die Buchliebhaberin, S. 179)


Bewegung

Ich wollte nur sagen, daß ich, je älter ich werde, immer mehr damit einverstanden bin, daß andere Leute mir widersprechen. Funktion des einzelnen ist doch nicht: absolute Wahrheit besitzen, sondern: die allgemeine Wahrheitsfindung vorantreiben durch Widerspruch. Man braucht kein dekadenter Relativist zu sein, um sagen und glauben zu können: daß das Wahre an der Wahrheit die Bewegung ist. (Luise Rinser: Baustelle. Eine Art Tagebuch, S. 177)


Hinter der Form

Neue Erfahrung für mich: ich (man) kann beim Anschauen einer unzulänglichen, naiven, sogar kitschigen Form diese Form durchstoßen und sie vergessen und direkt das in der Darstellung Gemeinte treffen. So kann ich auch in einer schlechten altmodischen Predigt plötzlich die Epiphanie einer großen Wahrheit erleben. Es gibt eine Inkongruenz von Form und Inhalt, die einen, der jenseits des Ästhetizismus lebt, keineswegs stört. (Luise Rinser: Baustelle. Eine Art Tagebuch, S. 95)


Erkenntnis, Lust und Neugier

Hegels "Phänomenologie des Geistes", überhaupt die Schwärmerei, die sein Zeitalter der Entwicklung des Bewußtseins entgegenbrachte, erscheinen mir wie ein verlorenes Paradies. Wo das Erkennen als Prinzip der Lust aufgefaßt werden darf und wo die Natur einen unendlichen Anlaß hierzu bietet, erscheint die Vergänglichkeit des Subjekts aufgehoben. Alles, was besteht, ist Grund zur Erkenntnis. Auch der Tod bleibt Gegenstand der Neugierde. (Hartmut Lange: Tagebuch eines Melancholikers, S. 106)


Stimmungswechsel

Vor Jahren war ich mit Bloch einverstanden, der den Untergang des Polytheismus als Unglück deutete. Mir war der freie, von humanisierten Göttern bevölkerte Himmel der Griechen und Römer jene Luft, in der ich atmen konnte. Das Christentum war mir als Abschaffung all jener Freiheit ein Greuel, die absolute Verinnerlichung, die Lebensverneinung, der Hinweis auf einen Gott, auf dessen Gnade man, falls die Verinnerlichung vollkommen gelang, rechnen konnte, dies alles erschien mir düster und gotisch und auf einen einzigen Punkt, auf das Sterben, ausgerichtet. Heute hat meine Stimmung gewechselt. Die unbedingte Freude und Freiheit, die kindliche Unbekümmertheit der griechischen Mythologie spart die existentielle Not unseres Lebens aus: die Frage nach dem Sinn und der Vergänglichkeit. Ich sitze deswegen nicht im Betstuhl, aber eine Verschiebung in meinem euphorischen, sich ganz frei fühlenden Gemüt hat stattgefunden. Wenn man mich nach dem Ort fragen würde, in dem ich mich heute existentiell gefangen fühle, so würde ich die Dantesche Vorhölle nennen, in der die griechischen Helden, da sie von ihrem Sündenfall noch nichts wissen konnten, unter milderen Umständen versammelt sind. (Hartmut Lange: Tagebuch eines Melancholikers, S. 33f.)


Nötige Projektion

Feuerbachs Kritik am Christentum war, wie sich herausstellt, eine verheerende Denkleistung. Der Nachweis, daß Gott eine Projektion menschlicher Bedürftigkeit ist, war höchstens historisch interessant. Mir sind alle naiveren Bemühungen, die Existenz Gottes spekulativ zu retten, lieber. Was hat Feuerbach erreicht? Es ist kein Verdienst, Gott als Projektion zu entlarven. Die Projektion ist nötig, und wo sie nicht mehr zu leisten ist, fängt das unglückliche Bewußtsein an. Zweierlei ist an der Theologie wichtig: erstens, die sittlichen Gebote, zweitens, der spekulative Hinweis auf Gott und das Versprechen der Heilserwartung. Das Letztere hält unserer kritischen Vernunft nicht stand. Darüber kann man nicht triumphieren, es macht betroffen. Die sittlichen Gebote sind nötiger denn je, auch in ihrer naiven Form, da der Sozialismus sittliche Gebote zwar postuliert, aber durch seine Praxis wieder aufgegeben hat. (Hartmut Lange: Tagebuch eines Melancholikers, S. 25f.)


Hartnäckig

Auf der Suche nach der Wahrheit machen die Menschen zwei Schritte vorwärts und einen Schirtt zurück. Leiden, Fehler, und die Langeweile des Lebens werfen sie zurück, aber der Durst nach der Wahrheit und der hartnäckige Wille treiben sie vorwärts. Und wer weiß? Vielleicht erreichen sie einmal die echte Wahrheit... (Anton Cechov: Das Duell)


Thomas Henry Huxley

Der Großvater des Schriftstellers Aldous Huxley hieß Thomas Henry Huxley und prägte den Begriff des Agnostizismus. "Als ich eine gewisse geistige Reife erlangte und mich zu fragen begann, ob ich Atheist, Theist oder Pantheist, Materialist oder Idealist, Christ oder Freidenker sei, stellte ich fest, daß die Antwort um so schwieriger wurde, je mehr ich lernte und nachdachte, bis ich schließlich zu der Überzeugung gelangte, daß ich nicht das geringste mit all diesen Bezeichungen zu tun hatte, außer der letzten. In dem einen wesentlichen Punkt, in dem sich die meisten dieser wackeren Leute einig zeigten, war ich anderer Meinung als sie. Sie waren sich so gut wie sicher, eine bestimmte 'Gnosis' erlangt zu haben - und mehr oder weniger erfolgreich das Problem der menschlichen Existenz gelöst zu haben; wohingegen ich mir ziemlich sicher war, es nicht gelöst zu haben und mir ziemlich sicher war, daß es überhaupt unlösbar sei. Und zumal ich Hume und Kant auf meiner Seite hatte, fand ich es keineswegs vermessen, diese Haltung beizubehalten." Daß er als einer der stilistisch ausgefeiltesten Essayisten seiner Zeit angesehen wurde, deutet sich in obigem Text bereits an. Als er einmal im Zusammenhang mit der Evolutionstheorie von Bischof Wilberforce gefragt wurde, "ob sich in der Linie seines Großvaters oder in der Linie seiner Großmutter die Abstammung vom Affen bemerkbar gemacht habe", gab er folgende Antwort: "... kein Mensch hat Grund sich zu schämen, einen Affen als Großvater zu haben. Wenn es einen Vorfahren gäbe, an den ich mich nur mit Beschämung erinnerte, dann wäre dies ein Mensch - ein Mensch mit einem rastlosen und unsteten Geist - der aus Unzufriedenheit über einen fragwürdigen Erfolg in seinem eigenen Tätigkeitsbereich sich auf wissenschaftliche Fragen stürzt, mit denen er im Grunde gar nicht vertraut ist und die er nur mit einer hohlen Rhetorik verschleiert, und der seine Zuhörer mit eloquenten Abschweifungen und geschickten Verweisen auf religiöse Vorurteile von der eigentlichen Frage ablenkt."


Um weiterzumachen...

"Und dennoch, je älter man wird", fuhr sie fort, während ihre Augen noch lebhafter zu leuchten begannen als gewöhnlich, "desto sicherer wird man, daß es einen Grund für alles gibt. Wie sollte man auch weitermachen können, wenn es keinen Grund gäbe?" fragte sie. (Virginia Woolf: Die Fahrt hinaus, S. 419)


Zwei Seiten einer Medaille

Denn es ist ja so, daß schon durch eine unbedeutende Veränderung die glücklichsten Dinge zu den allertraurigsten wenden. Hoffnung zu Enttäuschung verblaßt, Freude sich in Schmerz verwandelt und festliche Pracht in Grabesdunkel. Gib ihnen nur ein wenig Zeit, und die frohen und die traurigen Dinge erweisen sich als ein und dasselbe. (Nathaniel Hawthorne: Der Marmorfaun, S. 218)


Alles sinnlos?

Ein Hauptsünder bei der Pervertierung des Begriffes "Sinn" ist sicher die christliche Religion, die uns lehrt, daß kein Spatz vom Dach fällt, ohne daß es der Wille des Konstrukteurs dieses Vogels gewesen sei. Das christliche Dogma lehrt: Bleibt der Spatz oben, so ist das gottgewollt und sinnvoll; fällt der Spatz herunter, so ist das auch gottgewollt und sinnvoll - bloß verstehen wir diesen Sinn nicht. Wenn der Vogel also oben bleibt, so hat das einen Sinn, den wir verstehen können; wenn der Vogel aber nicht oben bleibt, so hat das einen Sinn, den wir nicht verstehen können. Ergo ist alles sinnvoll. In dieser Beweisführung liegt ein Widerspruch, der mich mehr anekelt, als daß ich es tatenlos ertragen könnte. In einem solchen Augenblick müßte man Gott, der diesen Spatz geschaffen hat, geradezu erfinden (denn meinem persönlichen Glauben nach gibt es ihn nicht), bloß um ihm eins in die Fresse zu hauen. (Fritz Zorn: Mars, S. 174)


Vorteile des Monotheismus

Aber an Purim ist bei uns mal so ein betrunkener Clown aufs Podium gestiegen und hat gesagt, unser Lehrer Mosche hätte den einzigen Gott erfunden, damit die Juden es in der Wüste leichter haben sollten. Stell dir mal vor, in der Wüste wie die Philister und die Griechen und all die andern Gojim mit vierzig Göttern aus Stein auf dem Buckel herumzuwandern, was das für eine Schlepperei gewesen wäre mit den Statuen in der Hitze. Und so hast du nur eine Lade mit einem einzigen Gott, eine kleine Lade mit Henkeln, zwei Lewitenburschen schleppen sie, die Flügel von den Kerubim machen ihnen Schatten vor der Sonne auf dem Kopf, und du brauchst dir auch nicht die ganzen Namen von all den Göttern zu merken und was jeder einzelne von ihnen haßt und was er mag." (Meir Shalev: Judiths Liebe, S. 203)


Kühnheit gebraucht

Ich liebe die Kühnheit bei einem Christen. Der Glaube darf nicht schüchtern sein, wenn die Gottlosigkeit unbändig wie ein wildes Tier ist. Die Kirche hat heute nur noch Lämmer, und sie braucht Löwen. Wer gibt uns die Väter und die Gelehrten wieder, deren Blick alle Wissenschaften umfaßte? Die Wahrheit gleicht der Sonne. Um sie betrachten zu können, muß man das Auge des Adlers haben." (Anatole France: Erzählungen, S. 24)


Mißbrauch der Freiheit

Angesichts dieser Festwiese schien es mir auf einmal sonnenklar, warum Gott immer wieder Not und Elend, Elend und Not auf die Menschen schüttet: denn es war etwas allzu Häßliches, was Freiheit und Genuß aus ihnen machte. Rote, schwitzende Gesichter, Gelächter und Gekreisch, Tabaksqualm und schwere, heiße, stinkende Luft, dazu das Durcheinanderspielen verschiedener Musikbanden als grober Sinnenkitzel es war, um einen voll Trauer und Ekel an der Menschheit zu stimmen. (Ricarda Huch: Aus der Triumphgasse, S.149)


Zugehörigkeit zum All

Im Getriebe des Alltags haben wir längst das Staunen über die Vielfalt der Formen des uns Umgebenden verloren. Doch braucht man nur für einen Tag die irdischen Sorgen abzustreifen, sofort empfindet man wieder seine Zugehörigkeit zum All, mit anderen Worten, das ewig Frische, Neue des Seins. (Valentin Katajew: Das Gras des Vergessens, S. 6)


Bedürfnis

Er war evangelisch getauft und religiös erzogen worden, aber seit seiner Konfirmation kein Kirchgänger mehr, obwohl er schon mehrmals an sich beobachtet hatte, daß er anfällig für Pfarrer, Priester und Klosterbrüder war. Sobald er einen Menschen im Priesterornat, Talar oder in einer Mönchsrobe sah, überkam ihn ein Beicht- und Anlehnungsbedürfnis. Natürlich verbat er sich, diesem Bedürfnis nachzukommen. Ein Protestant beichtete nicht. Ein Protestant lehnte sich auch nicht an. Weder der Protestant an den Pfarrer. Noch der Pfarrer an den Protestanten. (Hans-Ulrich Treichel: Der irdische Amor, S. 210f.)


Das Leben der Massen

Selbst die Masse bemerkt diesen Verlust von Leben und ist irritiert und verängstigt. Sie stürzt immer heftiger auf alles, was ihr Ersatz für die verlorenen Existenz verspricht. Diese jämmerlichen Surrogate von Leben und Wirklichkeit, Lotto und Sport, Polizeiberichte und Spielautomaten, sie können nur für Minuten oder Stunden die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen. Und die Masse, unfähig zu erkennen, daß man sie mit gezinkten Karten abzuspeisen sucht, spielt immer heftiger, je deutlicher sie ahnt, daß sie nie gewinnen wird. Aber ihr kann keiner helfen, denn das einzige, was diesen Leuten ein Gefühl von Leben gibt, ist die Arbeit und die Unsicherheit, aber eben diese zu verringern, ist die Masse unentwegt bemüht. Sie hat sich fast selbst um ihr Leben gebracht, denn mit der gewonnenen Freizeit und den erkauften Garantien auf ein ungefährdetes Leben verlor sie dieses. (Christoph Hein: Das Napoleon-Spiel, S. 146)


Grenzen

Die philosophischen Systeme kranken ja von vornherein alle daran, daß sie an die Gedanken gebunden sind, Gedanken sind aber an Begriffe gebunden und die an Wörter. Neun Zehntel der Welt aber ist nicht in Wörtern auszudrücken. Solange es keine Philosophie ohne Wörter gibt, keine Philosophie jenseits der Begriffe, keine ungesprochene Systeme, solange ist das alles nur Katzensilber; Platon ist Katzensilber. (Herbert Rosendorfer: Das Messingherz, S. 570)


Christen

Manche Christen bilden sich ein, wenn sie zu festgesetzten Stunden in die Kirche gingen und dort ein Paternoster nach dem andern sagten, wenn sie regelmäßig die Messe hörten und sich jeder Sünde enthielten, würden sie den Himmel gewinnen; aber sie kommen in die Hölle, weil sie Gott nicht um seiner selbst willen geliebt, weil sie ihn nicht angebetet haben, wie er angebetet werden will, weil sie ihm kein Opfer gebracht haben. Obwohl dem Augenschein nach sanft, sind sie hart gegen ihren Nächsten; sie sehen die Regel, den Buchstaben, und nicht den Geist. (Honore de Balzac: Eine doppelte Familie)


Religion und Sexualität

"Ich kann nicht sehen, daß es die Religion etwas angeht, wie sich die Leute paaren", sagte der Bezirksvorsteher. "Was kümmert es Jesus, wie die Säugetiere sich vermehren? Doch die Geistlichkeit hat natürlich ihren eigenen Geschmack. Die Theologie kann meinetwegen die Seele in die Geschlechtsteile der Menschen verlegen." (Halldor Laxness: Das wiedergefundene Paradies, S. 100)


Krimineller Superlativ

Ich weiß, was als nächstes kommt. Die vier Fragen, die einem fast täglich in Indonesien gestellt werden und die ich alle falsch beantworten muß, um nicht auf völliges Unverständnis zu stoßen. Anfangs hatte ich jede der vier Fragen wahrheitsgemäß beantwortet, dabei aber so viel Kopfschütteln geerntet, daß ich es schließlich vorzog zu lügen. "Bist du verheiratet?" "Ja." "Hast du Kinder?" "Ja. Einen Jungen und ein Mädchen." "Welcher Kirche gehörst du an?" "Der protestantischen." "Willst du auch noch nach Bali reisen?" "Selbstverständlich." Die Wahrheit ist, daß ich nicht verheiratet bin, weil ich die Ehe für eine idiotische Institution halte, daß ich keine Kinder habe, weil es verantwortungslos ist, in diese Welt Kinder zu setzen, eine Ansicht, die bei flüchtiger Betrachtung Ronald Reagans und seiner Mannschaft so unvernünftig nicht sein dürfte, die Wahrheit ist ferner, daß ich vor fast zwanzig Jahren aus der Kirche ausgetreten bin, der größten, ältesten und perfektesten Verbrecherorganisation der Welt. (Ich empfehle jedem, der noch Mitglied einer christlichen Kirche ist, mal ein wenig in den kirchengeschichtlichen Büchern Karlheinz Deschners zu blättern. Ich traf vor wenigen Wochen einen jungen Arzt, der mir sagte: "Ich bin aus der Kirche ausgetreten, weil ich an Jesus glaube.") Neuerdings wird der Kirche der kriminelle Superlativ von der Reagan-Administration streitig gemacht. Verglichen mit diesen beiden Organisation nimmt sich die Mafia jedenfalls wie eine Hilftruppe der Heilsarmee aus und ihre ehemalige Hochburg Chicago schrumft zu einem amerikanischen Lambarene. (Michael Schulte: Bambus, Coca-Cola, Bambus, S. 101)


Intoleranz und Engstirnigkeit

Zu der gelegentlich ethnologischen Arbeit der Missionare: es ist reiner Zynismus, daß sie sich mit Beschreibungen jener Kulturen brüsten, die zu zerstören sie im Begriff sind. Übrigens hat es nichts zu sagen, daß noch nie (soviel ich weiß), ein Missionar seines Glaubens entsagt hat, um zum Animismus zu konvertieren, das ist kein Beweis für die Überlegenheit der christlichen Religion, wie man annehmen könnte, sondern zeugt lediglich von der Intoleranz, Unsensibilität, Engstirnigkeit und Überheblichkeit der Missionare. Sollte es dennoch einen Missionar gegeben haben, der es aufgegeben hat, zu überzeugen, sondern sich überzeugen ließ, bitte lassen Sie es mich über die Adresse des Verlages wissen, einen solchen Mann möchte ich kennenlernen, ich würde gerne eine Biographie über ihn schreiben. (Michael Schulte: Bambus, Coca-Cola, Bambus, S. 54)


Wider den Monotheismus

Je mehr sich eine Religion dem Monotheismus nähert (...), um so unmenschlicher und grausamer ist sie; und der Islam ist im Vergleich zu allen anderen Konfessionen die Religion, die den Menschen den radikalsten Monotheismus aufzwingt. Seit es den Islam gibt, zeichnet er sich durch eine ununterbrochene Folge von Kriegen, Invasionen und Blutbädern aus; solange er existiert, wird nie Eintracht auf der Welt herrschen. Und genausowenig können Klugheit und Talent auf islamischem Boden den ihnen gebührenden Platz finden; wenn es arabische Mathematiker, Dichter und Gelehrte gegeben hat, dann nur deshalb, weil sie vom Glauben abgefallen waren. Bei der Lektüre des Korans wird man zwangsläufig von der bedauerlichen Tautologie überrascht, die das Werk charakterisiert: 'Es gibt keinen anderen Gott außer Gott allein' usw. Damit, das müssen Sie zugeben, kommt man nicht weit. Der Übergang zum Monotheismus ist absolut kein Abstraktionsversuch, wie manchmal behauptet wird, sondern nur ein Abgleiten in die Verdummung. Sie werden bemerkt haben, daß sich eine solch subtile Religion wie der Katholizismus, den ich achte und der genau weiß, was der menschlichen Natur angemessen ist, sehr bald vom Monotheismus entfernt hat, den ihm die urpsprüngliche Doktrin auferlegen wollte. Durch das Dogma der Dreieinigkeit, den Marien- und den Heiligenkult, die Anerkennung der höllsichen Mächte und die bewundernswerte Erfindung der Engel hat er nach und nach einen authentischen Polytheismus wiederaufgebaut; nur aufgrund dieser Voraussetzung hat er die Erde mirt zahllosen künstlerischer Glanzleistungen überhäufen können. Ein einziger Gott! Was für ein Unsinn" Was für ein unmenschlicher, mörderischer Unsinn! (Michel Houellebecq: Plattform) ^


Als Jude aufwachsen

Was immer es sonst für meine Generation bedeutet haben mag, als Jude in Amerika aufzuwachsen - woran ich mich aus meiner Zeit in der Hebräisch-Schule noch erinnern kann, ist, daß es meist unterhaltsam zuging. Ich glaube nicht, daß ein englisches jüdisches Kind unbedingt so empfunden hätte, und es versteht sich, daß östlich von England als Jude aufzuwachsen für Millionen jüdischer Kinder tragisch war. Und das verstanden wir offenbar, auch ohne daß man es uns hätte sagen müssen. (Philip Roth: Tatsachen. Autobiografie eines Schriftstellers) ^


Wesen des religiösen Gefühls

Das Wesen des religiösen Gefühls ist durch keinerlei vernunftmäßige Überlegungen zu erfassen, wird von keinem Vergehen, von keinem Verbrechen berührt und steht außerhalb aller Atheismen; es handelt sich da um etwas gans Anderes, um etwas Andersartiges und wird in alle Ewigkeit andersartig sein; es ist hierbei etwas, woran die Atheisten ewig abgeleitet werden und ewig werden sie nicht davon, sondern daran vorbei reden. (Fedor M. Dostoevskij: Der Idiot) ^


Juden und Araber

Überhaupt, Boas, kannst Du von mir aus tun, was Du willst, meinetwegen verwandel Dich in einen Araber, wenn Du auf ihrer Seite bist. Nur tu mir den Gefallen und fang nicht an mir zu erklären, was ein Araber ist. Ich bin unter ihnen aufgewachsen und kenne sie sehr gut: Du wirst Dich vielleicht wundern, von mir zu hören, daß der Araber im Grunde sehr positiv ist, sich durch viele edle Merkmale auszeichnet, und in seiner Religion gibt es einige schöne Dinge, die unmittelbar aus dem Judentum übernommen sind. Aber das Blutvergießen ist bei ihnen tief in ihrer Tradition verwurzelt. Was kann man machen, Boas, das ist eben, wie es Tora es uns von Ismael sagt: "Es wird ein wilder Mensch sein. Seine Hand gegen alle, die Hände aller gegen ihn." Bei ihnen steht im Koran: "Der Glaube Mohammads durch das Schwert." Demgegenüber heißt es bei uns in der Tora: "Zion wird durch das Recht gerettet." Das ist der Unterschied. Jetzt kannst Du allein entscheiden, was besser für Dich paßt. (Amos Oz: Black Box) ^


Der Mensch braucht Transzendenz

"Wir haben uns geirrt, als wir behaupteten, die Menschen könnten ohne Religion auskommen. Aber nur eine Minorität ist in der Lage, Religion durch Kultur zu ersetzen. Dies ist zumindest meine Erfahrung in der kleinen Welt, die ich kenne. Die große Mehrheit der Menschen braucht Transzendenz, den Glauben an eine andere Welt. Deshalb kann man die Religion nicht bekämpfen. Der Kommunismus hat es versucht - und ist nicht zuletzt daran gescheitert. In den Demokratien aber muß Religion eine Privatsache bleiben - im Rahmen der Rechtsordnung, die freie Gesellschaften sich selbst geben. Worauf es ankommt, ist, daß die Religion sich nicht in die Angelegenheiten des Staates einmischt oder, umgekehrt, der Staat sich mit religiösen Zielen identifiziert." (Mario Vargas Llosa). ^


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