Über Tod & Sterben (2) [<<]

Die letzten Dinge und danach... [^^] [^]


Themenstreusel: Tod & Sterben
In Ruhe sterben
Only the good die young
Telefon ins Grab
Seelen wie Zugvögel
Ein Substraktionsprozeß
Tod & Ordnung
Mit dem Tod auskommen
Der Gedanke aller Gedanken
Im Augenblick des Todes
Dem Tode geweiht
Der Pfarrer als Umzugshelfer
Der Tod ist so hoffnungslos
Was wenn...?
Planetentod
Tod & Unsterblichkeitsträume
Feierlichkeiten mit feststehenden Formen
Die Stunde der Niederlage
Humus für den Schmarotzer Zeit
Die Würmer, die Würmer
Der Tod als Motor
Agressives Altern
Energie aus Leichen
Beileidsbeschleuniger
Schauraum des Realen
Leichenverbrennungen in Indien
Wie eine Rakete in den Himmel
Winterliche Friedhöfe
Die vollkommene Leere des Todes
Bestatter in Harlem
Nicht hinein in die Ewigkeit
Rituale suchen
An einem solchen Tag
Forstackerpoesie
Anspielungspastor
Leichenfledderei
1 Mund weniger zu stopfen
In der Warteschlange vorrücken
Hinrichtung
Sein ist jämmerlich
Großmamas Beerdigung
Eine Sauerei
Totenfarbe
Anders als die Tiere
Ich bedauere nichts
Nach der Beerdigung
Letzte, stumme Geste
Krieg & Tod
Todeskampf
Die Kränkung des Wegseins
Der Tod ist wie die Kunst
Der Verlust der Kontrolle
Ganz am Ende
Tod und Zahl


In Ruhe sterben

Valeska Magnor befindet plötzlich, es sei jetzt Zeit. "Ich geh sterben", sagt sie, reicht Ernst die Fotografie, steht auf und geht, gestützt auf ihren Stock und schwankend auf den krummen Beinen, sehr langsam ins Haus, entkleidet sich ungelenk, aber aus eigener Kraft, zieht das Nachthemd an und legt sich in ihr Bett, deckt sich mit dem Federbett zu und breitet die runzligen Hände darauf aus. An der rechten der Trauring, der ins Fleisch schneidet wie ein alter Zaun in den wachsenden Baumstamm. Ernst beunruhigt die Ankündigung seiner Mutter nicht: dass sie sterben wird, verkündet Valeska immer häufiger, in letzter Zeit sogar mehrmals in der Woche. Doch zwei Stunden später hört Valeskas Enkelin - Gerhards Frau - aus dem Zimmer der Alten ein Röcheln, wie sie es noch nie gehört hat. Auf ihre besorgte Frage verscheucht Valeska die Enkelin mit einer ungeduldigen Geste. Ola ruft trotzdem die Familie. (...) Valeska Magnor ist sehr böse, dass die ganze beschissene Familie sich an ihrem Bett versammelt hat, wozu bloß? Valeska Magnor würde gern so sterben, wie sie geboren wurde: allein, denn was für eine Gesellschaft wäre für den Säugling, der auf die Welt kommt, die Mutter oder auch die Hebamme? Leider will die beschissene Familie Valeska keine Ruhe geben, dabei wünscht sich Valeska nach diesem ganzen langen, allzu langen und beschissenen Leben nichts sehnlicher als das. (Szczepan Twardoch: Drach) ^


Only the good die young

Ein professionell trübselig dreinschauender Mitarbeiter des Begräbnisunternehmenes - Trauerkloß von Beruf, was für eine Idee! - drückte dir nach der Hostie ein Andachtsbildchen in die Hand, das gleiche Foto, wie auf dem Sarg, Gianna mit Kurzhaarfrisur, diplomatischem Lächeln und vernachlässigten Zähnen sowie dem Text: 'Only the good die young'. Darunter ihr Name, Geburts- und Todesdatum. Trockene, administrative Fakten. Ihr Leben: der kleine Strich zwischen zwei Daten. 'Only the good die young'. Eine hervorragende Grabinschrift für dich selbst, solltest du neunzig werden. Du warst schon froh, daß unter dem Andachtsbildchen nicht wieder was von Gottes unendlicher Güte stand. (Dimitri Verhulst: Die Unerwünschten) ^


Telefon ins Grab

"Ich habe nicht auf Monseigneur de Beaulieu gehört. Der hat gesagt, als er aus Katanga zurückgekommen ist: 'Wir müssen wie die alten Neger sein. Wenn die spüren, dass der Tod naht, rufen sie ihre Kinder und Enkelkinder zu sich und erzählen ihnen alles, aber auch alles, was sie meinen, ihnen fürs Leben mitgeben zu müssen.' Und nun, wo ich alles erzählen müsste, weiß ich nicht, was ich euch mitgeben könnte. Ich war kein gutes Vorbild." Ich sage: 'Aber Vater, dir fällt bestimmt noch was ein.' 'Ich denke nicht', sagt er. Und am nächsten Tag hat er die Telefongesellschaft angerufen, damit sie ihm einen Apparat in seinem Grab installiert, falls ihm doch noch was einfallen sollte. Der Vizedirektor ist gekommen und hat gesagt: 'In Ordnung, Mijnheer Seynaeve, wir werden dafür sorgen. Wir legen eine Telefonleitung, und Sie brauchen nicht mal die Gespräche zu bezahlen, nur den Anschluss.'" (Hugo Claus: Der Kummer von Belgien)  ^


Seelen wie Zugvögel

...konnte er an der Hausfront das Fenster von Herrn Meißner erkennen, es war das einzige, das weit offen stand. Damit die Seele des Verstorbenen ungehindert nach draußen könne, so hatte man dieses Ritual bei seiner Ausbildung erklärt. Ein Akt des Loslassens. Bon voyage. Fred war zwar der Meinung, dass eine Seele, so es sie denn gab, alles durchdringen konnte, Körper, Glasscheiben oder Mauern, aber das offene Fenster hatte schon seine ganz eigene Kraft gehabt, als er noch in Herrn Meißners Zimmer saß, und jetzt, in der Kälte dieses trüben Nachmittags von außen betrachtet, wirkte es noch überzeugender. Er fragte sich, ob dieser Park womöglich von Seelen bevölkert war, die nach ihrem Austritt durch die Hospizfenster nicht weiterwussten, und ob sie sich hier vielleicht sammelten und ihre Route besprachen wie Zugvögel im Herbst. (Susann Pásztor: Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster) ^


Ein Substraktionsprozeß

Herr Meißner war einer von denen gewesen, die ihr Sterben stumm mit sich ausmachten. Vielleicht hatte Fred deswegen von seiner ersten Sitzwache an eine Art meditatives Einvernehmen gespürt, einen Raum, in dem alles absolut in Ordnung war, weil es Gesetzen gehorchte, die seit Ewigkeiten gültig waren und die sowieso keiner verstand, eine Hingabe, die alles mitnahm, was ihn belastete, und das war nicht wenig. In solchen Momenten fand er die Aussicht, eines Tages selbst irgendwo zu liegen und nichts weiter tun zu müssen, als zu sterben, ausgesprochen tröstlich. Er hatte bei seinen Sitzwachen versucht, seinen Atem dem Heben und Senken des Brustkorbs von Herrn Meißner unter der glatten Bettdecke anzupassen, aber nie einen gemeinsamen Rhythmus mit ihm gefunden, und jetzt atmete Herr Meißner nicht mehr. Fred blieb noch lange am Bett sitzen, nachdem die Schwester aufgestanden war und den Raum verlassen hatte. Sie hatten ihn in seiner Ausbildung darauf vorbereitet, jetzt sah er zum ersten Mal selbst dabei zu, wie ein Körper durch den Tod nach und nach seine Persönlichkeit verlor. Das Konzept der Seele, verstand er plötzlich, war nicht durch religiösen Idealismus entstanden, sondern nur das Ergebnis eines einfachen Subtraktionsprozesses. Das, was Herrn Meißner zu Herrn Meißner gemacht hatte und selbst in den letzten Tagen noch sichtbar gewesen war, begann sich zu verabschieden. (Susann Pásztor: Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster)  ^


Tod & Ordnung

Den Wochen vor ihrem Tod ging eine große Unordnung voraus. Die Mutter hörte auf, ihre Wohnung aufzuräumen. Das Brot lag neben der Schere, die Teekanne auf dem Wäschestapel, die Handschuhe lagen neben der Brille, die Zeitung in der Badewanne. Ich mußte verstehen, daß die Unordnung ihre Art war, den herannahenden Tod zu ertragen. Seither gibt es manchen Tag, an dem mir das Durcheinander in unserem Hotelzimmer zu viel wird. Ich habe nichts gegen Bücher, die aufgeschlagen auf dem Boden liegen, ich habe nichts gegen Gesas angebissenen Apfel auf der Anrichte und nichts gegen ihre Strumpfhosen, die wie zerstörte Spinnennetze über dem Stuhl hängen. Aber dann kommt die Stunde, in der ich sicher bin, daß das Sterben nichts anderes ist als die Preisgabe selbst erfundener Ordnungen. Dann muß ich die Bücher vom Boden aufheben, den Apfel verstauen und die Strumpfhosen zusammenrollen. Gesa sieht mir zu und sagt: Du machst deine Mutter wieder lebendig, nicht? Sie müßte das nicht sagen; sie sagt es nur, damit ich weiß, daß ich mich nicht schämen muß. Ich schweige und stehe in einem tadellos aufgeräumten Zimmer herum. (Wilhelm Genazino: Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz) ^


Mit dem Tod auskommen

Die Einzige weit und breit, die "mit dem Tode auskam", war Teta. Nur für sie stand er in der Ordnung des Ganzen sinnvoll an seinem Platz. Sie allein blieb ihm gegenüber in Form. Wir moderne Menschen aber waren angesichts des größten Ereignisses in unserem Leben wahrhaftig nicht in Form. Wir standen dem Angelpunkt alles irdischen Geschehens haltlos, unordentlich, verschlampt, unsicher, schattenhaft, passiv und feig gegenüber. Wer verhielt sich zur Frage aller Fragen geistiger, wir, die sogenannten Intellektuellen, die im Tod nur die Verwesung anerkannten, oder diese einfältige Köchin, die in ihm die bedenkenswerteste Stufe eines klaren und leuchtenden Weltenbaues sah? Ihre Vorstellungen von dieser lichten Architektur nannten wir kindlich und primitiv, wir aber, wir hatten nicht einmal kindliche und primitive Vorstellungen in uns, sondern das geistige Garnichts wie die Tiere. Wir klammerten uns mit ausgelöschten Seelen an überlieferte Gebräuche aus gedankenreicherer Zeit, um unsere Toten nicht sang- und klanglos einscharren zu müssen, wie sie und wir es verdient hätten. (Franz Werfel: Der veruntreute Himmel. Die Geschichte einer Magd) ^


Der Gedanke aller Gedanken

"Weiß Gott", sprach Livia mit tiefer Stimme, "der Gedanke an den Tod, das ist es, das füllt uns aus, dich und mich und Teta, dieser unaufhörliche Gedanke aller Gedanken, den wir nicht eingestehen wollen aus Scham. Schau dir diese Ameisen hier an, Theo, wo ist der Unterschied zwischen uns und ihnen? Wenn man denen ihren Weg links verstellt, laufen sie nach rechts. Da hast du die ganze menschliche Politik. Wodurch also zeichnet sich unser Ich vor dem ihren aus? Und woher beziehen wir den Anspruch auf unsre ganz große Extrawurst? Eine tote Ameise verschwindet nicht anders aus dem Leben als ein Mensch, nur appetitlicher. Wenn für uns ein Jenseits bereitsteht, dann müssen auch die Ameisen das ihrige haben, ich möcht' schon bitten, einen aromatischen Ameisenhaufen aus geistigen Fichtennadeln im Himmelsblau. (Franz Werfel: Der veruntreute Himmel. Die Geschichte einer Magd) ^


Im Augenblick des Todes

... dass sein letzter Moment mir entgangen ist, weil ich neben ihm auf einer Matratze am Boden schlief, noch im Kleid und auch in Schuhen. Als ich aufwachte, war ich allein. Mehr allein als das hier gab es auf dieser Welt nicht. Mein Bruder lag mit dem Kopf zu dem Stuhl neben seinem Bett. Ich sank in die Hocke. Er blickte mit einer Art Vlies vor den Augen vor sich hin. Er blickte nicht an mir vorbei und auch nicht durch mich hindurch, und genausowenig blickte er vor sich hin. Sein Blick stoppte schätzungsweise eine Handlänge vor seinem Gesicht. Kanal vom Äther genommen oder auf eine stark verschlüsselte Frequenz verlagert. Es war frühmorgens, sehr hell, ein Himmel ohne Morgenrot. Ich wollte ihn nicht berühren, wollte nicht fühlen, wie lau seine Haut vielleicht noch war. (...) Alles, was man in einem solchen Moment tut, ist sonderbar. Ich zum Beispiel langte über den leblosen Rogier hinweg zur Fensterbank, um nach dem umgekehrt aufgeschlagenen Buch zu greifen, in dem er am Tag zuvor noch so gut und so schlecht es eben ging gelesen hatte. Erst nach einer Weile beschloss ich, die nötigen Anrufe zu tätigen. Über den Beginn, über die praktischen Regelungen der ersten Tage seines Aufenthalts im Jenseits hatten mein Bruder und ich nie gesprochen. (Margriet de Moor: Mélodie d'amour) ^


Dem Tode geweiht

Heute aber auch wirklich starker Tobak! In der 37-Grad-Dokumentation geht es um eine 37-jährige Brustkrebskranke, eine 58-Jährige Krebskranke, früher selbst Krankenhausseelsorgerin und einen 76-jährigen ALS-Kranken, der seinen rechtzeitigen Suizid plant, bevor die verheerende Krankheit ihm buchstäblich die Luft zum Atmen nimmt. Seine Tochter konnte es ihm zumindest ausreden, auf das Erhängen zu verzichten. In dem Bericht zeigen Tochter und Vater den Baum, an dem das Seil baumelt. Gut, daß das angesprochen wird, womit ich als auf einer teilonkologischen Station konfrontiert bin und was der Palliativmediziner als humanmedizinische Setting bezeichnet, ein Räderwerk, welches von der Diagnosestellung an in Bewegung kommt und welches man nur mutwillig und gegen einige Hürden stoppen kann. Ehrlich? Wenn man das gesehen hat, wenn man um diese Krankheiten weiß, die die Existenz des Menschen radikal verändern und abkürzen, macht man sich um die Zukunft keine Sorgen mehr. Das, was ich mir als Vorsatz fasse, ist die Bewußtmachung, das tägliche memento mori und die Konsequenz, jedem Tag das nötige Quantum Humor zu verleihen und ihn dadurch lebenswert zu machen, daß ich das tue, was mir am meisten Spaß macht. Kurzum: zu lesen. - Aha, in der Doku sieht man auch den Palliativmediziner Matthias Thöns, dessen Buch "Patient ohne Verfügung. Das Geschäft mit dem Lebensende" ich im Oktober las und in dem er die medizinische Hochleistungsmaschinerie und die vielfach fehlgeleiteten Praktiken des Gesundheitssystems mit schwerkranken Patienten anprangert.  ^


Der Pfarrer als Umzugshelfer

"Die Engländer sind kein besonders religiöses Volk. Selbst viele, die den Gottesdienst besuchen, tun es nur aus Gewohnheit. Das Sakrament empfangen sie nur halbherzig: Bislang ist mir noch niemand begegnet, dem ein freudiger Schauder über den Rücken läuft, weil er vom Blut Christi kosten darf. Selbst der Erntedankgottesdienst oder die Christmette, zu denen sie in großer Zahl herbeiströmen, bedeuten für sie nichts weiter als ein heidnisches Sich-Verneigen vor den Jahreszeiten. Sie brauchen mich nicht. Bei Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen, da bin ich nützlich. Vor allem bei Beerdigungen - da bin ich für sie eine Art Umzugsunternehmer, der dafür sorgt, daß ihr Umzug an ihre letzte Wohnstätte sicher über die Bühne geht." Er lachte bitter. (J.L. Carr: Ein Monat auf dem Land)  ^


Der Tod ist so hoffnungslos

Sie war katholisch. Obwohl vor allem die Familie väterlicherseits kaum noch kirchlich ist und zum Teil sogar puritanisch, rechtschaffen anti, wäre es niemand in den Sinn gekommen, die alte Tradition nicht auch jetzt wieder erleichtert zu begrüßen. Für die letzte Nacht über der Erde pflegen wir den Verstorbenen in die linke Kapelle der Antonius-Abt-Kirche zu bringen. Eine Frage der Höflichkeit gegenüber dem Tod, eine Frage religiöser Hygiene, aber auch eine äußerst praktische Lösung. Der Tod ist so hoffnungslos. Der physische Unterschied zwischen diesen paar Sekunden davor und danach ist zu verrückt für Worte. Das Krankenblatt, penibel ausgefüllt und am Fußende des Betts aufgehängt, verschafft einen Einblick, wie es soweit hat kommen können. Der Kugelschreiber der reinen Vernunft. Für jeden normalen Menschen bestenfalls die halbe Geschichte. Wo also soll man den Verschiedenen, den vor deinen Augen zum Stillstand Gekommenen, der immer kälter, weißer und eine mit jedem Tag schwerere Last auf deinem Herzen wird, für diese letzte Nacht lassen? (Margriet de Moor: Mélodie d'amour)  ^


Was wenn...?

Angenommen, die finden einen Weg, auch wenn du schon tot bist, dich zu rekonstruieren. Was, wenn sie deinen Sarg ausgraben und feststellen, du bist ein bißchen zu verwest... Was, wenn du eingeäschert worden bist, und sie können nicht mehr alle Krümel finden... Was, wenn das Staatskomitee für Revivizierung entscheidet, daß du nicht wichtig genug bist... Was, wenn du mitten in der Wiederbelebung steckst, und da läßt so eine blöde Krankenschwester, von der Tragweite ihrer Aufgabe übermannt, eine essentielle Phiole fallen, worauf dein sich eben klärender Blick auf ewig vernebelt... Was, wenn... (Julian Barnes: Metroland)  ^


Planetentod

Anfangs war der Glaube an die Kunst ein wirksames Kraut gegen den immer wiederkehrenden Schrecken von Groß T. Aber dann vermittelte mir jemand den Begriff des Planetentods. An den Gedanken der eigenen Auslöschung konnte man sich ja vielleicht gewöhnen, wenn man dachte, daß die Welt ewig weitergeht und die eigenen Werke einst vom Computer auf Endlospapier ausgespuckt werden und dann Generationen von Kindern sich staunend zurücklehnen und ein mutiertes "Wahnsinn" murmeln werden. Aber als mich einer aus der Abschlußklasse Mathezweig beim Mittagessen darauf aufmerksam machte, daß die Erde unerbittlich auf ihr endgültiges Verglühen zutreibt, erschien die Robustheit der Kunst in einem ganz anderen Licht. LPs verkochen zu Sirup; Dickens-Ausgaben gehen bei Fahrenheit 451 in Flammen auf; Donatellos zerfließen wie Dali-Uhren. Sieh mal zu, wie du damit fertigwirst. Oder damit. Angenommen, nur mal angenommen, jemand würde ein Mittel finden gegen den Tod. Ist ja nicht unbedingt so viel unwahrscheinlicher als die Spaltung des Atomkerns oder die Entdeckung von Radiowellen. Aber es wäre ein langer Prozeß, genau wie die Entdeckung eines Mittels gegen Krebs. Und damit kommen sie im Augenblick auch nicht so rasant voran. Du kannst also ziemlich sicher sein, wenn sie jemals eine Methode finden, um den Tod aufzuhalten, ist es für dich grade ein kleines bißchen zu spät... (Julian Barnes: Metroland) ^


Tod & Unsterblichkeitsträume

Angst vor dem Sterben hieß natürlich nicht Angst vor dem Sterben, sondern Angst vor dem Totsein. Es gab kaum einen Trugschluß, der mich stärker deprimierte als der Spruch: "Totsein macht mir nichts aus; das ist genau wie Schlafen. Aber das Sterben schreckt mich." Nichts schien mir in meinem nächtlichen Schrecken klarer, als daß der Tod mit dem Schlaf absolut keine Ähnlichkeit hat. Sterben würde mir überhaupt nichts ausmachen, dachte ich, wenn ich nur nicht am andern Ende tot rauskäme. Toni und ich sprachen zwar nie über grundlegende Ängste, aber Unsterblichkeitsrezeptionen wurden natürlich erörtert. Wie jede Käfigratte, die etwas auf sich hält, suchten wir nach einem Hintertürchen. Da war das partielle Weiterleben zu erwägen - ein schleimiger Klumpen Essenz, der in Huyleyschem Schwabbel herumnimbusste -, doch das machte uns nicht besonders an. Dann war da die Unsterblichkeit durch die eigenen Kinder; wenn wir uns jedoch anschauten, was für Repräsentanten unserer Eltern wir selber waren, konnten wir nicht sehr zuversichtlich sein hinsichtlich der eigenen Chancen auf ein Weiterleben als Surrogat, wenn wir mal an der Reihe wären. Meist drehten sich unsere spitzfindigen, jammererfüllten Unsterblichkeitsträume um die Kunst. (Julian Barnes: Metroland)  ^


Feierlichkeiten mit feststehenden Formen

Der Tod ist etwas ganz Persönliches und erweckt, je nachdem, Trauer, Verzweiflung, glühende Empfindung oder philosophische Betrachtungen unberührter Herzen. Begräbnisse hingegen sind soziale Ereignisse. Man stelle sich vor, es würde jemand zu einer Beerdigung fahren, ohne zuvor sein Auto blank geputzt zu haben. Oder man stünde anders als im besten schwarzen Anzug mit den besten, wunderbar gewichsten schwarzen Schuhen am Grabesrand. Oder es würde jemand Blumen zu einer Beerdigung schicken, ohne eine Karte angeheftet zu haben, mit der er beweist, daß er sich korrekt benommen hat. Keine gesellschaftliche Veranstaltung verlangt für das Verhalten der Teilnehmenden ein so streng festgelegtes Ritual wie ein Leichenbegräbnis. Man male sich die Entrüstung aus, wenn der Geistliche an den vorgeschriebenen Formen der Predigt etwas änderte oder sich mit einem ungewohnten Gesichtsausdruck an der Norm versündigte. Welchen Schock würde es hervorrufen, wenn man im Trauerraum sich anderer Sitzgelegenheiten bediente als kleiner zusammenlegbarer, gelber Folterstühle mit harten Sitzen. Nein: noch im Sterben kann ein Mensch geliebt oder gehaßt, betrauert und beklagt werden; ist er jedoch einmal tot, so wird er das Hauptstück komplizierter sozialer Feierlichkeiten mit feststehenden Formen. (John Steinbeck: Tortilla Flat) ^


Die Stunde der Niederlage

Das Sterben ist selten linear. So schnell gibt der Mensch nicht auf, selbst wenn es das Klügste, das Einzige ist, was es noch zu tun gibt. Nein, er kämpft, der Narr, hängt am Leben, hält fest daran, bäumt sich auf in der Stunde seiner Niederlage, auch wenn er sie nicht abweisen kann. Wie die Geburt ein brutaler Akt hinein ins Leben ist, so ist der Tod der brutale, wenngleich aussichtslose Kampf aus ihm hinaus. Gerade, wo sich der Mensch so schwach wie möglich geben müsste, um dem Tod den Sieg gewaltfrei und rasch zu überlassen, bläht er sich auf, als wäre er unsterblich und könne sich wider alle Vernunft seinem Schicksal widersetzen. (Hans Platzgumer: Am Rand) ^


Humus für den Schmarotzer Zeit

"Was geschieht denn mit den Toten, die wir lieben? Was geschieht damit, Herr? Werden sie nicht immer noch einmal getötet? Wo anders sind sie denn, als noch in unserer Erinnerung? Und werden wir da nicht alle zu Mördern, ohne es zu wollen? Soll ich das Gesicht dem Hobel der Zeit überlassen, das Gesicht, das ich allein kenne? Ich weiß, daß es in mir verwittern muß und gefälscht wird, wenn ich es nicht herausbringe aus mir, es aufstelle, außer mir, so daß die Lügen meines weiterlebenden Gehirns es nicht umranken können wie Efeu und es zerstören, bis schließlich nur noch Efeu da ist und es zum Humus für den Schmarotzer Zeit wird! Ich weiß das! Deshalb muß ich es ja sogar vor mir selbst retten, vor dem fressenden Egoismus des Weiterlebenwollens, der es vergessen und zerstören will!" (Erich Maria Remarque: Die Nacht von Lissabon) ^


Die Würmer, die Würmer

Da waren Pantalejmon, der Totengräber, und der blinde Josef Turek, sie tranken und unterhielten sich. Pantalejmon hatte einen Selbstmörder vom Baum abgeschnitten, er behielt den Strick und suchte einen Käufer. Wer den Strick eines Gehenkten besaß, dem gaben die Kühe viel Milch, seine Pferde gediehen, auf seinen Feldern wuchs üppig der Weizen, und kein böser Zauber konnte dem Besitzer etwas anhaben. So ein Strick war unter Brüdern zwei Hühner wert, mindestens ein Schock Eier. Geld brauchte Pantalejmon nicht. Wer sein ganzes Leben ein Totengräber ist, wer sieht, wie auch die Reichen ihre zwei großen Zimmer und Küche verlassen müssen und den Geldbeutel unter dem Kopfkissen - wer so was mindestens hundertmal gesehn hat, der braucht kein Geld. Die Würmer, die Würmer - sagt Pantalejmon, sooft er einen reichen Hochzeitszug sieht. Er denkt immer an die Würmer. (Joseph Roth: Perlefter. Fragmente und Feuilletons aus dem Nachlaß) ^


Der Tod als Motor

Auf den ersten Blick mag es so scheinen, als ob der Tod den Sinn des Lebens infrage stellt, doch in Wirklichkeit ist er der eigentliche Ursprung unserer Kreativität. Kafka hat es so ausgedrückt: "Der Sinn des Lebens besteht darin, daß es endet." Der Tod ist der Motor, der uns am Laufen hält, der uns zum Lernen und Lieben motiviert, uns Ehrgeiz und Erfindungskraft verleiht. Seit Tausenden von Jahren beschwören Philosophen diese Tatsache ebenso vehement, wie wir sie ignorieren. (Caitlin Doughty: Fragen Sie Ihren Bestatter. Lektionen aus dem Krematorium) ^


Agressives Altern

'Media vita in morte sumus' - wir wissen, daß "wir mitten im Leben vom Tod umgeben" sind. Schließlich beginnt unser Sterben mit dem Tag unserer Geburt. Doch aufgrund des medizinischen Fortschritts wird die Mehrheit der Amerikaner ihren Lebensabend als verlängerten Sterbeprozess erleben. Die über Fünfundachtzigjährigen stellen den am schnellsten wachsenden Anteil der US-Bevölkerung; in diesem Zusammenhang spreche ich immer von "aggressivem Altern". Im Alter von fünfundachtzig besteht nicht nur das erhöhte Risiko, dement zu werden oder tödlich zu erkranken; aus den Statistiken geht überdies hervor, daß man mit fünfzigprozentiger Wahrscheinlichkeit zum Pflegefall wird, was die Frage aufwirft, ob sich ein erfülltes Leben nach Jahren bemessen läßt. Dieses langsame Dahinsiechen gab es so früher nicht; die Leute starben oft von einem Tag auf den anderen. Im frühen 19. Jahrhundert war es üblich, Daguerrotypien von Verstorbenen anzufertigen. Die Toten, die darauf zu sehen sind, häufig Opfer von Scharlach und Diphterie, wirken zuweilen wie das blühende Leben. Im Jahr 1899 waren lediglich vier Prozent der amerikanischen Bevölkerung über fünfundsechzig Jahre alt; fünfundachtzig wurde so gut wie niemand. Heutzutage werden viele Menschen erst nach monate- oder gar jahrelangem Siechtum vom Tod ereilt. In gewisser Weise gibt uns die Medizin "Gelegenheit", an unseren eigenen Sterbetten Totenwache zu halten. (Caitlin Doughty: Fragen Sie Ihren Bestatter. Lektionen aus dem Krematorium)  ^


Energie aus Leichen

Dr. Troyer befaßt sich in seiner Forschungsarbeit vorrangig damit, wie man die Abwärme aus Krematorien sinnvoll nutzen kann - etwa zum Heizen anderer Gebäude oder gar eines öffentlichen Schwimmbads, so geschehen in dem Städtchen Redditch im grafschaftlichen Worcestershire, was dem Gemeindesäckel eine jährliche Ersparnis von 14500 Pfund einbringt. Bei der Verbrennung eines einzigen Leichnams wird so viel Energie verbraucht wie bei einer fünfhundert Meilen langen Autofahrt, und es ist an der Zeit, diese Energie effizienter zu nutzen. (Caitlin Doughty: Fragen Sie Ihren Bestatter. Lektionen aus dem Krematorium)  ^


Beileidsbeschleuniger

Kaum hatten Mr. Huangs Verwandte das Krematorium betreten, fielen sie auch schon auf die Knie und begannen lauthals zu wehklagen. Das Geheul der Trauernden vermischte sich mit dem Röhren der Retorte - eine wahrhaft schaudererregende Kombination. Ich hielt mich im Hintergrund und verfolgte das Geschehen mit weit aufgerissenen Augen; ich fühlte mich wie eine Anthropologin, die Zeugin eines uralten, nie zuvor gesehenene Rituals wird. Es ist chinesischer Brauch, für Bestattungen Trauer-Profis anzuheuern, die mit ihrem Gejammer dafür sorgen, daß alle Dämme brechen. Es ließ sich schwer sagen, ob unter den Versammelten tatsächlich derartige Beileidsbeschleuniger waren, die Kummer und Gram im Auftrag der Familie anheizten. Gab es solche Leute überhaupt in Oakland? Die Trauer der Anwesenden schien mir durchaus echt. Andererseits hatte ich keinerlei Erfahrung mit so vielen Menschen, die ihren Gefühlen kollektiv freien Lauf ließen. Einen Stock hatte hier jedenfalls niemand verschluckt. Und dann - ich hatte mich bereits gewundert - entdeckte ich plötzlich einen Mann, der die Trauergäste mit seiner Videokamera filmte, vor ihnen stehenblieb und sie mit aufmunternder Geste dazu aufforderte, sich gefälligst noch ein bißchen mehr ins Zeug zu legen, worauf sein jeweiliges Gegenüber in noch lauteres Klagegeheul ausbrach und mit den Fäusten auf den Boden trommelte. Offenbar wollte sich keiner hinterher nachsagen lassen, die Feierlicheiten hätten ihn völlig kalt gelassen. (Caitlin Doughty: Fragen Sie Ihren Bestatter. Lektionen aus dem Krematorium)  ^


Schauraum des Realen

Im späten 19. Jahrhundert kamen die Bürger von Paris jeden Tag zu Tausenden ins Leichenschauhaus, um sich die Leichen nicht identifizierter Toter anzusehen. Fliegende Händler boten Früchte, Gebäck und Spielzeug feil, während die Schaulustigen stundenlang Schlange standen. Wenn sie schließlich weit genug aufgerückt waren, wurden sie in einen Besuchersaal eingelassen, wo die Leichen hinter einer Glaswand in zwei Reihen auf Marmorsockeln aufgebahrt waren. Vanessa Schwartz, eine ausgewiesene Kennerin des Fin de siecle, hat die Pariser Morgue einen "Schauraum des Realen" genannt. (Caitlin Doughty: Fragen Sie Ihren Bestatter. Lektionen aus dem Krematorium) ^


Leichenverbrennungen in Indien

Heutzutage nicht dem Anblick von Toten ausgesetzt zu sein, ist ein Privileg der westlichen Welt. In der indischen Stadt Varanasi brennen am Ufer des Ganges jeden Tag achtzig bis hundert Scheiterhaufen. Nach der öffentlichen Verbrennung (manchmal von Halbwüchsigen aus der Kaste der Unberührbaren durchgeführt) werden Knochen und Asche des Verstorbenen in die Wasser des heiligen Flusses gestreut. Eine derartige Verbrennung ist nicht billig; die Kosten für teures Holz, bunte Leichentücher und einen professionellen Leichenverbrenner summieren sich schnell. Familien, die sich keine Kremierung leisten könnten, überantworten die sterblichen Überreste ihrer toten Angehörigen bei Nacht den Fluten; aufgedunsene Leichen, die den Fluß entlangtreiben oder von Hunden gefressen werden, erregen höchstens bei Touristen Aufsehen. Tatsächlich schwimmen so viele leblose Körper im Ganges, daß die indische Regierung jedes Jahr Tausende von fleischfressenden Schildkröten aussetzt, um den Fluß sauber zu halten. (Caitlin Doughty: Fragen Sie Ihren Bestatter. Lektionen aus dem Krematorium)  ^


Wie eine Rakete in den Himmel

Beim Begräbnis meiner Frau, verkündete der Oberstleutnant, während er mit der Handfläche ein Gähnen abwürgte, kamen etwa zwanzig Leute. Höchstens. Allerhöchstens. Der Priester galoppierte die ganze Zeit lang mit seinem Lateingebrabbel herum, und am Ende entschuldigte er sich bei mir dafür, so hastig durch die Zeremonie geeilt zu sein, denn er habe anschließend etwa acht Taufen, und der Arzt habe ihm geraten, seinen Blutdruck zu schonen. Sei’s drum, versicherte er mir mit kleinen Klapsen auf den Rücken, mit den Gebeten, die ich für sie gesprochen habe, ist sie direkt wie eine Rakete in den Himmel: vielleicht hat sie in der Ferne das Fegefeuer gesehen, aber keine Flamme hat sie angesengt, das schwöre ich Ihnen. (Antonio Lobo Antunes: Fado Alexandrino) ^


Winterliche Friedhöfe

Perlefters Gedanken aber kreisten um die nächste Zukunft. Er sah seine auseinandergefallenen Knochen, sah, wie man sie sammelte und schließlich verbrannte. Denn Perlefter hatte im Testament bestimmt, daß man seine Überreste verbrennen solle. Er hatte Angst vor Friedhöfen und besonders vor winterlichen Friedhöfen. Wenn er sich vorstellte, daß er als Leichnam unter meterhohen Schnee liegen sollte, kam es ihm vor, als stünde er ohne wollene Weste im Freien. Er wollte lieber verbrannt sein als frieren. (Joseph Roth: Perlefter. Fragmente und Feuilletons aus dem Nachlaß)  ^


Die vollkommene Leere des Todes

Sind es die Jahre, die vergehen, fragte der Oberstleutnant den Mann mit den Falten und den ergrauten Koteletten, der ihn mit einer undeutbaren, feindseligen Grimasse anstarrte, oder sind wir es, die uns, unabhängig von der Zeit, einem Bett in irgendeiner Klinik nähern, dem nebelhaften Schmerz, der der ruhigen, vollkommenen Leere des Todes vorangeht? Wie der Vater im Schlaf auf dem Ohrensessel starb (wir bemerkten es am Mikadostäbchengeräusch des Spazierstocks, der zu Boden fiel), wie das Kinn der Mutter während des Abendessens in den Teller mit Spaghetti stürzte und die Augen verblüfft über dem geriebenen Käse in der Schwebe blieben, wie du zwischen Sterbenden und grünlichen Judenschädeln gestorben bist, wie die Offiziere und die Soldaten im Krieg starben, wenn der Staub und der Lärm und der Pulvergeruch verflogen waren und man die Leichen noch im Fahrerhaus oder aufs Geratewohl im hohen Gras verteilt sah, wie sie bedrohlich still dalagen, lautlos schrien oder ohne Worte protestierten, wie wir hier sterben, Herr Hauptmann, in diesem für ein Stadtviertel typischen Restaurant an einem unendlichen Tisch voller Brotrinden und Gläser sitzend sterben und uns mit dem billigen Branntwein unserer eigenen Totenwache betrinken. (Antonio Lobo Antunes: Fado Alexandrino) ^


Bestatter in Harlem

Ein Bestattungsunternehmer ist nichts Ungewöhnliches in Harlem. In etwa jedem dritten Haus, so schien es ihr, hat einer sein Geschäft. Auf fast allen ihrer Spaziergänge sah sie die schwarzen langen Limousinen mit den weißen Spitzengardinen in Einfahrten oder Auffahrten stehen. Einmal war die Tür zur Garage dahinter offen, und sie starrte auf zehn oder fünfzehn Särge, die kreuz und quer übereinandergestapelt waren. Es gibt fast so viele Bestatter in Harlem wie Kirchen, und die Menschen geben zu Lebzeiten sehr viel Geld dafür aus, später als Tote manierlich auszusehen. (Verena Lueken: Alles zählt) ^


Nicht hinein in die Ewigkeit

Bei den meisten Menschen reicht die Phantasie nicht weiter als vierundzwanzig Stunden nach dem Sterben, vermutete sie. Nicht hinein in die Ewigkeit. Einige Monate, nachdem ihre Mutter gestorben war, überfiel sie das ganz entschiedene Gefühl, sie sei jetzt lange genug tot gewesen. Ihre Mutter könne jetzt wiederkommen. (...) Für immer nicht mehr - das kann sie nicht denken. Ihre Existenz und die Nichtexistenz ihrer Mutter, das schienen ihr ganz unvereinbare Zustände in ihrem Leben und in der Welt überhaupt. Doch das Unvermögen, sich die eigene Beerdigung vorzustellen, hatte andere Gründe. Sie ahnte, es hatte damit zu tun, daß es in ihrer Generation, soweit sie sich von der Kirche verabschiedet hatte, keine neuen Formen für den Ernstfall gab. Für den Eintritt in die Gesellschaft nicht und für den Abschied aus der Welt auch nicht. Jeder wurschtelte sich so durch. Mit den Beatles vom Band in der Friedhofkapelle, mit dilettantischen Abschiedsreden, mit unsicheren Dresscodes. (Verena Lueken: Alles zählt)


Rituale suchen

Offenbar gibt es eine große Ratlosigkeit in diesen Fragen. Vielleicht hat die Phantasie genug damit zu tun, sich vorzustellen, ein Mensch ist nicht mehr, aber die Dinge, die ihn umgeben haben, sind noch da. Was er angefaßt hat. Die Tasse, aus der er den letzten Schluck nahm. Die Decke über seinen Beinen. Ein Mensch verschwindet, doch die Dinge gehen nicht mit ihm. Rituale des Gehenlassens, daran hätte sie sich jetzt festgehalten. Aber sie kannte keine, und sie wußte nicht, wo sie diese Rituale suchen könnte. (Verena Lueken: Alles zählt)


An einem solchen Tag

Gestern habe ich das Sterben versucht. Der Traum wußte den Tag des Todes, ausgerechnet oder vorausgesagt, im voraus. Richtig hatte ich Schwierigkeiten beim Aufwachen, konnte aber die Geräusche in der Wohnung auf der Straße und die des Fahrstuhls vor unserer Tür erkennen. Einen Sarg müßte man in der Kabine hochkant stellen. Bis zur Beerdigung muß man nun noch die Papiere in Ordnung bringen. An einem solchen Tage wäscht man sich nicht. (Uwe Johnson: Jahrestage 1)


Forstackerpoesie

Auf zwei Stühle, nach Art eines Reisekoffers, war der offene Sarg gestellt, und auf dem Rande des Sarges saß ein schwarzer Vogel, einem Raben ähnlich, nur viel kleiner. Als der Vogel den Eintretenden gewahr wurde, hüpfte er von dem einen Rande auf den andern hinüber und von diesem auf den Sargdeckel, der mit seinen blitzblauen Beschlägen auf zwei andern Stühlen lag. (...) Als er wieder in die Vorderstube trat, war der schwarze Vogel auf den Rand des Sarges zurückgeflogen, und Bamme, neugierig und verwundert, was das Tier da wolle, trat jetzt heran und sah, daß es von der Toten in aller Wirklichkeit gefüttert wurde. Die Nachbarweiber hatten ihr nämlich Ebereschenbeeren und Weizenkörner in die geöffnete linke Handfläche gelegt. Das war so Forstackerpoesie. (Theodor Fontane: Vor dem Sturm)


Anspielungspastor

"Diese Päffchenträger sind maliziöse Kerle, und je glauer sie aussehen, desto mehr. Der meinige ist ein Anspielungspastor." "Das klingt, als ob Sie die Kirche besuchten, Bamme", schaltete die Gräfin ein. "Ich wette, Sie haben seit zehn Jahren keine Predigt gehört." "Nein, gnädigste Gräfin. Aber ich habe ein Tendre für Begräbnisse. Jeder hat so seine Andacht, ich habe die meinige; und es ärgert mich, durch allerhand plumpes Zeug darin gestört zu werden. Mit dem Jüngling zu Nain oder dem bekannten weiblichen Pendant desselben fängt er an, aber ehe fünf Minuten um sind, ist er bei Babel, bei Sodom und ähnlichen schlechtrenommierten Plätzen, starrt mich an, läßt etwas Schwefel vom Himmel fallen und sagt dann mit erhobener Stimme: ›Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.‹ Und das alles an meine Adresse. (Theodor Fontane: Vor dem Sturm)


Leichenfledderei

Drei Jahrzehnte nach dem Tode des Vaters starb auch Friedrich von Derfflinger, und mit ihm erlosch der berühmte Name, der kaum länger als ein halbes Jahrhundert geglänzt hatte, aber während dieser kurzen Dauer hell genug, um auch den Namen Dorf Guses für immer der Dunkelheit zu entreißen. Das alte Derfflingererbe ging durch verschiedene Hände, bis es in Besitz des Grafen von Pudagla kam. Der Graf ließ es zunächst verwalten, und um diese Zeit, wo sich zuerst wieder das Nationale zu regen begann, war es auch, daß die Wallfahrten nach der Derfflingergruft ihren Anfang nahmen. Nicht zum Vorteil dessen, der in ihr ruhte. Jeder, nach einem Andenken lüstern und seine Pietätslosigkeit mit der Vorgabe historischen Interesses deckend, vergriff sich an der Kleidung des Toten, so daß dieser, vor Ablauf eines Jahrzehntes, wie ein nackt Ausgeplünderter in seinem Sarge lag, nur noch mit dem angeschnallten Brustharnisch und seinen hohen Reiterstiefeln bekleidet. (Theodor Fontane: Vor dem Sturm)


1 Mund weniger zu stopfen

Aber an diesem Tag fuhr nur ein Fiaker langsam unter dem Fenster vorbei; eine Frau saß darin; wie ein Wäschebündel drückte sie einen Kindersarg an sich; auf diese Weise ersparten sich die Leute die Kosten für den Trauerzug. Das Gesicht der Frau war friedvoll; sie kaute Sonnenblumenkerne und lächelte, denn zweifellos freute sie sich darüber, einen Mund weniger stopfen und in der Stille der Nacht einen Schrei weniger hören zu müssen. (Irène Némirovsky: Die süße Einsamkeit)


In der Warteschlange vorrücken

Ich fürchtete ihre Krankheit. Ich fürchtete auch ihren Tod. Die Mutter war immer die Barriere gewesen. Vor den Söhnen sterben die Mütter. Und vor den Müttern die Väter. Das war das Gesetz. Wenn alles normal verlief. Und warum sollte nicht alles normal verlaufen? Was aber auch hieß: Wenn die Mutter tot ist, ist die Reihe an mir. Ich spürte jetzt schon, dass ich ihr das Sterben verübeln würde. Sie sorgte dafür, dass ich vorrückte in der Warteschlange. (Hans-Ulrich Treichel: Frühe Störung)


Hinrichtung

Weil sich das Mädchen immer noch wehrte, stand vor allem der plumpe Knecht auf der Seite des Damplatzes armfuchtelnd im Blickfeld. Was für ein Ringen, um Elsje auf den Stuhl mit der niedrigen Rückenlehne zu kriegen. Im Publikum war wahrscheinlich der kleine Voyeur auf dem Laternenpfahl der einzige, der richtig, auf nur wenige Meter Entfernung, hat verfolgen können, wie dem Mädchen eilends die Luftröhre abgeschnürt wurde. Trotzdem hat jeder gemeint zu sehen, was der kleine Junge sah, auch später, in der Erinnerung. Man war dabei, man nahm daran teil, sah gefesselt der pikanten Grausamkeit zu, die sich vor jedermanns Augen vollzog, manche waren drauf und dran, böse auf dieses verflixte Mädchen zu werden. Dann war es plötzlich vorbei. Ein Mädchen, das nicht mehr atmen kann, kann auch nicht mehr schreien, mag sie den Mund noch so weit aufreißen und die Augen dazu. Es wurde still, will sagen, die Glocken kamen jetzt zu ihrem Recht. Vor allem die Männer, die von Amts wegen ganz nah, an den Fenstern, saßen, hatten wohl genau gemerkt, was in den Umgebungsgeräuschen plötzlich fehlte. Und auf dem Schafott, dem Podium, wurde es auch in anderer Hinsicht still. Die Gruppe, die die Schlußszene bestritten hatte, das Mädchen, der Henker und die Knechte, fror in jener akuten Reglosigkeit ein, die in den Filmen späterer Jahrhunderte Standfoto genannt werden würde. So etwas dauert immer ein bißchen. Um ganz sicher zu sein, daß die Lungenbläschen kein Molekül Sauerstoff mehr aufnehmen, das Herz kein Tröpfchen Blut mehr pumpt und die Seele nicht den kleinsten Reiz mehr an die sterbliche Hülle weitergibt, braucht es, wie jeder Henker weiß, einige Zeit. (Margriet de Moor: Der Maler und das Mädchen)


Sein ist jämmerlich

Die Menschen sollten besser sterben, als geboren zu werden, Geburten sind unwürdig, es ist niedrig, im Erscheinen auf der Welt die eigene Existenz einzufordern. Der Tod ist eine hochmütige, doch stolze Tat - indem wir uns der Nichtexistenz zuwenden, wählen wir das Würdigere. Denn dem Leben wohnt etwas Beschämendes inne, Dasein, das ist wie beim Abendessen laut Darmwinde zu lassen, Sein ist jämmerlich, Sein ist lächerlich, ungut. Nichtsein - das ist das Raffinierte. Nichtsein ist elegant. Ich schäme mich dafür, dass die Verantwortung für den Missgriff, ich selbst zu sein, auf mir lastet, für die Taktlosigkeit meiner Geburt, die Peinlichkeit, dass ich immer noch lebe, statt mich selbst zu erschießen oder mich von den Deutschen erschießen zu lassen und durch den Tod ein eleganter Mensch zu werden. (Szczepan Twardoch: Morphin)


Großmamas Beerdigung

Bei Großmamas Beerdigung konnte ich auch nicht weinen, nicht vor den Leuten, die aussahen, als hätten sie Angst, sich zu erkälten, im Januar, auf dem verschneiten Friedhof, denn ein Toter zieht einen anderen nach, und ich starrte beklommen auf den Priester, diesen fußballspielenden jungen Heiligen, der auf einer Planke über die Grube balancierte, im schneeweißen Chorhemd, die Stola mit pathetischen Goldstickereien über der Brust, und die Planke wippte und bog sich unter ihm, und meine Mutter, jeder Zoll Große Oper in ihren schwarzen Schleiern, flüsterte mir hinterm Taschentuch zu: Die Leute müssen dich ja für gefühllos halten, du weißt doch, daß wir beobachtet werden, über dich wird ohnedies genug geredet... aber was wußte die denn, meinen Kranke-Katze-Tag hatte ich hinter mir, und wenn ich mit einem aus der ganzen gottverdammten Familie verwandt war, dann mit der Großen Alten Dame)... (Brigitte Reimann: Franziska Linkerhand)


Eine Sauerei

"Es ist eine Sauerei mit dem Sterben", sagte er. "Man wird einfach weniger mit der Zeit. Bei dem einen geht es schnell, beim Nächsten kann es dauern. Von der Geburt an verlierst du eines nach dem anderen: zuerst einen Zeh, dann einen Arm, zuerst einen Zahn, dann das Gebiss, zuerst eine Erinnerung, dann das ganze Gedächtnis und so weiter und so fort, bis irgendwann nichts mehr übrig bleibt. Dann hauen sie den letzten Rest von dir in ein Loch und schaufeln es zu und fertig." (Robert Seethaler: Ein ganzes Leben)


Totenfarbe

Die Hähne hatten schon mehrmals gekräht, als er zu dem Bett trat, in dem jetzt alles vorbei war. Sein Atem stockte. Mit einem Schrecken, wie ihn nur der empfinden kann, der erst vor ganz kurzer Zeit gesehen hat, daß ein Kranker, so schlecht es ihm auch gehen mag, noch immer voll und ganz lebt, betrachtete er ihre Totenfarbe. Kölnische Erde und Weiß, Umbra und Weiß, Schwarzlack und Weiß, bläuliches Violett, Fahlgelb, Blaßgrün wie von der unreifen hellen Traube. (Margriet de Moor: Der Maler und das Mädchen)


Anders als die Tiere

Seine Hand war feucht und kalt. Sie hielt sich an Philips mit schwacher, aber verzweifelter Kraftanstrengung fest. Der alte Mann kämpfte mit der Todesangst. Philip musste daran denken, dass jeder so etwas durchstehen musste. Wie schrecklich das war! Und doch gab es Menschen, die an einen Gott glaubten, der es zuließ, dass seine Geschöpfe so grausame Qualen litten. Philip hatte seinen Onkel nie gemocht, zwei Jahre lang hatte er jeden Tag seinen Tod herbeigewünscht, und doch konnte er das Mitgefühl nicht unterdrücken, das ihm jetzt das Herz überschwemmte. Welch einen Preis musste man dafür zahlen, dass man anders war als die Tiere! (William S. Maugham: Der Menschen Hörigkeit)


Ich bedauere nichts

"Es ist Narrheit, dieses christliche Argument, dass man mit dem Tod im Blick leben solle. Leben kann man nur, indem man vergisst, dass man einmal sterben muss. Der Tod ist unwichtig. Die Furcht davor sollte bei einem weisen Mann nicht eine einzige seiner Handlungen lenken. Ich weiß, dass ich beim Sterben schrecklich nach Atem werde ringen müssen, und ich weiß, dass ich mich fürchterlich ängstigen werde. Ich weiß auch, dass ich schließlich das Leben bitterlich bedauern werde, das mich in diese Patsche gebracht hat; aber ich erkenne dieses Bedauern nicht an. Jetzt halte ich, alt, krank, arm, dem Tod nah, meine Seele noch fest in der Hand, und ich bedaure nichts!" (William S. Maugham: Der Menschen Hörigkeit)


Nach der Beerdigung

Als nach der Andacht die wenigen Trauergäste gegangen waren, stand er allein im kalten Novemberwind und blickte auf die beiden Gräber, eines noch geöffnet, das andere ein mit dünnem Rasenpelz bedeckter Hügel. Er drehte sich um auf dem kleinen, kahlen, baumlosen Friedhof, auf dem Leute wie sein Vater und seine Mutter begraben lagen, und blickte über das flache Land zur Farm, auf der er geboren worden war und auf der seine Eltern ihre Leben verbracht hatten. Er dachte daran, was ihnen Jahr um Jahr die Erde abverlangt hatte, die doch blieb, wie sie gewesen war - nur vielleicht ein wenig karger, ein wenig ärmer. Nichts hatte sich geändert. Ihr Leben war in freudloser Arbeit verausgabt, ihr Wille gebrochen, ihr Verstand betäubt worden. Jetzt lagen sie in der Erde, der sie alles gegeben hatten, und langsam, Jahr um Jahr, würde die Erde sie sich holen. Feuchtigkeit und Fäulnis würden sich über die Kiefernkisten hermachen, in denen ihre toten Körper lagen, würden langsam auch auf ihr Fleisch übergreifen, bis schließlich auch die letzten Spuren ihrer Existenz vernichtet waren. Dann würden sie ein bedeutungsloser Teil der widerspenstigen Erde geworden sein, der sie sich schon vor langer Zeit verschrieben hatten. (John Williams: Stoner)


Letzte, stumme Geste

Am darauffolgenden Montag entdeckte ihn der Hausmeister kurz nach dem Morgengrauen (...). Sloane saß zusammengesunken auf dem Stuhl an seinem Schreibtisch, der Kopf seltsam schief, die Augen offen und in schrecklichem Blick erstarrt. Der Hausmeister sprach den Professor an und lief gleich darauf schreiend durch die leeren Korridore. Ehe man die Leiche aus dem Büro entfernen konnte, kam es zu einiger Verzögerung, weshalb sich bereits mehrere Studenten auf den Fluren herumtrieben, als die seltsam gekrümmte, mit einem Laken bedeckte Gestalt auf einer Trage die Treppe hinab zum wartenden Krankenwagen gebracht wurde. Später stellte man fest, dass Archer Sloane irgendwann am späten Freitagabend oder frühen Samstagmorgen eines offenkundig natürlichen Todes gestorben war und folglich das ganze Wochenende an seinem Schreibtisch gesessen und endlos vor sich hin gestarrt haben musste. Der Leichenbeschauer nannte als offizielle Todesursache Herzversagen, doch blieb William Stoner davon überzeugt, dass Sloane in einem Augenblick der Verärgerung und Verzweiflung sein Herz willentlich zum Stehen gebracht hatte, gleichsam in einer letzten stummen Geste der Liebe und Verachtung für eine Welt, die ihn so umfassend verraten hatte, dass er es nicht länger ertragen konnte. (John Williams: Stoner)


Krieg & Tod

In jenem Sommer des Jahres 1918 weilten seine Gedanken oft beim Tod. (...) Hatte er zuvor an den Tod gedacht, war er für ihn ein literarisches Ereignis gewesen oder der langsame, stille Verfall unvollkommenen Fleisches im Laufe der Zeit. Die Explosion von Gewalt auf einem Schlachtfeld war ihm dabei nie in den Sinn gekommen, der Blutschwall aus aufgeschlitzter Kehle. Er dachte über den Unterschied zwischen diesen Sterbensarten nach, darüber, was er zu bedeuten hatte, und spürte, wie in ihm jene Bitterkeit wuchs, die er einmal im Herzen seines Freundes David Masters entdeckt zu haben meinte. (John Williams: Stoner)


Todeskampf

Als er zum Bett zurückkam, richtete sie sich auf und streckte ihm die Arme entgegen, unerträgliches Entsetzen im Blick."Vanny, ich bin ..." Sie fiel zurück und lag reglos da. Er kniete am Bett nieder und nahm ihre Hand; kurz darauf wurde ihr Atem zu einem abgehackten, gequälten Keuchen. Eine tödliche Kälte überkam ihn. Dieses Keuchen klang, als werde etwas aus seiner Verankerung gerissen. Ihre Augen waren geschlossen, und sie schien nicht zu wissen, dass er da war. (...) Sie traten ans Bett, und Hayes beugte sich über Laura Lou. Ihre Augen waren jetzt geöffnet. Sie blickte unverwandt zu den beiden Männern auf und durch sie hindurch ins Unbekannte. Ihre Hand zupfte am Leintuch. Plötzlich holte sie kurz Atem und war dann wieder still. Vance und Hayes standen Seite an Seite, ohne ein Wort zu sagen. Ihre Hand hörte auf zu zupfen, sie lag still auf dem Betttuch, papieren und zart wie ein totes Blatt. Hayes beugte sich hinunter, hielt seinen runden, kurz geschorenen Kopf dicht vor ihre Lippen und richtete sich langsam wieder auf. "Sie ist tot", sagte er. (Edith Wharton: Ein altes Haus am Hudson River)


Die Kränkung des Wegseins

... verging kaum ein Tag, an dem ich nicht für ein paar Sekunden an mein vorhersehbares Wegsein denken musste. Es war nicht das Sterben an sich, auch nicht der Abschied von den Menschen, die ich liebte, sondern nur dieses Wegsein, mein Wegsein, das mir so unverständlich blieb wie die Unendlichkeit des Weltalls oder der Urknall, der ja sofort die Frage aufwarf, was vor dem Urknall passiert war, damit er überhaupt zustande kommen konnte. Dabei kam mir der Tod anderer Menschen, sogar der meiner Mutter, durchaus natürlich vor. Menschen wurden geboren, und wenn sie alt oder krank waren, starben sie. Milliarden Menschen waren zuerst da und dann weg. Aber es gelang mir nicht, mich in diese Natürlichkeit einzureihen. Mein eigener Tod blieb für mich eine absolut unvorstellbare, wenn auch mit Sicherheit zu erwartende Angelegenheit. Ich konnte mich auch nicht mit dem Gedanken trösten, dass es nach dem Sterben eigentlich nicht schlimmer sein konnte als vor dem Geborenwerden, womit ich ja keine schlechte Erinnerung verband, aber die Kränkung lag eben im Wegsein, während alles andere, die Stadt, die Straße, das Haus, der Stuhl, die Bilder, das Bett, noch da sein würde. In solchen Augenblicken wäre ich gern religiös gewesen und beneidete alle Menschen, die ernsthaft an einen Gott und ihr Weiterleben nach dem Tod glaubten, obwohl ich nicht verstand, wie ihnen das gelingen konnte. (Monika Maron: Zwischenspiel)


Der Tod ist wie die Kunst

Mit dem Tod verhält es sich wie mit der Kunst. Der Ausdruck des Schmerzes, auf Leinwand gebannt, überdauert den Lebensmoment, dem er entliehen war, um eine Ewigkeit. Auch die Ursache des Schmerzes interessiert nicht mehr, nur der ewige, alle je gefühlten Schmerzen vereinende Schmerz auf dem Bild bleibt. Denken Sie an Munchs "Schrei". Müssen wir wissen, welches Entsetzen die Person, von der man nicht einmal sagen kann, ob sie Mann oder Frau ist, Mund und Augen so aufreißen lässt? Der Tod ist wie die Kunst. Dem verkommensten, verfehltesten Leben folgt er als erhabener Schluss. Der Tod adelt Betrüger, Mörder, Säufer und alle anderen Tunichtgute, er nimmt sie gnädig zurück als misslungene Schöpfungsversuche der Natur in das große Recyclingdepot, wo Gut und Böse einträchtig vermodern. Glauben Sie mir, Gnädigste, nichts ist echter als der Tod. Das Leben ist reiner Zufall. Allein unsere Zeugung ist ein Witz. Man stelle sich vor: ein Mann und eine Frau, die in nüchternem Zustand niemals zueinander gefunden hätten, von der Laune der Trunkenheit und, sagen wir, einem romantischen Mondlicht getrieben, vereinen sich für eine Nacht, schon haben wir die zufälligen Eltern. Der nächste Zufall ist, ob so ein Spermalein nun sein Ziel findet oder nicht; dann, ob die Mutter, nachdem sie uns empfangen hat, uns auch behalten will, und für den Fall, sie will, mit welchem Erbgut ausgestattet wir dann unser Leben zu bewältigen haben: schön oder hässlich, begabt und klug oder mit Dummheit geschlagen wie die meisten, stark oder schwächlich. Alles nur Zufall. Welch eine demütigende Voraussetzung für ein Leben. Der Tod aber ist ein Ritter, ehrlich und zuverlässig. Für den Tod gibt es keinen Zufall, er lässt niemanden zurück. Und erst im Dunkel des Todes erscheint unser Leben im rechten Licht. (Monika Maron: Zwischenspiel)


Der Verlust der Kontrolle

Das mindestens ebenso Empörende ist, dass sich unser Ende so gar nicht an unsere Sterbeerwartung hält. Laut Umfragen gehen die meisten von uns davon aus, wenn es denn schon unbedingt sein muss, in einem sehr hohen Alter (also frühestens mit 90 Jahren), von lieben Menschen betreut, zu Hause, schnell und schmerzlos, in Würde, also mit Kontrolle über alle Entscheidungen das eigene Sterben betreffend, den Löffel abzugeben. In Wirklichkeit aber werden 80 Prozent in einem Pflegeheim oder in einem Krankenhaus ihr Leben verlieren. Dort übernehmen dann oft andere das Lenken und Denken. Sie entscheiden über Behandlungen, darüber, in welcher Klinik man landet, welche Maßnahmen ergriffen werden, über Beatmung ebenso wie über Dialyse, Organersatz, künstliche Ernährung oder den Einsatz von Psychopharmaka; darüber, ob dort ein Gitter ans Bett kommt, ob man mit Medikamenten oder sogar mit Fesselungen ruhiggestellt wird. Plötzlich wird über das Intimste und das vielleicht Schwerste im Leben, das Sterben, von Leuten entschieden, mit denen man, wie mein Deutschlehrer zu sagen pflegte, nicht einmal in demselben Briefkasten übernachtet hat und das ganz bestimmt auch nicht tun würde. Hätte man noch die Wahl. Hat man aber nicht. Die Kontrolle über die wesentlichen Dinge haben längst andere übernommen: ob die Wohnung aufgelöst wird, ob lebenserhaltende oder -verlängernde Maßnahmen unternommen oder unterlassen werden. Ob man etwa eine PEG-Sonde bekommt, die einen gemeinsam mit einem stabilen Herzen in ein Gemüse mit exzellenten Lagereigenschaften verwandelt und damit in eine echte Trophäe für profitorientierte Pflegeheime: höchste Pflegestufe, keine Scherereien. (Constanze Kleis: Sterben Sie bloß nicht im Sommer)


Ganz am Ende

Christine Franken hatte nicht lange leiden müssen. In den Zwanzigerjahren, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, hatten viele Ärzte Heroin im Arzneischrank, auch der Dorfarzt. Nachdem seine Schafsläuse keine durchschlagende Wirkung gezeigt hatten, kam er mit einer Spritze. Die Gesichtszüge der Sterbenden entspannten sich, ihr Atem ging langsam und rasselnd. Das Schnarchen wurde immer schleppender, aber es gab keine Anzeichen von Agonie. Irgendwann atmete sie vielleicht noch einmal in der Minute, dann tat sie ihren letzten Atemzug. Man sah den Tod, bevor man ihn begreifen konnte. Das Leben wich aus ihrem Körper, die Farbe lief von oben aus ihr heraus, als hätte jemand an den Füßen einen Stöpsel gezogen. Die Familie hatte sich am Sterbebett versammelt. Keiner sagte etwas, alle blickten auf den Leichnam, der plötzlich nicht mehr im Mindesten an ihre Mutter erinnerte. Kattys Vater beugte sich nah über das Gesicht seiner Frau, um zu spüren, ob noch Luft aus ihrem Mund kam. Er drückte ihre Augen zu, küsste sie auf die Stirn und verließ den Raum. Die Kinder taten es ihm nach und folgten ihm ins Wohnzimmer. (Anne Gesthuysen: Wir sind doch Schwestern)


Tod und Zahl

509 setzte sich gegen die Barackenwand. Sie hatte noch etwas Wärme von der Sonne behalten. Bucher kam und setzte sich neben ihn. "Sonderbar", sagte er nach einer Weile. "Manchmal sterben hundert, und man fühlt nichts, und dann stirbt ein einzelner, einer, der einen nicht mal viel angeht - und es ist, als wären es tausend." 509 nickte. "Unsere Einbildungskraft kann nicht zählen. Und Gefühl wird durch Ziffern nicht stärker. Es kann immer nur bis eins zählen. Eins - aber das ist genug, wenn man es wirklich spürt." (Erich Maria Remarque: Der Funke Leben)


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