Bibliomane Plaudereien (4) [<<]

Jeremiaden eines bücherlesenden Krankenpflegers



Mehr dem Bauchgefühl vertrauen

Lektüreplanung, ok. Worauf ich vor allem anderen achtgeben sollte, ist mein Bauchgefühl. Selbst ich als früherer Vielleser, mit Jahrzehnten an Erfahrungen als Leser, vertue mich noch. Das hängt von Beeinflussungen ab, wenn man Impulsen von außen gehorcht, die man besser ignoriert hätte. Das hängt von Sturheit ab, wenn man beispielsweise partout bei einem Autoren bleiben will, obwohl man insgeheim bereits erkannt hat, daß es mit ihm vorbei ist. So geschehen im letzten Jahr mit Stefan Zweig, den ich einfach nicht mehr ertrage. Nach der mehr als zweijährigen Leseflaute (2013 bis 2015) mußte ich mir ein Leben als Leser erst wieder neu erarbeiten. Ja, es war mühsam, ist keineswegs abgeschlossen; der status anterior konnte nicht restauriert werden. Mein jetziges Bücherleben ist anders als das frühere, weniger unbeschadet, weniger unbelastet, skrupulöser, in den Entscheidungen irrtümlicher. Meine Ungeduld ist gewachsen, Bücherabbrüche häufiger, der generelle Verzicht auf gewisse Literatur, Bücher oder Autoren eingedenk der schwindenden Lebenszeit einschneidender und konsequenter. Ich vertue mich, wie oben erwähnt, immer noch; und ich beobachte, daß Reinfälle immer dann, wenn ich entgegen meiner Intuition entschieden habe, vorprogrammiert gewesen waren. Beim letzten Buch, der Wiederlektüre von Amelie Nothombs "Die Reinheit des Mörders" hatte ich rasch das Gefühl, es müsse nicht mehr sein. Bei John Updikes "Heirate mich!", vor einer Woche gelesen, kam mir der Plot stupide vor, verließ mich nach 50, nach 100, nach 150 Seiten die Lust, weiterzulesen. Durchgehalten habe ich, es verbesserte den Eindruck, den ich vom Buch gewonnen hatte, nicht. Ich hatte also gegen die Maxime, an Autobuy-Autoren nicht herumzukritteln, nicht verstoßen und mußte das bezahlen. Daß ich einen Updike verschmähe, geht doch nicht! Solche Sakrilege zu begehen, werde ich mich in Zukunft durchringen müssen, wenn ich die Leselust nicht gänzlich einbüßen möchte. Mehr dem Bauchgefühl vertrauen, wie ich es mit meinem aktuellen Buch - "Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster" von Susann Pásztor machte. Davon gehört, spontanes Nicken und das beinahe physische Gefühl, der Begierde auf das Lesen des Buches zusehen zu können. Gesagt, getan, et voila, ein Volltreffer. Ein Klassebuch über das Sterben und die Menschen, die zusehen und damit klarkommen müssen. Indem ich gerade meine LGB (Liste geleser Bücher) rückwärts durchging, fiel mir auf, daß die Reinfälle nicht häufig vorkommen. Warum dann mein Ärger so stark gerät? Ärger über die vergeudete Lesezeit, die man mit anderen Büchern besser ausgefüllt hätte? Oder eher Ärger, wieder gegen seine Intuition gehandelt zu haben? Die virtuelle Buchentscheidung ist übrigens problematischer als die, der ein haptischer Kontakt mit dem Buch vorausging. Wenn ich ein Buch in der Hand hatte, kann ich viel zielgenauer vorausssagen, ob die Lektüre erfüllend wird oder nicht. Da ich jedoch mehr und mehr E-Books lese, muß ich auf mögliche Enttäuschungen reagieren, indem ich erstens meinem Bauchgefühl folge und Fehlentscheidungen schneller abhake und Buchabbrüche konsequenter riskiere. (25.2.2017)


200 Books a Year

Die mit und in den sozialen Netzwerken verbrachte=verplemperte Zeit würde für die Lektüre von jährlich 200 Büchern reichen. Die Devise wäre demnach, auf Schnickschnack zu verzichten und zu lesen. Klingt irgendwie einfach. Charles Chu macht die Rechnung auf, man benötige, um 200 Bücher zu lesen, 417 Stunden. Das wären täglich gerade mal 80 Minuten, die man investieren müßte. Und im Vergleich zu den 608 Stunden für soziale Medien und die 1642 Stunden, die der Durchschnittsamerikaner vor der Glotze verbringt, ein Klacks. Wenn man denn nur will. Und Chu gibt noch einen Tipp: "Willpower is not a good tool for lifestyle change. It always fails you when you need it most. Instead of relying on strength of mind, build a fortress of habits — these are what will keep you resilient in tough times." Gewohnheiten ändern, am besten durch Kleinigkeiten. Ehrlich? Ich bin ziemlich angefixt von der Idee. Meinem Leben etwas Drive zu verpassen, indem ich anfange, an kleinen Stellschrauben zu drehen, um am Ende die wirklich entscheidenden Dinge zu schaffen, worunter ich vielleicht keine 200 Bücher pro Jahr zähle; aber die alte Marke von 150, die ich zwischen 1997 und 2013 mühelos schaffte, wäre schon ein Ziel, auf das hin ich etwas verändern wollte. Letztlich geht es in dem Artikel von Chu nicht darum, das Quantum zu puschen, sondern denjenigen, die behaupten, keine Zeit für Bücher zu haben, zu zeigen, daß das Quatsch ist. Denn derjenige, dem sie etwas wert sind, braucht täglich gar nicht so viel Zeit. Er muß sie nur konsequent und unabgelenkt nutzen. - Eine Festung an (neuen) Gewohnheiten. Margriet de Moor schreibt: "Sich etwas anzugewöhnen ist meist ein schleichender Prozess." (Mélodie d'amour). Womit fängt man an? (31. Januar 2017)


Jammern über den Kindle Paperwight

Der Umstieg vom Kindle 4 auf den Kindle Paperwight gestaltet sich holpriger als erwartet. Mit der Benutzerführung per Touchscreen komme ich nicht zurecht, speziell mit dem Blättern. Das Vorwärtsblättern gelingt nur, indem man in die rechte untere Hälfte tippt. Wenn man das Gerät aber mit der rechten Hand hält wie ich überwiegend, ist man gewzwungen, den Haltvorgang so zu varriieren, daß an mit dem einem Finger der rechten oder linken Hand diese Position erreicht. Bislang, mit dem alten Gerät, konnte ich mit dem rechten oder linken Daumen die physische Taste drücken, ohne die Position des Readers verändern zu müssen, wobei er dann oft genug gänzlich aus der Hand gleitet und man gezwungen ist, dessen Lage neu zu justieren. Außerdem lande ich häufig, wenn ich vorhatte, mir durch Tippen in den oberen Bereich das Menü anzeigen zu lassen, eine erkleckliche Anzahl von Seiten jenseits der aktuellen Position im Buch und finde sie nur mühsam wieder, weil ich (noch) nicht weiß, ob ich kapitelweise verrutscht bin oder wie überhaupt. Mal springe ich Positionen vorwärts, dann, wenn ich an die gleiche Stelle, beispielsweise in den linken oberen Quadranten tippe, wieder rückwärts. Ein System konnte ich noch nicht ausmachen. Ich will meine Tasten wieder, um auf traditionelle, physische Weise zu navigieren. Was ich auch nicht bedacht hatte: daß der Paperwight schwerer ist als der Kindle. 206 Gramm gegen die gewohnten 170 mögen als Peanuts erscheinen. Beim aktuellen Kindle (5. Generation) wären nur 161 Gramm zu halten. Mein Bauchgefühl hatte mir gesagt, beim Gewohnten zu bleiben, auch wenn dies gar nicht mehr möglich ist, weil die aktuelle Generation ebenfalls auf physikalische Tasten zum Navigieren verzichtet. Ich ließ mich von der höheren Auflösung und der Beleuchtung im Zusammenhang mit dem Aktionspreis von 80 Euro (statt 120.-) verführen. Die angeblich bessere Auflösung merke ich nicht. Vielleicht ist dieses Nichtwahrnehmen eine Trotzreaktion. Halte ich die beiden Reader nebeneinander, fällt nur das hellere Display des Paperwight ins Gewicht. Die Schrift ist bei beiden gestochen scharf. Nörgeln hilft nun, da ich den Kauf getätigt habe, nicht mehr. Es heißt, sich in die Gegebenheiten einzufinden, damit zu leben. Und so schlecht ist der Kindle Paperwight nicht, so daß mein Jammern auf hohem Niveau geschieht. Der Umstieg mußte sein, weil die altersbedingten Pixel bzw. Displayfehler des alten Gerätes überhand genommen hatten. (24. Dezember 2016)


Zeiten, in denen man nicht liest

"Fernsehen gucken, vor allem viel gucken, heißt immer auch andere Dinge nicht oder kaum zu tun." (Macht Fernsehen glücklich?) - Es ist nicht nur die Frage, was etwas anrichtet, sondern auch, was es nicht anrichtet, was es verunmöglicht und ausschließt. In der Zeit, in der ich meine Twitter/Facebook-Timelines checke, kann ich nicht lesen. In der Zeit, in der ich Serien gucke, kann ich nicht lesen. In der Zeit, in der ich im Internet surfe, Youtubevideos en masse vertilge, Audioangebote (wenn auch des Deutschlandfunkes) wahrnehme, kann ich nicht lesen. Allein das Checken der Timeline von Twitter, Facebook und What's app und das Reagieren darauf kann 30 bis 45 Minuten beschlagnahmen. Wenn man aktiv wird, reagiert, antwortet und Antworten entgegennimmt, silch also ein Austausch ergibt, in dem möglicherweise Forderungen nach weiteren Aktionen entstehen (etwas anzugucken oder nachzugucken, etwas zu eruieren), verdoppelt sich diese Zeit gut und gerne. Eines führt zum anderen und an vielen Tagen sind auf diese Weise ruckzuck 3 bis 4 Stunden weg, ohne daß man den Tag großartig selbstbestimmt genutzt hätte. Stattdessen ist man in ihn hineingerutscht und folgt den Gegebenheiten und Routinen eines Lebens mit den vielen neuen Medien. So angenehm das oft ist, so schön es ist, über lustige Videos und Bilder lachen zu können, so klar tritt auch die Erkenntnis zutage, daß man in dieser Zeit nicht liest, daß man die Zeit als weggenommen erlebt, daß sie einen Kokon schafft, in dem man sich fremdbestimmt vorkommt, inaktiv bzw re-aktiv. Solche Abläufe führen dazu, daß die Zeit rast. Ausgelöst wurden diese Betrachtungen durch ein Zitat aus dem Roman "Aus dem Sinn" (DNB) von Emma Braslavsky: "Mach dich doch für eine Weile dünn! Laß die doch ihren Kram machen... Eduard ließ die Tür ins Schloß fallen. 'Ich habe wirklich eine Gesellschaftspause nötig'." - Solch ein Aussetzen, eine Gesellschaftspause, eine Pause von den sozialen Medien, vom ständigen Gemeintsein, Angesprochensein bzw. Sich-Angesprochen-Fühlen, vom Hamsterrad nie nachlassender Aufmerksamkeit und ob des Dauerfeuers durch den Impulsbeschuß bröckelnder Konzentration erscheint sehr verlockend und begehrenswert. (23.11.2016)


Erzählungen W.S. Maughams

Wenn man einen Autoren mag, der viel geschrieben hat, ist das einerseits ein Grund zur Freude, weil man öfter und mehr in den Genuß der Lektüre eines seiner Bücher kommt als bei einem Autoren mit eher schmalem Oeuvre; andererseits ein Grund zum Ärger, wenn derjenige Vielschreiber massenhaft Erzählungen verfaßt hat, weil man hierbei nämlich genötigt ist, Erzählbände zu erwerben. Erzählbände aber sind wie die Schar in einer kinderreichen Familie mit verzweigter Verwandtschaft. Man weiß nicht sofort, ob Sohn, Tocher oder Cousin, Cousine. Gehören bestimmte Erzählbände zusammen zu einer Ausgabe Gesammelter Werke oder sind es vereinzelte Publikationen, handelt es sich um Jubiläumsbände oder Bände einer neu zusammengestellten Sammelausgabe des gleichen Verlages? Man kann darob wahnsinnig werden! Ich nun lese und liebe William Somerset Maugham. Seit 1998 las ich 7 broschierte Erzählbände und 7 Romane aus dem Züricher Diogenesverlag. Die Erzählbände habe ich unsystematisch erworben. Immer wenn mal ein Titel preiswert antiquarisch in Sichtweite kam, griff ich zu, bestellte und las. Je mehr man bei der Lektüre eines Vielschreibers vorangekommen ist, desto zwingender stellt sich die Aufgabe einer Systematik, wenn man Vollständigkeit beabsichtigt. Allein schon, um die bereits gelesenen Bücher von noch zu lesenden differenzieren zu können, kommt man um ein systematisches Vorgehen nicht mehr herum. Man benötigt Ordnung, man muß sich eine Liste machen, man muß vor allem und unbedingt herausfinden, was es an Ausgaben gibt, welcher Verlag sich hauptsächlich um die Bücher kümmert. Man muß Werk- und Werkteilausgaben sichten und dann mit dem eigenen Bestand vergleichen, um dann als Extrakt diejenigen Werke benennen zu können, die noch zu kaufen sind. Die im Klassikerforum als Übersicht aufgeführten Ausgaben - 1972 (4-bändig, broschiert), 1976 (10-bändig, kartoniert), 2005 (2-bändig, gebunden und 2008 (6-bändig, broschiert) - verursachen bei mir zunächst nur ein Fragezeichen über dem Kopf, dem möglichst bald und mit präziser Antwort eine Glühbirne folgen sollte. Nachdem ich recherchiert habe, weiß ich, daß ich 7 von 10 Bänden der 1976er Ausgabe besitze und las, daß mir demnach 3 fehlen. Die zweibändige, gebundene Ausgabe der Gesammelten Erzählungen von 2005 mit insgesamt 2674 Seiten umfaßt die "Ost und West. Gesammelte Erzählungen I" (East and West, 1934) sowie Der Rest der Welt. Gesammelte Erzählungen II (The World Over, 1952). Um herauszubekommen, wie sich beide Ausgaben zueinander verhalten, bräuchte man einen Verlagsmenschen oder müßte in der Nationalbibliothek die enthaltenen Erzählungen miteinander abgleichen. Deckungsgleichheit wäre toll. Die 2008er Erzählbände dagegen verwirren wiederum; denn zum einen sind 3 der Titel identisch mit der 10-bändigen Edition, 3 allerdings weichen von ihr ab. Neuzusammenstellung oder nur Umbenennung? Inhalt abweichend? Man weiß es nicht. Zu allem Überfluß existiert eine vierbändige Ausgabe mit Erzählungen, die 1972 verlegt worden war und die ich, um nicht ansatzlos dem Wahnsinn zu verfallen, außen vor lasse. Das Problem mit der Übersicht bei Erzählungen hatte ich bereits bei Cechov (BücherWiki) und bei Schnitzler. Die vor zehn Jahren zusammen getragenen Angaben halfen schon mehrfach. Solche bibliografischen Orientierungspunkte hinsichtlich verlegerischer Leistungen, die etwas Ordnung bei Autoren schaffen, die viel geschrieben haben und von denen es viele Ausgaben gibt, sollte es öfter geben. -- Nachtrag: Für Antworten auf Fragen zu Buchreihen und Editionen habe ich eine gesonderte Datei ins Leben gerufen. Fazit für mich ist, die 10-bändige Taschenbuchausgabe zu komplettieren, indem ich die restlichen drei nachkaufe. (8./9.11.2016)


Der eigene Literaturgeschmack

Der eigene Literaturgeschmack wird herangebildet und entscheidet welche Art von Büchern wir mögen, welche uns faszinieren oder welche uns langweilen. Deren Qualität ist hierbei nur bedingt grundlegend. Es gibt Bücher, die uns einfach nichts sagen, auch wenn sie literaturhistorisch noch so einflußreich und allgemein anerkannt sein mögen. Tim Parks greift in seinem Buch Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen eine Theorie auf, derzufolge unser Blickwinkel auf Literatur von der Wertegemeinschaft geprägt wird, in der wir uns positioniert haben, was üblicherweise in Kindheit und Jugend geschieht, so daß Familie und Erziehung die wichtigsten Indikatoren für diesen Prozeß darstellen. Aus diesen Einflüssen heraus findet später eine bestimmte Literatur bestimmte Leser. Wegen eines Themas, das uns fesselt, wegen eines Stils, der uns vertraut ist und nahe geht, vielleicht wegen biografischer Kongruenzen mit dem Autor, dessen Erlebnisse die eigenen berühren, aufgreifen, wiedergeben... Es ist eine Form des Topf-Deckel-Prinzips, so daß man im Irrgarten möglicher Lektüren diejenigen Kritiker bzw. "Vor(her)"Leser finden muß, die der eigenen Befindlichkeit nahe kommen, die sich ähnlich positioniert haben. Wenn ich beispielsweise kein Faible für die Seefahrt habe und eine lebenslang währende Aversion gegen "Moby Dick" hege, hat das nichts mit dem literarischen Wert des Melville'schen Buches zu tun, sondern nur mit meiner Position. Aus welchen Gründen auch immer. Und wenn ich jeden Genazino oder Philip Roth verschlinge oder Suaden-Literaten wie z.B. Thomas Bernhard bevorzuge, dann mag das an meinem generellen Gefühl des Unbehaustseins liegen, welches ich durch jene Schriftsteller so niedergeschrieben finde, daß ich mich davon berührt und erkannt sehe. Tim Parks letztes Diktum "Wenige Werke der Kunst können universellen Reiz ausüben" zeigt auch, daß bestimmte Theme wie Liebe, Tod, Krankheit logischerweise mehr Menschen faszinieren als meinetwegen die literarische Darstellung einer Menage a trois oder die Selbstbekenntnisse eines Zirkusclowns. (6. November 2016)


Jean-Paul-Angstneurose

Im lesenswert-Quartett wurde im Juli Jean Pauls "Des Luftschiffers Gianozzo Seebuch" behandelt (ab Minute 42). Die Erzählung ist im Anhang des Titan zu finden, aber auch eigenständig in der Insel-Bücherei erschienen bzw. bei zeno.org als E-Book herunterladbar. Im Klassikerforum wird es demnächst eine Leserunde dazu geben; ich schrieb in diesem Zusammenhang: "'Siebenkäs' und 'Die Flegeljahre' las ich bereits und wollte mich nun dem immer wieder erwähnten Titan stellen. Das Problem ist, daß meine letzte Jean-Paul-Lektüre 2006 stattfand und ich inzwischen durch diverse Lesekrisen geschlittert bin und sich meine Literaturrezeption auch durch das zunehmende Alter verändert hat, sprich ich bin unleidlicher, ungeduldiger geworden und wohl nicht mehr so auf der Höhe der Zeit und Lesekraft. Um mal zu spenglern, befürchte ich, dann nach dem Titan-Versuch resigniert sagen zu müssen: Wenn Leser sich verheben..." Der Titan steht seit so vielen Jahren als ungelesener Monolith vor mir, daß ich schon zu zittern anfange, sobald nur der Name erwähnt wird. Eine richtiggehende Angstneurose. Gibt es so etwas, eine Jean-Paul-Angstneurose? Merkwürdigerweise rang ich mich nie ernsthaft durch, eine Leseweise zu probieren, mit der man dem Konvolut des Jean Paul'schen Werkes angemessen begegnen könnte. Nämlich häppchenweise, aber stringent kontinuierlich täglich nur fünf Seiten lesen. Alljährlich kämen so über 1800 Seiten Lektüre heraus. In wenigen Jahren hätte man sich durch die großen Werke durchgelesen. Täglich nur fünf Seiten! Das wäre schaffbar, wenn man nicht an die menschliche Verfaßtheit im allgemeinen und meine eigene Neigung im speziellen denken müßte, einen Plan umgehend zu torpedieren. Reizvoll ist diese Idee trotzdem: die tägliche 5-Seiten-Terrine Jean Paul. (2. November 2016)


Bibliotheksleihepleiteerfahrung

Die heutige Fahrt in die Stadtteilbibliothek Gohlis beschert mir wenigstens eine neue Plauderei. Beim nachmittäglichen Checken einiger Bücher im OPAC der Leipziger Stadtbibliothek sah ich, daß "Skizze eines Sommers" von Andre Kubiczek und "Drehtür" von Katja Lange-Müller in Gohlis als ausleihbar angezeigt wurden. Die Tasche und den ramponierten Kindle geschnappt und zur Straßenbahn gelaufen war eines, im Hirn die Vorfreude eines Jägers, der sich sicher ist, eine Beute erlegen zu können. Der hämische Mitmensch würde anmerken: zu früh gefreut. Es stellte sich folgendes heraus. Die beiden Bücher seien heute in den Bibliotheksbestand einarbeitet worden und müßten aus praktischen Gründen kurzfristig als "ausleibar" definiert werden, seien es aber noch nicht und seien auch noch nicht vor Ort in Gohlis. Ich solle doch mal Anfang nächster Woche nachfragen. Ach, meinte die Bibliothekarin, die Bücher seien anläßlich ihrer Nominierung als Buchpreiskandidaten angeschafft worden. Da ich heute frei hatte und relativ ausgeruht bin, sah ich die Doppelpleite sportlich und kaufte mir im benachbarten Kaufland etwas zum Frusttrinken. Nicht, was ihr denkt, sondern 2 Flaschen preisgesenkten Lipton Ice Tea zero. Bibliotheksentleihen sind, wie auch in meinen Aufzeichnungen hier nicht selten aufscheint, keine unkantige Angelegenheit. Immerhin ist dies der zweite Eintrag heute. Schlechte Erfahrungen sind immerhin etwas, was man mitteilen kann. (13. September 2016)


Angekratzt

Die Tage meines Kindle sind möglicherweise gezählt. Gestern fiel er beim Versuch, mir die Kopfhörer aufzusetzen, während ich das Gerät mit dem Knie an die Straßenbahnwand fixieren wollte, mit der Vorderseite zu Boden, unter den Sitz. Ein hinter mir sitzender, schwer alkholisierter, aber leider freundlicher Mann, war schneller als ich, bückte sich und zog den Kindle zu sich, um ihn aufzuheben und mir zurückzureichen, wobei jedoch das Chassis schwere Kratzer erhielt, das Display, weil tiefer befindlich, glücklicherweise nicht. Der Reader sieht mittlerweile recht ramponiert aus. Zu den neuen kommen ältere, vom häufigen Anfassen verursachte Lasiönen. Solange allerdings die Elektronik funktioniert, werde ich den vier Jahre alten Kindle nicht in die Rente schicken. Das einzige, was seit kurzem nicht mehr klappt, ist, mittels Calibre ein Buch per "Email an..." schicken zu lassen. Ich bin gezwungen, das händisch per USB zu tun, womit sich aber leben läßt. (13. September 2016)


Fahrbibliothek

An manche Bücher kommt man nur mühsam heran, wobei die Option "In die Buchhandlung gehen und mir ein nagelneues gebundenes Buch kaufen" nicht in Betracht gezogen wird. Es geht um Benedict Wells Bestseller "Vom Ende der Einsamkeit". Alle Exemplare am Hauptstandort der Leipziger Stadtbibliothek und in den Stadtteilbibliotheken waren seit Monaten durchweg verliehen außer das in der Fahrbibliothek. Gestern nun, weil ich mich während des Urlaubs täglich wenigstens für zwei, drei Stunden aushäusig bewegen wollte, fuhr ich mit der Buslinie 72 an den für Dienstag Nachmittag angegebenen Standort am Schulweg in Engelsdorf, wo ich 15.15 Uhr ankam. Die Öffnungszeit war für 15.30-18 Uhr angegeben. Der Bus war noch geschlossen, die Bibliothekarin rumorte im Inneren, sah mich draußen herumstehen. Nachdem ich in ihren Augen wohl genug geschmort hatte, öffnete sich just in dem Moment, als ich das Smartphone gezückt hatte, um einen Frusttweet über deutsche Sitten (Pünktlichkeit, Flexibilität) abzusetzen, die Tür und ich durfte um 15.23 Uhr die heilige Halle betreten und - "Suchen Sie etwas Bestimmtes?" *niederbück* "Ich hab' ihn schon!" - entlieh den Roman. Allerdings hätte es auch sein können, daß er, obwohl nicht verliehen, nicht im Regal zu finden gewesen wäre. Wie das? Man könne nicht den Gesamtbestand der Fahrbibliothek stets mit sich führen; der Rest bliebe im Depot. Möchte man ein Buch, welches laut OPAC als "ausleihbar" definiert ist, unbedingt haben, müsse man es vorbestellen, wofür eine Gebühr von 1.- Euro erhoben wird. Das Leben ist kompliziert; die Leihe offensichtlich nicht minder. (3. August 2016)


Buchinhaltsdemenz

Im Literaturschockforum eine Diskussion über Buchinhaltsdemenz. Ob ich vergessen werde, wovon ein Buch handelte, ob es gänzlich oder nur zu Teilen dem Vergessen anheimfällt, liegt nicht an der Wertigkeit der Literatur. Nach welchen Kriterien mein Gehirn entscheidet, was es behält oder in die Tiefen des Langzeitgedächtnisses befördert, weiß ich einfach nicht. Mal so, mal so. Welch chaotisches System diese Erinnerung doch ist. Freilich vergißt ein Vielleser mehr als einer, der langsam und eben genauer liest. Seit meiner viel beschworenen Lesekrise (Oktober 2013 bis Dezember 2015) schaffe ich aus Zeitgründen nicht mehr zwölf Bücher oder mehr wie zuvor, sondern acht bis zehn pro Monat. Irgendwie, so bilde ich mir ein, lese ich seit Januar bewußter, dankbarer. Daß es wieder möglich ist, daß ich mich wieder auf der bibliomanen Spur befinde. Ich war wohl so ausgehungert und verdurstet, daß ich Literatur sozusagen restlos aufsaugte; kein Quäntchen sollte verloren gehen, jeder Satz ein Genuß, ein Gewinn, ein Wiederfinden von etwas Verlorenem, Eingebüßtem. Nach der zweijährigen Leseflaute geriet ich in eine kleine Depression ob all der Bücher, die ich in den Jahren hätte schaffen können und, allgemeiner, ob der vielen, vielen Bücher, die ich nie werde lesen können. Das hat sich inzwischen gegeben. Erstens aus der Einsicht heraus, daß dieser Kampf nicht gekämpft werden sollte; man kann ihn nicht gewinnen. Zudem schwindet das Windmühlengefühl, wenn man gute und inbesondere lange Bücher gelesen hat, deutlich! Nach "Fado Alexandrino" oder "Jahrestage 1", den beiden letzten Lektüren, bin ich regelrecht satt und brauche diese im aktuellen Literaturbetrieb gehypten und enthusiastisch empfohlenen Bücher nicht mehr, nach denen ich mich lesebiografisch vormals verzehrte, nicht um mitreden zu können - mit wem sollte ich auch reden können? -, sondern des Gefühle wegen, Schätze gehoben zu haben, Perlen aufgesammelt zu haben, an denen man sich ergötzen kann. Als Perfektionist bin ich notwendigerweise immer aufs Ganze bedacht, auf die Fülle, auf das Vollständige. Und wenn die Kritiker in ihren Sendungen oder Feuilletonspalten plauderten und lobpriesen, geriet ich in ein Lesenwollen, wurde der Drang, mich dem anzuschließen, die Literatur einzuverleiben, stark. Mittlerweile, nach mehrmonatiger Lektüre unterschiedlichster Literatur, sehe ich, daß überall nur mit Wasser gekocht wird, daß ein Gehetze durch den Wirrwarr möglicher Bücher nur die Unzufriedenheit schürt, daß es wesentlich ergiebiger ist, sich auf das zu beschränken, was geht, was machbar ist. Die Demut, anzuerkennen, daß ich 50 Jahre alt bin und sich der Lebens- und Lesehorizont markant in der näher rückenden Ferne abzeichnet. In den Fokus rücken so auch wieder Klassiker, ganz einfach weil die Zeit für sie vorhanden ist, wenn ich nicht alle Neuerscheinungen gelesen haben muß. (2. August 2016)


Bookwalking (4)

Gestern und vorgestern 27 Bücher für 27 Euro gekauft; bei zwei zweibändigen Werken also 25 Werke, die ich in meiner Liste Neuer Bücher (LNB) erfaßt habe. Einige Anmerkungen... Über 1500 Grotesken und Geschichten Jaroslav Haseks sind hinterlassen. Bei Reclam ist unter dem Titel "Die Ausrottung der Praktikanten der Speditionsfirma Kobkán" eine neue Auswahl erschienen. Daß es diese Humoresken überhaupt gibt, wußte ich bis dato nicht, so daß ich früher abseits des "Schwejk" Bücher von Hasek nie wahrgenommen habe. Jetzt ist der Blick geschärft, und siehe da, es gab früher schon mehrere Prosabände. Nach "Abstinenzler-Silvester und andere vergnügliche Geschichten" (Neues Leben) fielen mir beim jetzigen Rundgang gleich drei andere Auswahlbände in die Hände: "Der verwirrte Laubfrosch und fünfunddreißig andere lustige Geschichten für pfiffige junge Leser ausgewählt" (Kinderbuchverlag), "Der Menschenhändler von Amsterdam" (Insel) sowie "Drei Mann und ein Hai" (Aufbau). Diese vier Bücher enthalten 184 Satiren, die neue Reclamedition etwas mehr als 50. Überschneidungen muß ich noch eruieren. - Jose Maria Eca de Queiroz' "Das berühmte Haus Ramirez" ist ein Beispiel für das Problem, im Antiquariat wissen zu müssen, welche Bücher man bereits besitzt bzw. gelesen hat. Diesen Roman gekauft, zuhause aber festgestellt, ihn im Regal stehen zu haben. Was nun behalten: die gebundene, aber vergilbtere Ausgabe (Aufbau, 1962) oder das zugekaufte, sehr neu wirkende Taschenbuch (Serie Piper)? - Von Raymond Carver besitze ich drei Erzählbände. Der bei Volk und Welt verlegte Kurzgeschichtenband "Kathedrale" scheint diese sogar gut zu ergänzen - sicher eine baldige Lektüre wert! - Wikipediaartikel sind durchaus noch ergänzungsbedürftig, wie ich immer wieder feststellen und mehrfach schon Titel ergänzen mußte. So existierte kein Eintrag zu "The Adventures of Philip" von William Makepeace Thackeray. Rütten & Loening brachte eine vielbändige Werkausgabe, von der ich das 1989 erschienene "Die Abenteuer des Philip auf seinem Wege durch die Welt, die zeigen, wer ihn beraubte, wer ihm half und wer an ihm vorüberging" (2 Bde.) unbesehen einpackte, ohne es überhaupt zu kennen. Ein weiterer Band Thackerays - "Die Geschichte des Henry Esmond, Esq., eines Obersten im Dienste Ihrer Majestät Königin Anne, aufgezeichnet von ihm selbst" - gehört zu ebendieser Edition. Von Thackeray kannte und las ich wirklich nur "Jahrmarkt der Eitelkeit". Wie viel verdanken wir den DDR-Verlagen wie Hinstorff, Rütten & Loening, Reclam, Aufbau u.a.m., die uns mit wunderschönen Klassikerausgaben beschenkten, die auf dem deutschen Buchmarkt sonst nicht oder selten vorhanden wären. Den "Philip" gibt es z.B., soweit ich gesehen habe, nur durch Rütten & Loening. Wegen dieser Raritäten werden ich mich künftig genauer und wieder in örtlichen Antiquariaten umsehen. - Um zwei weitere Klassiker, Romane von Henry Fielding, "Amelia" sowie "Jonathan Wild der Große", wußte ich ebensowenig und mußte erst nachgooglen. - Die zweibändige Ausgabe im Schuber "In der schönen und grimmigen Welt. Ausgewähle Prosa" von Andrej Platonow kaufte ich einfach so, weil mir die gut gemachten Bücher so gefielen. "Kultur und Fortschritt" als Verlag klingt auch seltsam. Mit neuerworbenen Erzählbänden von Juri Trifonow und Konstantin Paustowskij jetzt der dritte Russe, den ich kaum kenne und noch nie las. - Mit "Vermischtes aus dem Reich der Toten" bietet uns Bernd Mollenhauer "Ein Trostbüchlein", ein Anthologie mit Fundstücken und Makabrem rund um den Tod. Dies als Beispiel für ein Buch, welches ich bei einem Einheitspreis von 1.- Euro gerne mitnehme, sonst aber vermutlich eher liegengelassen hätte. Auch Julien Greens monumentales Südstaatenepos "Von fernen Ländern" quasi geschenkt einheimsen zu dürfen, befriedigt sehr. Wenn das so weitergeht, schaue ich dort wöchentlich vorbei und würde durch die Bücherflut in absehbarer Zeit Platzprobleme bekommen. (31. Juli 2016)


Bookwalking (3)

Von einer (Bücher)Tour zurück. Wie gestern schon in Plagwitz gewesen. Dort aus der Volksbuchhandlung des Deutschsyrers Kosai geflogen, weil er um 14.15 Uhr zusperren wollte. "Tut mir leid, aber ich mache den Laden jetzt mal zu." Er gab mir seine Visitenkarte, damit ich ihm meinen konkreten Wunsch nach weiteren Bänden der in der Sammlung Dieterich erschienenen Edition "Deutsche Erzähler..." mailen kann, welche ich gestern entdeckte. Diese sind allesamt in den 70er und 80er Jahren in der Leipziger Dieterich'schen Verlagsbuchhandlung erschienen, von der ich nicht wußte, daß es einen westdeutschen Arm in Mainz gibt, der immer noch Bücher verlegt und die Tradition aufrecht erhält. Ich kaufte gestern drei Erzählbände (Band 1: Deutschsprachige Erzähler des Mittelalters; Band 3: Deutschsprachige Erzähler, Von Gottsched bis Nicolai; Band 4: Deutschsprachige Erzähler, Von Schubart bis Hebbel) und bemerkte beim Nachgooglen, daß sie Teil einer umfänglicheren Buchreihe sind; angegeben werden 9 Bände, wobei nirgends ein Band 5 auftaucht. Ob er geplant war oder einfach vergessen wurde? Im Buchlager (Facebook / Video) fiel mir heute noch Band 8 zu (Deutschsprachige Erzähler von Hauptmann bis Kafka); fehlen die Bände 2, 6, 7 und 9. Zur Erinnerung: Das Buchlager verkauft alle Bücher zum Einheitspreis von 1.- Euro. Für die gestern und heute gekauften 10 Bücher hatte ich also 10.- Euro hinzublättern. Neben den vier Bänden der Edition "Deutschsprachige Erzähler..." kaufte ich sechs weitere Bücher. "Kleine Prosa" von Juri Trifonow (Volk & Welt) und "Jenseits des Regenbogens. Erzählungen" von Konstantin Paustowskij (Aufbau). Der gebundene und nagelneu erscheinende Erzählband "Novellen, Erzählungen, Autobiographie" von Tschingis Aitmatow (Volk & Welt) ersetzt ein vergilbtes, zerfleddertes Reclam-Taschenbuch und enthält zudem einige Erzählungen mehr als dieses. Der Prosaband "Abstinenzler- Silvester und andere vergnügliche Geschichten" (Neues Leben) enthält 40 Humoresken Jaroslav Haseks. Über 1500 Grotesken und Geschichten von ihm sind hinterlassen worden, die weniger bekannt sind, weil sie bislang vom Schwejk überdeckt worden sind. Kürzlich erschien erst mit Die Ausrottung der Praktikanten der Speditionsfirma Kobkán. Absurde Geschichten eine neue Auswahl bei Reclam, die allerdings noch teuer ist, so daß ich froh bin, zunächst für 1.- EUR eine günstigere Variante mit vierzig Texten bekommen zu haben, die von Manfred Bofinger illustriert worden ist. Bei meinem gestrigen Besuch des Buchlagers erstand ich u.a. die Erzählbände "Der Gaukler Pamphalon" von Nikolai Leskow (Rütten & Loening) und "Heiraten. Sechszehn Ehegeschichten" von August Strindberg (Hinstorff). - Noch ein paar Fundstücke, die die heutige Tour abwarf. Auf der Karl-Heine-Straße in Plagwitz entdeckte ich diese Autotür und einen Koffer, mit dem Werbung für einen Laden gemacht wird. Ziemlich augenfällig ist der Name dieser Ärztin. Wintersport kann man auch azyklisch denken (und lenken). - Welche vegetarische Hexe, die sich mal eben einen Seitan-Döner kauft, hat hier ihr Gefährt geparkt? (21. Juli 2016)


Literatursendungen

In den letzten Tagen bzw. eher Nächten hörte ich dank "Free YouTube t MP3 Converter" diverse von YouTube heruntergeladene lesenswert- Sendungen mit den Stammkritikern Felicitas von Lovenberg, Denis Scheck, Ijoma Mangold nebst, damit das viel beschworene Quartett voll wird, einem Gastkritiker. Erst später wurde mir klar, daß diese Sendung ehedem "Literatur im Foyer" hieß. Allerdings habe ich sie nie verfolgt, weil ich es früher nie nötig hatte. Inzwischen, bedingt durch die oft schon erwähnte Lesekrise zwischen Oktober 2013 und Dezember 2015, hatte ich meinen Spürsinn für Literatur und Büchernachschub eingebüßt und muß sozusagen wieder die Schulbank drücken, wozu neben den erprobten Quellen (Deutschlandfunk/-dario, Perlentaucher) diese Literatursendungen dazukommen. Warum Literatur im Fernsehen verpönt ist und mit den Einschaltquoten, die Oprah Winfrey in den USA verbucht, nicht mithalten kann, wurde vor einigen Jahren diskutiert. "Literatur im Foyer" gibt es offensichtlich weiterhin, womit das "lesenswert-Quartett" nicht der Nachfolger sein kann. Is ja auch wurscht. Ich lade mir mal einige Sendungen aus der Mediathek, wenn ich denn nun schon mal damit begonnen habe, dieses Medium zu goutieren. Wenn ich Literaturdiskussionen anschaue und die Kritiker so locker dasitzen und schwadronieren sehe, überkommt mich freilich der Neid. Solch einen Job hätte ich auch gerne. Lesen als Beruf, und dann eben, wenn's sein muß und bezahlt wird, darüber reden. Aber erstmal lesen. Wie Kritiker das ganz praktisch machen, wüßte ich liebend gerne. Wann lesen sie? Wie lange hintereinander? Wodurch unterbrochen? Welche Bücher lesen sie wirklich durch? Mit welcher Sorgfalt? Und welche lesen sie nur quer und kursorisch? Was sie nie zugeben würden, weshalb wir das nie in Erfahrung bringen werden. Andererseits könnte ich mir vorstellen, daß die Verpflichtung, ganz bestimmte Bücher zu lesen, den Job als Literaturkritiker beeinträchtigt und diese Gängelung quasi als Lustkiller fungieren könnte. Da sie mitreden MÜSSEN, müssen sie immer up to date sein, das heißt in der aktuellen Saison. Denn die nächste Saison bringt andere Bücher. Ein dauerndes Hinterherhecheln und Hetzen. Ich, der ich mir gerade einen Überblick verschaffe und bei YouTube Sendungen von vor zwei oder Jahren finde, kenne die dort besprochenen Bücher kaum noch. Die sind ruckzuck aus der Debatte entlassen, sobald die neuen Bücher der Saison drankommen müssen. In und mit dieser Kurzlebigkeit haben es die Kritiker zu tun. Wir als Amateurlesern sind eindeutig freier; wir müßten uns diesem Diktat des literarischen, marktinhärenten Hamsterrrades nicht unbedingt unterwerfen. Allerdings gewinne ich, wenn ich eine aktuelle Literatursendung sehe, den Eindruck, als wären die besprochenen Bücher von dauerhaftem Wert. Welchen Platz in der Literaturgeschichte sie einnehmen werden, ist nicht abzusehen und auch durch noch so penetrantes Halten in die Fernsehkamera nicht zu unterstreichen. Deswegen gesellt sich zu den gelobten Büchern einer Sendung gleichzeitig die Skepsis und der Verdacht, es unter Umständen doch nur mit Eintagsfliegen zu tun zu haben. Das heißt, sicher kann man sich nicht sein. Letztlich muß ich als Leser, der neue Bücher sucht, Nacharbeit leisten, darf der jüngsten Verlockung nicht ungeprüft auf den Leim gehen, muß einem Buch, mit dem man liebäugelt, die Chance geben, sich als potentielle Lektüre quasi zu bewähren. Erst wenn ein Buchwunsch ausreichend Patina angesetzt hat und zigmal in den Leselisten hin- und hergewendet worden ist, sollte einem Kaufimpuls stattgegeben werden. Nachtrag: Gerade entdeckt, daß es zur SWR-Bestenliste einen einstündigen Literaturtalk gibt, u.a. mit Elmar Krekeler und Sigrid Löffler. (24./26. Mai 2016)


Bibliomane Schnappatmung

Man kann in Buchhandlung, Antiquariat oder Bibliothek gehen, nicht um Bücher zu acquirieren, sondern um sie von der Merk- und Wunschliste zu streichen oder zumindest ganz weit hintan zu setzen. Die immer kürzer werdende Lebenszeit und das straffe Zeitkorsett des Alltags gebieten solche Maßnahmen. Ein Beispiel. Notiert war der Roman "Herr der Krähen" von Ngugi wa Thinog'o. In der Bibliothek fand ich diesen 1000-seitigen Ziegelstein von Buch vor, wobei mir nur eine Frage ins Hirn schoß: Wo und wann bringe ich diese Lektüre unter? Und weil darauf einfach keine Antwort und Lösung möglich ist, muß eine Lektüre als ziemlich unwahrlich deklariert werden, so leid es mir tut. Denn ungelesene Wälzer und dringliche Lektüren habe ich zuhauf. Jedesmal wenn ich also in einem Bücherhaus stehe und abschlägige Entscheidungen treffen muß, blutet das Herz und rebelliert der Kopf. Die Bücherauswahl im eigenen, so limitierten Leseleben wird immer mehr zu einer Büchernichtauswahl, zu einer Bücherabwahl, zu einem Bücherverwerfen und -abstoßen. Diese prinzipielle Skepsis gegenüber eventuellen Lektüren schlägt sich auf die Art und Weise nieder, mit der man schließlich auch auf neue Bücher reagiert, welche man erstmals in die Hand nimmt. Der Hautgout des Ablehnens schwebt über diesem Akt. Neues hat es schwer, was bei mir jedoch die Frage aufwirft, ob dann nicht zu schnell entschieden oder zu rasch der Hebel herumgelegt wird und einem potenziellen Hochkaräter gleich am Anfang die Tür zugeschlagen wird. Übersieht man dann nicht möglicherweise Literatur, wenn man mit eklatanter Skepis quasi als Waffenschild eine Buchhandlung betritt, so als müsse man in den Krieg ziehen und könne eigentlich nur verlieren? Weil ich in den letzten Wochen öfter eine Buchhandlung aufsuchte als in den vergangenen 10 Jahren zusammen, beobachtete ich die defätistische Haltung gegenüber dem Buchüberangebot. Wenn ich vor den Regalen stehe, erschlagen mich die Möglichkeiten, sind die Wünsche nicht mehr in den Griff zu bekommen, dieses und dieses und dieses Buch zu lesen. Ich bekomme allzu schnell bibliomane Schnappatmung. Sobald ich anfange, Titel zu notieren und sie gleichsam in die Hackordnung einer rivalisierenden Leselisten einzuordnen, erscheint über der Schulter das Teufelchen mit dem Rotstift und wedelt provokant mit dem Zeigefinger. Welche Strategie soll man nun wählen, um dem Wust der angebotenen Ware = Lesemöglichkeiten eine Lösung abzuringen? EINE Variante: nur noch Klassiker lesen. Eine andere: sich auf die Schriftsteller beschränken, die man bereits liebt und um Neuzugänge lieber 10 oder 20 Bögen machen, sie so lange auf der Liste schmoren zu lassen, bis sich die Sache von selbst erledigt hat. Zum Beispiel erinnerte ich mich gestern an Irene Nemirovsky, die vor vielen Jahren in Deutschland mit ihren Roman "Suite francaise" wiederentdeckt worden war, nach dessen Lektüre ich noch "Der Ball" auf die Liste setzte; weitere Titel waren zu damaligen Zeitpunkt noch nicht erschienen. Nach jenem Hype hörte ich nie wieder etwas von Nemirovsky und dachte während der letzten Dekade nie an sie, sah anläßlich der Neukonstitution meiner Leselisten, wie viele ihrer Bücher seitdem erschienen sind. Was tun? Das Bauchgefühl rät zum kurzen "Ball", das Teufelchen raunt: 'Vergiß die Tante!'. Dergestalt gäbe es unzählige Namen, die abzuklopfen wären, die durch einen Erfolg einst in aller Munde waren, deren Ruhm der schnelllebige Buchmarkt allerdings rasch an einen kaum wahrnehmbaren Rand drängte bzw. der in homöopathischen Dosen über den Regalen mit ganz anderen Namen wabert, die durch Buchmessen, Buchpreise, Frühjahrs- oder Herbstprogramm diktiert werden. Steht man im Antiqiuariat, fliegen einem Titel um die Ohren, um deren Aufgeregtheit man nur vage noch weiß. Wenn ich bereits im Angesicht der in einem Laden dargebotenen tagesaktuellen Bücherhorden kapitulieren muß, gerate ich bei jenen "Halbvergessenen" vollends ins Wanken. Und die Schwermut, die Ohnmacht, das bleierne Sich-nicht-entscheiden-Können erstarken, lähmen und führen, tja, wohin? (12. April 2016)


Der Verlust der Leselisten

Als ich vor drei Monaten durch einen Festplattencrash aller Leselisten verlustig ging, bestand das zusätzliche Problem darin, daß ich nach einer mehr als zweijährigen Leseblockade auch jedes Gespür für Bücher, für das Auffinden von Nachfolgelektüren verloren hatte und ich mich nicht mehr wie früher selbstverständlich in einem Büchermeer fortbewegen konnte, ohne die Orientierung zu verlieren und ohne daß mir die Puste ausging. Ich stand als Leser am Nullpunkt, verfügte nur ansatzweise über Ideen, was als nächstes zu lesen wäre, sah nur Wald und keine einzelnen Bäume mehr. Früher hatte ich so genannte Jahresautoren, eine Riege von 30 bis 40 Autoren, von denen ich alljährlich wenigstens 1 Buch lesen wollte, was meist auch gelang. Da ich bei diesen bereits weit fortgeschritten war, war es von Bedeutung, einen bibliografischen Rückhalt über die noch verbleibenden ungelesenen Werke zu haben. Dadurch daß das mehr als 20-jährige Zusammentragen solcher Übersichten mit einem Schlag umsonst gewesen ist, fällt ein Neuanfang schwer; denn er erforderte bei den meisten der Autoren eine langwierige Recherche in Online-Katalogen. Immerhin nahm ich meinen Mut zusammen und bibliografierte einigen Namen hinterher und habe somit zumindest einen Startpunkt für Lektüreentscheide. Mir als ungeduldigem Menschen behagt so ein schrittweises Vorgehen kaum. Der Verlust der Leselisten schmerzt, wenn er mir bewußt wird, jedes Mal von neuem. (30.3.2016)


Lesesitutation Anfang 2016

Im Literaturschockforum gepostet: Nach der Leseflaute zwischen Oktober 2013 und Dezember 2015 ging es im Januar wieder zur Sache. Meine tägliche Lesezeit hat sich zum ersten Posting in diesem Thread von 2004 reduziert. Seit 4 Jahren arbeite ich als Dauernachtdienst von Mittwoch bis Sonntag. Die Arbeitsbedingungen verschärften sich immens und kosten, auch bei zunehmendem Alter, stets mehr Kraft, so daß ich mehr Schlaf benötige. Ich komme nach der Arbeit morgens um 7.30 Uhr nach Hause, schlafe dann unterschiedlich lange: mal bis 16.30 Uhr, mal aber auch bis 19 Uhr. Lesezeit wäre immer die Phase bis 20 Uhr, wenn ich aus dem Haus gehe; denn unterwegs kommen maximal 30 zerstückelte potenzielle (Lese)Minuten zusammen. Also sind es, wenn ich 16.30 Uhr aufstehe, Tee kochen, Essen, kurze Pausen für Mails & Smartphone und andere Verrichtungen abgerechnet, 3 Stunden Lektüre; viel häufiger aber, gerade in letzter Zeit, wenn ich länger schlafe, weniger, manchmal nur 30 Minuten oder gar nichts. An freien Tagen (montags/dienstags) ist das wieder anders; denn freie Tage sind normalerweise Jetlag-Tage, an denen ich übermüdet bin und lesen KÖNNTE, weil ich Zeit hätte, aber sehr häufig nicht lesen KANN, weil mir die Augen zufallen, ich aber dennoch nicht schlafen kann, bzw. die Konzentration fehlt, den Sinn einer Seite zu begreifen. In dieser Woche gelang es mir, den Nachtrhythmus der Arbeitstage beizubehalten, d.h. ich schlief am Montag und Dienstag ebenfalls tagsüber und las dann nachts mehrere Stunden lang. Fazit: an Arbeitstagen: 45 Minuten bis 3,5 Stunden. an freien Tagen: entweder 0, oder aber 6 bis 10 Stunden. (Februar 2016)


Ein neuer Wunsch zu lesen

Am Anfang stand die Absicht, wieder Bücher aus der Stadtbibliothek zu entleihen. Seit schätzungsweise zwei oder drei Jahren war ich nicht dort, so daß ich mutmaßte, daß ich einen neuen Benutzerausweis bräuchte bzw. die Reaktivierung des alten, für den wiederum ich einen Wohnungsnachweis bräuchte, den ich allerdings nicht liefern kann, weil ich seit der Wende keinen Personalausweis habe, sondern einen Reisepaß. Und dieser ist seit Januar abgelaufen, so daß mir die Bibliothek im Falle des Falles so gar nichts glauben würde. Kurzum, ich brauchte einen Personalausweis. Ein laufendes Verfahren; meine Geduld reichte nicht, dessen Erhalt abzuwarten. Vorher versuchte ich es mit meinem abgelaufenen Reisepaß in der Bibliothek, die ich seit der Renovierung zum ersten Mal betrat. Tatsächlich war, wie ich vermutet hatte, meine Benutzerkennung nach nur zwei Jahren Nichtbenutzung der Ausleihe inaktiv und eine Neuanmeldung vonnöten. Formular ausgefüllt und, Maseltow, die Angestellte sah nicht, daß mein Reisepaß abgelaufen ist. Als Wohnortnachweis wurde die letzte Gehaltsabrechnung anerkannt. Ich gestehe, in den umgestalteten Räumen ziemlich herumgeirrt zu sein. Wie so ein Anfänger oder Analphabet, der sich plötzlich von Lesbarem umzingelt sieht und erstmal einen Schweißausbruch erleidet. Einige Gepflogenheiten haben sich grundlegend geändert. Die Jahresgebühr galt es an einem Automaten zu bezahlen. Die Bücherausleihe erledigt man selbst, indem man Bibliotheksausweis und Bücher über einen Scanner zieht. Alles sehr einfach und komfortabel und nur eben beim ersten Mal gewöhnungsbedürftig. Leider hatte ich Trottel nur einen der zwei vorbereiteten Zettel mitgenommen, auf denen ich Bücherwünsche notiert hatte. So konnte ich gerade ein Buch, auf welches ich äußerst scharf war, nicht mitnehmen, weil's mir auf die Schnelle nicht einfiel. Aber immerhin... Ich habe nun 5 ausgeliehene Bücher hier liegen und hoffe, daß es mir gelingt, meine Leseblockade zu durchbrechen, die mich seit Oktober 2013, seit dem Tod meiner Mutter, heimsucht und lahmlegt. Man anerkenne immerhin, daß meinem Bestreben nach einem Personalausweis nicht die Notwendigkeit zugrunde liegt, endlich wieder ein gültiges Dokument in der Hand zu halten, sondern der Wunsch zu lesen und an die Bücher in der Bibliothek heranzukommen. (6. Oktober 2015)


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