Gedruckte Bibliomanika (1) [>>]

Bücher über Bücher & Literatur



Die Büchersäufer

"Den Betroffenen ist es auf den ersten Blick nicht anzusehen, sie gehen ihren Verpflichtungen nach wie andere Menschen auch. Doch in ihrer Freizeit verlieren sie sich in eine andere Welt, ergreift die Sucht Besitz von ihnen. Uwe Wittstock spürt sie auf: die Büchersäufer. Die Buchbranche zwischen Glamour und Jammer: Uwe Wittstock ist als früherer Lektor und heute als Kritiker und Autor bestens mit den notorischen Stimmungsschwankungen des Literaturbetriebs vertraut. Abseits des medienwirksamen Jubelns und Klagens hat er eine stille, aber zahlenmäßig starke Gruppe von Suchtgefährdeten ausgemacht: die Büchersäufer. Unbeeindruckt vom Gerede über den angeblich bevorstehenden Untergang des Kulturguts Buch, sind sie dem Lesen hoffnungslosReiner Scherz: Gibt's hier auch Bücher? Kuriose Anekdoten eines Buchhändlers. Bielefeld: Pendragon, 2007. 96 S. ISBN 978-3-86532-060-5 -- 7.90 EUR URversorgen, oder Verleger, die das Rauschmittel auf den Markt bringen. Er fragt, ob die fortschreitende Ausbreitung der Buchhandelsketten das Aus für bestimmte literarische Sparten bedeutet, was die Deutschen bevorzugt lesen und ob sie wirklich weder Talent für Krimi noch für Revolutionen haben. Und seufzt im Anschluß an die Lektüre absatzträchtiger Liebesromane, ob nicht, bitte, einmal ein ernstzunehmender darunter sein könnte. Themen, denen er ganz ohne kulturpessimistische Scheuklappen nachgeht und die er mit Hintersinn und höchst amüsant beleuchtet." Uwe Wittstock: "Die Büchersäufer. Streifzüge durch den Literaturbetrieb". Springe: zu Klampen, 2007. 160 S. ISBN: 9783866740051. EUR 16.00


Bibliomane Cartoons

Im Literaturschock-Forum habe ich neue bibliomane Cartoons von Beck verlinkt. Dies nehme ich zum Anlaß, die mir bekannten Bände mit bibliomanen Cartoons aufzulisten. Zwei neue erschienen vor kurzem, nämlich Ende Dezember im Züricher Diogenesverlag Jean-Jacques Sempés Für Bücherfreunde. Interessant beim anderen ist die Titelvergabe. Peter van Straatens 2007 ediertes Buch Warum liegt mein Buch nicht neben der Kasse? (Neue Cartoons aus dem literarischen Leben. Berlin: Autorenhaus, 2007. [77] S. ISBN: 3-86671-020-8) ist als deutsche Erstausgabe mit dem Originaltitel "Waarom ligt mijn boek niet naast de kassa?" vom 1995 erschienenen Warum liegt mein Buch nicht neben der Kasse? (Cartoons aus dem literarischen Leben. Hamburg: Rotbuch, 1995. [80] S. ISBN: 3-88022-470-6) mit dem Originaltitel "Het literaire leven" abzugrenzen. Alle Cartoonbände auf einen Blick.


Autoren, Autoren

Mit klassischen Autoren- und Künstlerportraits ist Isolde Ohlbaum bekannt geworden. Daneben hat sie jahrelang namhafte Vertreter der schreibenden Zunft bei Veranstaltungen, Preisverleihungen oder im Privatleben mit der Kamera begleitet und abgelichtet. Dabei sind ganz besondere Autorenbilder entstanden: Schnappschüsse und Inszenierungen voller Komik, Spontanität, Skurrilität. Der Bildband versammelt zum Teil unveröffentlichte Aufnahmen aus nunmehr 20 Jahren zu einem Stück fotografischer Literaturgeschichte. In diesem Bilderbuch der Poesie treffen sich beispielsweise José Saramago, Marguerite Duras, Günter Grass, Patricia Highsmith und Alberto Moravia. Auf 160 Seiten präsentiert Ohlbaum, was Rang und Namen hat in der Welt der Literatur; ihre sensiblen Fotografien halten Augenblicke fest, die etwas von der Persönlichkeit des Autors verraten - oder verbergen. Manch ungewohnte Perspektive verändert ein wenig das Bild, das wir uns bisher von dem einen oder anderen Autoren machten. Peter Handke im Schwimmbad, Durs Grünbein beim Fußball, Eckhard Henscheid mit Teddy - Überraschungsmomente hat der Bildband einige zu bieten. Und natürlich werden Autoren in Ausübung ihres Metiers gezeigt: beim Lesen und Schreiben. Elke Heidenreichs Vorwort ruft dazu auf, die Geschichte hinter den Bildern zu suchen und sich auf die Kunst Isolde Ohlbaums einzulassen: die Kunst der Fotografie als Entdeckungsreise zur Persönlichkeit. Rezensionen hier. Ohlbaum, Isolde: Autoren, Autoren. Ein Bilderbuch. Mit einem Vorwort von Elke Heidenreich. Cadolzburg: Ars Vivendi, 2000. 157 S. ISBN: 3-89716-212-1


Ohlbaum: Lesen

Alle tun es: morgens, mittags, abends und manchmal auch nachts. Auf der Wohnzimmercouch, dem Weg zur Arbeit oder ganz genüsslich im Café: Isolde Ohlbaum hat Lesende an den unterschiedlichsten Orten der Welt fotografiert. Ihre Porträts zeigen Momente größter Intimität und halten uns vor Augen, wie schön Lesen sein kann. Zitate von Kafka, Rilke, Sartre, Canetti und anderen Lesebesessenen erzählen von der Freude, ein Buch zu verschlingen, sich auf fremde Welten einzulassen und alles um sich herum zu vergessen. Lesen zeigt die zahlreichen Facetten einer großen Leidenschaft und macht Lust darauf, zum Bücherschrank zu gehen, ein Buch zu nehmen und, na ja, Sie wissen schon, zu lesen. Eine Huldigung an das Buch und seine Geschichten. Isolde Ohlbaum: Lesen. Cadolzburg: Ars Vivendi, 2006. 131 S. ISBN: 3-89716-706-9. EUR 16.90


The Browser's Ecstasy

Die großartigste Zukunft, auf die ein Buch hoffen kann, ist, daß es gelesen wird, daß es vielleicht verstanden und in Beziehung zu anderen Werken gesetzt wird, und schließlich: daß der Schöpfer des Werkes in Erinnerung bleibt. Aber so lange das Buch existiert, kann es sich verändern. O'Brien erklärt, daß das Werk sich abhängig von der Person verändert, die es liest. Er schreibt: Die Zukunft, mit der das Buch lebendig ist, bleibt beweglich und verwandelbar. In The Browser's Ecstasy: A Meditation on Reading erklärt O'Brien die Erfahrung des Lesens. Er zelebriert und beklagt die Geschichte des Buches und erkennt, daß Bücher sterben, verschwinden, ja gemacht sind, um zu verschwinden: jene Gewißheit ist die Schattenseite des Lesens. O'Brien blickt auf die Geschichte des Bücherlesen. Der Akt des Schmökerns wird zur Konversation, zum Verwobensein ins geschriebene Wort über Zeit und Raum hinweg. Jedes Buch beeinflußt die anderen. Es ist fast so, als würden die Bücher einander lesen, wie Personen in Romanen Romane lesen. Lesen sei der Versuch, ein letztes, irrationales Überbleibsel jener verlorenen Welt am Leben zu erhalten, der verlorenen Welt göttlicher und magischer Zeichen. Und wenn der Text verloren ist, könnte er für immer verloren sein, im dunklen Schlund der verlorenen Klassiker, ein Ort, zu dem wir nur Zugang haben durch kryptische Referenzen von berühmten Schriftstellern in alten Texten. Die Bücher selbst erzählen uns vom Tod der Bücher, von Kriegen, die willkürlich gegen Menschen und Bücher geführt wurden. Ein einziges Buch zu zerstören ist, als radiere man eine ganze Generationen überlieferter Gedanken aus. Sogar wenn Texte nicht verloren gehen, kann die die Suche nach der Verbindung zwischen den Werken, sogar zwischen zwei Zitaten eine entmutigende Sache bedeuten. The Browser's Ecstasy ist eine Meditation über das Lesen, ein faszinierende Auswahl gedankenschwerer Essays darüber, wie man vom geschriebenen Wort absorbiert werden kann, über das Vergnügen, mittels Bücher durch Zeit und Raum transportiert zu werden. Rezensionen und Infos gibt's bei Salon.com, bei about.com und beim Verlag - Geoffrey O'Brien: The browser's ecstasy. A meditation on reading. Washington, D.C.: Counterpoint, 2000. 153 p. ISBN: 158243056X


Von Taugenichts bis Steppenwolf

Der Journalist Peter Braun erzählt von spannenden, bewegenden und amüsanten Begebenheiten aus deutschen Dichterleben. Ein origineller, anekdotischer Einstieg in die Welt der Literatur, der literaturscheuen Schülern als Appetizer dienen kann. Warum täuschte Lessing bei der Premiere von Emilia Galotti Zahnweh vor? Weshalb musste Karl May immer wieder ins Gefängnis? Und wie wurde aus dem Schulversager Hermann Hesse der geachtete Nobelpreisträger? Literatur ist Leben und ihre Geschichte voll von Überraschungen und Kuriositäten, vom Lebensglück und Lebensleid der Schriftsteller, von überschwänglichen Leidenschaften und seltsamen Marotten. Braun erzählt von tragischen, komischen, skurrilen und spannenden Episoden aus deutschem Dichteralltag und eröffnet damit auf unterhaltsame Weise den Zugang zu den bedeutendsten Werken der deutschsprachigen Literatur. Besonders gern widmet der Journalist sich den Rebellen unter den Literaten, während die gutbürgerlichen wie Storm, Keller oder Fontane sich mit wenigen Seiten begnügen müssen. Rezensiert wurde das Buch in der Welt. Presseechos und weitere Informationen zu Peter Brauns Büchern finden sich auf seiner Homepage. Peter Braun: Von Taugenichts bis Steppenwolf. Eine etwas andere Literaturgeschichte. Berlin: Bloomsbury, 2006. 223 S. ISBN: 3-8270-5180-0. -- EUR 14.90


Meine Freunde, die Poeten

Stefan Zweig beschrieb ihn einmal als "Schutzheiligen aller über die Welt Versprengten". Hermann Kesten kannte alle, über die er hier schreibt. Mit Joseph Roth und Heinrich Mann saß er 1934 in Nizza und diskutierte mit ihnen im Café Monnod auf der Place Masséna über den historischen Roman. Aus dieser "Ménage à trois" sollten die drei größten historischen Romane des zwanzigsten Jahrhunderts hervorgehen. Mit Stefan Zweig verband ihn eine tiefe Freundschaft, ebenso eng befreundet war er ein Leben lang mit Erich Kästner, er empfand Hochachtung vor der literarischen Kunst Thomas Manns und bewunderte das damals aufstrebende Talent Irmgard Keun. Am 20. Mai 1949 schrieb sein guter Freund Klaus Mann an ihn: "Ich versuche, mich auf meinen neuen Roman zu konzentrieren." Es sollte der letzte Brief von Klaus Mann werden, einen Tag später starb er an einer Überdosis. Dieses Buch versammelt die großen literarischen Freunde und Freundinnen Hermann Kestens und ihre Werke, es erinnert an die Zeit des Exils, aber auch an jene versunkene Zeit, als Literatur noch in Kaffeehäusern entstand und debattiert wurde. Ein Buch, das förmlich Lust macht auf Entdeckungen und Wiederentdeckungen. Eine Kritik des Buches findet sich bei Literaturkritik.de. Hermann Kesten: Meine Freunde, die Poeten. Literarische Porträts. Affoltern: Atrium Zürich, 2006. 288 S. ISBN: 3-85535-977-6. EUR 19.90


Lost classic

Mehr als 70 Schriftsteller erzählen persönliche Geschichten über geliebte, aber aus verschiedenen Gründe schwer oder nicht erreichbare Bücher, weil sie gestohlen, übersehen, verloren, unterbewertet, verschmäht worden oder im Handel vergriffen sind. Lost Classics ist eine vergnügliche und unterhaltsame Sammlung von Lobreden auf "verlorene" Bücher. Jeder, den einmal ein Buch veränderte, wird in den Seiten von Lost Classics verwandte Seelen finden. Bücher seien es, die man stehlen könnte, Bücher, an die man sich im Halbschlaf erinnert; Bücher für jenen Moment, der den Leser glauben macht, einen sehr guten Freund gefunden zu haben. Laut einem Leserkommentar lernt man durch das Buch einige sich gut anhörende Lektüren kennen und außerdem neue Autorennamen, darunter viele Kanadier, die in Amerika einfach noch nicht genug gewürdigt werden. Die Essays stammen von Schreibern für das kandische Literaturmagazin "Bricks", so u.a. von Michael Ondaatje selbst, von Margaret Atwood, Russell Banks, Bill Richardson, Ronald Wright, Caryl Phillips, John Irving, Philip Levine, Anchee Min - Ich fand eine Liste mit allen enthaltenen Beiträgen. Weiterführendes: Ramona Koval im Gespräch mit Ondaatje und David Malouf über Bücher, die sich lieben, die sie prägten und die einen Einfluß auf ihr schriftstellerisches Werk ausübten. Michael Ondaatje (Editor): Lost Classics. Writers on Books Loved and Lost, Overlooked, Under-read, Unavailable, Stolen, Extinct, or Otherwise Out of Commission. Toronto: Alfred A. Knopf, 2000. 346 p. ISBN: 0676972993


Überall und irgendwo

Reinhard Klimmt ist Politiker UND Bibliomane. Er sammelt Erstausgaben, Kunstbände und Literatur der 20er und 30er Jahre; seine Bibliothek umfaßt mehr als 10.000 Bände. Ein echter "Homme des lettres" also. Klimmt liebt fast vergessene Autoren wie Paul Zech, stöbert auf seinen Reisen mit Vorliebe in Antiquariaten. Von 2001 bis 2004 veröffentlichte er auf der Webseite des antiquarischen Portals Abebooks regelmäßig bibliophile Kolumnen, die nun im Gollstein-Verlag erschienen sind. Sie sind "eine Verbeugung vor dem unendlichen Kosmos der Literatur, Früchte einer lebenslangen Liebesbeziehung zu bedrucktem Papier, ergänzt durch Holzschnitte von Klimmt-Freund Uwe Bremer. Uwe Naumann war von dem Buch sehr angetan. Die Idee mit den Kolumnen wurde entscheidend beeinflußt durch das Amsterdamer Hotel Ambassade, wo sich Schriftsteller die Klinke in die Hand geben. Reinhard Klimmt: Überall und irgendwo. Aus der Welt der Bücher Mit Holzschnitten von Uwe Bremer. Blieskastel: Gollenstein, 2006. 149 S. ISBN: 3-938823-18-6. - EUR 18.00


Das Buch der Bücher

Die schönsten Romananfänge; ermordete Schriftsteller; Epochen der Literaturgeschichte; verrückte und betrunkene Helden; Buchtitel, die keiner versteht; dicke Frauenfiguren; Bücher, die die Welt verändert haben - endlich in diesem Buch versammelt: alles Wissen aus der Welt der Bücher. Listen, Anekdoten, Statistiken, Zitate und Fachausdrücke rund ums Buch - das Buch über alle Bücher, die man kennen sollte. Oder über Bücher, die man niemals kennen lernen möchte. Das Buch für Leute, die schon eins haben; oder die behaupten, alle zu kennen. Und natürlich eine Fundgrube für einen selbst! Man kann das Buch von vorne nach hinten durchlesen - oder man schlägt es irgendwo auf, zum Beispiel Seite 43: 10 Bücher über Kompost. Oder man sucht im Register: Tagungsorte der Gruppe 47, Feng Shui im Pferdestall. Kurz: "Versammelte Weysheiten und Torheiten über Bücher, die auch den weyter fort Geschrittenen das größte Plaisier bereiten werden." Liisa hat das Buch übrigens auch vorgestellt. Olaf Irlenkäuser; Rainer Vollmar: Das Buch der Bücher. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2006. 141 S. ISBN: 978-3-455-50008-0 - EUR 15.00


Lebenselexier

Bücher - mein Lebenselexier entdeckte ich heute. Diese bibliomane Anthologie wurde von Waltraud Weiß herausgegeben, erschien im August 2006 in Köln und kostet EUR 17.80. (ISBN 3-9808815-8-X). Daraus ein kleiner Text von Ursula Klein: Mein Leben in Büchern: "Meine Körperfunktionen hatte ich auf ein Minimum her-unter geschraubt. Irgendwann ging ich auch nicht mehr aus dem Haus. Neue Bücher bestellte ich über das Internet. Ich lebte, um zu lesen. Darüber vergaß ich die Nahrungsaufnahme. Zufällig blätterte ich in der Küche in einem Kochbuch. Ein Rezept mit dem Foto eines Gemüseauflaufs gefiel mir besonders. Aus einem animalischen Bedürfnis heraus biss ich in die Rezeptseite. Es schmeckte gar nicht so schlecht. Im Mund speichelte ich das Papier gut ein und schluckte das ganze Blatt hinunter. Zum Nachtisch aß ich das Rezept eines Grießpuddings, verrührt mit Wasser und Vitamintabletten und später das Foto einer Torte mit Zuckerguss. Aber mir schmeckten nicht nur Kochbücher, Kinderbücher, Atlanten, historische Romane, alle hatten ihren Reiz. Vermengt mit nährstoffreicher Astronautennahrung konnte ich mir die Bücher nicht nur lesend zu eigen machen, ich konnte sie mir einverleiben. Ich lebte in den Büchern und von den Büchern." Waltraud Weiß (Hrsg.): Bücher - mein Lebenselixier. Lyrik - Prosa - Bilder. Köln: Wort-und-Mensch, 2006. 244 S. ISBN: 3-9808815-8-X - EUR 17,80


Die schönsten Bibliotheken

Von den Lesestuben der mittelalterlichen Klöster über die prunkvollen Hofbibliotheken des europäischen Barocks bis zu den großen Spezial- und Nationalbibliotheken unserer Tage waren und sind Bibliotheken der Ort, an dem das kulturelle Erbe der Menschheit bewahrt wird. Der Fotograf Guillaume de Laubier hat in einem mehrjährigen Projekt über zwanzig der schönsten Bibliotheken der Welt bereist. Im Spiel mit Licht und Perspektive lässt er die überwältigende Wirkung bedeutender Bibliothekssäle mit ihren Galerien und Regalfluchten, herrlichen Deckenfresken und allegorischen Figuren vor unseren Augen erstehen. Viele ganzseitige Abbildungen und ausklappbare Panoramatafeln vermitteln ein geradezu räumliches Gefühl der historischen Bauten und ihrer kostbaren Bestände. Der Journalist und Kunstkenner Jacques Bosser scheute keine Mühe, die vielfältigen Entstehungsgeschichten der Bibliotheken zusammenzutragen. Er erzählt von ihren architektonischen Besonderheiten und wie sie berühmten Persönlichkeiten dienstbar waren. So erfahren wir unter anderem, dass Goethe als Minister in Weimar Mahngebühren für säumige Ausleiher eingeführt hat und dass wertvolle Buchbestände der österreichischen Benediktinerabtei Admont während des Zweiten Weltkrieges in alle Winde zerstreut wurden. Ergänzt wird der Band durch ein aktuelles Verzeichnis der Adressen, Öffnungszeiten und Sammelgebiete. Laubier, Guillaume de; Jacques Bosser: Die schönsten Bibliotheken der Welt. München: Knesebeck, 2003. 248 S. ISBN: 3-89660-180-6. EUR 49.90


Selbsthilfe für Leser

Manche Menschen brauchen Selbsthilfe-Bücher für Beziehungen, andere für die Arbeit. Steve Leveens The Little Guide to Your Well-Read Life ist für die Person, die Hilfe braucht, um ein Leser zu werden, dessen Geist zwar willig, dessen Fleisch aber schwach ist. In nettem und schmeichelndem Stil offeriert er Standardtipps und rät zur Mäßigung. Man braucht kein Marathonleser zu werden - niemand kann alles lesen; und es ist sogar ok, wenn einen ein so genannter Klassiker nicht reizt. Bücher sollte man "Kandidaten für die Aufmerksamkeit" nennen, was jedenfalls besser klingt als die obligatorische "Leseliste". Leveen ist gegen spontane Leseentscheidungen, was den Lesern, die die Freuden von Glückstreffern kennen, nicht behagen wird. Er ist Fürsprecher von Hörbüchern, möglichst in vollständigen Lesungen. Letztlich hilft einem wahrscheinlich nur, ein großartiges Buch zu lesen, um das Lesen selbst zu mögen, aber Leveens Zuspruch kann einen dazu verhelfen. Ein Exerpt aus dem Bibliomanikum findet sich hier.


Holbrook Jackson

Holbrook Jackson, einer der bekanntesten britischen Bibliophile seiner Zeit, schwingt sich in seinen Werken zu historischen und kulturellen Lobgesängen auf das Buch und das Lesen auf. Die Liebe zu den Büchern ist etwas Universelles, obwohl sie durch gewisse Kulturen verschmäht wurden. Jackson ist hauptsächlich ein Buch-Verrückter, der seine Liebe zum gedruckten Wort gern teilt. In The Fear of Books (1932 erstmalig bei Soncino Press erschienen) geht es um verbotene Bücher, siehe auch hier. - The anatomy of bibliomania (1947 Erstausgabe) ist ein geschichtlicher Abriss, beginnend mit dem Erscheinen der ersten Bücher. Der Buchliebhaber besucht das antike Rom, die Renaissance und die Romantiker; er betrachtet die von Büchern ausgehende Faszination, ihre heilsamen und stärkenden Eigenschaften, die Leidenschaft für sie, die zur Bibliomanie führt. Mit Esprit erklärt er, warum und wo wir lesen, was mit uns passiert, wenn wir lesen. Er berührt Aspekte wie Büchereinbände, Bücherwürmer, Bibliotheken, Büchersuche. Zu Wort kommen auch Francis Bacon, Anatole France, Oliver Wendell Holmes, Leigh Hunt, Marcel Proust, Ralph Waldo Emerson, William Shakespeare und andere Koryphäen. In dem zuerst 1950 erschienenen The reading of books nähert sich der Autor in gewohnter Manier dem Lesen von einem neuen Blickwinkel aus, indem er Bücher als Medium einer Kunst betrachtet und den Leser als Künstler. Es geht um die Praxis des Lesens, die Beziehungen zwischen Autor und Leser und zwischen Autor und Text. Man gewinnt Einblicke in die Welt vieler literarischer Größen. Alle drei Bibliomanika sind 2001 dankenswerterweise durch Illinois Press wieder zugänglich gemacht worden. Bibliografische Angaben finden sich hier.


Bibliomania by Dibdin

The Bibliomania or Book-Madness von Thomas Frognall Dibdin ist ein bibliomaner Klassiker. Die Erstausgabe erschien 1809 unter dem vollständigen Titel "The bibliomania or Book-madness. Containing Some Account of the History, Symptoms, and Cure of This Fatal Disease". Inzwischen gibt es sehr viele, teilweise deutlich erweiterte Ausgaben, die auf dem antiquarischen Markt ordentliche Preise erzielen. Das Buch vermittelt einen faszinierenden Einblick ins Antiquariatswesen und Büchersammeln über die Jahrhunderte hinweg. Die jüngste Ausgabe stammt aus dem Jahr 2004 und enthält auch John Ferriars, dem Bibliomanen Richard Heber gewidmetes Poem The Bibliomania. Peter Haffners 1991 erschienem Artikel Allein im Universum. Eine Anatomie der Bibliomanie konnte ich entnehmen: "Die Suche nach der Rarität, dem Einzelstück, der ihres Lebenszweckes beraubten Schrift - denn ist diese nicht um ihrer Verbreitung willen da? - ist der Bibliophilie nicht fremd. Tief schlummern in manchem Träume, etwas ganz Besonderes zu besitzen, etwas Unverwechselbares, einzigartig und eine Erstausgabe, warum nicht die zehn Tafeln Moses, handsigniert von Gott. Thomas Frognall Dibdin subsumierte in seiner 1809 in London erschienenen "Bibliomania; or Book-Madness» gleich die ganze Bücherliebe unter den Begriff, um sie «von allen Arten des Irrsinns die vernünftigste und lobenswerteste» zu nennen. Die Freimütigkeit des Geständnisses kennzeichnet die Nation, in der Spleens kein Inseldasein fristen, und so hat Großbritannien die merkwürdigsten Sammlernaturen hervorgebracht."


Überlebensbibliothek

Wer das Leben bestehen und wer das Glück spüren will, braucht Bücher. In seiner Überlebensbibliothek schreibt Rainer Moritz über Romane, die die Macht haben, uns und unser Leben zu verändern, die uns in allen möglichen Lebenslagen den besten Freund ersetzen - oder den Therapeuten. Aus einer Amazon-Rezension: "Was der Autor als Überlebensbibliothek bezeichnet, ist in der Tat eine Art Hausapotheke für alle, die leidenschaftlich gern Bücher lesen und sich daraus einen Gewinn für ihr Leben erhoffen. Knapp 70 Werke, bekannte und unbekannte, werden in diesem so kurzweiligen wie intelligenten Lektürebegleiter anschaulich und ohne anstrengendes akademisches Vokabular beschrieben, von Goethes 'Die Leiden des jungen Werther' bis hin zu Karen Duves 'Weihnachten mit Thomas Müller'. Immer wieder stutzt man beim Lesen, erinnert sich an vertraute Leseerlebnisse oder fühlt sich angeregt, sich sofort den hier so faszinierend beschriebenen Romanen und Erzählungen zuzuwenden." Erwähnenswert auch das Gespräch Lesen war immer mein Liebstes zwischen Fanny Müller und Rainer Moritz. Im Literaturschockforum gibt es einen Thread zu diesem Buch. Rainer Moritz: Die Überlebensbibliothek. Bücher für alle Lebenslagen. München; Zürich: Piper, 2006. 308 S. ISBN: 978-3-492-04764-7. -- EUR 18.90


Bibliotopia & Bibliomania

Steven Gilbars "Bibliotopia. Or, Mr. Gilbar's Book of Books & Catch-all of Literary Facts Curiosities" wurde im Jahr 2006 bei Dörlemann auf Deutsch verlegt und heißt hier: Bibliomania. Ein listenreiches Buch über Bücher, siehe auch die pdf-Vorschau. "Dieses Buch ist ein Mischmasch an literarischem Kleinkram, ein Schatz an obskuren und unwiderstehlichen Fakten, Definitionen, Listen und Zitaten, die jeden Aspekt von Büchern erwähnen, eingeschlossen die Autoren, Leser und Feinde. Die Überschriften fächern die ganze Historie der Bibliomanie auf; das reicht von "Die Erfindung des Papiers" bis hin zu 'Offizielle Webseiten einiger Horror-Autoren'. Die unersättlich neugierigen Leser werden mit einer erfreulich planlosen literarischen Bildung versorgt, die Art von verführerischem Literaturtratsch und Informationen, die man auf einer Cocktailparty auf dem Parnass hören könnte." Das Werk steht auch in den Top Ten der Books on reading. "Alle Bibliomanen vereint der Glaube, daß Bücher etwas bewegen, und solange solche Freunde des Buches leben, so lange wird die Literatur blühen und gedeihen, meint Lothar Reese in einem Beitrag über "Bibliomania". Dank der englischsprachigen Blogosphäre können wir das Buch auch auf diese Weise näher kennenlernen. - Steven Gilbar: Bibliomania. Ein listenreiches Buch über Bücher. Zürich: Dörlemann, 2005. 159 S. ISBN: 978-3-908777-24-3.


Love Affairs of a Bibliomaniac

The Love Affairs of a Bibliomaniac ist ein von Eugene Field verfaßtes, historisches Bibliomanikum aus dem 19. Jahrhundert mit den Memoiren seines Bruders. Im Internet beispielsweise hier oder hier als E-Text einsehbar. Leider - wie so viele, viele Bücher über die Bücherliebe - nur als englische Ausgabe käuflich. Siehe auch in diesem Blog. Eugene Field: The love affairs of a bibliomaniac. New York: Scribner, 1896. 253 S


Essays on Books and Bibliophiles

Die Essays und die Bibliografie in Robert Alan Shaddys Essays on Books and Bibliophiles vermitteln einen frischen, interdiziplinären Zugang zu Büchern und zum Bücher sammeln. Enthalten ist ein langer Essay über das Phänomen der Bibliophilie und Bibliomanie und die intensiven, bisweilen heißblütigen passionierten Gefühle, die Sammler für ihre Bestände hegen. Zwei nachfolgende Essays beschäftigen sich stellvertretend mit zwei Fallstudien, eines Büchersammlers und eines Schulbibliothekars. Außerdem findet man in dem Buch eine Auswahlbibliografie über das Sammeln von Büchern und Manuskripten wärhend des Goldenen Zeitalters in Amerika 1890 bis 1930. Vorstellungen des Bibliomanikums fand ich hier und hier. Robert Alan Shaddy: Essays on books and bibliophiles. Aspects on the history of books and book-collecting in America. Lewiston, N.Y.: Edwin Mellen Press, 2003. 162 pages. ISBN: 0773466428


Reading in Bed

Steven Gilbar versammelt in Reading in bed 22 Essays berühmter Autoren über das Lesen, darunter Montaigne, Emerson, Thoreau, Ruskin, Stevenson, Proust, Hesse, Henry Miller, Nabokov, Italo Calvino, John Fowles, Harold Brodkey, Jason Epstein, Sven Birkerts und andere. Besprechungen dieses Bibliomanikums finden sich hier und hier. Steven Gilbar: Reading in bed. Personal essays on the glories of reading. Boston: D.R. Godine, 1995. 152 p. ISBN: 1567920357


Das Buch

"Es ist nicht irgendein Buch, es ist Das Buch; es ist uralt und doch kennt es niemand. Auch nicht Herr Bibli, der ihm auf einem Flohmarkt begegnet. Allen düsteren Vorahnungen zum Trotz kann er sich dessen Faszination nicht entziehen. Das Buch hat Herrn Bibli auserwählt, diesem Schicksal kann er nicht entgehen. Aus unerklärlichem Antrieb verkauft der Büchernarr alle seine Bücher, bisher Sinn und Inhalt seines Lebens. "Nicht um die Menschwerdung geht es auf Erden. Es geht allein um die Buchwerdung." Dies erfährt Bibli hautnah, und als die Verwandlung vollendet ist, ist er Das Buch, das zum Leben erwacht. Er geht nun durch viele Hände und er entdeckt seine Fähigkeit, den Lesern seine Gedanken mitzuteilen. Nach und nach rächt er sich - stellvertretend für die zahllosen Leidensgenossen - am verständnislosen Leser, an der Verlagslektorin, am Kritiker, am Bibliomanen - und seine Rache ist fürchterlich." Auf der Homepage des Schriftstellers Alfons Schweiggert finden sich Pressestimmen zum Werk. Alfons Schweiggert: Das Buch. München: Ehrenwirth, 1989. 128 S. ISBN: 3-431-03059-9


Die Lieblingsbücher der Deutschen

Im Sommer 2004 hat das ZDF zusammen mit der Stiftung Lesen und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels mit der Aktion Unsere Besten - Das große Lesen die Zuschauer nach ihren Lieblingsbüchern gefragt. Im Gegensatz zur sonst gängigen Kanonfrage "Was soll gelesen werden?" ging es dabei um die Frage "Was wird tatsächlich gelesen?". An der Kieler Universität näherten sich 2005 Literaturwissenschaftler, Historiker und Volkskundler den TOP 15 des ZDF-Rankings in einer Ringvorlesung an. Die starke Publikumsresonanz ermutigte den Herausgeber Christoph Jürgensen zur Publikation der Vorträge: Die Lieblingsbücher der Deutschen erschien jetzt im Kieler Ludwig-Verlag. Dankenswerterweise sind alle 15 Vorträge online zugänglich (*.wmv). Mehr Informationen gibt es hier und hier. Christoph Jürgensen (Hrsg.): Die Lieblingsbücher der Deutschen. Kiel: Ludwig, 2006. 382 S. ISBN: 978-3-937719-34-4.


Was geschah mit Schillers Schädel

Haben auch Sie sich schon geärgert, daß Sie bisher die Geschichten über Literatur nirgends nachschlagen konnten, die einen Gutteil jeder Konversation über Bücher bilden: welche Bücher besonders langsam oder besonders schnell geschrieben wurden, welche im Gefängnis oder welche im Bett, welcher große Autor ein hundschlechter Schüler war, wer die besten Verträge rausschlug, wer die jämmerlichsten Auflagen hatte oder mit welch hanebüchenen Absagen die Verlage (auch verkäufliche) Weltliteratur wieder an den Autor zurückschickten? Damit ist es jetzt vorbei, denn es gibt Den Schmitz": "Was geschah mit Schillers Schädel? Alles, was Sie über Literatur nicht wissen" von Rainer Schmitz wurde vom DeutschlandRadio rezensiert, von der Welt gesichtet und auch durch Marius Fränzel begutachtete. Ein 1,5 kg schwerer Blick hinter die Kulissen der Bücherschreiber, die Autoren als Menschen mit ihren Geheimnissen und Marotten. "Dieses Kompendium der Kuriositäten und Merkwürdigkeiten im Umfeld des Literaturbetriebs ist ein Schmöker, in dem man sich immer wieder fest liest." Rainer Schmitz: Was geschah mit Schillers Schädel? Alles, was Sie über Literatur nicht wissen. Frankfurt/M.: Eichborn, 2006. 1828 Sp. ISBN: 978-3-8218-5775-6. - EUR 39,90


Die kleine Kartäuserin

Der Anfang ist drastisch: ein beinahe tödlicher Verkehrsunfall aus der Nahperspektive. Doch Die kleine Kartäuserin von Pierre Péju (bei Piper erschienen) ist eigentlich ein sehr leises Buch. Es erzählt von Einsamkeit und von Versuchen, sich daraus zu befreien, von Unstetigkeit, Melancholie und der dunklen Magie des Lesens. Der riesenhafte und lesesüchtige Buchhändler Vollard hat keine Beziehung zu Menschen, nur zu Büchern. Und die Nähe zu dem traumatisierten Kind, das er überfahren hat, zeigt ihn in seiner ganzen Hilflosigkeit. In feinen und abgründigen Sätzen, unterstützt von zahlreichen Zitaten aus der Weltliteratur, beschreibt Péju in seinem Erstlingsroman das Leben als Trauma und die Literatur als düsteren Wahn. (Quelle). "Das Buch nimmt uns mit auf eine traurige, aber unglaublich beschauliche Reise. Wer von Péjus Roman nicht ergriffen wird, ist zu bedauern. Seine bildgewaltigen Worte legen sich wie lichte, flattierende Schleier über den Lesenden, streicheln einhüllend und wärmend und gehen in ihrer schlichten Einfachheit unter die Haut. Es ist ein Buch über Menschen, deren Liebenswürdigkeit in ihrer Unvollkommenheit und ihre Kraft in ihrer Verletzlichkeit liegen. Péjus Roman ist auch ein schönes und nötiges Plädoyer für das Lesen von Büchern, weil heutzutage leider zu viele Leser darin nichts mehr erkennen, da sie die Geschichten nicht mehr miterleben, sondern bloß noch konsumieren und das Geschriebene nicht ernst nehmen." Pierre Péju: Die kleine Kartäuserin. München; Zürich: Piper, 2005. 189 S. ISBN: 3-492-04619-3. EUR 16,90


Nicholas Basbanes & Co

Nicholas Basbanes bezeichnet sich selbst als Buchjournalist. Eine Reihe von Büchern von Basbanes sind erschienen, leider nur auf Englisch, weil solche Verfechter und Apologeten der Bibliomanie hierzulande unbekannt sind. Gestoßen bin ich auf ihn durch sein Buch A Gentle Madness: Bibliophiles, Bibliomanes, and the Eternal Passion for Books von 1995. Zuletzt erschien im Dezember 2005 Every Book Its Reader: The Power of the Printed Word to Stir the World. Unter dem Titel A Mania for Books erschien ein ausführliches Interview in Publishers Weekly. Über sein Buch A Splendor of Letters: The Permanence of Books in an Impermanent World - siehe Rezension und das übrigens tolle Cover - läßt sich ein Interview mit dem Autoren anhören. Weil es all diese für einen Bibliomanen essentiellen Werke nicht in Deutsch gibt, würde ich am liebsten einen Verlag gründen, der sie herausbringt und überhaupt ausschließlich Bibliomanika ediert. Lebenstraum.


Ex libris

Ich kaufe zwar jede Menge Bibliomanika (Bücher, die das Thema Bücherliebe und Lesen thematisieren), komme aber beileibe nicht dazu, sie alle zu lesen. Rattenscharf bin ich auf Anne Fadimans Ex libris. Bekenntnisse einer Bibliomanin, 2005 erschienen bei SchirmerGraf. Rezensionen und Bekanntmachtungen finden sich beim Perlentaucher, bei der Kaltmamsell, bei der Lesekost, im Deutschlandfunk und durch Michael Naumann in der ZEIT. Die lose miteinander verbundenen Essays widmen sich dem Leben mit Büchern. Die Autorin ist Amerikanerin und wie es die Leserschaft in den USA gewohnt ist, dient das private Umfeld, die eigene Familie und der recht beeindruckende Bekanntenkreis der Autorin als Anschauungsobjekt, Beweismaterial und Inspirationsquelle. Gut die Hälfte des Buches beschäftigt sich mit den Interna der Organisation einer privaten Bibliothek und den unterschiedlichen Ordnungsvorstellungen ihrer Inhaber. "Nach welchen Gesichtspunkten ordne ich meine Bibliothek?" ist eine Frage von geradezu philosophischer Relevanz. Oder weiter: "Was tun, wenn man jemanden heiratet, der genauso verrückt nach Büchern ist wie man selbst? Die beiden Bibliotheken zusammenführen und die doppelten Madame Bovarys aussortieren? Wenn ja: meine oder seine? Anne Fadiman: Ex libris. Bekenntnisse einer Bibliomanin. München: SchirmerGraf, 2005. 203 S. ISBN: 3-86555-023-1. EUR 18.80


Die Kunst des Lesens

Henry Millers autobiografisches Buch Die Kunst des Lesens (The Books in my Life) ist ein Rarum, weil es nur einmal vor 40 Jahren in Deutschland verlegt wurde und seitdem nicht wieder. Miller beschreibt seine Leseleben, seinen Umgang mit Büchern, die Autoren, die ihn faszinierten usw. Also ein Bibliomanikum, wie es in meine Sammlung gehört. Aus dem Vorwort klaubte ich heute diese Passage: "Eine solche Selbstprüfung - denn darauf läuft das Schreiben dieses Buches hinaus - führt unter anderem zu der festen Überzeugung, man solle sowenig wie möglich lesen und nicht soviel wie möglich. Ein Blick in den Anhang läßt erkennen, daß ich nicht annähernd soviel gelesen habe wie etwa ein Gelehrter, ein Bücherwurm oder slbst ein "Gebildeter" - dennoch habe ich ganz sicher hundertmal mehr gelesen, als ich zu meinem eigenen Nutzen hätte lesen sollen. In Amerika ist angeblich nur jeder fünfte ein 'Bücher'- Leser. Doch auch diese wenigen lesen meist viel zu viel. Selten lebt man klug oder lebensgerecht."


The Book on the Bookshelf

Henry Petroskis Buch The Book on the Bookshelf ist eine Eloge auf das Bücherregal. Dawn Brushammar schrieb in Mosaic Minds: "Als Bibliothekar, Bibliophiler und Liebhaber der Sozialgeschichte von Alltagsgegenständen fand ich wirklich Gefallen an dem Buch. Es ist das einzige Buch, dessentwegen ich jemals die U-Bahn verpaßte. Unglücklicherweise erscheint mir mein IKEA-Regal banaler, seitdem ich die wundervollen Illustrationen dieses Buches gesehen haben. Nachdem das Buchregal zugunsten seines Inhalts so lange vernachlässigt worden ist, wird es in The Book on the Bookshelf endlich gewürdigt." Die im Aufstöbern interessanter Bücher - und nun gar Bibliomanika - unermüdliche Liisa erklärt zudem: ... behandelt Petroski darin z.B. die Technik des Regalbretts, einschließlich seiner Belastbarkeit, Durchhängetiefe und Konstruktionsweise. Die Geschichte des Bücherschranks beginnt natürlich mit Gutenberg, nach dem die Bücherproduktion überhand nahm im Vergleich zum verfügbaren Stapelraum. Weshalb sich das Lesepult aus Raumknappheit in die Höhe entwickelte und die Pultbretter mit der Zeit ihre Schräge verloren. (...) Lange und detailreiche Ausführungen gönnt Petroski der Entwicklung der Leseräume, ihrer Architektur und Beleuchtung".


Der Büchermörder

Vom Unglück, die Bücher mehr zu lieben als das Leben. Virtuoses Sprachspiel, Geschichte einer Leidenschaft, historischer Kriminalfall: Detlef Opitz setzt Johann Georg Tinius ein literarisches Denkmal. Als der Pfarrer Johann Georg Tinius im Jahre 1813 im sächsischen Poserna verhaftet wird, hat er einen lokalen Ruf als eigenbrötlerischer Kauz und manischer Büchersammler. Um seine zischen 40.000 und 60.000 Bände umfassende Bibliothek zu finanzieren, heiratete er zweimal und betrieb europaweiten Handel mit Doubletten und seltenen Werken. Als Tinius nach einem zehnjährigen Indizienprozess rechtskräftig verurteilt wird, ist er international berühmt: Denn der auch als Gelehrter von Rang anerkannte Sammler soll zwei brutale Morde begangen haben, um seine Büchersucht zu stillen. Unglaublichste Gerüchte ranken sich um ihn und seine Sammel- und Lesewut. Und auch noch im Gefängnis schreibt Tinius - ohne Zugang zu irgendwelchen Büchern - mehrere eigene Werke und versucht vergeblich, seine Unschuld zu beweisen. In Detlev Opitz' sprachgewaltigem Bibliophilenroman stößt ein Bibliomane auf die Spuren jenes legendären Magisters der Theologie - und auch auf zahlreiche Ungereimtheiten und Widersprüche, die sich um die Mordgeschichten ranken. Immer tiefer vergräbt er sich in den Fall, wie früher wertvolle Bücher sammelt er nun immer neue Fundstücke zum Prozess, vergräbt sich in die Geschichte der Bibliomanie. Wie ein Puzzle setzt er den Fall neu zusammen. Rezension finden sich bei lustauflesen.de und Perlentaucher. Detlef Opitz: Der Büchermörder. Frankfurt/M.: Eichborn, 2005. 353 S. ISBN 3-8218-5763-3. EUR 24.80


Bibliotheken

"Autoren, Buchhändler, Verleger, Leser, Wissenschaftler und Journalisten, Büchernarren, Büchersammler und Bibliothekare, kurz alle, die das Lesen und Schreiben. das Kaufen und Verkaufen von Büchern zu ihrer Leidenschaft und zum Inhalt ihres Lebens gemacht haben führt der neue Bildband von Candida Höfer zu den Sehnsuchtsorten und Himmeln ihrer Leidenschaft - den größten öffentlichen Bibliotheken der Welt." Die 137 Farbfotografien von Bibliotheksräumen aus aller Welt zeigen "Bibliotheken als auratische Orte, als Kathedralen des Geistes, Tempel der Weisheit und Kornkammern des Wissens, aber auch als Oasen der Stille und als Systeme strenger Ordnung sowie als Werkhallen geistiger Tätigkeit. Es ist die unbegrenzte Wandlungsfähigkeit der Architektur, die ebenso überrascht, wie das Wogen des Büchermeeres berauscht. In dem beigefügten Essay beschreibt Umberto Eco seine Erfahrungen mit Bibliotheken auf philosophische Weise. Bekannt wurde mir das Buch durch Liisa, die ihm einen eigenständigen Blogbeitrag widmet. Mehr Informationen beim Verlag, beim DeutschlandRadio und in Marius Fränzels Blog Bonaventura. Candida Höfer: Bibliotheken. Mit einem Essay von Umberto Eco. München: Schirmer/Mosel, 2005. 272 S. ISBN: 3-8296-0178-6 - EUR 78.00


Schrift

Es gibt Bücher, auf die stößt man nicht so einfach. Immer auf der Suche nach Bibliomanika, war ich verwundert und dankbar, als ich bei meinem Patenkind ein Kinderbuch entdeckte, das eigentlich keine ist, sondern schlankweg als exzellentes Bilderbuch über die Geschichte des Buches, Schrift und Buchdruck gelten kann. Es handelt sich um das von Karen Brookfield und Laurence Pordes gestaltete und 1994 im lobenswerten Gerstenberg-Verlag herausgegebene Buch Schrift. Von den ersten Bilderschriften bis zum Buchdruck (siehe Cover). Ich war verblüfft, unverhofft auf Informationen und Abbildungen zu stoßen, die ich bisher nicht kannte. Diese Erfahrung ist der Beweis, daß Bücher und Kinder eine fruchtbare Symbiose eingehen und sogar uns Erwachsenen in hohem Maße nützen können. Brookfield, Karen; Pordes, Laurence: Schrift. Von den ersten Bilderschriften bis zum Buchdruck. Hildesheim: Gerstenberg, 1994. 64 S. ISBN: 3-8067-4452-1


Der Vorhang

Milan Kundera entwirft ein Bild Europas und der Welt durch die großen Romane der Weltliteratur. Die Liebesgeschichte der Anna Karenina und die habsburgerische Bürokratie bei Kafka und Stifter, das Paris von Flaubert und das von Proust - ein Buch voller Anekdoten und Analysen, Szenen und Bilder, in denen die Romane der Weltliteratur lebendiger als die Wirklichkeit selbst werden. Dargestellt mit der kritischen Ironie eines bedeutenden Erzählers. Rezensionen fanden sich in der Zeit, beim Perlentaucher, in Sandammeer und bei Literaturkritik.de. Milan Kundera: Der Vorhang. München: Hanser, 2005. 223 S. ISBN 3-446-20659-0. EUR 19,90


Geschichte des Lesens

Als Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts den Druck mit beweglichen Lettern erfand, revolutionierte seine Entdeckung das Buchwesen. Das Leseverhalten änderte sich fortan grundlegend. Gutenberg und die Folgen sind inzwischen gut erforscht. Kaum etwas wissen wir aber über das Lesen in früherer Zeit. Wer konnte überhaupt lesen? Was lasen die Menschen und wie? Wurde das Lesen gefördert oder behindert, geschätzt oder verachtet? War es vielleicht sogar gefährlich? Hans-Joachim Griep erzählt die Geschichte des Lesens von den frühen Hochkulturen über die klassische Antike und das europäische Mittelalter bis zum Beginn der Neuzeit. In anschaulichen Beispielen und zahlreichen Textquellen lässt er die Lesegewohnheiten der Vergangenheit wieder lebendig werden. Deutlich wird so: Das Lesen ist und bleibt eine fundamentale Kulturtechnik, auf die wir auch in Zukunft nicht verzichten können. Griep, Hans-Joachim: Geschichte des Lesens. Von den Anfängen bis Gutenberg. Darmstadt: Primus, 2005. 240 S. ISBN 3-89678-514-1. EUR 24,90


Double Fold oder Der Eckenknick

Nicholson Bakers 2001 erschienene Anklage Double Fold: Libraries and the Assault on Paper erscheint nun bei Rowohlt auf deutsch. Baker krititiert die Bibliotheken, welche aus Geld- und Platzmangel regelrecht Vergangenheit vernichten, indem sie alte Bestände mikroverfilmen und die Originale auf den Müll kippen. Er spricht von Buch-Massakern, die dem Wahn anheimfallen, digitalisierte Bücher seien das Non plus ultra. Sind sie aber ebenso haltbar wie das durch den Säurefraß gefährdete Papier? Werden wir in 100 Jahren die mit heutiger Technik archivierten Werke überhaupt noch entziffern können? Lothar Baier rezensierte das Pamphlet damals in der WOZ. "Bakers Titel 'Double Fold' bezieht sich auf einen simplen Test, mit dessen Hilfe in den genannten Bibliotheken ermittelt wird, ob ein Buch älteren Datums aufbewahrt oder ausrangiert werden soll: Zeigt das bedruckte Papier beim Hin- und Herfalten Ermüdungserscheinungen, wird es ohne Rücksicht auf den Inhalt aus dem Magazin genommen und entweder verramscht oder vernichtet." Nicholson Baker treibe nicht die Technikfreindlichkeit, sondern die Sorge um die alten Bücher um. Ein anderer Kritiker schrieb bereits 1993: "In Zukunft wird unsere Zeit als ein Zeitalter der Büchervernichtung betrachtet werden." Und Lothar Baier weiter: Sich an Inhalten stossen, wie es die Bücher verbrennenden Nazis taten, die Jüdisches, Marxistisches, Demokratisches vernichten wollten, ist für die zeitgenössischen Bücherliquidierer ein längst überwundener Atavismus. Inhalte sind ihnen gleichgültig. Das Papier muss weg, säurehaltig oder nicht, egal womit bedruckt, das ist alles. Amerikanische Bibliotheken und deutsche Goethe- Institute kennen elegantere Methoden als das Anzünden von Büchereien. Es genügt, eine Meute sparsüchtiger Analcharaktere von der Leine zu lassen, die dann Störendes wie Bücher zufrieden knurrend wegbeissen. Nicholson Baker: Der Eckenknick oder wie die Bibliotheken sich an den Büchern versündigen. Reinbek: Rowohlt, 2005. 496 S. ISBN: 3-498-00626-6. EUR 29.90 - Liisa stellt das Buch ausführlich im Litblog vor.


Was soll man lesen?

In der deutschen Verlagsgeschichte hat es immer wieder einmal ein bezauberndes Vademekum für das Bücherlesen gegeben, etwa Klabunds Literaturgeschichte in einer Stunde (1922) oder Hermann Hesses Eine Bibliothek der Weltliteratur (1929). Seitdem hat das Bedürfnis nicht nachgelassen, in feuilletonistisch- erzählerischer Form von "Eingeweihten" etwas über ihre Bildungs-, Unterhaltungs- und Schmunzellektüre zu erfahren, um damit den eigenen Literaturkanon abzurunden. Dieses Buch gibt Wegbeschreibungen, wie man zur Literatur findet, durchmustert die Literaturlandschaften vom Altertum bis ins Mittelalter, fragt nach Klassikern und Romantikern, ob tot oder lebendig, begegnet den großen Erzählern des 19. Jahrhunderts und spürt Größe und Verwerfungen der Gegenwartsliteratur nach. In besonders unterhaltsamen Exkursen werden wir Zeuge von der Geburtsstunde des Detektivromans und seiner Spielarten, begreifen die wunderbare Wirkung der Briefliteratur, schmunzeln über Einzelgänger und Massenunterhalter, über die persönlichen Lieblingsgedichte und den Geschmack großer Zeitgenossen, über Bestseller und Sitzenbleiber wie über alles, was wir eigentlich schon wieder vergessen haben. Klaus Walther: Was soll man lesen? Ein Lese-Verführer. Leipzig: Faber & Faber, 2005. 256 S. ISBN 3-936618-67-4. EUR 18.-


Ulrich Greiners Leseverführer

Was geschieht mit uns, wenn wir lesen, und warum tun wir es so gern? Muß man alles zu Ende lesen, und was sollte man wirklich über den Autor wissen? Muß man sich einschüchtern lassen von großen Werken, und wie nähert man sich denen am elegantesten, an denen man bislang, sich respektvoll verbeugend, vorbeigerauscht ist? Und wo liest man was am besten? Fragen, die jede leidenschaftliche Leserin und jeden Leser, der es werden will, umtreiben und die Ulrich Greiner, der Literaturchef der Wochenzeitung Die Zeit, in seinem intelligenten und unterhaltsamen "Leseverführer" behutsam und sehr persönlich beantwortet. Das Buch wendet sich bewußt an die "Laien", an Leseanfänger und solche, die mehr darüber wissen wollen, was sie begeistert tun, aber es ist auch für die "Profis" ein Vergnügen. Geschickt führt Greiner, sich vor allem am Roman orientierend, seine Leser von einfacheren Fragestellungen zu immer komplexeren, von zugänglicheren Werken zu immer schwierigeren, und dieses Buch, das von der Lust des Lesens handelt, macht umso mehr Lust, den vielfältigen Anregungen und Hinweisen, die der Autor gibt, zu folgen. "Ulrich Greiners Leseverführer" ist kein Kanon, sondern eine passionierte "Gebrauchsanweisung" für den Weg durch das schöne Labyrinth der Literatur. Ulrich Greiner: Ulrich Greiners Leseverführer. Eine Gebrauchsanweisung zum Lesen schöner Literatur. München: C.H.Beck, 2005. 216 S. ISBN 3-406-53644-1. EUR 14.90


Jacobs Leiter

In Steffen Menschings Roman Jacobs Leiter kauft ein Schriftsteller, der für einige Monate in den Moloch New York kommt, für 15.000 Dollar die Exilbibliothek eines alten Antiquars auf, immerhin 4.000 Bücher umfassend, die beginnen, ihm und somit auch uns ihre Geschichte zu erzählen. Da entziffert er Widmungen, forscht Exlibris aus, geht dem nach, was aus Büchern herausfällt: Postkarten, Briefen... Ein Buch für Bücherliebhaber, ohne Zweifel. Denn wir begeben uns mit dem Schriftsteller auf die Jeiter in Jacobs engem Manhattener Antiquariat, wir sind in Bibliotheken und Archiven, wo der Protagonist den Lebensgeschichten früherer Buchbesitzer und Exilanten nachgeht, die er in New York kennengelernt hat. Man erfährt eine Menge über den antifaschistischen, trotzkistischen Widerstand während des Naziregimes, über das Leben im Nachkriegsdeutschland. "Das Abenteuerliche dieser genealogischen Spurensuche eines Bibliomanen liegt im präzisen Suchen und Verknüpfen der unzähligen Details und Verästelungen zu dramatischen, fast epochalen Familiengeschichten, erzählt in einer wie atemlosen und literarisch reizvollen Prosa." (ekz, 2003) Siehe auch die Rezension von Kathrin Schmidt in der Zeit: Geheimnis der Bücher. Steffen Mensching: Jacobs Leiter. Berlin: Aufbau- Taschenbuch, 2004. 425 S. ISBN: 3-7466-2073-2


Leselust & Lesefrust

"Manchen wird ein fast religiöses Verhätlnis zu Büchern nachgesagt. Sie kaufen, leihen und entwenden Büchern, ordnen in regelmäßigen Abständen ihre Bestände oder horten ganz einfach Bücherberge Sie lesen viele von den erworbenen Büchern und manövrieren sich wegen des enormen Zeitaufwandes in Beziehungskrisen. Ihnen - und ihren Feinden - ist dieses Buch gewidmet." So der Klappentext des kleinen Büchleins von Gerhard Haderer und Fritz Panzer "Leselust, Lesefrust. Zeichnungen und Zitate. Eine Gebrauchsanleitung für Bücherfreunde und Bücherfeinde. (Wien: Buchkultur Verlagsgesellschaft, 1996. 96 S. ISBN: 3-901052-28- 3). Pro Seite erscheint ein Bücherzitat und eine köstliche Karrikatur von Haderer. Perfekt im Zusammenspiel zwischen Nachdenken und Lachen, was ja kein Widerspruch sein muß.


Mythen der Buchkultur

"Die Ausbreitung alternativer Formen kultureller Informationsverarbeitung und Vernetzung wird gegenwärtig dadurch erschwert, daß wir uns noch immer an den Idealen und Konzepten orientieren, die in der Vergangenheit für die Beschreibung und Propagierung der Buch- und Industriekultur entwickelt wurden. Gerade die Erfolge dieser Epoche haben zu Mystifizierungen geführt. Im Licht der ökologischen Kommunikationstheorie erscheinen die Ambivalenzen der einzelnen Medien und die Wechselwirkungen zwischen ihnen als Quelle der historischen Dynamik." Giesecke, Michael: Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft. Buch und CD-ROM. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2001. 400 S. ISBN: 3-518-29143-2


Bahn und Bett und Blütenduft

Lesen gehört seit zwei Jahrtausenden zu den zentralen Kulturpraktiken des europäisch-abendländischen Raum. Dennoch ist es - selbst im Zeitalter rezeptionstheoretischer Modewellen - mentalitätsgeschichtlich noch höchst unzureichend erfroscht. Eine von Literaturhistorikern für die Neuzeit kaum genutzte Quellenkategorie über Vorstellungen vom Lesen wird hier erstmals epochenübergreifend und auf breiter Basis erschlossen: die bildliche Wiedergabe von Leseakten in kanonischer Kunst wie angewandter, oft anonymer Alltagskunst. Historische Typologien werden entwickelt für wichtige Bildquellen wie für Lesende, Lesestoffe, Lektüremodi und Lesesituationen, für Wirkungen und Funktionen des Lesens, für seine Einbettung in eine sich wandelnde Sinnenwelt, in Zeit und Raum. (Klappentext) Nies, Fritz: Bahn und Bett und Blütenduft. Eine Reise durch die Welt der Leserbilder. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1991. 270 S.


Lesen? das geht...

Ist das nix? Ich komme mit dem Erfassung von Bibliomanika kaum noch hinterher, geschweige denn mit dem Kaufen. Wie ich bei Arturu las, dem ich diesen Fund verdanke, ist dieses Büchlein dem 25-jährigen Jubiläum der Edition Tiamat zu verdanken: -- Greser, Achim; Lenz, Heribert: Lesen? Das geht ein, zwei Jahre gut, dann bist du süchtig. Witze über Lesen und Lesen lassen. Mit einem Vorwort von Gerhard Henschel und einem Gespräch mit Geser & Lenz. Berlin: Bittermann; Edition Tiamat, 2004. o. Pag. ISBN: 3-89320-080-0. 13.00 EUR


Ein Karneval der Bücher

"Egbert Herfurth, diese wundervolle Blitz- und Donnergestalt der Illustratorengilde, dieser zeichnerische Regen- und Schönwettermacher in Einem, ein Bild-Erfinder von Pallas Athenes Gnaden, hat - wahrscheinlich so lang er überhaupt denken kann - Hunderte von Bildern zur Bücherwelt und artverwandten Phänomenen ausgeheckt, die an Heiterkeit und unterirdischem Humor nur schwer zu übertreffen sind. "Lauter Buch-Egbertisen", bogenweise Büchergrüße, eine illustrative Wundertüte zu einem der seltsamsten Geschöpfe der Weltkultur, das bietet Ihnen das neue Herfurth-Bilderbuch und verführt Sie zu einem kulinarischen Augenschmaus."Herfurth, Egbert: Ein Karneval der Bücher. Ein Egbert-Herfurth-Bilder-Buch von A bis Z. Leipzig: faber Faber, 2004. 141 S. ISBN: 3-936618-30-5. 22.- EUR


Bücher sammeln

Eben erschien ein neues Bibliomanikum. Mit dem Bibliografieren komme ich kaum noch hinterher, geschweige denn mit Kaufen und - wie abstrus - Lesen! Per E-Mail wurde ich auf dieses Buch aus der Reihe Kleine Philosophie der Passionen aufmerksam gemacht. Bei dtv heißt es dazu: "Warum sammelt man Bücher? Die Motive sind vielfältig, Hingabe aber ist immer dabei. Oft steht der passionierte Leser am Anfang, der seine Fundstücke um sich haben will. Auch das Vergnügen am schönen Buch, am alten Buch, an der Rarität, verführt zum Sammeln. Klaus Walther erzählt von der lebenslangen Passion, Bücher zu lesen und zu besitzen, von Antiquaren und Auktionen, von großen Sammlern und ihren Schätzen, von der Jagd nach Büchern, von der Sehnsucht nach einer unerhörten Entdeckung. Und von der ewigen Frage des Liebhabers: Wo finde ich noch einen Platz für meine Bücher?" Klaus Walther: Bücher sammeln. München: dtv, 2004. 128 S. Kart. ISBN: 3-423-34142-4. EUR 8.-


Warum so verlegen?

Im Jahr 2004 wurde der Wagenbach-Verlag 40 Jahre alt und gab anläßlich dieses Jubiläums die Anthologie Warum so verlegen heraus. Klaus Wagenbach selbst erzählt in mehreren Kapiteln die spannende Geschichte des Verlages, er plaudert über die politischen und gesellschaftlichen Einflüssen, denen ein ausgesprochen linker Verlag ausgesetzt war, berichtet von ge- und misslungenen Projekten, geschätzten Autoren und vor allem die wilden 70er Jahre. Eingestreut darin sind markante Texte der Autoren. Für Freunde des Verlages selbst, für an den Zuständen in der Bundesrepublik während der vergangenen Jahrzehnte Interessierte und für solche, die sich fragen, wie man auch heute noch engagiert Bücher verlegen kann, ist dieses Lesebuch eine klare Empfehlung. Klaus Wagenbach (Hrsg.): Warum so verlegen? Über die Lust an Büchern und ihre Zukunft. Anläßlich des 40- jährigen Verlagsjubiläums. Berlin: Wagenbach, 2004. 159 S. ISBN: 3-8031-2487-5. [WaT 487]


Sozialgeschichte des Lesens

Eine moderne Literaturgeschichte kann und darf sich nicht damit begnügen, drei- oder vierhundert kanonische Werke durch gezielte Interpretationen in eine zusammenhängende gedankliche Entwicklungslinie zu zwingen und diese ideale stetige Linie als Geschichte auszugeben." Schneider unternimmt den Versuch einer Gesamtgeschichte der literarischen Kommunikation in Deutschland und legt dabei einen sehr weitgefaßten Literaturbegriff zugrunde. Untersucht wird, was in den unterschiedlichen Schichten der Gesellschaft im historischen Längsschnitt jeweils tatsächlich gelesen worden ist. So finden, um nur einige Beispiele zu geben, auch Groschenromane, Flugschriften, Benimmbücher, Volkslieder, Ratgeber und Esoterik-Schmöker Berücksichtigung. -- Schneider, Jost: Sozialgeschichte des Lesens. Zur historischen Entwicklung und sozialen Differenzierung der literarischen Kommunikation in Deutschland. Berlin: Walter de Gruyter, 2004. 483 S. ISBN 3-11-017816-8. EUR 49,95


Enemies of Books

Roland sei dank, habe ich eine wunderbare Entdeckung gemacht: ein Klassiker bibliomanischer Literatur als E-Book im Netz: Enemies of Books by William Blades. Neben den üblichen "Verdächtigen" wie Feuer, Wasser und Schädlingen widmet sich Kapitel 10 besonders gefährlichen Feinden des Buches: "Bedienstete und Kinder". Da heißt es am Anfang: "Leser! Bist du verheiratet? Hast du Nachkommen, Jungs meine ich besonders, sagen wir zwischen 10 und 12 Jahre alt? Besitzt du auch ein literarisches Arbeitszimmer voller erstklassiger Hilfsmittel, einige zum Gebrauch, andere zur Zier, wo du angenehme Stunden verbringst? Und gibt es - Ah, da ist der Hund begraben - ein eigenes Dienstmädchen, dessen spezielle Pflicht es ist, deinen Schlupfwinkel staubfrei und in Ordnung zu halten? Bekennst du dich dieser Anklagepunkte für schuldig? Dann bin ich eines sympathischen Leidgenossen sicher! Staub! Alles eine Wahnvorstellung! Nicht der Staub läßt Frauen bestrebt sein, in die geheimsten Winkel deines Heiligtums einzudringen. Es ist ihre tiefverwurzelte Neugierde." William Blades: The Enemies of Books. With a preface by Richard Garnett. Illustrated by Louis Gunnis and H. E. Butler. London: Elliot Stock, 1896. 151 pp.


Salamander

Die Ereignisse bzw. die Entdeckungen überschlagen sich. Jost Renner hat ein Buch gelesen, das sich als Bibliomanikum entpuppt: Wharton, Thomas: Salamander München: dtv, 2003. 356 S. ISBN: 3-423-24350-3. EUR 16.00. Nach dem Tod seines Sohnes zieht sich ein Graf auf sein Schoß zurück. Dort verfällt der von Rätseln Besessene der Idee, das gesamte Schloss in ein labyrinthisches Uhrwerk umzubauen. Alles soll nach einem vollendeten Plan in Bewegung sein. Ein engagierter Drucker aus London soll dazu ein Buch ohne Anfang und Ende verfassen. Wie Jost Renner meint: eine Hommage an das Buch und dessen Herstellung.


Die Leserin

Heide Palmer rezensiert das Buch Die Leserin, zu dem es heißt: Gertrud Lehnert untersucht fünf lesende weibliche Romanfiguren: Sie fragt, welchem Bedürfnis diese Leserinnen durch ihre Lektüre nachkommen und welchen Einfluss das Lesen auf ihr Leben nimmt. Die unterschiedlichen Erfahrungen der Leserinnen dienen Lehnert als Beispiele für verschiedene Funktionen des Lesens. Der Band versucht, in lockerem, fast feuilletonistischen Stil einen unterhaltsamen Beitrag zur Motivgeschichte des Lesens zu leisten. Lehnert, Gertrud: Die Leserin. Das erotische Verhältnis der Frauen zu Literatur. Berlin: Aufbau, 2000. 127 S. ISBN: 3-351-02790-7.


Die Kunst der Lektüre

Der amerikanische Literaturwissenschaftler Harold Bloom lädt ein zu einer Reise durch die Weltliteratur - von William Shakespeare über Thomas Mann bis zu Toni Morrison. Mit leichter Hand entführt er in die Welt der kurzen Geschichten, der großen Romane, der Dramen und der Gedichte. "Für das richtige Lesen gibt es keine allein ans Ziel führende Methode, auch wenn es einen Hauptgrund gibt, warum man lesen sollte. Uns sind schrankenlos Informationen zugänglich; wo aber findet sich Weisheit? Wenn man Glück hat, begegnet man einem besonderen Lehrer, der einem helfen kann, aber letztlich bleibt man allein und muss ohne weitere Vermittlung zurechtkommen. Das richtige Lesen ist eines der großen Vergnügen des Alleinseins, denn es ist meiner Erfahrung nach das heilsamste Vergnügen. Bloom, Harold: Die Kunst der Lektüre. Wie und warum wir lesen sollten. Aus dem amerikanischen Englisch von Angelika Schweikhart. München: Bertelsmann, 2000. 313 S. ISBN: 3-570-00334-5.


Amerikanische Dichter und ihre Häuser

Für die meisten Dichter spielt das Haus, in dem sie leben und arbeiten, eine herausragende Rolle. Es verkörpert das, was sie mitunter am meisten fürchten und doch am notwendigsten brauchen: einen Ort des Rückzugs und der Einsamkeit. Dieser Band porträtiert die Wohnstätten von über zwanzig amerikanischen Dichtern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: wie z.B. Mark Twain, William Faulkner oder Ernest Hemingway. Gleichzeitig wird uns in ebenso informativen wie wunderschönen Texten das Leben der Schriftsteller nahe gebracht, die uns nicht so geläufig sind und die doch zu den ganz Großen der amerikanischen Literatur zählen. Erica Lennard und J. D. McClatchy führen uns auf eine literarische Reise quer über den amerikanischen Kontinent: von Maine über Massachusetts bis nach Mississippi, von Dörfern und Kleinstädten bis in die Metropolen. Gleichgültig, ob schlicht, exzentrisch oder luxuriös - die Häuser, in denen die Dichter leben, eröffnen uns einen spannenden Zugang zu ihrem Schaffen. McClatchy, J. D.; Erica Lennart: Amerikanische Dichter und ihre Häuser. Fotografien von Erica Lennard. Texte von J. D. McClatchy. München: Knesebeck, 2004. 223 S. ISBN 3- 89660-232-2. EUR 49.90


Bücher haben viele Seiten

Als Lese- und Genussmittel sind Bücher nach wie vor unübertroffen. Daran ändert auch die digitale Revolution nichts. Bücher kann man nicht nur lesen, sie sind ein sinnliches Vergnügen: Sie duften, knistern und knarren, man kann in ihnen schmökern oder sie verschlingen; man kann sie "ausweiden", wie Henry Miller es formuliert, oder sie können jahrelang im Buchregal verborgen ruhen, bis sie uns eines Tages wieder begegnen. Evelyne Polt-Heinzl führt durch die Freuden des Lese-Lebens und wählt dabei Schriftstellerinnen und Schriftsteller - in der Regel Vielleser - als kundige Begleiter. Sie wirft zahlreiche praktische Fragen auf: Darf man in Bücher hineinkritzeln? Wie schaut ein idealer Leseort aus? Was sucht das Eselsohr im Buch? - und stellt sich auch den Tücken des Lebens mit Büchern: das Mengenproblem, der Kampf gegen Staub oder die Frage der Ordnung im Bücherchaos, nicht zu reden vom Albtraum des Wohnungswechsels. Daneben gilt es einige Abenteuer zu bestehen im suggestiven Ambiente von Lesesälen und bei kuriosen Begegnungen mit Tieren und Metaphern. Buch und Lesen sind in den letzten Jahren ins Gerede gekommen. Doch das Buch vermag vieles, was "Konkurrenzmedien" nicht können - es ist einfach durch nichts zu ersetzen. Polt-Heinzl, Evelyne: Bücher haben viele Seiten. Leser haben viele Leben. Wien: Sonderzahl, 2004. 208 S. ISBN 3-85449-225-1. EUR 16.-


So viele Bücher

Die Anzahl der gelesenen Bücher nimmt linear zu, die der veröffentlichten exponentiell. Zu Gutenbergs Zeiten gab es noch 0,2 Neuerscheinungen pro Jahr und Million der Weltbevölkerung. 1950 waren es 100, im Jahr 2000 bereits 167. Alle 30 Sekunden erscheint heute ein Buch. Der mexikanische Dichter und Essayist Gabriel Zaid greift mit seinem neuen Buch das Thema seiner Abschlussarbeit im Ingenieurwesen auf die Buchproduktion. Und die wirkt ernüchternd auf jeden Einzelnen: Selbst wenn wir täglich ein Buch lesen würden, könnten wir 2800 nicht lesen, die am selben Tag erscheinen. 99,9 Prozent der Bücher werden wir nicht lesen können. "Vielleicht ist es mit den Büchern wie mit jeder anderen Unendlichkeitserfahrung, und wir müssen von Angesicht zu Angesicht mit ihnen unsere eigene Kleinheit und Endlichkeit erfahren", schreibt Zaid. Es gehe nicht darum, wie viel Bücher wir gelesen haben, sondern was die gelesenen aus uns machten. Thomas Manns "Zauberberg" zum Beispiel sei eine Trophäe wie ein "ausgestopfter Elefantenfuss", der dem Besitzer Ansehen verleihe. An die meisten anderen Schriftsteller richten sich Zaids lakonische Worte: "Werter Autor, dein Buch ist nichts als ein Fetzen Papier, der durch die Strassen flattert, Städte verschmutzt und die Müllcontainer des Planeten verstopft." [X]

Der Übersetzer Jürgen Neubauer stellt das neue Bibliomanikum des Mexikaners Gabriel Zaid vor. "Handel - und der Handel mit Büchern besonders - ist für Zaid immer mehr als der Tausch einer Ware gegen Geld: Handel ist ein Dialog zwischen Anbietern und Käufern, ist Kommunikation und Austausch. Der Handel mit Büchern und Wissen ist Voraussetzung für jede demokratische Gesellschaft, er stellt für Zaid eine Befreiung von der Macht der Heiligen Bücher und der Eliten dar, die ihr Geheimwissen an Auserwählte weitergeben." Und: "Buchmenschen haben traditionell einen ausgeprägten Hang zum Selbstmitleid und stimmen selbst dann Klagelieder an, wenn alles zum Besten steht." -- Gabriel Zaid: So viele Bücher. Erstaunliches, Kurioses und Nachdenkliches rund ums Lesen. Übersetzt von Jürgen Neubauer. Frankfurt/M.: Campus, 2005. 143 S. ISBN 3-593-37656-3. EUR 14,90


Geschichten aus dem Antiquariat

Sammeln ist eine der schönsten menschlichen Leidenschaften. Sie bewahrt Geschichte, schafft Identität, ist so wunderbar wie gefährlich. Sammler stürzten sich ihrer Leidenschaft wegen ins Unglück, sie leben im schönsten Fall mit den Büchern und im dümmsten dienen ihnen diese nur als Geldanlage. Das "Antiquariat" ist eine Metapher des Lebens. Werner Liersch sucht in den Schicksalen von Büchern die Geschichten aufzuspüren, die hinter den Büchern zu finden sind und zugleich weit über sie hinausreichen. Wir teilen mit ihm die "schöne Leidenschaft Kinderbuch", begegnen mit Max Brod "den Juden im Rausch", erleben noch einmal die "Jahrhundertabenteuer des Harry Domela", trauern um "die verlorene Bibliothek" des Büchersammlers Hans Fallada und bestaunen manch andere Panne der Bücherproduktion, die nachmalig zu Raritäten im Antiquariatsgeschäft geführt hat. Werner Liersch: Geschichten aus dem Antiquariat. Leipzig:Faber Faber, 2004. 120 S. ISBN 3-936618-32-1. - EUR 17,- [Sisyphos Bd.11]


101 Gründe nicht zu lesen

Lesen, heißt es, zeichne einen kultivierten, einen geistvollen und dabei toleranten Menschen aus. Zu lesen ist dieser Denkschule zufolge irgendwie höherwertig als bloß zu existieren, Sex zu haben, Geld zu verdienen oder baden zu gehen. Außerdem mache Lesen Spaß. Das ist Kokolores, erfunden von Leuten, die zu nervös sind, um zu existieren, zu häßlich oder antriebsarm, um regelmäßig Sex haben, zu doof, Geld zu verdienen, oder die nicht schwimmen können und leicht Sonnenbrand kriegen. Auch die Theorie, Lesen mache Spaß, ist von antriebsarmen Miesepetern erfunden worden. Hannes Hansen, der Literaturkritiker aus Norddeutschland, führt 101 Gründe auf, nicht zu lesen. Ein Ratgeber für von der Lesesucht Bedrohte oder bereits Befallene. Hansen, Hannes: 101 Gründe nicht zu lesen. [Kiel]: Rake, 2001. 121 S. ISBN: 3-931476-51-0. EUR 8.90.


Frauen, die lesen, sind gefährlich

"100 Abbildungen in Farbe und Duotone. Lesende in einem Moment der Intimität zu zeigen, faszinierte Künstler aller Epochen. Doch bis Frauen erlaubt ist zu lesen, was sie möchten, dauert es viele Jahrhunderte. Zunächst dürfen sie sticken, beten, Kinder hüten und kochen. In dem Moment aber, indem sie das Lesen als Möglichkeit begreifen, die enge Welt des Heims mit der unbegrenzten Welt der Gedanken, der Phantasie, aber auch des Wissens einzutauschen, werden sie zur Bedrohung. Lesende Frauen konnten sich durch die entsprechende Lektüre Wissen und Erfahrungen aneignen, die ursprünglich nicht für sie bestimmt waren. Die ausgewählten Gemälde, Zeichnungen und Fotografien werden in kurzen Begleittexten vorgestellt." Bollmann, Stefan: Frauen, die lesen, sind gefährlich. München: Sandmann, 2005. 149 S. ISBN: 3-938045-06-X. EUR 19.95


Das wohltemperierte Alphabet

Ein Buch, in dem man spazieren geht durch 600 Jahre Schriftkultur und in dem man - auf fast spielerische Weise - wahrnimmt, welch kostbares Erbe uns die Meister der Schriftkunst hinterlassen haben. Auf großzügig gestalteten Doppelseiten werden 99 Schriftgestalter vorgestellt, von den kühnen Stempelschneidern aus Gutenbergs Zeiten über die Meister der Renaissance, des Barock und des Klassizismus bis zu den Erneuerern der Schriftkunst am Ende des 19. Jahrhunderts, die zusammen mit den großen Schriftgraphikern des 20. Jahrhunderts die Typographie in die Moderne geführt haben. Ein bibliophiles Lexikon, das den allgemein kulturgeschichtlich interessierten Leser genauso erfreuen wird, wie es für den professionellen Nutzer hilfreich ist. Bertram, Axel: Das wohltemperierte Alphabet. Eine Kulturgeschichte. Leipzig: Faber und Faber, 2004. 222 S. ISBN: 3-936618-38-0. EUR 39.80


Der kleine Herr Paul

Der kleine Herr Paul stammt aus einer Bücherfamilie. Wen nimmt es wunder, dass sich seit seiner Kindheit sein ganzes Denken um Bücher dreht. Dass allerdings in Herrn Pauls leicht verzerrter Welt die Bücher manchmal weit über die Möglichkeiten normaler Bücher hinausgehen, ist der wahre Zauber dieser kleinen aus sieben Stücken bestehenden Erzählfolge. - Das Haus, in dem Der kleine Herr Paul mit seinen Eltern lebt, ist von oben bis unten voll mit Büchern, und sogar einige Möbel sind aus Büchern konstruiert: "Es gab Bücherhocker, einen Buchsessel und aus Opas riesigem Atlas hatten sie sich einen Tisch gebaut." Das ist schlau gedacht, denn nicht alle Bücher sind zum Lesen geeignet. Es gibt Bilderbücher ohne Herz, Romane ohne Verstand, Gedichte ohne Sinn. Sie alle bringt die Familie Paul, die irgendwann wohl genug Büchermöbel hat, auf den Kompost. Und, man mag es leicht glauben, ihr Kompost ist der größte in der Gegend. Aber nicht nur das. Aus dem Dünger des Bücherkomposts wachsen wunderschöne Bücherbäume, und an jedem dieser Bücherbäume hat der kleine Herr Paul eine Schaukel für den Fall, dass er einmal nicht lesen, sondern schaukeln will. [X] - Baltscheit, Martin: Der kleine Herr Paul. Mit Bildern von Ulf K. Frankfurt/M.; Leipzig; München: Altberliner, 2004. 74 S. ISBN: 3-8339-6505-3


Alte Schule

In einem amerikanischen Eliteinternat steht Literatur im Mittelpunkt. Man schreibt das Jahr 1960. Kennedy ist gerade Präsident geworden. "Jedes Jahr lädt die Schule einen erfolgreichen Schriftsteller ein. Nach einem literarischen Wettbewerb vor dem Besuch wird der Autor des besten Gedichtes oder Prosastücks ein Nachmittag mit dem berühmten Autor verbringen." Als sich im dritten Internatsjahr der Besuch Ernest Hemingways ankündigt, ist Konkurrenz mit allen Mitteln angesagt. Volker Weidermann schrieb: "Es hat etwas mit Einsamkeit zu tun. Und mit Traurigkeit. Mit Glauben an die Macht der Literatur. Oder besser: dem Wissen darum. Darum, was Bücher vermögen. Wenn wir austreten aus der Welt, hinein in die Welt eines Buches, die Welt der Literatur. Wenn wir ganz uns selbst gehören. Und der Wahrheit. Und dem Glück des Lesen". Tobias Wolff Alte Schule. Berlin: Berlin-Verlag, 2005. 250 S. ISBN: 3-8270-0527-2.


Geselligkeit und Bibliothek

Vor einem guten Vierteljahrtausend gab es noch Stimmen, die vor den Gefahren des Bücherlesens warnten. Im 18. Jahrhundert stand besonders das "lesende Frauenzimmer" unter dem Verdacht, nicht der Bildung und Erbauung wegen, sondern aus reiner Vergnügungssucht zu lesen. Doch gehört gerade etwa die deutsche Schriftstellerin Sophie von La Roche zu den ersten Frauen, die in ihren eigenen Texten ausführlich und gegen den Comment vom Glück des Lesens berichteten. "Ich geniesse den Geist der Bücher wie ich Waizenbrod geniesse", notiert La Roche - Belehrung ja, aber auch Genuss darf sein. Die Literaturwissenschafterin Barbara Becker-Cantario sieht darin ein geschicktes Lavieren zwischen den damals gültigen Restriktionen für weibliches Lesen und der eigenen Wissenslust. Einen allgemeineren, der Geselligkeit verpflichteten Grundtenor findet die Basler Germanistin Rosmarie Zeller beim Toggenburger Baumwollhändler Ulrich Bräker. In seinem Tagebuch thematisiert der einsame Bräker immer wieder, dass ihm die Bücher die Gesellschaft der Menschen ersetzen und ihn vor der Melancholie bewahren. Aus der Fachkonferenz zum Thema "Geselligkeit und Bibliothek: Lesekultur im 18. Jahrhundert" erwuchs ein Buch, in dem das Gleimhaus eine zentrale Rolle spielt und mit ihm eine der reichsten Privatbibliotheken und Handschriftensammlungen des 18. Jahrhunderts. Als Wohnstätte des Autors Johann Wilhelm Ludwig Gleim war es ein Zentrum der Geselligkeit und der Besuch bei "Vater Gleim" gehörte zum festen Programm reisender Schriftsteller. Adam, Wolfgang (Hrsg.): Geselligkeit und Bibliothek. Lesekultur im 18. Jahrhundert. Göttingen: Wallstein, 2005. 336 S. ISBN: 3-89244-833-7


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