Mitten ins Herz (2) [<<]


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Beim Lesen stolpert man mitunter auf Stellen, bei denen man mit der Faust auf den Tisch haut: Genau so geht es mir! Das könnte ich so nie und schon gar nicht besser ausdrücken! Neuralgische Punkte des eigenen Bewußtseins oder geistigen Daseins werden, tja, auf den Punkt gebracht. Solche verblüffende Treffer und Übereinstimmungen mit eigenen Befindlichkeiten gilt es zu markieren:


Retweet: Es ist immer ratsam, für schlechte Zeiten schon mal auf Vorrat zu lachen.


Das Ausmaß der Ratlosigkeit verschlägt mir das Denken. (Dagmar Leupold: Die Witwen. Ein Abenteuerroman)


Ich gewöhne mich an den Abscheu vor meiner Existenz. (Thomas Hardy: Clyms Heimkehr)


Was für eine Grausamkeit, mich in diese schlecht erdachte Welt zu setzen! (Thomas Hardy: Clyms Heimkehr)


Ihm kam der Gedanke, daß das, was ihm bisher noch als vollkommen unmöglich erschienen war: er hätte so gelebt, wie er nicht hätte leben sollen - daß das die Wahrheit sei. Ihm kam der Gedanke, daß die von ihm kaum bemerkten Neigungen, sich gegen das zu wehren, was von den Hochgestellten des Lebens für gut gehalten wurde, jene kaum merkbaren Neigungen, die er stets sofort unterdrückt hatte, wirklich berechtigt waren und daß alles andere nichts war: sein Dienst, seine Lebensgestaltung, seine Familie, die Interessen der Gesellschaft und des Dienstes - alles das war vielleicht nichts, nichts. Er versuchte wohl noch, es vor sich selber in Schutz zu nehmen, doch plötzlich fühlte er die Schwäche alles dessen, was er in Schutz nehmen wollte, Da war überhaupt nichts in Schutz zu nehmen. 'Und wenn das wirklich so ist', sagte er zu sich, 'und ich aus dem Leben gehe mit dem Bewußtsein, alles verdorben zu haben, was mir gegeben wurde, und ich es nicht mehr gutmachen kann, was dann?' Er legte sich auf den Rücken und begann von neuem sein ganzes Leben durchzugehen. Als er am Morgen den Diener sah, dann seine Frau, dann die Tochter, dann den Doktor, da war jede ihrer Bewegungen, jedes ihrer Worte ihm eine Bestätigung der furchtbaren Wahrheit, die sich ihm in der Nacht enthüllt hatte. Er sah in ihnen sich selber, alles das, wofür er gelebt hatte, und er sah klar, daß das gar nichts, daß das alles ein furchtbarer, ein ungeheurer Betrug war, der Leben und Tod verdeckte. (Lew Tolstoj: Sämtliche Erzählungen, Band 4)


Mit zunehmendem Alter habe ich mich immer mehr gestört an der Welt, die mich umgab. Es mangelt mir an Weisheit. Die Altersmilde wollte und wollte sich nicht einstellen. Lange Jahre hatte ich gedacht, es gelte, alles Frustrierende, was das Menschenleben mit sich bringt, einfach nicht besonders ernst zu nehmen. Das war meine Lösung. Die einzige Antwort auf die Frage, wie das Leben auszuhalten sei. Leider merkte ich irgendwann, dass diese Antwort mich nicht mehr befriedigte, dass ich es nicht schaffte, humorvoll zu bleiben. Aus Ironie wurde Sarkasmus, und ehe ich mich versah, war ich ein alter Zyniker. Ein Zyniker im Herzen zumindest, denn ich versuchte, meine Mitmenschen nach Möglichkeit zu verschonen. (...) Ich erwartete nicht, dass der Mensch sich ändern würde. Meine Erfahrungen machten mir den Menschen im Rudel ekelhaft. Noch schmerzhafter war aber die Erkenntnis, dass mir auch einzelne Menschen meistens zuwider waren. (Frederic Zwicker: Hier können Sie im Kreis gehen)


...in der Beziehung war er schrecklich pessimistisch geworden. So sagte er zum Beispiel, sein Leben weise einen einzigen großen Grundirrtum auf: er habe alle Menschen von vornherein mit einem Pluszeichen versehen statt mit einem Minuszeichen. (...) Aber das ist ziemlich sicher, daß ihm das Leben keinen Spaß mehr machte und daß er eine sonderbare Empfindlichkeit gegen gewisse Personen hatte. (...) Er gestand mir, das passiere ihm oft seit einiger Zeit, manche Leute und was sie redeten, flößten ihm solch unüberwindlichen Ekel ein. (Jakob Wassermann: Faber oder die verlorenen Jahre)


Wenn ich feststelle, daß jemand nicht böse auf mich ist, kann ich ihm das nicht abnehmen, so tief sind meine Schuldgefühle. (Amelie Nothomb: Eine heitere Wehmut)


Sein Leben schien ihm so schal wie das eines Rekonvaleszenten, dem man gesagt hat, er könne nie wieder ganz gesund werden. (Edith Wharton: Der flüchtige Schimmer des Mondes)


Wer täglich auf ernsthafte und intelligente Weise mit seinem Wahnsinn umgeht, findet irgendwann nichts Besonderes mehr dabei. (Margriet de Moor: Mélodie d'amour)


Auf Marthas Seelenleben hatte die zunehmende Verrücktheit der Welt eine seltsam heilende Wirkung. (Marcia Zuckermann: Mischpoke!)


"Eine Menschenseele möchte ich finden, nur eine, mit mir durch das Leben in gemeinsamer Arbeit in engster Freundschaft verknüpft. Alles in mir schreit nach einem Freund, mein ganzes jetziges Leben und Sehnen ist eins: Die Suche nach dem Freund. Wo ich aber anpoche, finde ich verschlossene Türen und widerwillige Gesichter. Es ist furchtbar schwer, allein zu stehen!" (Siegfried Kracauer)


"Vielleicht war ja mein ganzes bisheriges Leben auch nur eine einzige posttraumatische Belastungsstörung?" (Marcia Zuckermann: Mischpoke!)


Jeder hatte so seine neurasthenischen Zeiten, in denen er sich unfreundlich gab, um sein Mißfallen an der Welt zu bekunden. (Mario Vargas Llosa: Das böse Mädchen)


... hat er ein recht labiles und reizbares Nervensystem mitbekommen, leidet schwer unter den Mißhelligkeiten des Lebens. (Thomas Mann: Unordnung und frühes Leid, Erzählungen 1919-30)


Vielleicht ist das Wissen, daß man falsch eingeschätzt wird, auch mit einer gewissen Lust verbunden. (Julian Barnes: Metroland)


Wenn ich mich freute, hielt ich mich zurück und faltete die Freude schon im Moment ihres Entstehens kleinformatig zusammen. (Thomas Melle: Die Welt im Rücken)


Neigungen zur Revolte gab es bei mir zwar immer, dank eines überzogenen Gerechtigkeitsgefühls, das sich (...) in einer zickigen Widerständigkeit niederschlug. In jeden Dazugehörigkeitswillen mischte sich immer auch ein biestiges Andersseinwollen. (Thomas Melle: Die Welt im Rücken)


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